Thusnelda Henning-Hermann
Thusnelda Henning-Hermann, auch Thusnelda Henning, (* 31. Mai 1877 in Kronstadt, Siebenbürgen als Thusnelda Hermine Hermann; † 31. Oktober 1965 in Wien) war eine österreichische Dichterin und Autorin.
Leben
Thusnelda Hermann wurde 1877 in Kronstadt geboren. Sie war die älteste Tochter des Bildhauers[1] Friedrich Hermann (1841–1908)[2], eines Lehrers an mehreren Kronstädter Schulen, und der Johanna Henning (1853–1908), einer Tochter des Kupferschmieds und Schäßburger Gemeinderats Johann Gottlieb Henning. Einer ihrer vier Brüder war der bekannte Maler, Grafiker, Zeichner und Kunsterzieher[3] Hans Hermann[4]. Beide Eltern stammten aus der Stadt Schäßburg[5], eines der mittelalterlichen Zentren der deutschen Enklave Siebenbürgen, damals noch ein Kronland der Donaumonarchie. Schäßburg ist wegen seiner besonders gut erhaltenen, historischen Bausubstanz Weltkulturerbe. Ihre Vorfahren waren Bauern, Handwerker und Bildungsbürger gewesen, die in Schäßburg seit dem Jahr 1730 nachgewiesen sind. In ihrer Jugend war die Entwicklung ihrer künstlerischen Begabungen nur sehr eingeschränkt möglich. Die kleine, landwirtschaftlich orientierte Enklave war nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft verarmt. Als Mädchen hatte sie zudem – in einer aus historischen Gründen patriarchalischen Gesellschaft – keinen Zugang zu höherer Schulbildung.
Nach ihrer Heirat mit dem Siebenbürger Mediziner Carl Henning, Leiter des Wiener Universitätsinstituts für Moulage, einem liebevollen Ehemann und verständnisvollen Förderer ihrer Kunst, lebte sie in Klosterneuburg bei Wien. Aus ihrer Ehe gingen acht Kinder hervor, darunter die Söhne Theodor (1897–1946), Harald (1907–1946) und Walter Henning (1909–1976). In Ausübung seines Berufs zog sich ihr Ehemann Carl eine Sepsis zu, an der er am 3. Juni 1917 nach der Amputation des linken Arms verstarb. Theodor Henning wurde nach dem völlig unerwarteten Tod seines Vaters dessen Nachfolger im Moulageinstitut der Universität. Gleichzeitig übernahm er die Rolle des Vaters für seine fünf jüngeren Geschwister und ernährte die ganze Familie allein mit seinen Einkünften als selbständiger Unternehmer. In der entbehrungsreichen Zeit des Ersten Weltkriegs und in dem, von Wirtschaftskrisen bestimmten, folgenden Jahrzehnt wurden drei ihrer Kinder nach langem Leiden Opfer der Spanischen Grippe und der Tuberkulose.
Thusnelda Henning studierte nach der Überwindung dieser schweren Schicksalsschläge an der Akademie für Darstellende Kunst in Wien und absolvierte eine Meisterklasse (Diplom) für Rezitation und Rhetorik. Sie hielt sich in diesen Jahren oft in ihrer Heimat Siebenbürgen zum Besuch ihrer Familie auf. In Lesungen und Vorträgen brachte sie dabei die neueste deutsche Literatur nach Siebenbürgen. Hier arbeitete sie auch an ihrem ersten Schauspiel: Siebenbürgen, Land des Segens. Die schlichte Handlung anlässlich einer Bauernhochzeit zeigte als primäres Ziel der Aufführung Lieder, Tänze und Gebräuche der Siebenbürger Sachsen[6].
Aus Mitgliedern des Vereins der Siebenbürger Sachsen in Wien gründete Thusnelda Henning eine „Volkskunsttruppe“. Sie organisierte um 1930 sechs Deutschland-Tourneen, worüber die lokale Presse in mehr als 24 Städten[7] berichtete, unter anderen in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg sowie in Halberstadt, Magdeburg, Quedlinburg, Torgau, Wernigeröde und Zerbst. Das Ensemble trug historische Originaltrachten, sprach und sang Siebenbürgisch, eine westmitteldeutsche Mundart, erstaunlich ähnlich dem heutigen Luxemburgischen. Regie führte Walter Henning. Mehrere Auftritte in Österreich folgten.[8]
Auch in Wien und Klosterneuburg wirkte Thusnelda Henning als Rezitatorin und war Mitarbeiterin vieler Printmedien, darunter Blau-Rot (Wien, 1929 bis 1934, eine nach den siebenbürgischen Wappenfarben benannte Vereins-Zeitschrift der Siebenbürger Sachsen in Wien), Halberstädter Zeitung und Intelligenzblatt, Die Reichswehr (eine 1904 eingestellte Vorgängerin der späteren, in Österreich sehr bekannten Illustrierten Kronen-Zeitung), Münchner Neueste Nachrichten, Neue Klosterneuburger Zeitung, später Die Kleine Klosterneuburger Zeitung genannt, Neues Wiener Tagblatt (die einzige Tageszeitung, deren Archiv den Zweiten Weltkrieg überdauerte) und Sonntags-Zeitung für Deutschlands Frauen in Berlin.[9]
Ihre erste Novelle Der Hof. Eine Geschichte aus dem deutschen Siebenbürgen[10] erschien im Jahr 1936 bei Faber in Krems an der Donau, einem Verlag, welcher nach 1918 der Großdeutschen Volkspartei ideologisch nahestand. Von ihrem schriftstellerischen Werk, das auch Erzählungen und Gedichte umfasst, kommt ihrem Roman Der hölzerne Pflug, an dem sie mehr als ein Jahrzehnt lang gearbeitet hatte, literarische und kulturhistorische Bedeutung zu. Thusnelda Henning schilderte darin die Ereignisse der Rumänischen Revolution von 1848, wie sie sich in der Schäßburger Umgebung zutrugen, und zeichnete daraus ein anschauliches Bild des Volkslebens, der Bräuche und Sitten, aber auch des Existenzkampfs der Siebenbürger Sachsen in einer bewegten Zeit[11]. Erst mit dem Sieg österreichischer, kroatischer und russischer Truppen im Jahr 1849 über die Armee der Ungarischen Revolution 1848 endeten die bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen in Siebenbürgen. Die anschließende Erholung der Siebenbürger Sachsen währte jedoch nicht lange. Nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich im Jahr 1867 brachte die ungarische Magyarisierungspolitik weiteres Elend und Not für die Siebenbürger Sachsen und trübte auch die Kindheit von Thusnelda Henning.
Ein bereits druckfertiger Folgeroman des Hölzernen Pflugs, für den sie den doppeldeutigen Titel Der Altväterring wählte, blieb wegen des Kriegsgeschehens unveröffentlicht. Erhalten ist lediglich ein maschinengeschriebenes Manuskript aus dem Jahr 2011, abgeschrieben vom handschriftlichen Manuskript Thusnelda Hennings von Julius Henning, einem 2024 verstorbenen Cousin von Thusnelda. Es enthält neben dem Roman Der Altväterring (184 Seiten) einen Lebenslauf der Autorin, eine Inhaltszusammenfassung und entschlüsselnde Betrachtungen von Julius Henning. Er bezeichnet in seiner Familienchronik Henning[12] den Roman, der etwa 1873 spielt, als ein „Fortsetzungswerk“ zum Hölzernen Pflug aus der Zeit um 1848, und begründet dies auch durch den Vergleich einiger handelnder Personen beider Romane. Vorbild für den Protagonisten „Honnes“ aus dem Hölzernen Pflug, der im Altväterring als erfolgreicher Maler Hans Fröhlich erscheint, war Thusneldas Bruder Hans Hermann Henning. Thusneldas Ur-Uroßmutter Katharina Zikes, geborene Teutsch (1760–1859), genannt „Zikes Grießi“, ist mit ihrem tatsächlichen Rufnamen eine der Hauptpersonen im zweiten Teil des Romans, der in Schäßburg spielt. Sie starb im 100. Lebensjahr, beweint von 30 Enkeln und 130 Urenkeln.
Die Familiensaga dieser drei Werke malt ein detailliertes und authentisches Bild des Volkslebens, der Bräuche und Sitten, aber auch des Existenzkampfes der Siebenbürger Sachsen vor dem historischen Hintergrund der bewegten Zeiten im 19. Jahrhundert. Dabei stützte sich Thusnelda Henning auf Berichte der noch lebenden Augenzeugen, die sie in Gesprächen während ihrer Reisen notiert hatte, ähnlich der modernen Methode der Oral History. Diese inspirierten sie, wie auch die Erzählungen von ihrer Ur-Urgroßmutter, die von Thusneldas Mutter Johanna Henning tradiert wurden.
Es ist bemerkenswert, dass Der hölzerne Pflug als Neuauflage[13] während der Diktatur Nicolae Ceaușescus im Jahr 1977 in Bukarest, nun mit dem Autorinnen-Namen Thusnelda Henning-Hermann, neu gedruckt werden durfte. Die Zensur forderte allerdings substanzielle Kürzungen, die ihr hochbetagter Bruder Hans Hermann möglichst inhaltsschonend im Sinne seiner verstorbenen Schwester vornahm.
Thusnelda Hennings schriftstellerisches Werk umfasste auch Erzählungen, volkskundliche Artikel und Gedichte, die sie schon früh in Zeitungen veröffentlichte. Als Alterswerk erschienen 1962 ihre schönsten Gedichte, darunter mehrere komplexe Sonettenkränze, in einem Sammelband.[14]
Thusnelda Henning-Hermann starb am 31. Oktober 1965 im Alter von 88 Jahren in Wien.[9] Sie ruht neben ihrem Mann Carl und ihren acht Kindern in der Familiengruft in Klosterneuburg. Ihr Werk wurde in Nachrufen von Vereinen und durch Einträge in einer Reihe von einschlägigen Lexika sowie in der Fachliteratur[15] posthum gewürdigt.
Werke (Auswahl)
- Siebenbürgen, Land des Segens. Ein Trachtenspiel. Drama. Um 1930.[9]
- Der Hof. Eine Geschichte aus dem deutschen Siebenbürgen (= Buchgemeinschaft Heimatland. 29.) Faber, Krems an der Donau 1936.
- Der hölzerne Pflug. Chronik eines siebenbürgischen Geschlechts. Dom-Verlag, Berlin 1938 (575 Seiten).
- Der hölzerne Pflug. Chronik eines Siebenbürgischen Geschlechts. Überarbeitete Neuauflage. Kriterion Verlag, Bukarest 1977, ISBN 5-7821-1135-6 (513 Seiten).
- Jahre entschwinden – Stunden verweilen. Gedichte. Verlag der Typographischen Anstalt, Wien 1962.
Literatur
- Rotraut Sutter: Siebenbürger Sachsen in Österreichs Vergangenheit und Gegenwart. Wagner, Innsbruck 1976, S. 69–71.
- A. Kartmann: Thusnelda Henning-Hermann. In: Joachim Wittstock, Stefan Sienerth (Hrsg.): Die rumäniendeutsche Literatur in den Jahren 1918–1944. Südostdeutsches Kulturwerk, München 1992, S. 272–277.
Weblinks
- Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt: Kronstädter Persönlichkeiten. Eintrag „Henning (-Hermann), Thusnelda“
Einzelnachweise
- ↑ Gernot Nussbächer: Eine Büste von Stephan Ludwig Roth in Kronstadt und ihr Bildhauer. In: Allgemeine Deutsche Zeitung. 12. Mai 2017.
- ↑ Friedrich Hermann. In: Österreichisches Biografisches Lexikon. Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1958, abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Walter Myß (Hrsg.): Lexikon der Siebenbürger Sachsen. Wort und Welt, Innsbruck 1993, ISBN 3-85373-140-6, S. 189.
- ↑ Karin Bertalan: Hans Hermann. Kriterion Verlag, Bukarest 1982.
- ↑ Klaus W. Lienert: Schäßburg-Informationen. Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, 2000, abgerufen am 8. Dezember 2025.
- ↑ Michael Müller: Pharmazeutische Post S. 201. In: ANNO. Österreichische Nationalbibliothek, 2. Mai 1931, abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Die Siebenbürger Sachsen. In: Halberstädter Zeitung. Halberstadt 5. September 1931.
- ↑ Neue Klosterneuburger Zeitung Nr. 47 S. 2. In: ANNO. Österreichische Nationalbibliothek, 11. Juni 1932, abgerufen am 6. Dezember 2026.
- ↑ a b c Uwe Baur und Karin Gradwohl-Schlacher: Literatur in Österreich 1938–1945. 4: Wien. Böhlau, Wien 2018, S. 336 f. (library.oapen.org [PDF]).
- ↑ Thusnelda Henning: Der Hof. Eine Geschichte aus dem deutschen Siebenbürgen. Faber Druck- und Verlagsgesellschaft, Krems an der Donau 1936.
- ↑ Ingrid Kaiser-Kaplaner: Die Sachsen und Landler in Siebenbürgen. Hermagoras/Mohorjeva, Klagenfurt/Celovec - Ljubljana/Laibach - Wien/Dunaj 1996, ISBN 3-85013-450-4, S. 103 f.
- ↑ Julius Henning: Die Hennings aus Siebenbürgen und ihre Nachkommen. Eigenverlag, Pforzheim 2009.
- ↑ Thusnelda Henning-Hermann: Der hölzerne Pflug – Chronik eines Siebenbürgischen Geschlechts. Kriterion Verlag, Bukarest 1917, ISBN 5-7821-1135-6.
- ↑ Thusnelda Henning: Jahre entschwinden – Stunden verweilen. In: Forschungs- und Kulturstelle der Österreicher aus dem Donau-, Sudeten- und Karpatenraum (Hrsg.): Schöngeistige Reihe. Buch Nr. 4. Verlag der Typographischen Anstalt, Wien 1962.
- ↑ A. Kartmann: Thusnelda Henning-Hermann. In: Joachim Wittstock, Stefan Sienerth (Hrsg.): Die rumäniendeutsche Literatur in den Jahren 1918–1944. Südostdeutsches Kulturwerk, München 1992, S. 272–277.