Um Defeito de Cor
Um Defeito de Cor (zu deutsch etwa ein Fehler der Farbe) ist ein metafiktionaler, historischer Roman der brasilianischen Schriftstellerin Ana Maria Gonçalves aus dem Jahr 2006.[1]
Er erzählt aus autodiegetischer Sichtweise den Lebensweg der im heutigen Benin gefangenen und nach Brasilien verschleppten Kehinde und ihrem Kampf für Freiheit und Selbstständigkeit sowie der Suche nach ihrem Sohn im Kontext der Sklaverei des 19. Jahrhunderts.[2]
Der Roman hatte in den letzten Jahren erheblich an Popularität gewonnen und war im Jahr 2024 im Zuge einer thematischen Bearbeitung durch die Sambaschule Portela in vielen Onlinebuchhandlungen ausverkauft.[3][4]
Auf einer Liste der besten brasilianischen Bücher des 21. Jahrhunderts der überregionale Tageszeitung Folha de S.Paulo wurde der Roman im Jahr 2025 auf den ersten Platz gewählt.[5]
Handlung
Nach einem kurzen Prolog, in dem eine Erzählerin berichtet, wie sie selbst auf die Insel Itaparica in der Allerheiligenbucht reist und durch Zufall auf den Bericht von Kehinde stößt, beginnt das erste Kapitel der eigentlichen Erzählung. Der Bericht, wie im Verlauf des Romans klar wird, ist an den Sohn der Erzählerin gerichtet.[2]
Im ersten Kapitel erzählt die Protagonistin Kehinde, wie sie zusammen mit ihrer Großmutter und ihrer Zwillingsschwester ihre Heimat in Savalou, gelegen im heutigen Benin, verlassen, nachdem ihre Mutter von Kriegern vergewaltigt und, wie auch ihr Bruder, getötet wurde. Sie finden schließlich eine neue Bleibe in der Küstenstadt Ouidah. Durch einen unglücklichen Zufall werden Kehinde und ihre Schwester Taiwo gefangen, um als Sklavinnen verschifft zu werden. Ihre Großmutter begibt sich freiwillig auf das Schiff, um bei ihren Enkelinnen bleiben zu können. Bei der Überfahrt sterben sowohl Kehindes Großmutter als auch ihre Zwillingsschwester.[2]
In Salvador angekommen, wird Kehinde rasch an den Plantagenbesitzer José Carlos von der Insel Itaparica verkauft, um seiner Tochter Maria Clara als Spielkameradin zu dienen. Dort lebt sie unter den anderen Haussklaven und lernt portugiesisch sowie lesen und schreiben. Nachdem Maria Clara auf ein Internat geschickt wird, verliert Kehinde ihre Aufgabe als Haussklavin und muss von da an auf der Zuckerrohrplantage arbeiten.[2]
Kehinde kommt jedoch schon bald in die Pubertät und ihr Besitzer José Carlos fängt an, sich für sie sexuell zu interessieren. Er beordert sie zurück in das Herrenhaus, um sich ihr annähern zu können. Nach einigen gescheiterten Annäherungsversuchen vergewaltigt der Plantagenbesitzer sie. Kehinde wird schwanger, José Carlos stirbt kurze Zeit später an einem Schlangenbiss. Die nun verwitwete Frau des Plantagenbesitzers, Ana Felipa, gibt die Plantage auf und zieht mit ihren Haussklaven, inklusive der schwangeren Kehinde nach Salvador.[2]
Bei der Überfahrt gebiert sie ihren ersten Sohn. Sie lässt ihn nach Yoruba-Tradition taufen, was Ana Felipa missfällt. Zur Strafe wird Kehinde von ihrer Herrin an eine englische Familie verliehen, um den dortigen Töchtern als Spielkameradin zu dienen und sie von ihrem Sohn fernzuhalten. Dort lernt sie Englisch. Bei einem geheimen, nächtlichen Besuch ihres Sohnes wird sie von der Polizei entdeckt und darf fortan nicht mehr bei den Engländern bleiben. Sie kommt zurück ins Haus ihrer Herrin. Als Kehinde dort an einem Haussklaven gefallen findet, an dem auch die Herrin interessiert ist, setzt diese sie als Straßenverkäuferin ein. Kehinde muss fortan für ihre Herrin Geld verdienen und selbständig für ihren Lebensunterhalt und Unterkunft sorgen. Sie fängt an, englische Cookies zu verkaufen, mit denen sie schnell erste wirtschaftliche Erfolge feiert.[2]
Bei dieser Tätigkeit lernt Kehinde den Portugiesen Alberto kennen, mit dem sie eine Beziehung beginnt. Als die Herrin beschließt nach Rio de Janeiro zu ziehen will diese Kehinde verkaufen, ihren Sohn jedoch mitnehmen. Kehinde versucht verzweifelt sich und ihren Sohn freizukaufen, jedoch reicht das Geld, was sie durch den Cookie-Verkauf verdient hat, nicht aus. Durch einen glücklichen Zufall stößt sie auf ein kleines Vermögen und in Zusammenarbeit mit vielen ihrer Bekannten kann sie die Freiheit ihres Sohnes, ihre eigene und sogar die einiger Freunde erlangen.[2]
Sie zieht mit ihrem Sohn und Alberto auf einen Landsitz in die Nähe von Salvador, wo sie eine Fehlgeburt erleidet und dann erneut schwanger wird. Sie expandieren das gut laufende Cookiegeschäft mit dem Bau einer eigenen Bäckerei in der Stadt. Zudem kauft Alberto ein Stadthaus, in das die Gemeinschaft bald zieht. Trotz der Geburt des gemeinsamen Sohnes verschlechtert sich die Beziehung zu Alberto zusehends. Er will eine andere, weiße Frau heiraten, woraufhin sie sich trennen und ihre Besitztümer aufteilen. Kehinde kann einen Teil der Bäckerei behalten, muss die Produktion und den Verkauf jedoch aufgeben und zieht in das Hinterhaus der ehemaligen Bäckerei.[2]
Das Vorderhaus wird an muslimische Freunde vermietet und entwickelt sich bald zu einem wichtigen Treffpunkt der Muslime, die von dort Teile einer Revolte planen. Ihr erstgeborener Sohn stirbt bei einem Unfall. Kehinde baut sich ein Tabakgeschäft als neue Einkommensquelle auf und involviert sich immer mehr in die Aufstandspläne der Muslime. Sie nimmt schließlich an der Revolte teil, muss infolgedessen für einige Tage komplett untertauchen und kann nur mit Hilfe ihrer Bekannten zurück nach Hause. Durch die aufgeheizte gesellschaftliche und politische Situation kann Kehinde nicht in Salvador verbleiben und geht, ihren Sohn zurücklassend, ins vorübergehende Exil auf die Insel Itaparica.[2]
Dort nähert sie sich wieder der Religion ihrer Ahnen an, reist infolgedessen nach Maranhão um bekannte Persönlichkeiten der afro-brasilianischen Kultur wiederzutreffen, unter anderem Na Agontimé, um dann nach Itaparica zurückzukehren und dort als Novizin des Vodoo-Kultes anzufangen. Während ihrer Abwesenheit verkauft Alberto, um seine Spielschulden zu tilgen, ihren gemeinsamen Sohn. Als sie dies erfährt, begibt sie sich auf die Suche nach ihrem Sohn, fest gewillt ihn zu befreien. Die Suche führt sie zuerst nach Rio de Janeiro, wo sie einige Monate verbringt, dann nach São Paulo und Campinas.[2]
Schlussendlich kehrt sie, ohne Erfolg, nach Salvador zurück und entscheidet sich nach Afrika zu reisen, um dort eventuell ihren Sohn zu finden. Zurück in der Küstenstadt Uidá begründet sie mit dem schwarzen Engländer John, den sie auf der Überfahrt kennengelernt hat, eine Familie und gebiert Zwillinge: Maria Clara und João. Durch Handel zwischen Brasilien und Afrika, und der späteren Gründung einer eigenen Baufirma verdient sie viel Geld und steigt gesellschaftlich schnell auf. Sie ist gut in die High-Society der afrikanischen Gesellschaft eingebunden und international vernetzt. Die Suche nach ihrem Sohn ist durch die Aussichtslosigkeit zum Erliegen gekommen. Sie lässt lediglich regelmäßig Zeitungsannoncen in den brasilianischen Großstädten veröffentlichen. Nach einigen Jahren kühlt die Beziehung zu John ab. Er verstirbt schließlich an einer Verletzung.[2]
Mit 53 Jahren beschließt Kehinde nach Lagos umzuziehen. Das Handelsgeschäft ist durch veränderte politische Begebenheiten sowie verstorbenen Handelspartnern zum Erliegen gekommen. Das Baugeschäft besteht jedoch weiterhin. Sie schickt die Zwillinge zum Studium nach Europa, nach ihrer Rückkehr gründen sie eigene Familien. Kehinde erblindet langsam. Durch Zufall findet sie alte ungeöffnete Briefe, die den Aufenthaltsort ihres verlorenen Sohnes offenbaren, woraufhin sie beschließt, zurück nach Brasilien zu reisen. Auf der Überfahrt, im Jahr 1899, mit ihren letzten Kräften, diktiert sie den vorliegenden Bericht.[2]
Historischer Hintergrund
Die anfängliche Inspiration für die Handlung geht auf die historisch umstrittene Figur der Luiza Mahin und ihre Beteiligung an der Revolução dos Malês zurück, ein Aufstand muslimischer Sklaven in Salvador im Jahr 1835.[6]
Ausgaben
- Um Defeito De Cor, Record, Rio de Janeiro 2005, ISBN 978-85-01-07175-0
Einzelnachweise
- ↑ Na cartografia do romance afro-brasileiro, Um defeito de cor, de Ana Maria Gonçalves* - Literatura Afro-Brasileira. Abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ a b c d e f g h i j k l Ana Maria Gonçalves: Um defeito de cor. Record, Rio de Janeiro 2006, ISBN 978-85-01-07175-0.
- ↑ Nara Lacerda: Um Defeito de Cor: livro retratado pela Portela na Sapucaí é o mais vendido da Amazon. In: Brasil de Fato. 14. Februar 2024, abgerufen am 22. September 2025 (brasilianisches Portugiesisch).
- ↑ Exemplares de 'Um Defeito de Cor' esgotam após o livro ser tema do desfile da Portela. 14. Februar 2024, abgerufen am 22. September 2025 (brasilianisches Portugiesisch).
- ↑ Veja os melhores livros brasileiros de literatura do século 21, segundo júri convidado pela Folha. 24. Mai 2025, abgerufen am 22. September 2025 (brasilianisches Portugiesisch).
- ↑ Amanda Oliveira, Margarete Hülsendeger, Maria Eunice Moreira: “Eu sou negra”: entrevista com Ana Maria Gonçalves. In: Navegações. Band 10, Nr. 2, 2017, ISSN 1983-4276, S. 229–236, doi:10.15448/1983-4276.2017.2.29797 (pucrs.br [abgerufen am 22. September 2025]).