Trente Glorieuses
Les Trente Glorieuses (deutsch: die dreißig Glorreichen) waren die dreißig Jahre von 1945 bis 1975 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Frankreich. Diese Periode fällt mit einem starken wirtschaftlichen Aufschwung und rasanten gesellschaftlichen Veränderungen zusammen, was ihre Charakterisierung als ein goldenes Zeitalter begründet. Der Begriff stammt von dem französischen Ökonomen Jean Fourastié und wurde 1979 von ihm erstmals in seinem Buch Les Trente Glorieuses, ou la révolution invisible de 1946 à 1975 benutzt, um die jüngere Vergangenheit zu beschreiben. In neueren historiographischen Untersuchungen erscheint die Periodisierung von Fourastié jedoch als problematisch durch deren Vereinheitlichung der Jahre 1945 bis 1975. Diese Periodisierung verbreitete sich rasch in den Medien, ohne dass Forscher über die Angemessenheit dieser Aufstellung debattierten. Fourastié war in den frühen 1980er Jahren nicht nur ein renommierter Ökonom, sondern auch ein bekannter Intellektueller und regelmäßiger Fernsehgast. Dadurch fanden seine Ideen schnell und weit Verbreitung.[1] Die von Fourastié hervorgehobenen Entwicklungen, entspringen Studien zufolge in einem deutlich längeren Zeitraum oder entwickelten sich weit über das Jahr 1975 hinaus. Auch ist zu erwähnen, dass die materiellen Veränderungen die Fourastié durch die Trente Glorieuses rechtfertigt, sich erst Mitte der 1960er Jahre im Alltag der Franzosen bemerkbar macht. Hinzu kommt, dass die Nachkriegszeit in Frankreich von verschiedenen Wirtschaftshistorikern in weitere mehrere Phasen unterteilt wird. Grundsätzlich wird dabei eine Phase des „Wiederaufbaus“ bis 1958 und eine Phase der „Offenheit“ von Ende der 1950er Jahre bis hin zur ersten Ölkrise 1973 definiert.[2] Der Begriff leitet sich von Les Trois Glorieuses (die drei Glorreichen) ab, den drei Tagen der Revolution vom 27. bis 29. Juli 1830 in Frankreich.[3] Die Periode fällt mit dem weltweiten Nachkriegsboom zusammen und erfolgte nahezu parallel zum Wirtschaftswunder in Deutschland und Österreich.
Geschichte
Bereits 1944 führte Charles de Gaulle eine dirigistische Wirtschaftspolitik, die Planification ein, die eine umfangreiche staatliche Kontrolle über die kapitalistische Wirtschaft beinhaltete, worauf 30 Jahre beispiellosen Wachstums folgten. In diesen dreißig Jahren wuchs Frankreichs Wirtschaft ebenso schnell wie die anderer Industrieländer im Rahmen des Marshallplans, etwa Westdeutschland, Italien und Japan. Weitere Faktoren neben dem Marshallplan, welche den Wirtschaftsaufschwung begünstigten, waren die zunehmende wirtschaftliche Integration in Westeuropa, markiert durch die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl 1952 und ihre Weiterentwicklung zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957. Zwischen 1948 und 1963 wuchs die Wirtschaftsleistung mit 4,8 Prozent pro Jahr und in den 1960er Jahren mit knapp sechs Prozent pro Jahr.[4] Realeinkommen, Löhne und Konsumausgaben stiegen stark an. Der Wohlfahrtsstaat wurde mit der 1945 eingeführten Sozialversicherung gegründet und in den folgenden Jahrzehnten stark ausgebaut.[5] Der französische Lebensstandard, der durch die beiden Weltkriege beeinträchtigt worden war, wurde zu einem der höchsten der Welt. Viele ländliche Départements verzeichneten einen Bevölkerungsrückgang, während die größeren Ballungsgebiete durch Urbanisierung, insbesondere die Agglomeration Paris, erheblich wuchsen. Der Besitz von verschiedenen Haushaltsgegenständen und Annehmlichkeiten nahm erheblich zu.[6] Gesellschaftlich ist die Zeit von einem demografischen Aufschwung durch den Babyboom, gesellschaftliche Modernisierung und Liberalisierung und steigende Einwanderung aus dem Ausland (besonders aus Nordafrika) geprägt. Durch den Algerienkrieg, den Kalten Krieg und die 68er-Bewegung kam es allerdings auch zu erheblichen sozialen und politischen Unruhen in diesem nachträglich als goldene Ära bewerteten Zeitabschnitt.[7]
Ab der ersten Ölkrise von 1973 entwickelte sich die französische Wirtschaft zwar immer noch gut, verlangsamte aber ihr explosives Wachstum. Es muss bedacht werden, dass bereits vor dieser Ölkrise einige interne Faktoren die Funktionsweise des französischen Wachstsumsregimes belasteten. Dazu trug der zunehmende Druck auf das bis dahin zentrale System der Kreditlenkung in den späten 1960er Jahren bei, der durch unterschiedliche Faktoren wie die wachsende Kapitalmobilität und die ersten Schritte der Finanzmarktöffnung verursacht wurde. Weitere Faktoren waren beispielsweise die Finanzliberalisierung, welche dazu führte, dass die bis dahin starke kreditquantitative Steuerung der Banque de France bedeutend an Wirkung verlor und die steigende Arbeitslosigkeit dazu führte dass restriktive Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung weniger akzeptiert wurden als zuvor.[8] Das Ende der „Trente Glorieuses“ wurde demnach nicht nur durch die Ölkrise eingeleitet, sondern vielmehr verstärkte diese Krise bereits bestehende interne Tendenzen, die zum Ende der Wachstumsphase führten. Die Mitte der 1970er Jahre markierte somit das Ende dieser Periode. Einen endgültigen Bruch mit der optimistischen Phase des wirtschaftlichen und demografischen Wachstums bilden schließlich die zweite Ölkrise (1979/1980) und der sich beschleunigende Pillenknick gegen Ende der 1970er Jahre. Die Einflüsse der Trente Glorieuses wirken allerdings bis ins 21. Jahrhundert auf die französische Gesellschaft ein.
Soziale Nebeneffekte
Neben der wirtschaftlichen Prosperität, die sich während den „Trente Glorieuses“ in Frankreich entwickelte, folgten dieser Prosperität jedoch verheerende soziale Probleme. Dazu gehörten weiterhin Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern, schwierige Arbeitsbedingungen und ungleicher Zugang zu Konsumgütern und sozialer Absicherung. Die Wohnungskrise und die Entstehung von Risikovierteln waren dabei direkte Folgen der verstärkten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in der Nachkriegszeit. Dabei kam es zu einem Mangel an Wohnraum und viele der Arbeitsmigranten waren gezwungen in provisorischen Barackensiedlungen am Stadtrand zu leben. Im Jahr 1966 wurden insgesamt 255 Barackensiedlungen mit rund 75.000 Bewohnern erfasst. Davon lebten rund 62 % in der Pariser Region. Der Anteil der Nordafrikanern betrug 42 %, der Portugiesen 21 %, der der Franzosen 20 % und der der Spanier 6 %.[9] Die Barackensiedlungen hatten dabei tiefgreifende Auswirkungen auf die französische Gesellschaft. Sie waren ein Spiegelbild des Scheiterns der sozialen Fortschritts- und Wohnungspolitik und ein Sinnbild der bis heute anhaltenden Diskriminierung von Immigranten. Diese Gegenden waren ein fruchtbarer Nährboden für anhaltende Ausgrenzung und Rassismus. Der französische Staat sah sich daher veranlasst mit dem Bau von Sozialwohnungen, Habitations à loyer modéré, zu beginnen. Damit sollte der Ausbreitung der Barackensiedlungen entgegengewirkt und die sichtbare Armut aus den Städten verdrängt werden.[10] Dies führte zu einer sozialen Stabilisierung.
Siehe auch
Literatur
- Gérard Petitpré: Les Trente glorieuses de la Ve République: 1958-1988 (= Pour comprendre). l'Harmattan, Paris 2014, ISBN 978-2-343-03014-2.
- Jean Fourastié, Daniel Cohen: Les trente glorieuses ou La révolution invisible de 1946 à 1975 (= Pluriel). Nouv. éd. Hachette littératures, Paris 2004, ISBN 978-2-01-279175-6.
Einzelnachweise
- ↑ Rémy Pawin: Retour sur les « Trente Glorieuses » et la périodisation du second XX e siècle:. In: Revue d’histoire moderne & contemporaine. n° 60-1, Nr. 1, 1. April 2013, ISSN 0048-8003, S. 155–175, doi:10.3917/rhmc.601.0155 (cairn.info [abgerufen am 3. Dezember 2025]).
- ↑ Rémy Pawin: Retour sur les « Trente Glorieuses » et la périodisation du second XX e siècle:. In: Revue d’histoire moderne & contemporaine. n° 60-1, Nr. 1, 1. April 2013, ISSN 0048-8003, S. 155–175, doi:10.3917/rhmc.601.0155 (cairn.info [abgerufen am 3. Dezember 2025]).
- ↑ Les Trente Glorieuses. Abgerufen am 12. März 2022 (französisch).
- ↑ Richard Vinen: Trente Glorieuses. In: France, 1934–1970 (= European Studies Series). Macmillan Education UK, London 1996, ISBN 978-1-349-24568-0, S. 111–126, doi:10.1007/978-1-349-24568-0_8.
- ↑ "Les trentes glorieuses" - Wirtschaftlicher Boom, Fortschrittsoptimismus und gesellschaftlicher Aufbruch 1950-1975 | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web. 12. März 2022, abgerufen am 12. März 2022.
- ↑ Michel Forsé, Jean-Pierre Jaslin: Recent Social Trends in France, 1960–1990. McGill-Queen's Press - MQUP, 1993, ISBN 978-0-7735-6323-0 (google.de [abgerufen am 12. März 2022]).
- ↑ "Les trentes glorieuses" - Wirtschaftlicher Boom, Fortschrittsoptimismus und gesellschaftlicher Aufbruch 1950-1975, 27.05.2005–28.05.2005 Bielefeld. Tagungsbericht. In: H-Soz-Kult. 30. Juni 2005, abgerufen am 12. März 2022.
- ↑ Éric Monnet: La politique monétaire française des Trente Glorieuses:. In: Revue d'économie financière. n° 121, Nr. 1, 11. Mai 2016, ISSN 0987-3368, S. 285–290, doi:10.3917/ecofi.121.0285 (cairn.info [abgerufen am 3. Dezember 2025]).
- ↑ Yvan Gastaut: Les bidonvilles, lieux d’exclusion et de marginalité en France durant les trente glorieuses. In: Cahiers de la Méditerranée. Nr. 69, 1. Dezember 2004, ISSN 0395-9317, S. 233–250, doi:10.4000/cdlm.829 (openedition.org [abgerufen am 3. Dezember 2025]).
- ↑ Yvan Gastaut: Les bidonvilles, lieux d’exclusion et de marginalité en France durant les trente glorieuses. In: Cahiers de la Méditerranée. Nr. 69, 1. Dezember 2004, ISSN 0395-9317, S. 233–250, doi:10.4000/cdlm.829 (openedition.org [abgerufen am 3. Dezember 2025]).