Thomas Quarry
Koordinaten: 33° 34′ 0″ N, 7° 42′ 0″ W
Thomas Quarry I (Thomas-Steinbruch I) ist die Bezeichnung für eine archäologische und paläoanthropologische Fundstätte südwestlich von Casablanca in Marokko. Der Steinbruch wurde 1969 in Fachkreisen international bekannt, nachdem dort das Fossil eines homininen Unterkiefers entdeckt worden war.[1] Dieser Fund wurde zunächst – wie der Unterkiefer von Ternifine aus Algerien – der Gattung Atlanthropus zugeschrieben, heute wird er als nordafrikanische Variante von Homo erectus interpretiert. In jüngerer Zeit wurden zwischen 1994 und 2011 Steinwerkzeuge und weitere hominine Fossilien geborgen, darunter 2008 ein vollständiger Unterkiefer von Homo erectus – Fossilien und Artefakte, die als älteste Belege für die Anwesenheit von Individuen der Gattung Homo auf dem Gebiet des heutigen Marokkos gelten.[2]
Namensherkunft
Die Bezeichnung Thomas Quarry geht zurück auf den Namen der Familie Thomas, die das Gelände des Steinbruchs gepachtet hatte, nachdem ab 1907 große Mengen Sandstein für den Bau der Anlagen des Hafens von Casablanca beschafft werden mussten. Das Gelände war ursprünglich gegliedert in die Steinbrüche I, II und III, wobei letzterer auch als Oulad Hamida 1 bezeichnet wurde.[3]
Funde
Das erste hominine Fossil, ein zur Hälfte erhaltener Unterkiefer mit fünf Backenzähnen (Sammlungsnummer (ThI-GH-1), war 1969 bei Steinbrucharbeiten von einem Schüler entdeckt worden. Eine genaue Zuordnung zu einer bestimmten, datierbaren Fundschicht erwies sich als unmöglich. 1975 wurden zwar weitere Funde bekannt gegeben (aus Steinbruch III),[4] jedoch wurden die Sedimente im Bereich des Steinbruchs erst systematisch datiert, nachdem ab Ende der 1980er-Jahre neue Ausgrabungen veranlasst worden waren. Im Verlauf dieser Arbeiten wurden u. a. vier Zähne entdeckt (UP4 ThI-GH-OA23-24, UP3 ThI-GH-PA24-107, UP3 ThI-GH-SA26-90, UI1 ThI-GH-SA26-88), die von Individuen der Gattung Homo stammen und aus einer rund 500.000 Jahre alten Fundschicht hervor traten.[5][6]
Der 2008 entdeckte, gut erhaltene und recht schmale hominine Unterkiefer ThI-GH-10717 stammt aus einer noch etwas tieferen Schicht und wurde daher als noch etwas älter interpretiert;[7] direkt unter ihm wurden insgesamt acht Wirbel entdeckt, weswegen vermutet wird, dass Unterkiefer und Wirbel vom gleichen Individuum stammen. Vergleichbar alt ist das Unterkiefer-Fragment ThI-GH-10978 eines Kleinkinds, das weniger gut erhalten ist als die anderen Unterkiefer. 2026 wurde für die Fundschicht von ThI-GH-10717 und ThI-GH-10978 eine neue Datierung veröffentlicht, der zufolge diese Fossilien 773.000 ± 4.000 Jahre alt sind.[8] Dieses Funde sind folglich ähnlich alt wie die als Homo antecessor bezeichneten Fossilien aus Spanien und stammen laut Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Leipzig) möglicherweise von einer Population in verwandtschaftlicher Nähe zur Basis der Abstammungslinie, aus der Homo sapiens, die Neandertaler und die Denisova-Menschen hervorgingen.[9]
In noch tieferen Schichten wurden zudem zahlreiche Steinwerkzeuge freigelegt, deren Alter im Jahr 2021 auf 1,3 Millionen Jahre datiert wurde.[10][11]
Ein weiterer besonderer Fund wurde 2016 berichtet. In die rund 500.000 Jahre alten Fundschicht war ein Oberschenkelknochen eingebettet, dessen Schaft zahlreiche Bissspuren eines Raubtiers – wahrscheinlich von einer Hyäne – aufweist. Der Fund gilt als Beleg dafür, dass die frühen Menschen zum Nahrungsspektrum von Raubtieren gehörten; nicht nachvollziehbar ist, ob der Besitzer des Knochens erbeutet oder erst nach seinem Tod angefressen wurde.[12]
Belege
- ↑ Émile Ennouchi: Découverte d'un Pithécanthropien au Maroc. In: Comptes rendus hebdomadaires des séances de l'Académie des sciences. Série D. Band 269, 1969, 763–765. Volltext.
- ↑ Abderrahim Mohib et al.: Forty Years of Research at Casablanca (Morocco): New Insights in the Early/Middle Pleistocene Archaeology and Geology. In: Hespéris-Tamuda. Band 3, 2019, S. 25–56, Volltext.
- ↑ Eintrag Thomas Quarry in: Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.
- ↑ Émile Ennouchi: New discovery of an Archanthropian in Morocco. In: Journal of Human Evolution. Band 4, Nr. 6, 1975, S. 441–443, doi:10.1016/0047-2484(75)90141-4.
- ↑ Jean-Paul Raynal et al.: Hominid Cave at Thomas Quarry I (Casablanca, Morocco): Recent findings and their context. In: Quaternary International. Band 223, Nr. 1, 2010, S. 369–382, doi:10.1016/j.quaint.2010.03.01.
- ↑ Jean-Paul Raynal et al.: Contexts and age of the new dental human fossils from Middle Pleistocene deposits at Thomas Quarry I (Casablanca, Morocco). In: Bulletin de la Société préhistorique française. Band 108, Nr. 4, 2011, S. 645–669.
- ↑ New mandible from Thomas Quarry, Morocco ( vom 13. Oktober 2008 im Internet Archive). Im Original publiziert auf johnhawks.net vom 1. Juli 2008.
- ↑ Jean-Jacques Hublin et al.: Early hominins from Morocco basal to the Homo sapiens lineage. In: Nature. Online-Vorabveröffentlichung vom 7. Januar 2026, doi:10.1038/s41586-025-09914-y.
- ↑ Frühe Homininen aus Marokko gehören zu einer afrikanischen Abstammungslinie nahe dem Ursprung von Homo sapiens. Auf: mpg.de vom 7. Januar 2026.
- ↑ Rosalia Gallotti et al.: First high resolution chronostratigraphy for the early North African Acheulean at Casablanca (Morocco). In: Scientific Reports. Band 11, Artikel Nr. 15340, 2021, doi:10.1038/s41598-021-94695-3.
Morocco team hails stone age tool site dating back 1.3m years. Auf: theguardian.com vom 28. Juli 2021. - ↑ Rosalia Gallotti et al.: Dedicated core-on-anvil production of bladelet-like flakes in the Acheulean at Thomas Quarry I - L1 (Casablanca, Morocco). In: Scientific Reports. Band 10, Artikel Nr. 9225, 2020, doi:10.1038/s41598-020-65903-3.
- ↑ Camille Daujeard et al.: Pleistocene Hominins as a Resource for Carnivores: A c. 500,000-Year-Old Human Femur Bearing Tooth-Marks in North Africa (Thomas Quarry I, Morocco). In: PLoS ONE. Band 11, Nr. 4, 2016, e0152284. doi:10.1371/journal.pone.0152284.
Frühmenschen bei Raubtieren auf dem Speiseplan. Auf: archaeologie-online.de vom 29. April 2016.