Variationen über ein eigenes Thema

Die Variationen über ein eigenes Thema op. 21 Nr. 1 von Johannes Brahms (1833–1897) sind ein Variationswerk für Klavier zu zwei Händen. Die Erstfassung der Komposition entstand 1856, in überarbeiteter Form wurde sie 1862 veröffentlicht.

Entstehung

Die Variationen op. 21 Nr. 1 sind Brahms‘ zweite Variationenfolge nach den 1854 entstandenen Schumann-Variationen op. 9. Die Erstfassung entstand 1856 in Düsseldorf, wohl kurz vor den später als op. 21 Nr. 2 veröffentlichten Variationen über ein ungarisches Lied. Brahms stand in engem musikalischen Austausch mit Joseph Joachim; beide schickten sich in dieser Zeit wechselseitig Ergebnisse ihrer kontrapunktischen Studien zu. Im Februar 1857 reagierte Joachim auf von Brahms zugesandte Variationen, offenbar einer Frühfassung der Variationen über ein eigenes Thema, rühmte das „ausnehmend schöne … Thema“ und fand, dass „die ersten fünf Variationen zu den tiefsten und edelsten Inspirationen aus einem Guß gehören“, die Brahms bislang gehabt habe[1]. Die folgenden Variationen und besonders der Schluss überzeugten ihn weniger. Auch nach Überarbeitung durch Brahms riet Joachim von einer baldigen Publikation ab. Brahms veröffentlichte das Werk – in vielleicht nochmals überarbeiteter Form – gemeinsam mit op. 21 Nr. 2 erst im Mai 1862 im von Nikolaus Simrock gegründeten Musikverlag in Bonn.

Charakterisierung

Die Spieldauer der Variationen op. 21 Nr. 1 liegt in der Regel bei etwa 16 bis 17 Minuten. Die Überschriften bzw. Tempobezeichnungen der zwölf Teile (Thema und 11 Variationen) lauten wie folgt:

  • Thema. Poco larghetto
  • Var. 1
  • Var. 2. Più moto
  • Var. 3
  • Var. 4
  • Var. 5. Tempo di tema
  • Var. 6. Più moto
  • Var. 7. Andante con moto
  • Var. 8. Allegro non troppo
  • Var. 9
  • Var. 10
  • Var. 11. Tempo di tema, poco più lento

Op. 21 Nr. 1 ist die einzige selbstständige Variationenfolge von Brahms, der kein fremdes Thema zu Grunde liegt. Das liedhafte Thema steht in D-Dur und umfasst zwei neuntaktige, jeweils zu wiederholende Teile. Dieser Periodenbau bleibt bei allen folgenden Variationen erhalten.

Die ersten sechs Variationen behalten sowohl die Takt- als auch die Tonart des Themas bei. Die kontrapunktische Variation 5 bringt dabei einen Quint-Kanon in Gegenbewegung. Ab Variation 7 erfolgt ein Wechsel vom 3/8- zum 2/4-Takt. Die Variationen 8 bis 10 stehen in d-Moll und weisen eine zunehmende Fragmentierung des Themas auf. In ihrer Erregtheit stehen die beiden Variationen 8 und 9 in deutlichem Kontrast zu den vorherigen. In der ruhigen, ausgedehnten Schlussvariation 11 werden Takt- und Tonart des Themas wieder aufgenommen. Gegenüber dem op. 9 ist bereits eine Tendenz zur stärkeren Orientierung am Bass bzw. der harmonischen Grundierung des Themas erkennbar, ein Konzept, das sich in späteren Variationenfolgen bzw. -sätzen von Brahms verfestigen sollte. Dies verdeutlichen auch spätere Äußerungen, so gegenüber Adolf Schubring, „[…] bei einem Thema zu Variationen bedeutet mir eigentlich, fast, beinahe nur der Baß etwas. Aber dieser ist mir heilig, er ist der feste Grund, auf dem ich dann meine Geschichten baue. Was ich mit der Melodie mache, ist nur Spielerei.“[2]

Literatur

  • Katrin Eich: Die Klavierwerke / Variationenfolgen. In: Wolfgang Sandberger (Hrsg.): Brahms Handbuch. Metzler, Stuttgart und Bärenreiter, Kassel 2009, ISBN 978-3-476-02233-2, S. 348–350.
  • Christof Rüger (Hrsg.): Konzertbuch Klaviermusik A–Z. VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig, 3. Aufl. 1988, S. 147–148.

Einzelnachweise

  1. Zit. nach: Margit L. McCorkle: Vorwort zur Urtext-Ausgabe der Variationen op. 21 Nr. 1 und Nr. 2, C. Henle HN 439
  2. Zit. nach: Katrin Eich: Die Klavierwerke / Variationenfolgen. In: Wolfgang Sandberger (Hrsg.): Brahms Handbuch. Metzler, Stuttgart und Bärenreiter, Kassel 2009, ISBN 978-3-476-02233-2, S. 346