Tomiyama Taeko
Tomiyama Taeko (japanisch 富山 妙子; * 6. November 1921 in Kōbe; † 18. August 2021 in Tokio) war eine japanische Frauenrechtlerin, Malerin, Grafikerin und Multimediakünstlerin.[1] Ihr Werk befasst sich mit Themen wie Krieg, Kolonialismus, Erinnerung, Frauenrechten und asiatischer Solidarität.[2]
Leben
Tomiyama Taeko wurde 1921 in Kōbe geboren. 1932 zog ihre Familie nach Dairen (heute Dalian) in das damals japanisch besetzte Mandschukuo, wo sie in Dairen und Harbin aufwuchs. 1938 begann sie ein Kunststudium an der Joshibijutsu Senmon Gakkō (heute Joshibi University of Art and Design) in Tokio, das sie vorzeitig abbrach. 1939 setzte sie ihre Ausbildung am Bijutsu Kōgei Gakuin, einer Schule für Kunstgewerbe, fort. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie 1943 nach Shinshū evakuiert und blieb dort bis Kriegsende. 1945 kehrte sie nach Tokio zurück. Ab 1950 war sie Mitglied der Jiyū Bijutsu Kyōkai (自由美術協会, „Gesellschaft für freie Kunst“), der sie bis in die frühen 1970er-Jahre angehörte. 1953 begann Tomiyama, Kinderbücher zu illustrieren, und schuf zugleich Gemälde und Lithografien, die sich mit Kohle- und Mineralbergwerken beschäftigten. 1954 wurden ihre Arbeiten erstmals in Einzelausstellungen gezeigt, unter anderem in der Shiseido Gallery in Tokio. 1961 unternahm sie eine ausgedehnte Reise über den Indischen Ozean und das Kap der Guten Hoffnung nach Lateinamerika, wo sie Brasilien, Chile, Mexiko und Kuba besuchte. 1967 folgten Reisen nach Indien, in den Mittleren Osten und nach Zentralasien. 1970 besuchte sie Seoul, wo sie ehemalige Klassenkameradinnen aus ihrer Schulzeit wiedertraf.[1]
Ab 1971 ließ sie sich durch die Lyrik des südkoreanischen politischen Gefangenen Kim Chi-ha inspirieren und begann eine Reihe von Lithografien zu dessen Gedichten. 1972 stellte sie diese Arbeiten erstmals aus. 1973 veröffentlichte sie das Buch Koe yo kesareta koe yo Chile ni („Stimmen los, Verstummte Stimmen nach Chile“), eine Sammlung von Lithografien in Verbindung mit Gedichten von Pablo Neruda und Gabriela Mistral. 1974 begann sie die Serie Chained Hands in Prayer, wiederum inspiriert von Kim Chi-Ha. 1975 wurden ihre Werke in der Ausstellung On the Poems of Kim Chi-Ha and Pablo Neruda in New York, Chicago und Berkeley gezeigt. Im selben Jahr erschien in Tokio ihre Publikation Watashi no girishia shinwa – eros eno kaiki („Meine griechische Mythologie – Rückkehr zum Eros“). 1976 beteiligte sich Tomiyama mit Lithografien an einer Fernsehdokumentation über Kim Chi-Ha, die von den japanischen Behörden zensiert wurde. Im selben Jahr war sie an der Gründung des Studios Hidane Kōbō beteiligt, das ab 1977 eine Reihe multimedialer Dia- und Projektionsarbeiten produzierte. Zusammen mit Matsui Yayori und weiteren Aktivistinnen gründete sie zudem die Asian Women’s Association. 1980 entstand die Lithografien-Serie Prayer in Memory: Kwangju, May 1980, die sich auf den Gwangju-Aufstand in Südkorea bezog.[1]
Eine Ausstellung dieser Arbeiten, kombiniert mit einer Dia-Installation des Studios Hidane Kōbō, tourte durch Japan. 1982 wurden Werke Tomiyamas in Paris, Berlin, Heidelberg und München gezeigt. Im selben Jahr begann sie mit der Serie Hikisakareta monotonachi („Die Zerrissenen“), die sich mit der Zwangsarbeit koreanischer Arbeiter und dem Dichter Yun Dong-Ju auseinandersetzte. 1986 begann sie mit einer Reihe von Ölgemälden zum Thema der militärischen Trostfrauen („comfort women“), die unter dem Titel A Memory of the Sea bekannt wurde. 1991 beschäftigte sie sich mit der Situation thailändischer Migrantinnen in Japan („Let’s Go to Japan! The Thai Girl Who Never Came Home“) und stellte ihre Arbeiten in Bangkok aus. 1993 gründete sie das Asian Women and Art Collective (AWAC), das sich künstlerisch und politisch mit feministischen und kriegsverantwortlichen Fragen in Asien auseinandersetzte. 2009 veröffentlichte sie ihre Autobiografie Ajia o idaku: gaka jinsei kioku to yume („Asien umarmen: Ein Künstlerleben – Erinnerung und Traum“). 2021 erhielt Tomiyama eine Ehrenmedaille der südkoreanischen Regierung für ihren künstlerischen Beitrag zur Demokratiebewegung in Korea. Sie starb am 18. August 2021 im Alter von 99 Jahren in ihrem Haus und Atelier in Tokio.[1]
Werk
Das künstlerische Schaffen Tomiyamas zeichnete sich durch eine dezidiert kritische Haltung gegenüber kolonialen, imperialistischen und patriarchalen Strukturen aus. Sie nutzte verschiedene Medien wie Ölmalerei, Lithografien, Collagen, multimediale Slideshows und Installationen, um marginalisierte Gruppen wie Bergleute, ethnische Minderheiten, japanische sogenannte „Comfort Women“ sowie Aktivisten der Minjung-Bewegung darzustellen. Ab den 1980er Jahren griff sie auf indigene asiatische Mythologien und Symbole zurück, um mit euro-amerikanischen, modernen Denkweisen zu brechen.[3]
Ihre Werke wurden international ausgestellt, unter anderem in Korea, Deutschland und den USA, sowie bei mehreren Biennalen. Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Yuji Takahashi führte zu multimedialen Kunstwerken, die visuelle Kunst mit Musik vereinen. Ein Beispiel hierfür sind Darstellungen der Gwangju-Proteste in Südkorea.
Anlässlich einer Schenkung von 28 Werken der Künstlerin an das Art, Design & Architecture Museum der University of California in Santa Barbara organisierte das Museum im Jahr 2025 die Ausstellung Tomiyama Taeko: A Tale of Sea Wanderers. Mit einem reichen Vokabular an Bildern und Techniken setzte sich die Künstlerin mit Themen wie Geschlechterrollen, Imperialismus, Kriegsverantwortung und Umweltzerstörung auseinander. Dabei vertrat sie eine feministische und aktivistische Perspektive. In den letzten 25 Jahren widmete sie sich vor allem dem japanischen Kolonialreich, seinen zerstörerischen Kriegen in Asien sowie den komplexen emotionalen und sozialen Hinterlassenschaften von Krieg und Imperialismus nach 1945.[2]
Literatur
- Laura Hein and Rebecca Jennison (Hrsg.): Imagination without Borders—Feminist Artist Tomiyama Taeko and Social Responsibility. Ann Arbor: Center for Japanese Studies, University of Michigan 2010.
Weblinks
- Offizielle Webseite von Tomiyama Taeko
- Biografie
- Tomiyama Taeko: A Tale of Sea Wanderers
- Japanese artist Tomiyama Taeko’s critique of imperialism
- Aware (Archives of Women Artists, Research and Exhibitions). Taeko Tomiyama
- Verbotene Bilder – Banned Images. Kontrolle und Zensur in den Demokratien Ostasiens
Einzelnachweise
- ↑ a b c d tomiyama: Biography | 富山妙子 Taeko Tomiyama. 11. Januar 2025, abgerufen am 2. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b Debra Herrick: Japanese artist Tomiyama Taeko’s critique of imperialism. 29. Januar 2025, abgerufen am 2. November 2025 (englisch).
- ↑ Verbotene Bilder | Banned Images. Abgerufen am 2. November 2025.