Thea Graziella
Dorothea „Thea“ Graziella Schneidhuber, geborene Gabriel, Pseudonyme Horst Wilhelm, Thea Graziella, (* 3. August 1881 in Lyck, Ostpreußen; † 12. Mai 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg an der Saale) war eine deutsche Schriftstellerin.
Leben und Tätigkeit
Dorothea Gabriel wuchs in einer jüdischen Familie in Spandau auf. Später konvertierte sie zum Christentum und war ein aktives Mitglied der katholischen Kirche. Ihr Vater war Kaufmann. Sie besuchte die Handelsschule und die Universität und führte spätestens ab 1901 in Charlottenburg die Redaktion der von Maria Hassenstein herausgegebenen literarisch-künstlerischen Monatsschrift Strandgut.
Am 31. Mai 1905 heiratete sie den Bankdirektor Leonhard Schneidhuber, mit dem sie in München lebte. August Schneidhuber, ein jüngerer Bruder ihres Mannes, war der nachmalige Polizeipräsident von München und Kommandeur der Sturmabteilung (SA) in Bayern. 1906 wurde ein Sohn Horst Wilhelm geboren, der aber jung starb. Auch ihr Ehemann starb früh. Ebenfalls 1906 ging die zuletzt in München erschienene Monatsschrift Strandgut konkurs.[1] Schniedhuber zog zurück nach Charlottenburg und später nach Berlin. Ab 1906 war sie als Journalistin u. a. für den Berliner Börsen-Courier tätig[2] und setzte sich auch publizistisch für Frauenrechte und den Schutz Jugendlicher vor Prostitution und Alkoholmissbrauch ein.[3]
Ab 1905 trat Schneidhuber mit belletristischen Veröffentlichungen, speziell mit Dramen, Gedichten und Romanen an die Öffentlichkeit, wobei sie zumeist das Pseudonym Thea Graziella verwendete. Politisch vertrat Schneidhuber eher linke Standpunkte: So setzte sie sich mit ihrem während des Ersten Weltkriegs publizierten Roman Der Unpatriotische, dem zeitgenössische Besprechungen „pazifistische Tendenzen“ zuschrieben,[4] deutlich vom militaristischen Geist der Kriegsjahre ab. Nach dem Krieg gehörte sie der Deutschen Demokratischen Partei an.
Ab 1918 lebte sie in der Villa Mignon in Bad Tölz als Gesellschafterin der ebenfalls jüdischstämmigen Landgerichtsratswitwe Anna Meyer-Liepmann. Neben ihrer schriftstellerischen und journalistischen Arbeit war sie 1929/30 Lehrerin am Kloster Solanushaus in Landshut. Als Mitglied des Katholischen Deutschen Frauenbundes warb sie 1930 für das Projekt der Frauenfriedenskirche in Frankfurt.[5]
Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten erhielt Schneidhuber vermutlich aufgrund ihrer jüdischen Abstammung Publikationsverbot, jedenfalls veröffentlichte sie nach 1933 nicht mehr. Den Dompropst Johannes Neuhäusler, der auf Veranlassung des Bischofs Faulhaber die antikirchliche Agitation der Nationalsozialisten beobachtete, unterstützte Schneidhuber auf Empfehlung Faulhabers als Kurierin bei seinen Anstrengungen, Belege für Konflikte zwischen Nationalsozialismus und Kirche ins Ausland, v. a. in den Vatikan zu schaffen.[6]
Um der Verfolgung aufgrund ihrer jüdischen Abstammung zu entgehen, reisten sie und Meyer-Liepmann ab März 1940 ständig hin und her. Im Februar 1941 wurden sie schließlich in Frankfurt verhaftet. Sie wurde ins KZ Ravensbrück überführt und im Mai 1942 im Zuge der Aktion 14f13, die der Beseitigung von „Ballastexistenzen“ – d. h. nicht-arbeitsfähigen (sowie einzelnen arbeitsfähigen jüdischen) KZ-Häftlingen – diente, durch Vergasung zu Tode gebracht.
Eine erhalten gebliebene Photographie aus der Privatregistratur des für die Entscheidung, Schneidhuber zu töten, verantwortlichen KZ-Arztes Friedrich Mennecke enthält auf der Rückseite die Diagnose, die Mennecke Schneidhuber ausstellte, wobei die Diagnose zugleich ein Todesurteil bedeutete:
„Schrieb fortgesetzt deutschfeindliche Hetzartikel über die kirchenpolitische Lage in Deutschland, die sie von dem Referenten des erzbischöflichen Ordinariat in München erhielt.“
Heute erinnert ein Gedenkstein in der Markstraße in Bad Tölz an Schneidhuber.
Werke
- Göttin Weib. Trauerspiel in fünf Aufzügen, ca. 1905.
- Ihr Erdenwallen, 1906. (Drama)
- Im Spiegel der Seele, 1906. (Gedichte)
- Spiele des Schicksals, 1908.
- Göttin Weib, 1913. (Drama)
- Die Reichsversicherung für Hausangestellte, 1913.
- Der Unpatriotische, Xenien Verlag, 1916. (Roman)
- Das Mädchenschutzhaus in Berlin, das erste Observationshaus für gefährdete Jugendliche, 1915.
- Karthagos Niedergang, 1918.
- Die Prophetin, 1920. (Drama)
- Sauls Tochter, 1923. (Roman)
- Karthagos Niedergang. Tragödie in 5 Akten, 1924. (unter dem Pseudonym Horst Wilhelm)
- Leute von gestern, von morgen, von heute, Schöningh 1932.
- Wildkatzengeschichten. Aus meiner kleinen Stadt, Schöningh, 1932.
Literatur
- Kürschners deutscher Literatur-Kalender, Bd. 46, 1932, S. 126.
- Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück: Gedenkbuch für die Opfer des Konzentrationslagers Ravensbrück 1939-1945, 2005, S. 548.
- Graziella, Thea, in: Gudrun Wedel: Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon. Köln : Böhlau, 2010, S. 287.
Einzelnachweise
- ↑ Thomas Dietzel: Deutsche literarische Zeitschriften 1895-1945. Band 1. De Gruyter, 2012, S. 1156.
- ↑ Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 6. Auflage. Band 6. Leipzig 1913, S. 267.
- ↑ Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Band 12. De Gruyter, 2011, S. 298.
- ↑ Literarische Centralblatt für Deutschland, Bd. 68, 1917, S. 687.
- ↑ Dorothea Schneidhuber (geborene Thea Gabriel; Pseudonym Thea Graziella). In: faulhaber-edition.de. Abgerufen am 23. September 2025.
- ↑ Thomas Forstner: Priester in Zeiten des Umbruchs. Identität und Lebenswelt des katholischen Pfarrklerus in Oberbayern 1918 bis 1945, Göttingen 2013, S. 72.