Tortenmumie
Als „Tortenmumie“[1] wird eine Nusstorte bezeichnet, die 2021, also 79 Jahre nach dem Luftangriff auf Lübeck am 29. März 1942, in den Ruinen des damals zerstörten Hauses Alfstraße 18 gefunden wurde. Sie ist momentan das einzige archäologisch freigelegte Feingebäck seiner Art in Norddeutschland.[2]
Alfstraße 18
Während des britischen Luftangriffes auf Lübeck in der Nacht zum Palmsonntag 1942 wurden große Teile der Lübecker Altstadt, insbesondere das Gründungsviertel, zerstört. In den 1950er- und 1960er-Jahren errichtete man hier neue Gebäude, wobei die alten Grundstücksbegrenzungen aufgegeben und die Straßen verbreitert wurden. Ein Teil der Nachkriegsbebauung, darunter zwei Schulen, wurde im Zuge der „Stadtreparatur“ ab 2009 abgetragen und durch Neubauten ersetzt, die an die Bebauung vor 1942 angelehnt sind. Ab 2013 wurde auf der südlichen Seite der Alfstraße mit den ungeraden Hausnummern die Hanseschule abgerissen. Der Abriss wurde von archäologischen Ausgrabungen begleitet.[3] Auf der nördlichen Straßenseite blieb die Nachkriegsbebauung mit mehreren Mehrfamilienhäusern erhalten, zwischen denen sich große Freiflächen befinden.
Das bei dem Luftangriff zerstörte Gebäude Alfstraße 18 hatte eine mittelalterliche Brandmauer zum Nachbarhaus Nr. 20, die die Parzellengrenze des 13. Jahrhunderts markiert. Es bestand aus einem dreigeschossigen Haupthaus mit klassizistischer Fassade, Seitenflügel und einer gemauerten Kloake im an die Mengstraße angrenzenden Hof.[4] Um 1899 war das Gebäude weitgehend umgestaltet worden.[5] Der mittelalterliche Gewölbekeller wurde in kleinere Räume unterteilt, in denen vermutlich kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs mit Beton verstärkte und mit einem Belüftungssystem ausgestattete Luftschutzräume eingerichtet wurden. Bei dem Bombeneinschlag brannte das Haus aus und die darüberliegenden Räume des Erdgeschosses, vermutlich Küche und Speisezimmer, stürzten in den Keller.[6]
Fund
Bei Entwässerungs- und Schachtsetzungsarbeiten im Bereich der ehemaligen mittelalterlichen Grundstücke Alfstraße 8–18 konnten Archäologen im April 2021 auch die nördliche Straßenseite untersuchen. Im bald nach dem Krieg mit Kriegsschutt verfüllten Keller des Gebäudes Alfstraße 18 fanden sie in den Boden eingeschmolzenes Metall und zu einer Masse verschmolzenes Glas, wohl Überreste der Küchenausstattung, und entdeckten die in Wachspapier eingeschlagene Torte.[6] Sie war beim Einsturz des Hauses vermutlich in einen kühlen Hohlraum gerutscht und hatte dort den Brand überstanden und anschließend die Jahrzehnte überdauert. Wo im Haus sie sich zum Zeitpunkt des Bombeneinschlags befand, ist nicht bekannt; am wahrscheinlichsten ist, dass sie in der Küche im Erdgeschoss oder im kühlen Keller stand.[4]
Das fein mit Zuckerglasur, Krokant als Randverzierung und Spritzdekor versehene Backwerk war zwar rußgeschwärzt, verkohlt und durch die Hitze auf ein Drittel seiner ursprünglichen Höhe zusammengedampft, aber dank des hohen Zuckeranteils und des sauerstoffarmen Raums ansonsten weitgehend unversehrt. Mittels Metabolomik konnten Spuren von Nüssen und Palmöl, das als Ersatz für die im Krieg kaum zu erhaltende Butter diente, festgestellt werden. Weitere Bestandteile konnten aufgrund der Verkohlung nicht rekonstruiert werden. Erhalten blieben aber der Karton, auf dem sie stand, und Teile des Wachspapiers.[7]
Neben der Torte fanden sich unter anderem ein zerbrochenes Kaffeeservice im Art-Déco-Design und etwa fünfzehn verbrannte Schellackplatten für ein Grammophon, von denen teilweise die Titel noch lesbar sind.[4]
Einordnung
Laut dem Lübecker Adressbuch gehörte das Haus Alfstraße 18 dem Kaufmann Johann Hitze, der hier mit seiner Frau Dagmar im Erdgeschoss lebte. Hitze war im Februar 1942 verstorben, doch seine Witwe hatte die Wohnung behalten.[7] Drei weitere Parteien wohnten in den oberen Stockwerken und im Seitenflügel. Dagmar Hitze entkam im Nachthemd aus dem Keller und rettete sich zu ihrer Tochter, die in der Glockengießerstraße lebte.[4]
Es wird angenommen, dass mit Torte, Service und musikalischer Untermalung eine festliche Kaffeetafel für den folgenden Tag vorbereitet worden war. Nicht rekonstruiert werden kann, ob die Torte vom Konditor stammte oder zu Hause selbst gebacken war. Anfangs wurde vermutet, dass hier eine Konfirmationsfeier vorbereitet worden war, denn zu Palmsonntag fanden traditionellerweise die Konfirmationen statt. Allerdings lebte 1942 kein Konfirmand in dem Haus.[4]
Dass mitten im Krieg eine Kaffeetafel mit Torte vorbereitet wurde, zeigt die Resilienz der Bevölkerung. Lübeck war bis zu dem Luftangriff eine weitgehend vom Krieg unberührte Stadt. Trotz Luftschutzkellern fühlte man sich vermutlich in der ausschließlich zivil genutzten Altstadt sicher. An die Lebensmittelknappheit und andere Beschränkungen hatte man sich gewöhnt und versuchte, das Beste daraus zu machen, um seinen Alltag möglichst normal weiterleben zu können. Die Tortenmumie ist ein Zeugnis dafür, wie der Luftangriff in das alltägliche Leben eingriff und es von einem Moment zum nächsten zerstörte.[8]
Dass sich unter den Schallplatten Beethovens Mondscheinsonate befand, erscheint als „Schaubild der Sinnlosigkeit des Krieges und der Zerstörung“, denn der britische Luftangriff auf Lübeck, das erste Flächenbombardement rein ziviler Wohngebiete, galt als Revanche für den Operation „Mondscheinsonate“ genannten Luftangriff deutscher Flugzeuge auf Coventry zwei Jahre zuvor.[5]
Unter dem Titel „Bittersüß! – Der Tortenfund von Lübeck 1942–2022“ wurde die Torte 2022 im Museum im Holstentor ausgestellt,[9] einschließlich einer Rekonstruktion durch die Konditorei Niederegger mit Mandelkrokant und Baiser.[10] Aufgrund ihrer Fragilität und der schwierigen Konservierung wurde für die Sonderausstellung „Modern Times“ im LWL-Museum für Archäologie und Kultur, Westfälisches Landesmuseum in Herne 2023/24 ein 3D-Druck der Torte angefertigt.[7]
Literatur
- Dirk Rieger: Alfstraße 8–18: Die Grabung um die Torte. In: Dirk Rieger und Manfred Schneider für die Hansestadt Lübeck (Hrsg.): Archäologie in Lübeck 2021. Verlag Marie Leidorf GmbH, Rahden/Westf. 2022, ISBN 978-3-86757-077-0, S. 17–23.
Weblinks
- LWL-Museum für Archäologie und Kultur: Die Torte aus den Trümmern. Ein einzigartiger Fund aus einem Keller in der Alfstraße in Lübeck auf YouTube, 15. Februar 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- Die Geschichte hinter der Torten-Mumie aus der Bombennacht. Schleswig-Holstein-Magazin – Zeitreise, NDR, 2. Januar 2022 ( vom 9. Januar 2022 im Internet Archive).
Einzelnachweise
- ↑ dpa: Ausstellung rund um Torte aus dem Jahr 1942 eröffnet. In: zeit.de. 24. März 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ 79 Jahre alte Nusstorte beschäftigt Lübecker Archäologen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 19. September 2021, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ „Gründungs- oder Kaufleuteviertel“ wurde vom Bundesministerium geehrt. In: HistoryLuebeck. 6. November 2012, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ a b c d e LWL-Museum für Archäologie und Kultur: Die Torte aus den Trümmern. Ein einzigartiger Fund aus einem Keller in der Alfstraße in Lübeck auf YouTube, 15. Februar 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ a b Dirk Rieger: Alfstraße 8–18: Die Grabung um die Torte. In: Archäologie in Lübeck 2021. 2022, S. 21.
- ↑ a b Dirk Rieger: Alfstraße 8–18: Die Grabung um die Torte. In: Archäologie in Lübeck 2021. 2022, S. 19 f.
- ↑ a b c Michèle Jakob: Eine süße Zeitkapsel: Die Nusstorte von Lübeck. In: lwl-landesmuseum-herne.de. 8. Juni 2024, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Torte als Zeitzeugin eines Luftangriffs. In: Damals. 26. Oktober 2021, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Bittersüß! Lübecker Archäologie zeigt berühmten Tortenfund im Holstentor. In: museum-holstentor.de. Abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Ausstellung rund um Torte aus dem Jahr 1942 eröffnet. In: Die Zeit. 24. März 2022, abgerufen am 23. September 2025.