Trude Neu
Trude Neu (* 6. April 1912 in Nürnberg; † Mai 2001 in England) war eine deutsche Textil- und Spielzeugdesignerin, Malerin und Beschäftigungstherapeutin jüdischer Herkunft, die 1938 ins Exil ins Vereinigte Königreich floh.
Werdegang
Gertrud „Trude“ Neu wurde als Tochter des Kaufmannes Moritz Neu (1875–1936) und seiner Frau Rosa (geborene Kohn; *1890) in Nürnberg geboren und wohnte mit ihren Eltern in der Petzoldstraße 16.[1] Sie besuchte ab 1930 die Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers wurde das Leben unter den Bedingungen der zunehmenden Judenverfolgung im NS-Staat zunehmend schwerer und kurz vor ihrem Studienabschluss wurde Trude Neu gezwungen, 1933 die Nürnberger Hochschule zu verlassen.[2][3] Sie fand eine Möglichkeit zu arbeiten, indem sie privat Kunstunterricht für Kinder erteilte und mehrere Jahre als Kinderfrau für zwei Kinder sorgte. 1934 wurde die Fabrik ihres Vaters von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Er starb 1936 im Israelitischen Krankenhaus Fürth nach einer Beinamputation wegen Diabetes und 1937 zog die Großmutter zur Familie, nachdem auch ihre Wohnung beschlagnahmt worden war. Nach den Novemberpogromen 1938 fand die Familie Unterschlupf bei Freunden.[4][5]
Leben im Exil
1939 erhielt Trude Neu mit Hilfe des „deutschjüdischen Flüchtlingskomitees in Nordirland“ ein Visum für Hausangestellte und emigrierte Anfang Juni 1939 nach Nordirland.[2] Sie arbeitete in verschiedenen Haushalten, darunter auch in einem Mädchenheim, und erlernte die Sprache. Ihrer Mutter Rosa († 1958) gelang Anfang September die Flucht über Holland nach Irland. Die beiden Frauen arbeiteten in den kommenden 18 Monaten als Hausmädchen und Köchin, zunächst auf einem Landsitz zehn Meilen von Belfast entfernt. Neben der Arbeit stellten sie Dinge her, die sie verkaufen konnten, nähten und stickten mit Stoffen und Material, die ihnen von ihrer Arbeitgeberin geschenkt wurden, und bauten sich so einen Kundenstamm auf. Danach arbeiteten sie in einem auf einer Insel gelegenen Landhaus in einem Haushalt mit zwei Töchtern von zwei und vier Jahren.[4] Dort begann Trude Neu mit Wasserfarben zu malen, um die Schönheit ihrer Umgebung festzuhalten.[5]
Weiteres Leben
Im Jahr 1941 zog Trude Neu mit ihrer Mutter nach Belfast in ein großes Dachgeschosszimmer und machte sich mit der Fertigung und dem Verkauf von eigener Kunst und Kunsthandwerk selbständig. Sie verkaufte selbst entworfene Handpuppen, die sie aus Pappe und bemalten gedrechselten Holzköpfen fertigte, und Kasperltheater mit Puppen. Die Kostüme nähte sie auf einer geliehenen Nähmaschine aus Stoffresten. Die erste Serie mit Puppen in zwölf verschiedenen Nationaltrachten konnte sie an ein Warenhaus verkaufen.[6] Außerdem hielt sie Vorträge am Womens' Institute mit „Demonstrationen für die praktische Hausfrau“.[5] Sie zog mit ihrer Mutter innerhalb Belfasts in eine größere Wohnung mit Schlafzimmer und Küche und belegte für zwei Jahre Abendkurse in Textildesign, Textildruck und Malerei an der Belfast Academy of Art. Tagsüber arbeitete sie als Textildesignerin bei den Belfaster York Street Flax Spinning Mills, für die sie in ihrem eigenen Atelierraum „mit großem Erfolg kühne und farbenfrohe Stoffe“ entwarf.[2] 1945 ließ Trude Neu sich, begleitet von ihrer Mutter, in Manchester nieder, als der Betrieb dorthin verlegt wurde.[3][5]
Im April 1948 begann Trude Neu eine weitere Ausbildung zur Ergotherapeutin, die sie mit Kunstunterricht für die dortigen Schüler und mit Hilfe eines Stipendiums finanzierte. Während des Studiums erhielt sie die Gelegenheit unter Schirmherrschaft der International Refugee Organisation (IRO) mit kranken Frauen in Sanatorien und Krankenhäusern in Heilbronn und Gauting bei München zu arbeiten. 1950 kehrte sie nach England zurück, um ihre Ausbildung 1951 abzuschließen. Sie arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1973 als Beschäftigungstherapeutin mit Schwerpunkt auf Kunsthandwerk, Stickerei und Weberei im Lungensanatorium Standish Chest Hospital bei Stroud in Gloucestershire,[3][5] 1959 heiratete sie Desmond Lindsey (* 1910) und hieß nun Trude Neu Lindsey.[2][5] Trude Neu starb 2001 in England.
Ausstellungen und Werke in Museen (Auswahl)
- 1946: Einzelausstellung in einer Galerie in Manchester[5]
- 1946: Britain can make it. London (Teilnahme mit Gardinenstoffen)[5]
- 1948: Buchhandlung „Gibb’s“, Manchester (Zeichnungen und Gemälde)[3]
- 1990: Flucht - Vertreibung - Exil - Asyl: Frauenschicksale im Raum Erlagen, Fürth, Nürnberg, Schwabach. Nürnberg
- 2018: La Bonne. Museum Frauenkultur Regional International, Marstall in Fürth-Burgfarrnbach
- 2025: Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Jüdisches Museum Berlin[7]
Ein Teil ihres Nachlasses wird im Archiv des Victoria and Albert Museum aufbewahrt, darunter persönliche Papiere und Fotografien aus ihrer Kindheit bis in die 1980er Jahre, Spielzeug- und Textilentwürfe, Stoffmuster, Fotografien von Kunstwerken und Spielzeug, Skizzenbücher, Skizzen, Zeichnungen und Gemälde.[3]
Literatur
- Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 236–237, 252
- Trude Neu-Lindsey: Zufall oder Vorbestimmung? In: Brigitte Fischer-Brühl: Flucht, Vertreibung, Exil, Asyl. Frauenschicksale im Raum: Erlangen, Fürth, Nürnberg, Schwabach. Nürnberg 1990, S. 162–171
Einzelnachweise
- ↑ Neu, Moritz In: Susanne Rieger, Gerhard Jochem: Biographische Bruchstücke jüdischer Wilhermsdorfer, 22. Februar 2020. Abgerufen am 23. Dezember 2025.
- ↑ a b c d Neu, Trude. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ a b c d e Trude Neu, textile designer: papers. In: V&A Archive of Art and Design, Victoria and Albert Museum. Abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ a b Trude Neu Lindsey. Textildesignerin, Beschäftigungstherapeutin. In: Frauen in der Einen Welt e.V., Museum Frauenkultur Regional-International. Abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ a b c d e f g h Trude Neu-Lindsey: Zufall oder Vorbestimmung? In: Brigitte Fischer-Brühl: Flucht, Vertreibung, Exil, Asyl. Frauenschicksale im Raum: Erlangen, Fürth, Nürnberg, Schwabach. Nürnberg 1990, S. 162–171
- ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 236–237, 252.
- ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 22. Dezember 2025.