Thürwachterhaus

Das Thürwachterhaus liegt am südwestlichen Rand der Ingolstädter Altstadt in der Taschenturmstraße 5. Die auf mittelalterliche Bausubstanz zurückgehende Anlage ist unter der Aktennummer D-1-61-000-437 in der Bayerischen Denkmalliste verzeichnet.

Geschichte

Das Thürwachterhaus ist ein denkmalgeschütztes Wohngebäude in der Ingolstädter Altstadt. Es befindet sich an der Taschenturmstraße 5, unmittelbar neben dem mittelalterlichen Taschentorturm, der Teil der zweiten Stadtmauer aus dem späten 14. Jahrhundert ist. Der Name geht auf Ignaz Schießl zurück, der 1762 als „Thürwachter“ des benachbarten Stadttores urkundlich belegt ist. Die Parzelle wurde seit dem Spätmittelalter als Stadtbauernhof genutzt. Ursprünglich eingeschossig, erhielt das Gebäude im 19. Jahrhundert Erweiterungen, darunter einen rückwärtigen Stadel mit Stall und Scheune (1840) sowie eine Aufstockung des Wohnhauses (1902). Nach Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung diente das Ensemble ausschließlich Wohnzwecken, verfiel aber im 20. Jahrhundert zunehmend. Ende der 1980er Jahre wurde eine Garage eingebaut, die den Charakter des Hauses zusätzlich beeinträchtigte. Schließlich stand das Thürwachterhaus leer.

Zwischen 2019 und 2024 wurde es durch das Ingolstädter Büro Mühlbauer umfassend saniert und umgebaut.[1][2] Ziel war es, die historische Substanz soweit möglich zu bewahren und zugleich eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen.[3] Im Haupthaus wurden die Eingriffe bewusst zurückhaltend gehalten; so konnte die traditionelle Raumstruktur weitgehend erhalten bleiben. Zwei Maisonettewohnungen entstanden durch den Ausbau des Dachgeschosses.[4][5]

Architektonisch markant ist die Transformation des ehemaligen Stadels in ein dreigeschossiges Stadthaus.[6][7] Dabei blieb die äußere Kubatur bestehen, während im Inneren eine skulpturale Betonstruktur mit sägerauen Schalungen und präzisen Details umgesetzt wurde.[8][9] So entstand eine 90 Quadratmeter große Atelierwohnung, die historische Mauerschalen mit neuer Materialität verbindet. Der Innenhof wurde vom Landschaftsarchitekten Maurus Schifferli gestaltet.[10][11] Statt einer romantisierenden Gartenanlage entstand eine schlichte, gemeinschaftlich nutzbare Kiesfläche mit einzelnen Setzungen wie einem Betonsockel und einem Maulbeerbaum – eine Neuinterpretation des früheren Wirtschaftshofes[12]. Das Projekt gilt als beispielhaft für den sensiblen Umgang mit unscheinbaren historischen Bauten abseits der großen Monumente.[13] Es zeigt, wie durch präzise Eingriffe, Materialbewusstsein und den Dialog von Alt und Neu neue Lebensqualität in der Altstadt geschaffen werden kann.[14]

Objektbeteiligte

  • Architekten: Alexander Mühlbauer, Andreas Mühlbauer, Andreas Josef Mühlbauer
  • Mitarbeiter: Raphael Berger, Carmen Dieterich, Hasan Ahmed Koca, Lukas Westner
  • Landschaftsarchitekt: Maurus Schifferli
  • Künstler: Michael Schölß
  • Fotograf: Ralph Feiner

Auszeichnungen und Preise

Baudenkmal

Das Stadtbauernhaus steht unter Denkmalschutz und ist im Denkmalatlas des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und in der Liste der Baudenkmäler in Ingolstadt eingetragen.[16]

Ausstellungen

Literatur

  • Frank Becker, Christina Grimminger, Karlheinz Hemmeter (Hrsg.): Denkmäler in Bayern. Stadt Ingolstadt. Karl M. Lipp Verlag, München 2002.
  • Rubina Scherlitz, Christian Schönwetter: Alte Schale, Neuer Kern. In: db deutsche bauzeitung 1–2/2025, S. 45.
  • Sebastian Birkl: Das Erbe der Stadt. In: espresso Magazin Ausgabe März 2025, S. 26–30.
  • Alexander Russ: Gute Ideen einfordern. In: Deutsches Architektenblatt 6/2025, S. 20–21.
  • Barbara Brubacher: Transformation im Bestand. In: CUBE Magazin 2/2025, S. 28–29.
  • Veronika Staub: Thürwachterhaus in Ingolstadt. In: AIT 7–8/2025 Wohnen, S. 84–85.
  • Johanna Adorján, Eva Maria Herrmann (Hrsg.): Häuser des Jahres 2025. Callwey, München 2025, S. 166–169.
  • Nicolette Baumeister (Hrsg.): Baukulturführer 146 – Thürwachterhaus Ingolstadt. Verlag Büro Wilhelm, Amberg 2025, Autor: Hubertus Adam, Fotograf: Ralph Feiner. ISBN 978-3-948137-95-3.
  • Norbert Fiebig: Wohnen in inspirierenden Räumen aus Beton. In: Betonprisma 118 Wohnen 2025, S. 52–57.
  • best architects 26. Verlag Zinnobergruen, Düsseldorf 2025, ISBN 978-3-946021-10-0, S. 78–81.
Commons: Thürwachterhaus – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Büro Mühlbauer, Ralph Feiner · Taschenturmstrasse. Abgerufen am 14. März 2025 (englisch).
  2. Oliver Herwig: Bauernhaus in Ingolstadt: Dieser Umbau mitten in der Altstadt zeigt, was in alten Häusern steckt. 4. Dezember 2024, abgerufen am 7. Dezember 2024.
  3. Thürwachterhaus: BÜRO MÜHLBAUER Transforms Historic Farm Near Taschentorturm. 15. April 2025, abgerufen am 16. April 2025 (englisch).
  4. Sebastian Birkl: Das Erbe der Stadt. 18. März 2025, abgerufen am 24. März 2025.
  5. Atelierhaus in der Taschenturmstraße in Ingolstadt | Gerüste und Schalungen. Abgerufen am 23. Januar 2025.
  6. Thürwachterhaus / Büro Mühlbauer. 1. April 2025, abgerufen am 1. April 2025 (amerikanisches Englisch).
  7. Wohnen im Stadl – Umbau in Ingolstadt von Büro Mühlbauer. 28. Oktober 2024, abgerufen am 10. November 2024.
  8. A barn in Germany transformed into a home with a radical interior. Abgerufen am 22. Mai 2025 (britisches Englisch).
  9. Umbau Historischer Stadtbauernhof in Ingolstadt. Abgerufen am 23. Januar 2025.
  10. Almut Steinecke: Erstlingswerke junger Architektinnen und Architekten. In: Deutsches Architektenblatt. 30. Mai 2025, abgerufen am 1. Juni 2025.
  11. Thürwachterhaus. Abgerufen am 28. Januar 2025.
  12. Thürwachterhaus. Abgerufen am 1. Juni 2025.
  13. Transformation im Bestand. 25. Juni 2025, abgerufen am 5. Juli 2025.
  14. Alte Schale, neuer Kern. 9. Januar 2025, abgerufen am 10. Januar 2025.
  15. BÜRO MÜHLBAUER / Thürwachterhaus / 2026 / Umbauten & Erweiterungen / best architects award. Abgerufen am 22. Juli 2025.
  16. DenkmalAtlas 2.0. Abgerufen am 22. April 2022.

Koordinaten: 48° 45′ 43,2″ N, 11° 25′ 13,6″ O