Thomaskirche (Wiesbaden)

Die Thomaskirche in Wiesbaden ist eine evangelische Kirche, die 1964 im Stil der Nachkriegsmoderne erbaut wurde und als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz steht.[1] Die nach dem Apostel Thomas[2] benannte Gemeinde gehört zum Dekanat Wiesbaden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Lage

Die Thomaskirche steht am Geisberg an der Richard-Wagner-Straße in einem Villenviertel mit zahlreichen denkmalgeschützten Villen des Wiesbadener Ortsbezirks Nordost.[3]

Geschichte

Das erste Gemeindezentrum der Stadt wurde nach Entwurf des Wiesbadener Architekten Rainer Schell auf dem Geisberg gebaut und 1955 eingeweiht.[4] Bis 1961 gehörte es als Bezirk zur Gemeinde der Bergkirche.[5] Die Thomaskirche als weiterer Bauteil des Gemeindezentrums wurde ebenfalls nach Entwurf von Schell errichtet und am 18. Oktober 1964 eingeweiht.[6][4][7] Das 1955 erbaute Gemeindezentrum wurde im Jahr 2000 abgerissen.[4]

Bauwerk

Ähnlich wie andere von Schell in den 1960er-Jahren geplante Kirchen besteht die Thomaskirche aus einem Kubus mit Flachdach, separat daneben steht ein schlanker, hoher Glockenturm aus Beton.[6][4] Charakteristisch für das Bauwerk der Nachkriegsmoderne ist dier funktionale und karge Architektur mit einer klaren Reduktion auf das Wesentliche und der „behutsame Wechsel von Sichtbeton, Backstein und Holz“. Die zwischen 1962 und 1965 nach Plänen Schells entstandenen Kirchen bilden eine Gruppe, die sich deutlich von seinen Bauten anderer Schaffensperioden abheben.[4]

Die Kirche verfügt über durch tragende Betonstutzen abgetrennte Seitenschiffe auf beiden Seiten. Den Altarraum dominiert ein großes Kruzifix aus Bronze vom Bildhauer Jürgen Weber.[4] Die barrierefrei zugängliche Anlage hat Ähnlichkeit zu einem Kreuzgang und steht in einer Parklandschaft.[5]

Bei der Einweihung sprach Schell vom „menschlichem Maß“ und „der verständlichen Ordnung“ seiner Architektur: „Ich habe mich bemüht, mit aller Kraft und bescheidenen Mitteln der Gemeinde das ihr angemessene Gehäuse zu bauen, den … Raum, in dem sich die Gemeinde in Freiheit einrichten kann, kräftig und lebendig in der Architektur, aber ohne sensationelle und laute Töne…“[6] Die Architekturkritikerin Ingeborg Flagge schrieb, der Kirchenraum sei „keiner, der den Menschen wie mit der Axt erschlägt. Aber er ist auch keiner, der seinen Besucher auf den ersten Blick bezaubert.“[6] In Bezug auf den Architekten meinte sie: „Schmuck und Ornament war für ihn sentimental.“[6]

Orgel

Links neben dem Altar steht eine Orgel, die 1967 von der Orgelbauwerkstatt Steinmeyer als op. 2161 gebaut wurde. Sie verfügt über 20 Register und drei Manuale, wobei ein „ganz ungewöhnliches Konzept“[8] umgesetzt wurde: Das Hauptwerk (Oberwerk genannt) verfügt nur über zwei Register, einen Prinzipal und ein Blockwerk, das den Rest der Prinzipalregister und die Mixtur zusammenfasst. Es wird mit dem mittleren Manual gespielt, kann jedoch mit einem Piston abgestellt werden, wodurch das Manual zum Koppelmanual wird. Das erste Manual dient dem Schwellwerk, das dritte dem nicht schwellbaren Brustwerk. Die Pfeifen des Brustwerks stehen unter dem Oberwerk, hinter dem sich das Schwellwerk befindet, während das Pedalwerk in einem separaten Gehäuse rechts daneben untergebracht ist.[8][9]

I Schwellwerk C–g3
Schweizerflöte 8′
Salicional 8′
Prinzipal 4′
Blockflöte 2′
Sesquialter II–III 223
Scharff III–IV 1′
Trompete 8′
Tremulant
II Oberwerk C–g3
Prinzipal 8′
Hintersatz V–VIII 4′
III Brustwerk C–g3
Gedeckt 8′
Rohrflöte 4′
Prinzipal 2′
Quinte 113
Zimbel II–III 12
Dulzian 8′
Pedal C–f1
Subbass 16′
Prinzipal 8′
Nachthorn 4′
Rauschpfeife IV 223
Fagott 16′
Commons: Thomaskirche – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Nachkriegskirchen in Wiesbaden - Ev. Thomaskirche. Website des Tags des offenen Denkmals. Abgerufen am 9. September 2023.
  2. Zeige deine Wunde. Website der Thomasgemeinde, 18. März 2022.
  3. Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Sigrid Russ (Bearb.): Wiesbaden II. Die Villengebiete. (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen) 2. Auflage, Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1996, ISBN 3-528-16236-8, S. #.
  4. a b c d e f Tag des offenen Denkmals am 8.9.2019. Artikel auf www.thomasgemeinde.de, 7. September 2019, anlässlich des Tags des offenen Denkmals 2019.
  5. a b Thomaskirche. Website der Stadt Wiesbaden.
  6. a b c d e Ingeborg Flagge: Nüchterne Feierlichkeit. 50 Jahre Thomaskirche in Wiesbaden. auf www.ingeborgflagge.de
  7. KLEINKIRCHEN: 9 x Wiesbaden. In: Moderne regional: Online-Magazin für Kulturlandschaften der Nachkriegsmoderne, ISSN 2365-0370.
  8. a b Markus Frank Hollingshaus: Orgeln in Wiesbaden. (mit Fotos von Carsten Lenz) Lenz-Musik, Wiesbaden 2003, ISBN 3-9808889-0-8, S. 79 f.
  9. Die Orgel der Thomaskirche. Website von Gabriela Blaudow, Kirchenmusikerin der Thomaskirche.

Koordinaten: 50° 5′ 40,7″ N, 8° 14′ 56,5″ O