Ukrainer in Argentinien
Die Ukrainer in Argentinien (ukrainisch Українці Аргентини) sind eine ethnische Minderheit, die sich aus Personen mit ukrainischen Wurzeln in Argentinien zusammensetzt. Mit einer Zahl von ca. 350.000 bis 450.000 ist die ukrainische Diaspora in Argentinien die zweitgrößte Lateinamerikas[1][2] und die siebtgrößte der Welt.[3]
Geschichte
Erste Einwanderungsphase
Die ukrainische Massenauswanderung begann im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich aufgrund der Überbesiedlung von Ackerland.[4] Im August 1889 kamen mehrere ukrainische Familien, insbesondere aus Kamjanez-Podilskyj, in die Provinz Santa Fe und gründeten die erste jüdische Agrarkolonie, Moisés Ville.[2] Am 27. August 1897 kamen vierzehn Familien aus dem Königreich Galizien und Lodomerien in die ehemalige Jesuitenreduktion Apóstoles. Die Neuankömmlinge aus Galizien waren nicht die ersten Ukrainer in Argentinien, aber ihre Ankunft in Apóstoles markiert den Beginn der offiziellen landwirtschaftlichen Kolonisierung der Provinz Misiones sowie der Geschichte der ukrainischen Masseneinwanderung nach Argentinien.[5]
Die erste Einwanderungsphase von Ukrainern nach Argentinien war von 1897 bis 1914. Zu den Siedlern der ersten Welle gehörten Bauern aus Galizien und der Bukowina, die mit ihren Familien auswanderten. Einige von ihnen wollten in der Landwirtschaft arbeiten, andere, darunter Vertragsarbeiter, waren Gastarbeiter, die hofften, in einigen Jahren nach Europa zurückkehren zu können. Sie hatten die Absicht, sich in den Vereinigten Staaten niederzulassen, wurden von den US-Einwanderungsbehörden in Hamburg aus medizinischen Gründen abgewiesen und von Einwanderungsbeamten überredet, nach Argentinien zu ziehen, das liberale Einreisebestimmungen hatte.[5][6][7]
Sie wurden nach Misiones geschickt, eine fast unbewohnte Region mit subtropischem Wald und Pampa, die kultiviert werden musste. Den neuen Siedlern wurden jeweils 50 Hektar Staatsland mit einem Zahlungsaufschub von zehn Jahren verkauft. Sie bekamen Nahrungsmittel, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte zugeteilt und erhielten auch andere Formen der Unterstützung. Ermutigt durch diese Vorteile ließen sich ukrainische Einwanderer nieder, rodeten und erschlossen Neuland und gründeten Bauernhöfe.[5][7][8][9]
Der größte Zustrom ukrainischer Einwanderer nach Argentinien fand in diesem Zeitraum zwischen 1900 und 1903 statt, und bis zum Ersten Weltkrieg belief sich die Zahl der Neuankömmlinge und ihrer Nachkommen auf bis zu 10.000.[7] Ukrainische Einwanderer aus dem Russischen Reich, die nach der Revolution von 1905 kamen, ließen sich meist in den städtischen Zentren der Provinz Buenos Aires nieder. Abgesehen von Saisonarbeit wagten nur wenige, die Region für längere Zeit zu verlassen. Berisso wurde ihr Hauptwohnsitz. Einige galizische Einwanderer ließen sich ebenfalls in dieser Provinz nieder, aber die Mehrheit zog die Möglichkeit vor, im Landesinneren zu erschwinglichen Preisen Land zu erwerben. In Argentinien wurden ukrainische Einwanderer als „Rutenos“ (Ruthenen) bezeichnet. Diese Volksbezeichnung war üblich, bevor sich der Begriff „Ukrainer“ durchsetzte.[5]
Zweite Einwanderungsphase
Die zweite Einwanderungswelle von 1922 bis 1939 war vielfältiger. Sie bestand aus Ukrainern aus Galizien, Wolhynien, Polesien, Transkarpatien und der Bukowina sowie politischen Emigranten aus der Zentral- und Ostukraine. Bis zu 70.000 Ukrainer wanderten zwischen 1921 und 1939 nach Argentinien aus. Es kamen vor allem Intellektuelle mit einem hohen Maß an politischem Bewusstsein wie Politiker und Funktionäre der Ukrainischen Volksrepublik und Militärangehörige. Sie waren in wirtschaftlichen und unternehmerischen sowie in wissenschaftlichen und kulturellen Feldern tätig. Während dieser Zeit wuchsen die bestehenden Kolonien in Misiones und Buenos Aires, und neue Gemeinden entstanden in Provinzen wie Chaco, Mendoza, Formosa, Córdoba, Entre Ríos, Santa Fe und Río Negro.[7][9]
In der zweiten Einwanderungswelle wurde Argentinien zu einem der Hauptempfängerländer ukrainischer Auswanderung. In diesen zwei Jahrzehnten wanderten mehr Ukrainer nach Südamerika als nach Nordamerika aus. Da Argentinien an ihnen interessiert war, stieg ihre Quote ständig an, und so bildeten in den 1930er Jahren ukrainische Neuankömmlinge die Mehrheit der Einwanderer und übertrafen zahlenmäßig die Zahl der Neuzuwanderer aus Italienen und Spanien, die schon immer die traditionelle Quelle der Masseneinwanderung nach Argentinien gewesen waren. In den späten 1930er Jahren war das Verhältnis von Neuankömmlingen zu Geburten in Argentinien höher als in jedem anderen Land Amerikas. Der nördliche Teil von Chaco entwickelte sich zu einem weiteren Kern ukrainischer Siedlungen. Viele der Neuankömmlinge zogen jedoch, dem Beispiel ihrer Vorgänger folgend, die Provinz Buenos Aires vor, stärkten so die Gemeinde in Berisso und gründeten Gemeinden in anderen Gebieten rund um die Bundeshauptstadt.[5]
Die politischen Grenzen der Ukrainer änderten sich durch den Ersten Weltkrieg mehrmals, und es gab eine kurze Zeit der Unabhängigkeit. Im Februar 1921 erkannte Argentinien als einziges Land Lateinamerikas die Ukrainische Volksrepublik an und nahm zu ihr diplomatische Beziehungen auf. Nach dem Krieg wurden die ukrainischen Gebiete auf vier Gerichtsbarkeiten aufgeteilt: Die Sowjetunion, Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei. Die ukrainischen Einwanderer der zweiten Welle kamen aus all diesen Ländern und die Mehrheit aus dem ostpolnischen Galizien und Wolhynien. Die Einwanderer dieser Welle, unter ihnen viele Kriegsveteranen, waren stärker politisiert als ihre Vorgänger. Sie gründeten mehrere Organisationen mit unterschiedlichsten politischen Ausrichtungen, mit einem Zentrum in Buenos Aires und mehreren Zweigstellen im ganzen Land. Im gleichen Zeitraum hielten Tausende von Ukrainern, die sich in den Nachbarländern Paraguay und Uruguay niederließen, Verbindungen zu ihren Landsleuten in Argentinien aufrecht.[5][10]
Dritte Einwanderungsphase
Die dritte Phase ukrainischer Einwanderung nach Argentinien (insgesamt etwa 6000 Personen zwischen 1946 und 1950) bestand aus Vertriebenen aus DP-Lagern in Deutschland und Österreich. Die meisten von ihnen waren Teilnehmer der nationalen Befreiungsbewegung in der Ukraine oder sind während der deutschen Besatzung zur Zwangsarbeit aus der Ukraine deportiert worden. Ein großer Prozentsatz von ihnen waren ausgebildete Akademiker und Fachkräfte, die sich hauptsächlich in Buenos Aires und Umgebung niederließen.[5][7][11][12]
Aufgrund der Wirtschaftskrise von 1950 bis 1952 und der daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche in einigen Bereichen wanderten einige dieser Einwanderer nach Nordamerika aus. Ende der 1940er Jahre kam es auch zu einer von der Sowjetunion geförderten Rückkehrbewegung von Mitgliedern der sowjetophilen ukrainischen Gemeinschaft in die Ukrainische SSR. Der daraus resultierende Rückgang der ukrainischen Bevölkerung in Argentinien wurde teilweise durch die Umsiedlung von Ukrainern aus Paraguay und Uruguay sowie durch die Rückkehr einer Reihe desillusionierter Sowjetophiler aus der Ukrainischen SSR ausgeglichen, die die Ausreisegenehmigung von der sowjetischen Regierung zu erhielten.[5][7]
Vierte Einwanderungsphase
Am 5. Dezember 1991 erkannte Argentinien als erstes lateinamerikanisches Land die Unabhängigkeit der Ukraine an.[1] Die Ukraine eröffnete im März 1993 eine Botschaft in Buenos Aires und Argentinien im Mai 1993 in Kiew. Honorarkunsulate der Ukraine wurden in den Provinzen Misiones und Chaco eingerichtet. 1997 feierte die ukrainische Gemeinde in Argentinien ihr 100-jähriges Bestehen. Die Feierlichkeiten fanden im ganzen Land statt, besonders jedoch in Apóstoles am Morgen des Unabhängigkeitstags der Ukraine.[5]
Die vierte Einwanderungsphase seit 1993 begann dadurch, dass Argentinien nach dem Zerfall der Sowjetunion begann, Osteuropa als Quelle billiger und vor allem qualifizierter Arbeitskräfte zu betrachten. Bis Januar 2004 erfolgte die Auswanderung aus der Ukraine nach einem speziellen vereinfachten Auswanderungsverfahren für osteuropäische Länder. Danach konnte jeder Ukrainer unter 65 Jahren nach Vorlage entsprechender Unterlagen und Bestehens von Befragungen mit Mitarbeitern der Konsularabteilung der argentinischen Botschaft in der Ukraine ein einjähriges Visum mit Arbeitsberechtigung erhalten, das bei Vorliegen eines offiziellen Arbeitsvertrags jährlich kostenlos verlängert wurde. Nach dreijährigem Aufenthalt in Argentinien konnte eine Person mit einem offiziellen Arbeitsvertrag eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis beantragen und später die argentinische Staatsbürgerschaft erhalten.[12]
Nach Angaben des argentinischen Migrationsamts kamen zwischen 1993 und 2003 etwa 25.000 Ukrainer nach Argentinien. Die überwiegende Mehrheit der neu angekommenen verfügte über eine höhere oder weiterführende Fachausbildung. Eine Analyse der verfügbaren statistischen Daten zeigt, dass der Zustrom ukrainischer Auswanderer nach Argentinien ab 2002 deutlich zurückging. Im Gegensatz dazu stieg die Zahl der Ukrainer, die Argentinien verließen und in die Ukraine zurückkehrten oder nach Nordamerika oder Westeuropa auswanderten, jedes Jahr. Dies ist vor allem auf die Argentinien-Krise zurückzuführen, in deren Folge viele Ukrainer ihre Arbeit und damit ihre finanzielle Absicherung verloren.[12]
Die Mehrheit der ethnischen Ukrainer lebt in der Hauptstadt und Provinz Buenos Aires (über 120.000) und der Provinz Misiones (ca. 170.000). Auch die Provinzen Chaco (50.000), Córdoba (15.000), Mendoza (10.000), Formosa (8.000 bis 10.000), Río Negro (3.000) und Corrientes (3.000) sind Orte mit dichter Besiedlung.[12]
Wirtschaft
Die ersten Siedler in Misiones engagierten sich in der Landwirtschaft und Viehzucht, die zunächst nur auf die Deckung des Familienbedarfs ausgerichtet waren. Mit der Zeit entwickelte sich eine eher monokulturelle Form der vor Ort typischen Landwirtschaft. Ukrainische Landwirte in Misiones bauen hauptsächlich Tee, Reis, Orangen und Zitronen sowie in einigen Gebieten Zuckerrohr und Baumwolle an. Die Provinzen Chaco und Formosa produzieren Baumwolle, Sorghumhirse und Mais; auch die Forstwirtschaft spielt dort eine wichtige Rolle. In der Provinz Mendoza sind Weinbau und Obstanbau die wichtigsten landwirtschaftlichen Aktivitäten, in Río Negro Obstanbau, Forstwirtschaft und Hopfenanbau und in den Provinzen Buenos Aires, Santa Fe und Entre Ríos der Anbau von Weizen, Mais und anderen Getreidesorten. Durch die Bewirtschaftung des Neulandes leisteten die ukrainischen Einwanderer einen großen Beitrag zur Entwicklung der argentinischen Volkswirtschaft.[7]
In städtischen Gebieten arbeiteten die Einwanderer zunächst entweder in manuellen Tätigkeiten wie im Eisenbahn-, U-Bahn- und Hafenbau oder als Fabrikarbeiter oder als Hausmeister, Hausangestellte und Saisonarbeiter. Viele von ihnen erwarben die notwendigen Qualifikationen für bessere Arbeitsplätze. Die Zahl der Fachkräfte stieg mit der dritten Einwanderungswelle deutlich an. Ukrainische Industrie- und Handelsunternehmen wurden gegründet, und Dienstleistungsagenturen verschiedener Art entstanden. Viele junge Ukrainer profitierten von der kostenlosen Universitätsausbildung in Argentinien, und die ukrainische Gemeinschaft brachte eine große Anzahl von Absolventen in verschiedenen Berufsfeldern hervor.[7][9]
Kultur
Organisationen
In Misiones waren Priester an der Organisation des Gemeindelebens beteiligt. Pfarrer J. Karpjak gründete 1910 in Apóstoles die erste Bildungseinrichtung: Die „Schaschkewytsch-Lesegesellschaft“. O. Ananewytsch gründete 1912 in Azara in der Provinz Misiones eine ähnliche Gesellschaft und in Apóstoles den Gesellschaftsverein „Ukraina“. Auch an anderen Orten in Misiones entstanden Gemeindegruppen und -einrichtungen. In Apóstoles und Oberá wurden Taras-Schewtschenko-Denkmäler errichtet.[7]
Die Ukrainer in der Provinz Buenos Aires begannen ein organisiertes Gemeindeleben mit der Gründung verschiedener Gruppen, wie beispielsweise des Theaterensembles „Moloda Ukraina“, das 1924 in Berisso gegründet wurde. Zur gleichen Zeit wurde in Buenos Aires ein Proswita-Verein gegründet. Die beiden Gruppen schlossen sich zu einer größeren Organisation zusammen, die später in der gesamten Provinz Buenos Aires sowie in mehreren anderen Provinzen Zweigstellen gründete. Dieser Verein konnte nicht alle Bedürfnisse der Gemeinschaft befriedigen. Daher wurden weitere Gruppen gegründet: 1931 der „Sokil-Verein“, der sich sportlichen und paramilitärischen Aktivitäten widmete, und 1933 die „Ukrainische Schützen-Hromada“ mit paramilitärischem Charakter. Beide Organisationen gründeten Zweigstellen und schlossen sich 1938 zum „Widrodschennja-Verein“ zusammen. Proswita und Widrodschennja sind die beiden größten ukrainischen Organisationen. Es entstanden noch weitere Gruppen, die vergleichsweise kurzlebig waren.[7]
Jede dieser Organisationen mit Hauptsitz in Buenos Aires sowie der Sokil-Verein in Córdoba gehören zur „Ukrainischen Zentralvertretung in Argentinien“, einem Dachverband, der 1947 auf dem ersten Kongress der Ukrainer in Argentinien gegründet wurde. Die meiste Arbeit leisteten die beiden größeren Gesellschaften, Proswita und Widrodschennja. Sie organisierten u. a. Schulen, Bibliotheken, Theatergruppen, Chöre, Erholungsorte und Kreditgenossenschaften.[7]
Kunst
Im Jahr 2011 gab es laut der Website der ukrainischen Botschaft in Buenos Aires rund 20 ukrainische Tanzensembles, Chöre und Bandura-Musikkapellen in den Provinzen Buenos Aires, Misiones und Santa Fe.[7] Das ukrainische Folkloreballett „Proswita“ besteht aus über 60 jungen Tänzern und Musikern, meist ukrainischer Abstammung. Sie geben regelmäßig Konzerte in der Hauptstadt, verschiedenen Provinzen Argentiniens und im Ausland (Brasilien, Uruguay, Paraguay), nehmen an Tanzwettbewerben teil und besuchten 2001 und 2017 auf Tournee mehrere Städte in der Ukraine. Das Ensemble wird von Serhij Jaremko und Iryna Beresowska geleitet.[12]
Das „Taras-Schewtschenko-Bandura-Ensemble“ wurde am 6. Juni 1961 von Basylio Kaschtschurak gegründet, der es 25 Jahre lang leitete. Der derzeitige Leiter des Ensembles ist Rikardo Alechandro Berehowyj. Der „Karpatenchor“, der zur Zweigstelle der Proswita in San Martín gehört, wurde 1966 gegründet. Die Chorleiterin ist Stefanija Rostawyzka. Der Chor hat sowohl in der ukrainischen Gemeinde als auch in anderen Gemeinden in der Hauptstadt, in den Provinzen und im Ausland Bekanntheit erlangt.[12] Zu bekannten ukrainischstämmigen Künstlerinnen und Künstlern gehören die Pianistin Martha Argerich, die Dichterin Alejandra Pizarnik und die Schriftsteller César Tiempo und Igor Kaczurowskyj.[2]
Politik
Die Teilnahme am politischen Leben des Landes zeigt sich vor allem in den Provinzen Misiones und Chaco, wo Ukrainer in der lokalen Regierung tätig waren. Zu diesen Persönlichkeiten zählten die langjährigen Bürgermeister von Apóstoles, I. Senyschyn und O. Warenyzja, der Bürgermeister von San Bernardo in Chaco. Bohdan Halajtschuk war Berater im Außenministerium. Zu den weiteren, jüngeren Mitgliedern zählten Eugenio Juzwa und Néstor Juzwa, die von 1991 bis 1995 und von 1995 bis 2003 Bürgermeister von Berisso waren, sowie Mariano Balanda, ein Bundesparlamentarier und Gesundheitsminister in Misiones.[7]
Bildung
Die ukrainischen Schulen in Argentinien sind meist ergänzende Samstags- oder Sonntagsschulen. Anfang der 1990er Jahre gab es vier Ganztagsschulen, zwei in Apóstoles, eine in Posadas und eine in Berisso, unter der Leitung des basilianischen Mönchsordens mit Spanisch als Unterrichtssprache. Die meisten dieser ergänzenden ukrainischen Schulen werden von den Vereinen Proswita und Widrodschennja sowie den Kirchengemeinden gefördert und betrieben. Die erste ukrainische Schule wurde 1910 von Pfarrer I. Senyschyn in Apóstoles gegründet. 1967 besuchten rund 300 Kinder etwa 20 Grundschulen im Großraum Buenos Aires und in Berisso. Der Unterricht wird von Laien, Priestern und Nonnen gehalten. Seit 1967 werden Ukrainisch-Studien auf Sekundar- und höherer Ebene an der Zweigstelle der Ukrainischen Katholischen Universität in Buenos Aires angeboten.[7]
Zu bekannten argentinisch-ukrainischen Wissenschaftlern gehörten Jurij Poljanskyj, Professor für Geologie an der Universidad de Buenos Aires; Bohdan Halajtschuk, Professor für Völkerrecht an der Katholischen Universität von Argentinien; der Literaturwissenschaftler und Folklorist Jewhen Onazkyj, der Autor der Ukrainischen kleinen Enzyklopädie; und der Biochemiker und Nobelpreisträger für Medizin César Milstein. In den 1950er Jahren waren die meisten in der Kunst und Wissenschaft tätigen Personen Mitglieder der „Vereinigung ukrainischer Gelehrter, Literaten und Künstler“.[2][7][13]
Medien
Seit 1927 erschienen in Argentinien etwa 20 ukrainische Zeitungen und Zeitschriften. Zu den wichtigsten gehörten die Wochenzeitungen Ukrajinske slowo und Nasch klytsch; die religiösen Monatszeitschriften Schyttja und Jewanhelska sirka; die gesellschaftlichen und literarischen Monatszeitschriften Owid und Porohy; die humorvolle und satirische Monatszeitschrift Mitla und unregelmäßig erscheinende Zeitschriften wie die spanischsprachige Ucrania Libre. Nur Ukrajinske slowo und Nasch klytsch überlebten als offizielle Organe der Proswita und Widrodschennja.[7]
Das erste ukrainische Radioprogramm Wilna Ukrajina wurde durch die Bemühungen von W. Iwanyzkyj und Lidija Makarucha ins Leben gerufen. Es erschienen auch weitere Programme, darunter ukrainische Kulturprogramme, die im nationalen Radio ausgestrahlt wurden.[7]
Religion
Traditionell gehörten zwei Drittel der Ukrainer in Argentinien der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und weniger als ein Viertel der ukrainisch-orthodoxen Kirche an. Die übrigen waren Baptisten, Anhänger verschiedener Religionsgemeinschaften oder gaben keine Religionszugehörigkeit an.[7]
Das erste orthodoxe Zentrum in der Gemeinde Tres Capones in Misiones wurde von ukrainischen Galiziern gegründet, die 1908 zur orthodoxen Kirche konvertierten. Ihr Gemeindepfarrer war bis 1943 der aus Wolhynien stammende Pfarrer T. Hnatjuk. Die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche in der Diaspora wurde 1946 formell gegründet, als eine große Gruppe orthodoxer Einwanderer mitsamt ihrem Klerus in Argentinien ankam. Die organisatorischen Bemühungen wurden von Pfarrer I. Jaroslawskyj begonnen. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche in Argentinien unterstand nacheinander der Jurisdiktion von Metropolit Polikarp Sikorskyj in Europa und Erzbischof Ihor Huba und Metropolit Ioan Teodorowytsch in den Vereinigten Staaten. Eine Zeit lang war sie Teil der südamerikanischen Eparchie unter Jow Skakalskyj, einem Hierarchen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in den USA.[7] Von 1957 bis 1967 gab die Verwaltung der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche in Buenos Aires die Ukrainische kleine Enzyklopädie heraus.[13]
Die orthodoxe Kirche in Argentinien besteht aus einer Kathedrale in der Stadt Buenos Aires und Pfarreien in den Vororten San Martín de Tours und Villa Caraza, Berisso in der Provinz Buenos Aires und mehreren Orten in der Provinz Chaco. Sie fällt unter die Jurisdiktion von Jeremías Ferens in Curitiba, dem Erzbischof der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche in Südamerika.[7]
Die ukrainischen Katholiken hatten in den ersten zehn Jahren ihrer Ansiedlung in Argentinien keinen eigenen Klerus. Versuche von Polen und Russen, Ukrainer zum römisch-katholischen oder russisch-orthodoxen Glauben zu bekehren, waren teilweise erfolgreich. Mehrere Einwanderer, die sich weigerten, ihren Glauben zu ändern, bauten stattdessen aus eigenen Mitteln Kirchen und Kapellen, in denen sie sich zum gemeinsamen Gebet versammelten.[7]
Im März 1908 kam der basilianische Priester K. Bschuchowskyj auf Anweisung von Metropolit Andrej Scheptyzkyj aus Brasilien nach Argentinien. Ein Jahr später wurde er von J. Karpjak abgelöst. Diesen beiden Priestern gelang es, den Grundstein für ein organisiertes kirchliches Leben in der Provinz Misiones zu legen, und ihre Arbeit wurde von I. Senyschyn (1910–1925) und S. Waprowytsch (1927–1935) fortgeführt. Die Organisation des kirchlichen Lebens in der Provinz Buenos Aires wurde von Pfarrer I. Majka (1940–1950) initiiert und vom basilianischen Mönchsorden mit Hilfe des Klerus fortgeführt. 1968 schuf der Vatikan unter Bischof Andrés Sapelak ein Exarchat für ukrainische Katholiken in Argentinien und erhob es 1978 in den Status einer Eparchie.[7]
Im Jahr 2014 umfasste die Eparchie 13 Pfarreien, 20 Priester (13 Diözesanpriester und 7 Ordenspriester) und 87 Nonnen. Swjatoslaw Schewtschuk war vom 10. April 2010 bis zum 25. März 2011 Apostolischer Administrator für die Ukrainer in Argentinien. Sein Nachfolger wurde am 22. Juni 2011 Daniel Kozelinski Netto, der 2013 auch zum Apostolischen Visitator für die griechisch-katholischen Ukrainer in Chile, Paraguay, Uruguay und Venezuela ernannt wurde.[7]
Die ukrainischen Evangelikalen gehörten ursprünglich der „Slawischen Union Evangelischer Christen und Baptisten“ an. Auf Initiative von M. Bachor und anderen Pfarrern gründeten sie 1955 die unabhängige „Ukrainische Allianz Evangelischer Christen und Baptisten“. Anfang 1979 vertrat dieser Verband drei evangelische Gemeinden und hatte seinen Sitz in Oberá in der Provinz Misiones.[7]
Wissenschaftliche Rezeption
Es gibt wenig sowjetische Forschung über die ukrainische Diaspora Argentiniens, was an der Stagnation unter Leonid Breschnew liegt. Der Forscher argentinischer Abstammung Leopoldo José Bartolomé schrieb in den USA eine Doktorarbeit über Ukrainer und Polen im Departamento Apóstoles, die größtenteils auf Feldforschung beruhte. Danach erschienen mehrere seiner Artikel, und später veröffentlichte er zusammen mit Ryszard Stemplowski, der eine Reihe von Studien zur frühen Geschichte der Ukrainer und Polen in Misiones auf der Grundlage polnischer Quellen durchführte, eine Gemeinschaftsarbeit über die slawische Bevölkerung von Misiones. 1986 verfasste der Kanadier Oleg Gerus den ersten englischsprachigen Gesamtüberblick über die Geschichte der Ukrainer in Argentinien, der in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wurde.[5]
Anfang der 1980er Jahre erschienen zwei Bücher in ukrainischer Sprache über die argentinisch-ukrainische Gemeinschaft. Eines davon stammt von Mychajlo Danylyschyn. Es scheint aus der Perspektive eines Einwanderers aus der Zwischenkriegszeit geschrieben zu sein, der die älteste und stabilste säkulare ukrainische Organisation Argentiniens, die Proswita, leitete. Der Autor des zweiten Buches war Mychajlo Wassylyk, ein Einwanderer aus der Nachkriegszeit. Sein Buch deckte zeitgenössische Trends und Ereignisse in der ukrainischen Gemeinschaft ab. Kurze Auszüge aus Wassylyks Buch erschienen auf Spanisch in verschiedenen lokalen Publikationen und Danylyschyn schrieb regelmäßig Artikel auf der Grundlage seiner eigenen Forschungen und Beobachtungen und veröffentlichte sie in ukrainischsprachigen Zeitschriften im Ausland.[5]
Nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine erschienen mehrere Veröffentlichungen zu diesem Thema, die sich auf westliche Sekundärquellen stützten. Nach der Eröffnung der Botschaften in der Ukraine und Argentinien und der Wiederbelebung des Austauschs zwischen den beiden Ländern erschien die erste eigenständige, in der Ukraine verfasste Publikation, die sich ausschließlich Argentinien widmete. Sie fiel zeitlich mit dem hundertsten Jahrestag der ukrainischen Besiedlung Argentiniens im Jahr 1997 zusammen, zu dem in beiden Ländern mehrere Veranstaltungen stattfanden.[5]
Im Jahr 2000 erschien in einer wissenschaftlichen Zeitschrift in Lwiw ein Artikel von Oksana Sapeljak über ukrainische Schulen, die von der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Argentinien gegründet wurden. Die Studie basiert auf Material, das die Forscherin in Argentinien zusammengetragen hatte. Im Jahr 2001 veröffentlichte Stepan Katscharaba, Co-Autor eines Buches über die ukrainische Emigration aus Galizien und der Bukowina vor dem Ersten Weltkrieg, einen wissenschaftlichen Artikel über die ukrainische Emigration aus der Westukraine nach Argentinien in der Zwischenkriegszeit, basierend auf Archivquellen. Im Jahr 2002 erschien eine Veröffentlichung von S.W. Schabelzau aus Minsk über die Repatriierung von Einwanderern und ihren in Argentinien geborenen Kindern in die Ukraine, die 1950 stattfand. Im Jahr 2008 untersuchte Ljubow Kuschel den Inhalt ukrainischer Almanache oder Kalender, die zwischen 1914 und 1939 in Argentinien und Brasilien veröffentlicht wurden und in der Nationalen wissenschaftlichen Stefanyk-Bibliothek der Ukraine aufbewahrt werden. Das im selben Jahr veröffentlichte Buch von Oksana Sapeljak untersucht die ukrainische Gemeinschaft aus historischer und ethnographischer Perspektive. Als Forschungsquellen dienten Materialien aus einer Umfrage mit mehr als zweihundert Befragten mit ca. 60 Stunden Tonaufnahmen.[5]
Die Hundertjahrfeier der ukrainischen Besiedlung Argentiniens hat bei den Nachkommen der ersten Pioniere Argentiniens Interesse an diesem Thema geweckt. Einer von ihnen, der Historiker Esteban Ángel Snigur, der sich zuvor unter anderem mit der Erforschung der lokalen Jesuitenmissionen beschäftigt hat, hat auf der Grundlage wenig bekannter Primär- und Sekundärquellen eine detaillierte Interpretation der Geschichte der ersten ukrainischen Einwanderungswelle nach Misiones verfasst.[5]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b Countries of the American continent. In: mfa.gov.ua. 16. Oktober 2023, abgerufen am 6. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Elena Letissija Mikussinski: «У ПОШУКАХ МОГО КОРІННЯ». In: eucra.cancilleria.gob.ar. 12. August 2025, abgerufen am 6. Oktober 2025 (ukrainisch).
- ↑ Horacio Fernando Soria, Miguel Lo Bianco: 'She woke up with bombs': Ukrainian diasporas in Latin America protest invasion. In: reuters.com. 26. Februar 2022, abgerufen am 6. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Ivan Katchanovski, Zenon E. Kohut, Bohdan Y. Nebesio, Myroslav Yurkevich: Historical dictionary of Ukraine. The Scarecrow press, Inc, 2013, ISBN 978-0-8108-7845-7, S. 126.
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n M. Hrymytsch: Сергій ЦІПКО. ІСТОРІЯ ДОСЛІДЖЕНЬ ПРО УКРАЇНЦІВ АРГЕНТИНИ. In: historians.in.ua. 28. Dezember 2014, abgerufen am 6. Oktober 2025 (ukrainisch).
- ↑ Vic Satzewich: The Ukrainian Diaspora. Taylor & Francis, 2003, ISBN 978-1-134-43495-4, S. 56.
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x Argentina. In: Encyclopedia of Ukraine. Abgerufen am 6. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Mykola Jakowenko: Історія України. Інтенсивний курс підготовки до зовнішнього незалежного оцінювання. LytRes, 2019, ISBN 978-5-457-41369-6, S. 194.
- ↑ a b c Wassyl Bilozerkiwskyj: Історія України. TOW "OWS", 2007, ISBN 978-966-7858-45-2, S. 561.
- ↑ Посольство України в Аргентинській Республіці - Політичні відносини між Україною та Аргентиною. In: argentina.mfa.gov.ua. 30. Januar 2022, abgerufen am 6. Oktober 2025 (ua).
- ↑ Mychajlo Wassylyk: Арґентина, Арґентинська Республіка. In: Enzyklopädie der modernen Ukraine. Abgerufen am 7. Oktober 2025 (ukrainisch).
- ↑ a b c d e f Українці в Аргентині. In: argentina.mfa.gov.ua. 30. Januar 2020, abgerufen am 7. Oktober 2025 (ua).
- ↑ a b Oleksij Jas: УКРАЇНСЬКА МАЛА ЕНЦИКЛОПЕДІЯ (УМЕ). In: Enzyklopädie der Geschichte der Ukraine. Abgerufen am 2. Oktober 2024 (ukrainisch).