Van-Buren-Schwestern

Augusta Van Buren
Adeline Van Buren

Die Schwestern Augusta Van Buren, verheiratete Augusta Roberts (geboren am 26. März 1884 in New York, gestorben am 30. September 1959 in Middletown, Delaware), und Adeline Van Buren, verheiratete Adeline Tully (geboren am 26. Juli 1889 in New York; gestorben 1949), waren US-amerikanische Motorradpionierinnen. Sie durchquerten im Jahr 1916 den US-amerikanischen Kontinent von der Ostküste bis zur Westküste mit dem Motorrad, als erste Frauen nach Effie Hotchkiss und ihrer Mutter.[1.1] Die Van-Buren-Schwestern absolvierten die Strecke in nur 58 Tagen und, anders als Hotchkiss, jede auf ihrem eigenen Motorrad und ohne Beiwagen.

Leben

Die Eltern von Augusta und Adeline waren Adeline Van Buren, genannt Adele, (1865–1906) und Frank Van Buren (1860–1932), der im Zeitungswesen tätig war. Der Vater soll ein entfernter Verwandter von Martin Van Buren, dem 8. Präsidenten der Vereinigten Staaten, gewesen sein.[2][3] Sie wuchsen mit einem Bruder, Albert T. Van Buren (1886–1954), auf. Nach dem Tod ihrer Mutter Adele heiratete der Vater erneut, die deutlich jüngere Ruth Zella Cobb (1883–1974), mit der er eine weitere Tochter hatte, Ruth Evelyn Van Buren, später verheiratete Simmons (1917–1989).

Adeline setzte nach der Kontinentaltour mit dem Motorrad im Jahr 1916 ihre Karriere als Erzieherin fort und erwarb ihren Abschluss in Rechtswissenschaft an der New York University. Sie heiratete den Lehrer James Joseph Tully und lebte mit ihm in Delaware. Das Paar hatte eine Tochter, Anne Tully (1927–1998), später verheiratete Ruderman.[4]

Augusta, die in New York als leitende Stenotypistin einer Wirtschaftsschule arbeitete,[5.1] wurde Pilotin und schloss sich Amelia Earharts Ninety Nines an, einer internationalen Organisation von Pilotinnen.[6] Sie heiratete Irving Boyer Roberts (1891–1951).

Motorrad-Langstreckenreise

Hintergrund

Im Jahr 1916 waren die 32-jährige Augusta und die 27-jährige Adeline Van Buren in der amerikanischen Preparedness-Bewegung aktiv. Diese sprach sich unter der Führung des früheren Chief of Staff of the Army, Leonard Wood, und des vormaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt angesichts eines möglichen Eintritts des Landes in den Ersten Weltkrieg für eine stärkere Militarisierung aus, da die US-Armee zu diesem Zeitpunkt der deutschen zahlenmäßig weit unterlegen war.

Die Schwestern hingen der Idee an, dass die Zulassung von Frauen zum Militärdienst die Unterbelegung der Streitkräfte lösen konnte. Sie kamen aus wohlhabenden Verhältnissen und waren unkonventionell erzogen worden. So übten sie in ihrer Jugend bereits für die Zeit eher frauenuntypische Sportarten wie Paddeln, Tauchen und Ringen aus.[5.2] Entgegen der landläufigen Meinung, Frauen seien den körperlichen Strapazen des Militärdienstes nicht gewachsen, waren sie daher davon überzeugt, dass Frauen zum Beispiel als Kraftradmelderinnen dienen konnten, damit dienstverpflichtete Männer für andere Aufgaben frei wären.[7] Mit einer Langstreckenreise auf Motorrädern wollten sie den werbewirksamen Nachweis erbringen, dass Frauen sogar eine solche Distanz zuverlässig und pünktlich bewältigen konnten,[5.2] und zudem eines der Hauptargumente entkräften, mit dem Frauen das Wahlrecht verweigert wurde – nämlich dass sie nicht in das Kriegsgeschehen involviert waren.[6] Ihr Ziel war es, die 5.500 Meilen vom Osten der Vereinigten Staaten in den Westen in nur 60 Tagen zurückzulegen.

1915, im Jahr zuvor, hatte Effie Hotchkiss als erste Frau auf einem Motorrad mit ihrer Mutter Avis als Beifahrerin die Strecke von Brooklyn nach San Francisco und wieder zurück in einer Alleinfahrt mit Beiwagen absolviert.

New York – Los Angeles (1916)

Nach einigen längeren Übungsfahrten in der Umgebung von New York starteten sie am 4. Juli 1916 von der Sheepshead Bay Rennstrecke in Brooklyn mit 1.000-cm³-Motorrädern vom Typ Indian Powerplus.[4.1] Das Modell erreichte zu dieser Zeit bereits Spitzengeschwindigkeiten von 100 km/h, war jedoch nur mäßig gefedert und mit Gasscheinwerfern ausgestattet. Immerhin war es mit „rutschfesten“ Firestone-Reifen bestückt – der Reifenhersteller war Sponsor der Startetappe.[8] Die Schwestern befuhren über weite Teile auch den historischen Lincoln Highway von Buffalo bis Chicago.

Augusta und Adeline Van Buren kamen tatsächlich nach 58 Tagen Fahrt, am 2. September 1916, in San Francisco an.[1.2] Sie hatten ein Begrüßungskomitee des San Francisco Motorcycle Clubs erwartet, doch die Kommunikation eines genauen Ankunftstages war schwierig, und da sie am Labor-Day-Wochenende ihre Reise beendeten, war niemand da, um sie zu empfangen.[5.1] Sie fuhren weiter nach Süden Richtung Los Angeles, welches sie am 8. September erreichten.[9] Dort gab es zumindest einen Fototermin in Hollywood mit einer Repräsentantin der Filmstudios.[5.3] In San Diego langten sie am 14. September an, wie die Tageszeitung The Madison Daily Leader berichtete.[10] Sie waren dann aus zeitlichen Gründen gezwungen, umgehend mit dem Zug nach New York zurückzukehren, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

Unterwegs waren sie mit schlechten Straßen, starkem Regen, Schlamm und natürlichen Hindernissen wie den Rocky Mountains konfrontiert.[11] Auf ihrer Fahrt trugen sie lederne Reithosen im Militärstil, was zu jener Zeit für Frauen unüblich war – und wodurch sie im Verlauf ihrer Reise für Aufsehen sorgten.[8] Aus diesem Grund wurden sie immer wieder von örtlichen Polizeikräften aufgehalten und in einem Fall mit einer behördlichen Ermahnung ob ihrer ungebührlichen Bekleidung des Ortes verwiesen. In Colorado waren sie die ersten Frauen, die den Gipfel des Pikes Peak mit einem Kraftfahrzeug erreichten.[1.2] In der Wüste westlich von Salt Lake City in Nevada kamen sie, von Sandstürmen beeinträchtigt, vom Weg ab. Als ihnen das Wasser auszugehen drohte, wurden sie von einem Goldsucher mit einem Transporter gerettet.[5.3]

Presseberichterstattung

Obwohl Augusta und Adeline Van Buren die Reise erfolgreich absolviert hatten, änderte dies wenig an den Auffassung der Behörden – ihre Bewerbungen für den Militärdienst wurden weiterhin abgelehnt. Abgesehen von Kurzmeldungen in Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch zahlreiche Lokalblätter entlegener Regionen wie das Honolulu Star-Bulletin, war die Presseresonanz insgesamt verhalten.[12] Zwei Wochen nach dem Ende ihrer Reise erschien in der Zeitschrift Pacific Motorcyclist ein Editorial, das das Motorrad lobte. Darin hieß es, es sei so gut ausgestattet, dass sogar durchschnittlich gebaute Mädchen damit fahren könnten. Ihre eigentliche Leistung wurde darin weder erwähnt noch gewürdigt.[5.1] Die Denver Post gar bezichtigte die Schwestern, sie hätten die Mobilmachung als Ausrede genutzt, um sich vor ihren „Hausfrauenpflichten“ zu drücken und „ihre weiblichen Formen in schicken Khaki- und Lederuniformen zur Schau zu stellen“.[13]

Vier Jahre nach ihrer Reise, im Jahr 1920, wurde der 19. Verfassungszusatz ratifiziert, der amerikanischen Frauen das Wahlrecht zugestand. Erst im Zweiten Weltkrieg jedoch wurden Frauen zum Kriegsdienst als Kraftradmelderinnen zugelassen.[8]

Posthume Würdigung

Ehrungen und Nachlass

2002 wurden die Schwestern in die Motorcycle Hall of Fame der American Motorcycle Association[9] und 2003 in die Sturgis Motorcycle Museum Hall of Fame aufgenommen.[6]

Es existieren fragmentarische Aufzeichnungen über die Reise von Anne Tully Ruderman nach mündlicher Überlieferung aus Gedächtnisberichten ihrer Mutter, Adeline Tully, geborene Van Buren. Rhonda Van Buren veröffentlichte 2023 unter dem Titel The Adventures of Gussie and Addie im Selbstverlag einen Roman, der die Reise der Van-Buren-Schwestern fiktionalisiert nachvollzieht und mit Reproduktionen von Originalfotos aus Augustas Fotoalbum angereichert ist.[14]

Gedenkfahrten

1988 wurde die Leistung Augusta und Adeline Van Burens von vier weiblichen Mitgliedern der American Motorcyclist Association (AMA) mit dem Van Buren TransCon gewürdigt, einer von Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha unterstützten Spendenfahrt auf den Spuren der Schwestern für die Juvenile Diabetes Research Foundation, die zur Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung des Motorradfahrens beitragen sollte.[15] Es fuhren Courtney Caldwell, eine Buchhalterin aus Santa Monica, Jeanne Mare Werle, freiberufliche Autorin in Hollywood, Patty Mills von Women on Wheels aus Topeka, Kansas, und Carol Auster, eine Professorin aus Lancaster, Pennsylvania.

Bob Van Buren, ein Großneffe der Schwestern, fuhr mit seiner Frau Rhonda auf dem Soziussitz im Jahr 2006, zum 90. Jubiläum der Transkontinentaltour, auf einer Harley-Davidson Low Rider die Strecke von New York City nach San Francisco nach. Die Reise stand unter dem Motto einer Spendenaktion für den Intrepid Fallen Heroes Fund, da die Van-Buren-Schwestern sich für das Militär eingesetzt hatten, und startete am Intrepid Sea, Air & Space Museum in Manhattan. Die Spenden an den Fonds trugen zum Bau eines neuen Reha-Krankenhauses im Brooke Army Medical Center (BAMC) in San Antonio, Texas, bei.[16] Zum einhundertsten Jubiläum der Tour wurde die Strecke erneut im Sisters’ Centennial Motorcycle Ride nachgefahren, diesmal von 68 Bikerinnen und Bikern, die am 3. Juli 2016 in New York starteten und am 23. Juli in San Francisco ankamen.[17] Die Tour wurde von BMW, Suzuki und der Firma Indian Motorcycles gesponsert, die Motorräder und Begleitfahrzeuge zur Verfügung stellten.[18] Erneut wurden Spenden gesammelt, die zum einen der Nichtregierungsorganisation Final Salute zukamen, die sich um Unterkünfte für obdachlose Militärveteraninnen kümmert, zum anderen der Women’s Coalition of Motorcyclists.[19]

Das frauengeführte kanadische Modelabel Augusta & Adeline, das sich auf Motorradbekleidung für Frauen spezialisiert hat, nimmt im Firmennamen explizit Bezug auf die Van-Buren-Schwestern.[20]

Literatur

  • William M. Murphy: Grace and Grit. Motorcycle Dispatches of Early 20th Century Women. Arbutus Press, Traverse City (Michigan) 2012, ISBN 978-1-933926-40-7.
  • J. F. Fox, Anna Kwan: The Van Buren Sisters vs. the Pants Police (= Head-to-Head History. 2). Kids Can Press, Toronto 2023, ISBN 978-1-5253-0248-0.
Commons: Van-Buren-Schwestern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Ernestine Gichner Miller: Motorcycling. In: Making Her Mark: Firsts and Milestones in Women’s Sports. McGraw-Hill Professional, New York 2002, ISBN 978-0-07-139053-8 (archive.org).
    1. S. 186
    2. a b S. 186–187
  2. Ed A. Goewey (The Old Fan): Seen In The World Of Sport. In: Leslie’s Weekly. Nr. 3179, 10. August 1916, S. 152 (loc.gov).
  3. Kali Kotoski: Augusta and Adeline Van Buren: Crossing the country to fight for equality. In: AMA – American Motorcyclist Association (Hrsg.): American Motorcyclist. 1. Mai 2021, S. 30 (issuu.com). Anmerkung: Verschiedene Texte erwähnen dieses Verwandtschaftsverhältnis – allein ein konkreter Beleg ließ sich dafür bislang nicht finden, auch keine Spezifikation des genauen Verwandtschaftsverhältnisses, so dass diese Aussage zunächst einmal nicht als sicher verbürgt angesehen werden sollte.
  4. J. F. Fox: The Van Buren Sisters vs. the Pants Police. Kids Can Press Ltd, 2023, ISBN 978-1-5253-0813-0 (google.de [abgerufen am 11. Oktober 2025]).
    1. Anderen Quellen zufolge soll der Start wegen schlechter Witterung um einen Tag auf den 5. Juli verschoben worden sein.
  5. Ruth Calif: Women’s Lib on Motorcycles. In: The world on wheels. An illustrated history of the bicycle and its relatives. Cornwall Books, New York, London 1983, ISBN 978-0-8453-4710-2 (archive.org).
    1. a b c S. 161
    2. a b S. 158
    3. a b S. 160
  6. a b c Adeline & Augusta Van Buren. In: sturgismuseum.com. Sturgis Motorcycle Museum & Hall of Fame, abgerufen am 10. Oktober 2025 (englisch).
  7. Robert Van Buren: Adeline and Augusta VanBuren. In: hof.motorcyclemuseum.org. 2002, abgerufen am 25. Juni 2025 (englisch).
  8. a b c Frank Patalong: Motorrad-Pionierinnen Adeline und Augusta van Buren. In: Der Spiegel. 19. April 2013, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 24. Juni 2025]).
  9. a b Tara Ross: This Day in History: The Van Buren Sisters' amazing ride. In: taraross.com. 8. September 2021, abgerufen am 11. Oktober 2025 (englisch).
  10. Cross Country on Motorcycle. In: The Madison Daily Leader. Madison, South Dakota 14. September 1916, S. 1 (loc.gov).
  11. True Pioneers. In: American Motorcyclist Association (Hrsg.): American Motorcyclist. Band 60, Nr. 6, 1. Juni 2006, ISSN 0277-9358, S. 54 (google.de [abgerufen am 11. Oktober 2025]).
  12. Suchergebnisse Augusta Van Buren. In: loc.gov. Library of Congress, abgerufen am 12. Oktober 2025 (englisch).
  13. Bernard E. Rollin: Harley-Davidson and Philosophy: Full-Throttle Aristotle. Open Court, 2012, ISBN 978-0-8126-9807-7, S. 170 (google.de [abgerufen am 11. Oktober 2025]).
  14. The Adventures of Gussie and Addie. In: vanburensisters.com. Abgerufen am 12. Oktober 2025 (englisch).
  15. Jack Jones: People and Events. In: latimes.com. 1. Juni 1988, abgerufen am 11. Oktober 2025 (englisch).
  16. 90th Anniversary Ride. In: vanburensisters.com. Abgerufen am 11. Oktober 2025 (englisch).
  17. Peter Schönlaub: Wilde Schwestern. Frauen-Power – auch schon vor 100 Jahren! In: motorrad-magazin.at. 30. Juni 2016, abgerufen am 12. Oktober 2025.
  18. Jenny Smith: Retracing the Steps of History: The Sisters' Centennial Ride. In: ridermagazine.com. 28. Juli 2016, abgerufen am 11. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
  19. Sisters’ Centennial Motorcycle Ride – Here on July 11, 2016. In: nationalmcmuseum.org. National Motorcycle Museum, abgerufen am 11. Oktober 2025 (englisch).
  20. About Us. In: augustaandadeline.com. Abgerufen am 10. Oktober 2025 (englisch).