Ulrike Bingel

Ulrike Bingel (* 17. Januar 1975 in Essen) ist eine deutsche Neurologin und Hochschullehrerin. Sie ist Professorin für Klinische Neurowissenschaften an der Universität Duisburg-Essen und leitet das Interdisziplinäre Zentrum für Schmerzmedizin und Translationale Schmerzforschung an der Universitätsmedizin Essen[1]. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den ZNS-Mechanismen der Schmerzwahrnehmung und -modulation, sowie von Placebo- und Nocebo-Effekten und deren Bedeutung für medizinische Behandlungen.

Werdegang

Bingel studierte von 1994 bis 2000 Humanmedizin an der Universität Duisburg-Essen sowie am Queen Square Institute of Neurology, University College London. 2001 erhielt sie ihre Approbation und promovierte 2002 an der Universität Duisburg-Essen (Dr. med.). Ihre Facharztausbildung in Neurologie absolvierte sie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo sie auch als Postdoktorandin tätig war.

Von 2008 bis 2009 arbeitete sie als Postdoctoral Research Fellow in der Pain Group (Prof. Irene Tracey) am Oxford Centre for Functional MRI of the Brain (FMRIB), University of Oxford. 2009 übernahm sie die Leitung der neuen interdisziplinären Arbeitsgruppe Schmerz und Kognition in Hamburg. Der Aufbau dieser Forschungsrichtung wurde durch das BMBF und die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit 1,3 Millionen Euro gefördert.[2][3] 2010 habilitierte sie sich am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

2013 übernahm sie eine W3-Professur für Klinische Neurowissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. 2024 wurde sie dort zur Prodekanin für Forschung der Medizinischen Fakultät gewählt.

Wissenschaftliche Tätigkeit

Bingels Forschung beschäftigt sich mit den neurobiologischen Mechanismen der Wahrnehmung, Modulation und Chronifizierung von Schmerz. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Placebo- und Nocebo-Effekte, sowie der Rolle der Erwartung bei therapeutischen Interventionen. Zudem erforscht sie die Interaktion dieser Mechanismen mit aktiven pharmakologischen Behandlungen sowie daraus resultierenden Implikationen für den klinischen Alltag.

Sie prägte das Verständnis, dass Placebo- und Noceboeffekte nicht nur bei Placebobehandlungen auftreten, sondern jede medizinische Behandlung modulieren können.

Sie ist seit 2020 Sprecherin des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs/Transregio 289 Treatment Expectation[4], dessen Ziel es ist, die äußerst komplexen Mechanismen von Erwartungseffekten von der molekularen bis zur systemischen Ebene mit modernsten wissenschaftlichen Methoden zu entschlüsseln, psychologische und neurobiologische Unterschiede zwischen einzelnen Patienten und Erkrankungen zu verstehen und zu prüfen, wie diese Effekte etablierte pharmakologische und andere Behandlungsansätze optimieren können. Zudem leitet sie Projekte im Sonderforschungsbereich 1280 Extinktionslernen[5] und ist Principal Investigator am Erwin L. Hahn Institut für Magnetresonanz-Bildgebung[6].

Mitgliedschaften, Funktionen, Auszeichnungen (Auswahl)

Öffentliche Wahrnehmung

Ulrike Bingel ist in den Bereichen Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit aktiv und war Interviewpartnerin zu den Themen Schmerz, Placebo- und Nocebo-Effekte sowie Erwartungsforschung für verschiedene TV-Formate (z. B. MaiThink X – Die Show[11]), Audioformate (z. B. in den Podcasts Klinisch Relevant[12], NDR Synapsen[13], oder Wissen Weekly[14]), Printformate (z. B. Frankfurter Rundschau[15], ZEIT[16], TAZ[17]) und Online-Medien (z. B. Quarks Science Cops[18], Patientenuniversität der Medizinischen Hochschule Hannover[19]).

Wissenschaftliche Publikationen (Auswahl)

  • Kunkel, A., Schmidt, K., Hartmann, H., Strietzel, T., Sperzel, J. L., Wiech, K., & Bingel, U. (2025). Nocebo effects are stronger and more persistent than placebo effects in healthy individuals. eLife, 14. https://doi.org/10.7554/eLife.105753.2
  • Zunhammer, M., Spisák, T., Wager, T. D., & Bingel, U. (2021). Meta-analysis of neural systems underlying placebo analgesia from individual participant fMRI data. Nature Communications, 12(1), 1391. https://doi.org/10.1038/s41467-021-21179-3
  • Zunhammer, M., Ploner, M., Engelbrecht, C., Bock, J., Kessner, S. S., & Bingel, U. (2017). The effects of treatment failure generalize across different routes of drug administration. Science Translational Medicine, 9(393), eaal2999. https://doi.org/10.1126/scitranslmed.aal2999
  • Schedlowski, M., Enck, P., Rief, W., & Bingel, U. (2015). Neuro-bio-behavioral mechanisms of placebo and nocebo responses: implications for clinical trials and clinical practice. Pharmacological Reviews, 67(3), 697-730. https://doi.org/10.1124/pr.114.009423
  • Bingel, U. (2014). Avoiding nocebo effects to optimize treatment outcome. JAMA, 312(7), 693-694. http://doi.org/10.1001/jama.2014.8342
  • Kessner, S., Wiech, K., Forkmann, K., Ploner, M., & Bingel, U. (2013). The effect of treatment history on therapeutic outcome: an experimental approach. JAMA Internal Medicine, 173(15). http://doi.org/10.1001/jamainternmed.2013.6705
  • Enck, P., Bingel, U., Schedlowski, M., & Rief, W. (2013). The placebo response in medicine: minimize, maximize or personalize?. Nature Reviews Drug Discovery, 12(3), 191-204. https://doi.org/10.1038/nrd3923
  • Bingel, U., Wanigasekera, V., Wiech, K., Ni Mhuircheartaigh, R., Lee, M. C., Ploner, M., & Tracey, I. (2011). The effect of treatment expectation on drug efficacy: imaging the analgesic benefit of the opioid remifentanil. Science Translational Medicine, 3(70), 70ra14. https://doi.org/10.1126/scitranslmed.3001244
  • Eippert, F., Finsterbusch, J., Bingel, U., & Büchel, C. (2009). Direct evidence for spinal cord involvement in placebo analgesia. Science, 326(5951), 404. https://doi.org/10.1126/science.1180142
  • Bingel, U., Rose, M., Gläscher, J., & Büchel, C. (2007). fMRI reveals how pain modulates visual object processing in the ventral visual stream. Neuron, 55(1), 157-167. https://doi.org/10.1016/j.neuron.2007.05.032
  • Profile von Ulrike Bingel auf ResearchGate und Google Scholar
  • Ulrike Bingel's Arbeitsgruppe, The Bingel Laboratory
  • Auf der von Bingel verantworteten Website des SFB/TRR 289 finden Fachpersonal, Studierende, wie Patienten und Patientinnen Informationen zur aktuellen Forschung und Ratschläge für die Praxis.

Einzelnachweise

  1. Universitäre Schmerzmedizin. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  2. Deutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt: Ulrike Bingel: Millionenförderung für Schmerzprojekt. In: Deutsches Ärzteblatt. (aerzteblatt.de [abgerufen am 16. Januar 2026]).
  3. Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  4. Markus Heide: SFB Treatment Expectation / TRR 289. 1. Januar 1970, abgerufen am 16. Januar 2026 (deutsch).
  5. Extinction Learning. Abgerufen am 16. Januar 2026 (deutsch).
  6. ELH Homepage. Abgerufen am 16. Januar 2026 (deutsch).
  7. Fellows. Abgerufen am 16. Januar 2026 (englisch).
  8. Ulrike Bingel, MD, PhD. In: International Association for the Study of Pain (IASP). Abgerufen am 16. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  9. Ständiger Beirat. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  10. BingelLab :: Die Junge Akademie. Abgerufen am 16. Januar 2026 (englisch).
  11. MAITHINK Xperts: Placebo-Effekt. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  12. Spotify – Web Player. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  13. ndr.de: Synapsen: Die Macht der Erwartung - Placebo- und Nocebo-Effekte. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  14. Spotify – Web Player. Abgerufen am 16. Januar 2026.
  15. „Das Placebo kann die Wirkung eines echten Medikaments imitieren“. 1. Juli 2025, abgerufen am 16. Januar 2026.
  16. Ulrich Schnabel: Placeboeffekt: Negative Gedanken sind mächtiger als positive. In: Die Zeit. 15. Mai 2025, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 16. Januar 2026]).
  17. Ilka Sommer: Ärztliche Behandlung: Das Gespräch hat einen Stellenwert. In: Die Tageszeitung: taz. 7. Juli 2023, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 16. Januar 2026]).
  18. Quarks Science Cops: Der Placebo-Effekt kann NICHT alles, aber viel! | Podcast #65 | Quarks Science Cops. 14. Oktober 2023, abgerufen am 16. Januar 2026.
  19. Patientenuniversität MHH: Placeboeffekte. 15. Februar 2024, abgerufen am 16. Januar 2026.