Ubuntu (Philosophie)

Ubuntu, ausgesprochen [ùɓúntú], bezeichnet eine Lebensphilosophie, die im alltäglichen Leben aus afrikanischen Überlieferungen heraus vor allem im südlichen Afrika praktiziert wird. Das Wort Ubuntu kommt aus den Bantusprachen der Zulu und der Xhosa und bedeutet in etwa „Menschlichkeit“, „Nächstenliebe“ und „Gemeinsinn“ sowie die Erfahrung und das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist. Ubuntu kann aufgefasst werden als „gemeinsam zu Menschen werden, einander wechselseitig menschlich machen“.[1]

Damit wird eine Grundhaltung bezeichnet, die sich vor allem auf wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Achtung der Menschenwürde und das Bestreben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft stützt, aber auch auf den Glauben an ein „universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet“. Die eigene Persönlichkeit und die Gemeinschaft stehen in der Ubuntu-Philosophie in enger Beziehung zueinander.

Der Aspekt der „extrovertierten Gemeinschaften“ ist der sichtbarste Teil dieser Philosophie. Menschen begegnen sowohl Fremden als auch Mitgliedern der Gemeinschaft mit aufrichtiger Herzlichkeit. Diese offene Herzlichkeit ist nicht nur ästhetischer Natur, sondern ermöglicht auch die Bildung spontaner Gemeinschaften. Die daraus resultierende Zusammenarbeit innerhalb dieser spontanen Gemeinschaften geht über das Ästhetische hinaus und verleiht dem Wert der Herzlichkeit eine funktionale Bedeutung. Wärme ist nicht die unabdingbare Voraussetzung (sine qua non) für die Bildung einer Gemeinschaft, schützt aber vor instrumentellen Beziehungen. Leider kann aufrichtige Herzlichkeit einen gegenüber Menschen mit Hintergedanken verwundbar machen.[2]

Ubuntu enthält auch politische und religiös-spirituelle Aspekte, die die Verantwortung des Individuums innerhalb seiner Gemeinschaft betonen. Es gibt Versuche des südafrikanischen Verfassungsgerichts, diesen afrikanischen Kulturwert bei der Auslegung der Grundrechte in der südafrikanischen Verfassung einzubeziehen.

Der 14. Dalai Lama sieht in der Ubuntu-Philosophie eine Ähnlichkeit mit dem grundlegenden Glauben, dass wir alle wechselseitig voneinander abhängig sind (Bedingtes Entstehen) und uns daher mit einem Gefühl der universellen Verantwortung verhalten müssen.[3]

In der ruandischen/burundischen Sprache (Kinyarwanda/Kirundi) bedeutet Ubuntu auch gratis.[4]

Maximen oder kurze Aussagen

Ubuntu wird oft in kurzen Aussagen dargestellt, die Samkange (1980) als Maximen bezeichnet.[5] Einige davon sind:

  • Motho ke motho ka batho (Sotho/Tswana). Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.
  • Umuntu ngumuntu ngabantu (Zulu). Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.
  • Umntu ngumntu ngabantu (Xhosa). Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.
  • Munhu munhu nevanhu (Shona). Ein Mensch durch andere Menschen.
  • Ndiri nekuti tiri (Shona). Ich bin, weil wir sind.
  • Munhu i munhu hivanwani vanhu (Xitsonga). Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.
  • Muthu ndi muthu nga vhathu (Venda). Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.

Bekannte Vertreter

Tunde Onakoya ist ein nigerianischer Schachspieler, der weltweit Bekanntheit durch sein Engagement für Kinder im Schachsport erlangte. Onakoyas Umbuntu Philosophie spiegelt sich in seinem Wirken wider und treibt seine Vision voran, in jeder Slumgemeinde Afrikas eine Schachakademie zu etablieren.[6]

Stanlake John William Thompson Samkange war ein simbabwischer Historiker und Schriftsteller.[7] Bekannt wurde er u. a. durch die gemeinsam mit Tommie Marie Samkange verfasste Schrift Hunhuism or Ubuntuism.[8][9] In der Schrift legten beide eine indigene zimbabwische politische Philosophie dar, welche das ethische Prinzip von hunhu und Ubuntu als Grundlage sozialen und politischen Handelns beschreibt.

Desmond Mpilo Tutu war ein südafrikanischer anglikanischer Geistlicher, Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger. Tutu hat Ubuntu wie folgt definiert: „Es bezieht sich auf Sanftmut, Mitgefühl, Gastfreundschaft, Offenheit gegenüber anderen, Verletzlichkeit, Verfügbarkeit für andere und das Bewusstsein, dass man mit ihnen im Bündel des Lebens verbunden ist.“[10] In Anlehnung an diese Sichtweise von Ubuntu schätzte Tutu das Sprichwort der Xhosa, dass „ein Mensch durch andere Menschen zum Menschen wird“.

Namensgebende Verwendung

Literatur

  • Michael Battle, Reconciliation: The Ubuntu Theology of Desmond Tutu. Pilgrim Press 2009, ISBN 978-0-8298-1833-8.
  • Lewis Griggs: Valuing diversity: new tools for a new reality. McGraw-Hill, New York 1995, ISBN 978-0-07-024778-9.
  • Michael Onyebuchi Eze: Intellectual HistorISBN 978-0-230-62299-9.
  • Lesley le Grange: Ubuntu. Konzept gemeinschaftlicher Verbundenheit. In: Ashish Kothari et al. (Hrsg.): Pluriversum. Ein Lexikon des guten Lebens für alle. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2023, ISBN 978-3-945959-67-1.
  • Claude-Hélène Mayer: Interkulturelle Mediation im Spannungsfeld westlicher und afrikanischer Perspektiven. In: D. Busch und H. Schröder (Hrsg.): Perspektiven Interkultureller Mediation. Studien zur Interkulturellen Mediation 2. Peter Lang, Frankfurt 2005, S. 245–266.
  • Claude-Hélène Mayer und Christian Boness: Südafrikanische Kulturstandards. Handlungsrelevantes Wissen für Fach- und Führungskräfte. In: Africa Spectrum 38. 2003, S. 173–196.
  • Willem de Liefde: Ubuntu. Signum, München 2006, ISBN 3-7766-8007-5.
  • S. Ntibagirirwa: Ubuntu as a Metaphysical Concept. In: J Value Inquiry 52, 2018, S. 113–133, doi:10.1007/s10790-017-9605-x.
  • R. K. Chigangaidze, A. A. Matanga, T. R. Katsuro: Ubuntu Philosophy as a Humanistic–Existential Framework for the Fight Against the COVID-19 Pandemic. In: Journal of Humanistic Psychology, 62(3), 2002, S. 319–333, doi:10.1177/00221678211044554.
  • Oliver Mutanga: Ubuntu Philosophy and Disabilities in Sub-Saharan Africa. Routledge, New York 2023, ISBN 978-1-03-238141-1.
  • Mungi Ngomane: I am because you are. Ubuntu: 14 südafrikanische Lektionen für ein Leben in Verbundenheit. Kailash Verlag, München 2019, ISBN 978-3-424-63192-0.
  • Stanlake Samkange, Tommie Marie Samkange: Hunhuism or Ubuntuism: A Zimbabwe Indigenous Political Philosophy Graham Publishing 1980, ISBN 978-0-86921015-4
  • Michael Tellinger: Das Ubuntu-Prinzip. Hesper Verlag 2014, ISBN 978-3-943413-12-0.

Siehe auch

Commons: Ubuntu (Philosophie) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Was ist afrikanische Philosophie? Afrikas Denken hat der Welt heute viel zu geben. Ein Gespräch mit dem senegalesischen Philosophen Souleymane Bachir Diagne über die Ideen des Ubuntu und dass jeder Mensch eine Kraft ist. In: Die Zeit. 9. November 2023, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 19. November 2023]).
  2. Lewis Griggs: Valuing diversity: new tools for a new reality. McGraw-Hill, New York 1995, ISBN 978-0-07-024778-9, S. 200 (englisch, Von en-WP, Stand 22.11.25).
  3. The Office of His Holiness The Dalai Lama. Abgerufen am 12. November 2025 (englisch).
  4. ubuntu n 14 - grace, free. In: kinyarwanda.net. Abgerufen am 8. Februar 2022.
  5. Stanlake John Thompson Samkange, Tommie Marie Samkange: Hunhuism or ubuntuism: a Zimbabwe indigenous political philosophy. Graham Pub, Salisbury 1980, ISBN 978-0-86921-015-4.
  6. Guardian Nigeria: Tunde Onakoya: Launching Stars Through Chess. In: The Guardian Nigeria News - Nigeria and World News. 27. Juni 2021, abgerufen am 13. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  7. Samkange — A reconstruction. In: The Herald. 10. November 2013, abgerufen am 16. September 2025 (englisch).
  8. On trial for my country (Samkange, 1966). In: Internet Archive. 29. Juni 2010, abgerufen am 16. September 2025 (englisch).
  9. Hunhuism Or Ubuntuism: A Zimbabwe Indigenous Political Philosophy. In: Google Books. 1980, abgerufen am 16. September 2025 (englisch).
  10. Anthony Sampson: Valuing diversity®: new tools for a new reality. McGraw-Hill, New York 1995, ISBN 978-0-07-024778-9 (englisch).
  11. Circus Ubuntu - Programmhefte. Abgerufen am 7. Dezember 2023.
  12. Circus Ubuntu - Tournee 2023 Das Herz des Dschungels. Abgerufen am 7. Dezember 2023.
  13. Jenny Lei Ravelo: Inside Ubuntu’s rebranding roll-out. In: devex. 25. Oktober 2017, abgerufen am 7. Dezember 2023 (englisch).
  14. Pixley Ka Seme (PDF), S. 10, abgerufen am 7. Dezember 2023.
  15. Small-Body Database Lookup. Abgerufen am 7. Dezember 2023.
  16. Diocesan Staff: Ubuntu: 76th General Convention Theme. 23. Juni 2009, abgerufen am 7. Dezember 2023 (englisch).
  17. Henning Mankell: "Das Geld, das wir für Hundefutter ausgeben, würde reichen, um alle Kinder der Welt in die Schule zu schicken!" In: SOS-Kinderdörfer weltweit. 16. Juli 2019, abgerufen am 7. Dezember 2023.
  18. Ubuntu e. V. - Humanitäre Hilfe für Afrika. 12. Mai 2020, abgerufen am 7. Dezember 2023 (deutsch).
  19. Ubuntu e. V. – Was, warum, wer, wie! – Ubuntu Afrika e. V. 16. Juli 2020, abgerufen am 7. Dezember 2023 (amerikanisches Englisch).