Tobias Ebbrecht-Hartmann
Tobias Ebbrecht-Hartmann (hebräisch טוביאס אברכט-הרטמן; * 17. Dezember 1975 in Düsseldorf) ist ein deutsch-israelischer Film- und Medienwissenschaftler, der insbesondere zu filmischen und digitalen Darstellungen des Holocaust und Gewaltgeschichte forscht.[1] Seit 2014 lehrt er an der Hebräischen Universität von Jerusalem visuelle Kultur, Medienwissenschaft und German Studies.[2]
Werdegang
Tobias Ebbrecht-Hartmann studierte von 1998 bis 2000 Neuere Deutsche Literatur und Medienwissenschaft sowie Politikwissenschaft an der Philipps Universität Marburg und von 2000 bis 2003 Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Von 2004 bis 2010 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mediengeschichte an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (später Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF) tätig. 2010 promovierte er an der Freien Universität Berlin bei Gertrud Koch und Régine-Mihal Friedman (Universität Tel Aviv) mit einer Arbeit über filmische Narrationen des Holocaust.[3]
Von 2010 bis 2012 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bauhaus Universität Weimar und als Postdoktorand Teil des DFG-Graduiertenkollegs Mediale Historiographien.[4] 2012 bis 2013 war er Fellow am International Institute for Holocaust Studies Yad Vashem. Anschließend war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im von Chris Wahl geleiteten DFG-Forschungsprojekt Regionale Filmkultur in Brandenburg an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, in dem er studentische Filmarbeiten aus der Zeit der DDR erforscht hat.[5]
Seit 2014 ist Tobias Ebbrecht-Hartmann zunächst als Lecturer und seit 2020 als Senior Lecturer im Department of Communication & Journalism[6] und am European Forum der Hebräischen Universität Jerusalem tätig. 2023 wurde er zum Associate Professor befördert.
Forschungsschwerpunkte
Tobias Ebbrecht-Hartmann beschäftigt sich insbesondere mit Darstellungen des Holocaust in Film, visueller Kultur und digitalen Medien. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Erforschung migrierender Bilder, die aus historischen Kontexten in die Populärkultur einwandern.[7] Dazu legte er bereits konzeptuelle Grundlagen in seiner als Buch veröffentlichten Dissertation Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis: Filmische Narrationen des Holocaust (transcript Verlag, 2011).[3] In diesem Kontext hat er sich auch intensiv mit der Ästhetik des Dokudramas[8] und der Verwendung historischer Filmaufnahmen und Fotografien in Dokumentar- und Spielfilmen beschäftigt. Er war Teil des Horizon 2020 Projekts Visual History of the Holocaust: Rethinking Curation in the Digital Age (2019–2023)[9] und ist Partner im DFG-Langfristprojekt Bilder, die Folgen haben: Eine Archäologie historischen Filmmaterials aus der NS-Zeit (2021–2029).[10] Der Ansatz einer Migrationsgeschichte historischer Bilder im digitalen Zeitalter wurde von ihm gemeinsam mit Noga Stiassny und Lital Henig zum Konzept einer Digital Visual History weiterentwickelt.[11]
Er ist Mitbegründer der TikTok Shoah Commemoration and Education Initiative[12], die Gedenkstätten und Museen dabei unterstützt, vertrauenswürdige Informationen über die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust für Kurzvideoplattformen wir TikTok zu produzieren und Teil des Projekts SHOAH STORIES des Anne Frank Zentrums Berlin.[13]
Seit einigen Jahren beschäftigt er sich insbesondere mit digitalen Formen und Formaten der Erinnerung an NS-Verbrechen, unter anderem als Partner in dem Horizon Europe Projekt MEMORISE: Virtualisation and Multimodal Exploration of Heritage on Nazi Persecution (2022–2026).[14]
Tobias Ebbrecht-Hartmann forscht auch zu politischem Aktivismus mit kurzen Videos, insbesondere zu Antisemitismus und Nahostkonflikt auf TikTok[15][16][17] und der Rolle jüdischer Creators.[18] Ende September 2025 erscheint außerdem im Neofelis Verlag ein Essay zu Gewaltbildern des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023 mit dem Titel Gewalt als Bild.[19]
Außerdem publiziert Tobias Ebbrecht-Hartmann zu Film und Filmgeschichte, u. a. zum deutschen Gegenwartsfilm, deutsch-israelischen Filmbeziehungen und dem Filmemacher Romuald Karmakar.
Werk
- Migrating Images: Iconic Images of the Holocaust and the Representation of War in Popular Film. In: Shofar. Band 28, Nr. 4, 2010, ISSN 0882-8539, S. 86–103, doi:10.1353/sho.2010.0023, JSTOR:10.5703/shofar.28.4.86.
- Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis: filmische Narrationen des Holocaust. transcript Verlag, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1671-2 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- Docudrama on European Television. In: Tobias Ebbrecht-Hartmann, Derek Paget (Hrsg.): SpringerLink (= Palgrave European Film and Media Studies (PEFMS)). 2016, ISBN 978-1-137-49979-0, doi:10.1057/978-1-137-49979-0 (Tobias Ebbrecht-Hartmann: Hebrew University of Jerusalem, Israel; Derek Paget: University of Reading, United Kingdom).
- Tom Divon, Tobias Ebbrecht-Hartmann: #JewishTikTok : The JewToks' Fight against Antisemitism. In: Trevor Boffone (Hrsg.): TikTok Cultures in the United States. Routledge, Taylor & Francis, London 2022, ISBN 978-1-00-328070-5, Kapitel 4, doi:10.4324/9781003280705 (taylorfrancis.com [abgerufen am 21. September 2025]).
- Tobias Ebbrecht-Hartmann, Noga Stiassny, Lital Henig: Digital visual history: historiographic curation using digital technologies. In: Rethinking History. Band 27, Nr. 2, 3. April 2023, ISSN 1364-2529, S. 159–186, doi:10.1080/13642529.2023.2181534.
- Memefizierter Antisemitismus. Protest und antisemitische Projektion auf TikTok, Instagram & Co im Schatten des 7. Oktobers. Hrsg.: Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien, CARS, an der katho am Standort Aachen (= CARS Working Papers. Nr. 21). 2024, ISSN 2748-2146, doi:10.17883/5058, urn:nbn:de:0295-opus4-50580 (bsz-bw.de [abgerufen am 21. September 2025]).
- Gewalt als Bild: Die Bilder vom 7. Oktober im Spiegel der visuellen Erinnerung an die Shoah (= Relationen. Essays zur Gegenwart. Nr. 20). Neofelis, Berlin 2025, ISBN 978-3-95808-515-2.
Einzelnachweise
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann – Visual History of the Holocaust. In: the VHH Consortium. Abgerufen am 21. September 2025 (englisch, Kurzbiographie und Werk).
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann. In: The Hebrew University of Jerusalem. Abgerufen am 21. September 2025 (englisch, Kurzbiographie).
- ↑ a b Tobias Ebbrecht: Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis: filmische Narrationen des Holocaust. transcript Verlag, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1671-2 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- ↑ Bauhaus-Universität Weimar: Graduiertenkolleg Mediale Historiographien. In: Seite des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien auf uni-weimar.de. Abgerufen am 21. September 2025 (Laufzeit des Graduiertenkollegs: 2005-2013).
- ↑ Regionale Filmkultur in Brandenburg. In: Forschungsprojekt „Regionale Filmkultur in Brandenburg“ auf filmuniversitaet.de. Abgerufen am 21. September 2025 (Laufzeit des von der DFG geförderte Forschungsprojekts: 1. April 2013 – 31. März 2016).
- ↑ The Noah Mozes Department of Communication and Journalism. In: „The Noah Mozes Department of Communication and Journalism“ der „Hebrew University of Jerusalem“. Abgerufen am 21. September 2025 (englisch).
- ↑ Tobias Ebbrecht: Migrating Images: Iconic Images of the Holocaust and the Representation of War in Popular Film. In: Shofar. Band 28, Nr. 4, 2010, ISSN 0882-8539, S. 86–103, doi:10.1353/sho.2010.0023, JSTOR:10.5703/shofar.28.4.86.
- ↑ Docudrama on European Television. In: Tobias Ebbrecht-Hartmann, Derek Paget (Hrsg.): SpringerLink (= Palgrave European Film and Media Studies (PEFMS)). 2016, ISBN 978-1-137-49979-0, doi:10.1057/978-1-137-49979-0 (Tobias Ebbrecht-Hartmann: Hebrew University of Jerusalem, Israel; Derek Paget: University of Reading, United Kingdom).
- ↑ Visual History of the Holocaust. Rethinking Curation in the Digital Age. Abgerufen am 21. September 2025 (englisch, Website des Projekts).
- ↑ Bilder, die Folgen haben – Eine Archäologie ikonischen Filmmaterials aus der NS-Zeit. Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert gemeinsames Forschungsprojekt von Filmuniversität und der Hebrew University in Jerusalem zur Erschließung und Analyse historischen Filmmaterials und seiner Verwendung. In: filmuniversitaet.de. Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, abgerufen am 21. September 2025 (Laufzeit des Forschungsprojekts: 2021–2029).
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann, Noga Stiassny, Lital Henig: Digital visual history: historiographic curation using digital technologies. In: Rethinking History. Band 27, Nr. 2, 3. April 2023, ISSN 1364-2529, S. 159–186, doi:10.1080/13642529.2023.2181534.
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann, Tom Divon: Studie untersucht Holocaustgedenken auf TikTok. In: ajcgermany.org. American Jewish Committee (AJC) Berlin, Ramer Institute for German-Jewish Relations gGmbH, 24. Januar 2024, abgerufen am 21. September 2025 (englisch, beide Autoren gehören zu: The Hebrew University of Jerusalem).
- ↑ Shoah Stories. Mit Kurzvideos über den Holocaust lernen. In: annefrank.de. Anne Frank Zentrum e. V., Berlin, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ MEMORISE. MEMORISE, ein Projekt an der University of Southern Denmark (SDU), abgerufen am 21. September 2025 (englisch, das Gedächtnis an den Holocaust mit digitalen Mitteln aufrechterhalten).
- ↑ CARS veröffentlicht 21. Working Paper von Tobias Ebbrecht-Hartmann. In: katho-nrw.de. Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, 9. September 2024, abgerufen am 21. September 2025 (deutsch).
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann: Memefizierter Antisemitismus. Protest und antisemitische Projektion auf TikTok, Instagram & Co im Schatten des 7. Oktobers. In: kidoks.bsz-bw.de. Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Aachen, 2024, abgerufen am 22. September 2025 (https://doi.org/10.17883/5058 ISSN: 2748-2146).
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann: Memefizierter Antisemitismus. Protest und antisemitische Projektion auf TikTok, Instagram & Co im Schatten des 7. Oktobers. Hrsg.: Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien, CARS, an der katho am Standort Aachen (= CARS Working Papers. Nr. 21). 2024, ISSN 2748-2146, doi:10.17883/5058, urn:nbn:de:0295-opus4-50580 (bsz-bw.de [abgerufen am 21. September 2025]).
- ↑ Tom Divon, Tobias Ebbrecht-Hartmann: #JewishTikTok : The JewToks' Fight against Antisemitism. In: Trevor Boffone (Hrsg.): TikTok Cultures in the United States. Routledge, Taylor & Francis, London 2022, ISBN 978-1-00-328070-5, Kapitel 4, doi:10.4324/9781003280705 (taylorfrancis.com [abgerufen am 21. September 2025]).
- ↑ Tobias Ebbrecht-Hartmann: Gewalt als Bild: Die Bilder vom 7. Oktober im Spiegel der visuellen Erinnerung an die Shoah (= Relationen. Essays zur Gegenwart. Nr. 20). Neofelis, Berlin 2025, ISBN 978-3-95808-515-2.