Vadstena-Affäre

Die Vadstena-Affäre begann in der Nacht des 17. Dezember 1559 auf Schloss Vadstena in Schweden. Dort waren die neunzehnjährige schwedische Prinzessin Cäcilia Wasa und der zweiundzwanzigjährige Johann II. von Ostfriesland im Schlafgemach der Prinzessin erwischt worden. Johann war danach über Monate inhaftiert. Ihm drohte die Todesstrafe. Der Skandal wurde öffentlich. Als er schließlich in ganz Europa Kreise zog, rettete die Fürsprache vieler Potentaten bis zur Königin Elisabeth I. von England ihm das Leben.[1]

Vorgeschichte

Gustav I. Wasa hatte Schweden 1523 aus der Kalmarer Union gelöst. Da Dänemark aber mit der südlichen Provinz Schonen weiterhin den Sund kontrollierte, war Schweden der direkte Zugang zur Nordsee und damit dem Welthandel weitgehend versperrt. Deshalb richtete sich sein Blick auf Ostfriesland, wo besonders die Hafenstadt Emden sein Interesse weckte. So bot Gustav den Landesherren aus dem Hause Cirksena 1556 einen Handelsvertrag an. Um sein Vorhaben zu untermauern, schlug er darüber hinaus eine dynastische Verbindung vor und ließ die Heirat seiner Tochter Katharina mit Edzard II., dem künftigen Grafen von Ostfriesland, vorbereiten. Edzard zog jedoch die Eheverhandlungen in die Länge und verschob die Vermählung mehrfach. Davon fühlte sich der schwedische König zunehmend gekränkt. In mehreren erzürnten Briefen machte Gustav seinem Unmut Luft, bis Edzard schließlich einwilligte und die Hochzeit akzeptierte.[2]

Um den sich durch die Hochzeit abzeichnenden Einfluss der Schweden in Ostfriesland zu schmälern, schaffte Anna, die damals vormundschaftlich regierende Gräfin, die erst unter ihrem Schwiegervater Edzard I. eingeführte Primogenitur (Erstgeborenen-Nachfolgeordnung) 1558 ab. Sie legte fest, dass nach ihrer Regentschaft ihre drei Söhne zusammen über das Herrschaftsterritorium regieren sollten.[3] Dazu veranlasste sie 1558 die gemeinsame Belehnung von Edzard, Christoph und Johann mit der Grafschaft durch den Kaiser,[4] was sich durch die nach der Hochzeit folgenden Ereignisse als schwierig erwies und zu einer faktischen Teilung der Grafschaft führte.

Die Hochzeit in Stockholm und die folgende Vadstena-Affäre

Im Herbst 1559 reiste Edzard, begleitet von einer Schar von Freunden und Verwandten, darunter auch sein jüngerer Bruder Johann II., nach Stockholm, wo er am 1. Oktober des Jahres Katharina Wasa heiratete. Warum er seinen Bruder mitnahm, ist unbekannt.[5]

Nach der Trauung verzögerte sich die Rückreise des Paares und der Begleitgesellschaft nach Ostfriesland um Monate. Wie es heißt, soll dafür unter anderem eine Mondfinsternis[6] verantwortlich gewesen sein. Die schwedischen Hofastrologen werteten sie als schlechtes Omen und rieten dazu, sie abzuwarten. So blieb das Paar noch für einige Monate in Schweden und zog schließlich in Gesellschaft der ostfriesischen Freunde und Verwandten sowie des Kronprinzen Erik und dessen Schwester Cäcilie Wasa durch Schweden. Insgesamt umfasste der Tross wohl mehrere Hundert Menschen.[2]

Wenige Monate nach der Vermählung kam es dann auf dieser Fahrt durch Schweden zu dem Vorfall, der als Vadstenabullret (Vadstena-Affäre, wörtlich Vadstena-Lärm) in die Geschichte einging:[7] Im Dezember 1559 traf die Reisegesellschaft im Schloss Vadstena ein, wo ein Bruder der königlichen Geschwister, Prinz Magnus, lebte. Mit ihm wollten sie das Weihnachtsfest feiern. Über die folgenden Tage wird von ausschweifenden Festen auf dem Schloss berichtet.[2]

Bald machten unter den Wächtern Gerüchte die Runde, dass sich vor und in den Gemächern der „Jungfrauen“, also jenem Teil des Schlosses, in dem die unverheirateten Frauen schliefen, ungewöhnliche Dinge ereigneten. In mehreren Nächten beobachteten die Wächter, wie Graf Johann eine Leiter an das Fenster der Prinzessin Cäcilia stellte, hinaufstieg und in ihrem Gemach verschwand. Zunächst wussten sie nicht, wie sie damit umgehen sollten. Schließlich informierten sie den Kronprinzen Erik, der daraufhin dem Paar eine Falle stellen wollte.[2]

In der folgenden Nacht des 14. Dezember 1559 war zunächst alles wie sonst: Die Gesellschaft feierte ausgiebig und erst spät zogen sich alle in ihre Zimmer zurück. Erik und seine Männer, unter ihnen der später als Verschwörer hingerichtete Charles de Mornay († 1574),[8] versteckten sich vor den Gemächern der unverheirateten Frauen. Nach einer Weile beobachteten sie, wie Graf Johann eine Leiter an die Mauer stellte und in Cäcilias Zimmer stieg.[2] Darauf hatten Erik und seine Begleiter gewartet. Sie entfernten die Leiter und nahmen Johann damit jegliche Fluchtmöglichkeit. Kurz darauf drangen sie unter großem Lärm in das Schlafgemach der Prinzessin ein, überraschten Johann in flagranti mit, wie es heißt, „heruntergelassenen Hosen“,[2] nahmen ihn fest und sperrten ihn in den Kerker.[9]

Über die folgenden Ereignisse gibt es unterschiedliche Versionen. Eine besagt, Erik sei so wütend gewesen, dass er Johann kastrieren ließ. Außerdem wurde er schwer misshandelt. Schließlich ließ Erik Johann und Cäcilie nach Stockholm verbringen, wo der König über das weitere Vorgehen entscheiden sollte. Zudem machte er die Ereignisse öffentlich. Damit war der Skandal perfekt. Er belastete nicht nur die schwedisch-ostfriesischen Beziehungen, sondern erregte in ganz Europa Aufsehen.[2]

König Gustav, der sich stark um das Ansehen der jungen Monarchie und ihrer Königsfamilie sorgte, war extrem verärgert. Gerüchten zufolge soll er Cäcilie die Haare ausgerissen haben. Edzard stand in der Folge mehr oder weniger unter Hausarrest. Johann drohte gar die Todesstrafe.[10] Vor allem war der König darüber verärgert, dass sein Sohn den Skandal öffentlich gemacht hatte, da er die Angelegenheit lieber diskret geregelt hätte.[11]

Schließlich wurde beschlossen, dass Johann und Cäcilie heiraten sollten, um das Ansehen der Beteiligten zu wahren. Doch Johann weigerte sich. Angeblich hatte er mit der Familie Wasa abgeschlossen. Johann war danach in Schloss Örbyhus inhaftiert.[2]

Zahlreiche diplomatische Versuche der ostfriesischen Gräfin Anna, ihre Söhne aus der Haft freizubekommen, blieben zunächst erfolglos. Letztlich rettete Johann nur die Fürsprache vieler Potentaten einschließlich der Königin Elisabeth I. von England das Leben.[5] Nach neun Monaten Haft kam er schließlich frei. 1561 kehrte er in Begleitung seines Bruders und dessen Ehefrau Katharina nach Ostfriesland zurück. Dort war er seinem Bruder zeitlebens in Hass verbunden, was sich als problematisch erwies, da beide gemeinsam die Grafschaft regierten, die durch den Zwist der Brüder bis zu Johanns Tod 1591 faktisch geteilt war.

Ob Johann tatsächlich zur Strafe entmannt wurde, ist unbekannt.[12] Er blieb bis zu seinem Tode ehe- und kinderlos. Cäcilia heiratete schließlich fünf Jahre später den deutschen Markgrafen Christoph von Baden-Rodemachern.

Literatur

  • Georg Hahn: Hochzeit in Stockholm. Die Eheschließung Graf Edzards II. von Ostfriesland mit Prinzessin Katharina von Schweden im Jahre 1559 und die Vadstena-Affäre. Neubauer, Lüneburg 1991, ISBN 3-88456-096-4.

Einzelnachweise

  1. Matthias Süßen: Der Graf und die Königstochter. In: Ostfriesland Verlag – SKN (Hrsg.): Ostfreesland 2014. Ostfriesland Verlag – SKN, Norden 2013, S. 162–166.
  2. a b c d e f g h Kastrering misstänkt straff för nattliga prinsessbesök. 17. Dezember 2006, abgerufen am 21. September 2025 (schwedisch).
  3. Anna (um 1500 – 1575). 27. Januar 2023, abgerufen am 3. April 2023.
  4. Heinz Maybaum: Anna. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 1. Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 300–301 (deutsche-biographie.de).
  5. a b Walter Deeters: Johann (d.M.) <Graf von Ostfriesland> (PDF; 34 kB). In: Martin Tielke (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Band. 2, Ostfries. Landschaftliche Verl.- u. Vertriebsges, Aurich 1997, ISBN 3-932206-00-2, S. 192.
  6. Bei der erwähnten, von Stockholm aus zu sehende Mondfinsternis handelte es sich vermutlich um die vom 16. September 1559. Siehe Lunar Eclipse Explorer – Stockholm 1559, abgerufen am 18. Oktober 2025.
  7. Fridolf Ödberg: Om prinsessan Cecilia Wasa, markgrefvina af Baden-Rodemachern. C. E. Fritze, Stockholm 1896, S. 96 (schwedisch).
  8. Charles de Mornay - Svenskt Biografiskt Lexikon. Abgerufen am 21. September 2025.
  9. Jakob Philip Tollstrop: Wadstena och dess omgifning. Wadstena 1832, S. 94 (schwedisch).
  10. Erik Gustaf Geijer: The History of the Swedes. London 1845, S. 140.
  11. Olao Celsio: Geschichte König Gustavs des Ersten. Band 2. Kopenhagen / Leipzig 1753, S. 431–432.
  12. Vadstenabullret 1559 - Historiesajten.se. Abgerufen am 21. September 2025.