Umrao Singh Sher-Gil

Umrao Singh Sher-Gil (Panjabi ਉਮਰਾਓ ਸਿੰਘ ਸ਼ੇਰ-ਗਿੱਲ pañjāb; * 7. August 1870 in Punjab, Indien; † 17. Dezember 1954 in New Delhi, Indien) war ein indischer Fotograf und Gelehrter des Sanskrit und der Philosophie. Er gilt als einer der Pioniere der Fotografie in Indien und hinterließ Hunderte von Familienporträts und über 80 Selbstporträts im Stil einer Mise-en-scène. 2015 wurde das Umrao Singh Sher-Gil (USG) Stipendium für Fotografie ins Leben gerufen.[1][2]

Leben und Werk

Sher-Gil war der älteste Sohn von Raja Surat Singh aus Majithia und entstammte dem Landadel des Punjab. Sein Vater war ein berühmter Krieger, der zunächst an der Seite der Sikhs gegen die Briten gekämpft, später aber die Seiten gewechselt hat. Für diesen Verrat verliehen ihm die Briten den Titel eines Raja und belohnten ihn großzügig mit Ländereien im Punjab und den Vereinigten Provinzen. Sher-Gil besuchte die Schule in Amritsar und später das Aitchison College in Lahore. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Narindar Kumari reiste er 1896 nach England und erneut 1897, um am diamantenen Thronjubiläum von Königin Victoria teilzunehmen. Als Oberhaupt der Familie Majitha besaß er das Privileg, 1903 und 1910 an den Krönungszeremonien teilzunehmen.[3][4]

Während sein Bruder mit seinem Erbe eine erfolgreiche Zuckerfabrik in der Nähe von Gorakhpur gründete, lebte er in Lahore, wo er eine lebenslange Freundschaft mit dem Dichter Mohammad Iqbal schloss. Beide Männer waren entschiedene Gegner der Briten, was schließlich zur Konfiszierung von Sher-Gils Besitz durch die britischen Machthaber führte. Daraufhin zog er sich in ein Leben der Gelehrsamkeit zurück und studierte Sanskrit, Persisch, Philosophie und Theologie. Er bewunderte die humanistischen und aufklärerischen Prinzipien Leo Tolstois und trug eine einfache Tunika nach dem Vorbild des russischen Schriftstellers.

1911 lernte er die ungarische Opernsängerin Marie Antoinette Gottesman (1881–1948) kennen, heiratete sie 1912 in Lahore und zog mit ihr nach Budapest. Dort wurden 1913 und 1914 ihre Töchter Amrita und Indira geboren. In Budapest setzte Sher-Gil seine Sanskritstudien im Selbststudium fort und pflegte Kontakte zu renommierten ungarischen Indologen, allen voran zu seinem Schwager Ervin Baktay (1890–1963), der später umfassend über indische Kunst und Kultur publizierte. Sher-Gil sympathisierte mit der antikolonialen Bewegung in Indien und nahm 1915 Kontakt zu Har Dayal (1881–1939) auf, dem damaligen Anführer der Ghadar-Partei in Berlin. Diese revolutionäre Gruppe kämpfte für die Unabhängigkeit Indiens und wurde von Mitgliedern angeführt, die von 1914 bis 1917 in Berlin aktiv waren. In der Folge wurde der Großteil von Sher-Gils Ländereien von den Briten konfisziert. Es wurde ihm eine vergleichsweise bescheidene Abfindung gewährt, und er wurde von jeglicher aktiven politischen Beteiligung ausgeschlossen. Obwohl er der Partei nie beitrat, wurde ihm die Wiedereinreise nach Indien verweigert. Erst 1921 durfte er zurückkehren, nachdem sein jüngerer Bruder, ein Mitglied des kaiserlichen Legislativrates des Vizekönigs, um Gnade gebeten hatte. 1929 zog die Familie nach Paris und kehrte 1934 nach Indien zurück.[5][6][7][8]

Fotografisches Werk

Sher-Gils fotografische Praxis begann bereits 1892 mit Selbstporträts, die maßgeblich von seiner kosmopolitischen Weltsicht geprägt waren. Er gilt als ebenso beeinflusst von den Schriften Tolstois wie von der Mandukya-Upanishad. Anstatt sich als orientalisches Subjekt zu inszenieren, fotografierte er sich in unterschiedlichen Zuständen und Gewändern, so als meditativen Yogi im Lendenschurz oder als asketischen Gelehrten. In einer zumeist privaten, dokumentarischen und meditativen Praxis inszenierte er seinen eigenen Körper und den seiner Familie vor dem Hintergrund seines aristokratisch-bürgerlichen Haushalts. Sher-Gil experimentierte zudem ausgiebig mit verschiedenen fotografischen Techniken, insbesondere mit Doppelbelichtungen, und schuf zwischen 1923 und 1924 die ersten Farbglasplattenpositive Indiens. Er hielt sich über die neuesten fotografischen Techniken wie Autochrome und Stereoskopie auf dem Laufenden und war in Indien einer der Pioniere im Experimentieren damit.[9]

Sher-Gil gab seine fotografische Tätigkeit 1948 auf und starb 1954.

Rezeption

Trotz seines umfangreichen Werks stellte Sher-Gil seine Arbeiten nie aus und präsentierte sich auch nicht als Künstler. Gelegentlich verwendete sein Enkel Vivan Sundaram Sher-Gils Fotografien in seinen Werken, insbesondere in der Installation The Sher-Gil Archive (1995) und in einer Serie von 56 digitalen Fotomontagen mit dem Titel Re-Take of Amrita (2001–2002), in der er Sher-Gils Fotografien inszenierte und digital bearbeitete, um eine Familiengeschichte zu erzählen.[10]

Das Leben und Werk von Sher-Gil erfuhr 2001 durch die Arbeiten von Stuart Hall und Mark Sealy wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Daraufhin wurde 2007 der Nachlass von Umrao Singh Sher-Gil eingerichtet, der Sher-Gils fotografische Werke sowie seine Tagebücher und Briefe umfasst. 2016 gründete Sundaram gemeinsam mit anderen die Sher-Gil Sundaram Arts Foundation, die das Umrao Singh Sher-Gil -Stipendium für Fotografie ins Leben rief, um sein Andenken zu ehren.[11]

Ausstellungen

  • 2005/2006: Amrita Sher-Gil: An Indian Artist Family in the 20th Century. Ausstellung im Haus der Kunst, München. Katalog
  • 2018/19: Wakefulness and the Dream State. A self-study by Umrao Singh Sher-Gil. Photoink, New Delhi

Literatur

  • Shanay Jhaveri: The journey in my head: cosmopolitanism and Indian male self-portraiture in 20th century India: Umrao Singh Sher-Gil, Bhupen Khakhar, Ragubhir Singh. PhD thesis, Royal College of Art, 2016.
  • Indira Chandrasekhar, Devika Daulet-Singh, Geeta Kapur, Vivan Sundaram: Umrao Singh SHER-GIL. Photoink (Neu-Delhi, Indien), 2008, ISBN 978-81-903911-1-5.
Commons: Umrao Singh Sher-Gil – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ULAN Full Record Display (Getty Research). Abgerufen am 13. November 2025.
  2. Sher-Gil Sundaram Arts Foundation | Umrao Singh Sher-Gil Grant for Photography. Abgerufen am 13. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  3. The Berardo Collection. Abgerufen am 13. November 2025.
  4. Untitled Document. Abgerufen am 13. November 2025.
  5. Remembering Umrao Singh Sher‑Gil - Better Photography. (betterphotography.in [abgerufen am 13. November 2025]).
  6. Umrao Singh Sher-Gil. In: MAP Academy. Abgerufen am 13. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  7. Sher-Gil Sundaram Arts Foundation | Sher-Gil Sundaram Family. Abgerufen am 13. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  8. Umrao Singh Majithia - SikhiWiki, free Sikh encyclopedia. Abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
  9. Les Rencontres d'Arles: Umrao Sngh Sher-Gil. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 21. Februar 2025; abgerufen am 13. November 2025.
  10. Pohotoink: Photoink. Abgerufen am 13. November 2025 (indisches Englisch).
  11. Umrao Singh Sher-Gil. Abgerufen am 13. November 2025.