Toni von Langsdorff

Toni von Langsdorff (* 30. September 1884 in Heidelberg; † 24. März 1976 in Essen) war eine deutsche Gynäkologin und Bahnärztin. Sie gründete gemeinsam mit der Frauenärztin Hermine Heusler-Edenhuizen, der Ärztin Lilly Meyer-Wedell, der Kinderärztin Laura Turnau und der Frauenärztin Dorothea Dietrich 1924 den Bund Deutscher Ärztinnen (BDÄ), heute Deutscher Ärztinnenbund (DÄB).[1]

Leben und Wirken

Familie

Toni von Langsdorff wurde als ältestes von vier Kindern geboren. Ihre Mutter war Hausfrau und seit der Geburt des dritten Kindes chronisch erkrankt. Sie unterstützte Toni von Langsdorff in ihrem Wunsch, Medizin zu studieren. Ihr Vater war Oberstleutnant. Mit ihrer Schwester, Hertha von Langsdorff, ebenfalls Ärztin, unterhielt sie zeitweilig eine gemeinsame Praxis. Insbesondere die lange und schwere Erkrankung ihrer Schwester an Tuberkulose soll Toni von Langsdorff motiviert haben, Ärztin zu werden. Außerdem sei sie, so schrieb sie selbst, durch die öffentliche Diskussion der Frauenrechtlerinnen Helene Lange, Gertrud Bäumer und Franziska Tiburtius geprägt worden.[2]

Schule und Studium

Toni von Langsdorff besuchte zuerst die Mädchenschule, dann einen privaten Gymnasialkurs. Nachdem sie 1900 in Aachen das Abitur bestanden hatte, konnte sie sich zunächst nur als Gasthörerin immatrikulieren. Um eine Vorlesung besuchen zu dürfen, musste sie sich von dem entsprechenden Dozenten dies persönlich erlauben lassen. Toni von Langsdorff studierte Medizin an den Universitäten Bonn, Marburg sowie mit zwei Unterbrechungen vom Sommer 1906 bis zu ihrer Promotion an der Universität Heidelberg.[3] 1910 bestand Toni von Langsdorff das Staatsexamen und 1911 wurde sie mit der Dissertation Über das Verhalten der Erythrocytenzahlen und der Blutviskosität nach Bluttransfusion. Ein Beitrag zur Frage nach der Möglichkeit einer experimentellen Plethora in Heidelberg promoviert.[2]

Einer der Gründe für den Wechsel von Bonn nach Heidelberg war ihre Hoffnung auf bessere Studienbedingungen für Frauen. In Bonn hatte sie unangenehme Erfahrungen mit dem Direktor der Anatomie.[4] Auch in Heidelberg hatte sie negative Erfahrungen, u. a. wurde sie von der Sittenpolizei aufgesucht, an die sie denunziert wurde. Ihre Arbeit, die Grundlage ihrer Promotion werden sollte, verbrannte angeblich bei einem Umbau.[2] Es blieb offen, ob dies absichtlich oder fahrlässig geschah.[3] Während ihrer Staatsprüfung soll sie der Leiter der Augenklinik, ein Gegner des Frauenstudiums, so schlecht behandelt haben, dass ihr der Rat gegeben wurde, sich beim Ministerium zu beschweren.[4] Trotzdem beschrieb sie einen spürbaren Gesinnungswandel zum Frauenstudium unter den Professoren der Universitäten Süddeutschlands.[2]

Ärztliche Tätigkeiten und gesellschaftspolitisches Engagement

Ab ca. 1912 bis zum Alter von 80 Jahren, im Jahr 1964, arbeitete Toni von Langsdorff als Ärztin in Essen. Zunächst von etwa 1912 bis 1913 als Assistenzärztin in der Inneren Klinik, von 1913 bis 1919 als Assistenzärztin an der Frauenklinik des Städtischen Krankenhauses Essen. Während des Ersten Weltkrieges vertrat sie den Chefarzt der Frauenklinik.[4] 1919 folgte die Niederlassung als Frauenärztin und von 1928 bis 1929 war sie als Betriebsärztin der Deutschen Reichsbahn (Bahnärztin) tätig. Ihre Bewerbung auf eine Chefarztstelle wurde abgelehnt, da der Chirurg des Hauses nicht auf gleicher Stufe mit einer Frau arbeiten wollte. Sie war Anwärterin des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes. Durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg wurde ihre Praxis zerstört. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie als politisch Unverdächtige in den Vorstand der Ärztlichen Vereinigung, der Ärztekammer, in die Ausschüsse für Facharztanerkennung und Zulassung sowie in den Gutachterausschuss zur Schwangerschaftsunterbrechung gewählt. Außerdem beteiligte sie sich als stellvertretende Vorsitzende und Leiterin der Frauenarbeit im Kreisverband Essen entscheidend am Wiederaufbau des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie setzte sich besonders für das Müttergenesungsheim Villa Vogelsang ein. 1967 trat sie aus dem Vorstand des DRK aus und wurde 1968 zum Ehrenmitglied ernannt.[2]

Im Deutschen Ärztinnenbund (BDÄ, heute DÄB) engagierte sie sich über mehrere Jahre als Schatzmeisterin und im Ausschuss für Fragen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Außerdem war sie Delegierte bei den Mitgliederversammlungen des Weltärztinnenbundes in London und Paris 1926 sowie in Prag 1928.[2]

Weitere Mitgliedschaften umfassten den Deutschen Akademikerinnenbund und den Hartmannbund (Eintritt 22. August 1949, Austritt 31. Dezember 1952).[2]

Ehrung

1961 wurde Toni von Langsdorff für ihre umfangreiche berufspolitische Arbeit das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen.[2]

Schriften

Autobiographie

  • Dr. med. Toni v. Langsdorff 90 Jahre. In: Deutscher Ärztinnenbund e.V. (Hrsg.): Ärztin. Band 7, 1975, S. 5–8.

Publikationen

  • Über das Verhalten der Erythrocytenzahlen und der Blutviskosität nach Bluttransfusion. Ein Beitrag zur Frage nach der Möglichkeit einer experimentellen Plethora. Heidelberg, Med. Diss. v. 1911

Siehe auch

Literatur

  • Leone McGregor Hellstedt (Hrsg.): Women Physicians of the World: Autobiographies of Pioneer Medical Women from 27 Nations. Taylor & Francis, 1978, S. 16.
  • Marco Birn: Bildung und Gleichberechtigung: Die Anfänge des Frauenstudiums an der Universität Heidelberg (1869–1918). Kurpfälzischer Verlag, Heidelberg, 2012, S. 102, 104, 107, 136, 154.

Einzelnachweise

  1. Deutscher Ärztinnenbund e.V.: History. Abgerufen am 5. Oktober 2025.
  2. a b c d e f g h Toni von Langsdorff. In: Ärztinnen im Kaiserreich. Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité, Berlin, 2015, abgerufen am 27. September 2025.
  3. a b Marco Birn: Bildung und Gleichberechtigung: Die Anfänge des Frauenstudiums an der Universität Heidelberg (1869 - 1918). Kurpfälzischer Verlag, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-924566-46-3, S. 102, 104, 107, 136, 154.
  4. a b c Toni von Langsdorff: Dr. med. Toni von Langsdorff 90 Jahre. In: Deutscher Ärztinnenbund e.V. (Hrsg.): Ärztin. Band 7, 1975, S. 5–8.