Tell Abū Ḥğaira

Der Tell Abū Ḥğaira (arabisch تل ابو حجيرة, DMG Tall Abū Ḥağīra) war ein bronzezeitlicher Siedlungshügel im Nordosten Syriens, im Gouvernement al-Ḥasaka, etwa 20 Kilometer nordwestlich der Bezirksstadt al-Ḥasaka gelegen. Der rund 16 Meter hohe Hügel erstreckte sich etwa 250 Meter in Nord-Süd- und 200 Meter in Ost-West-Richtung und lag am Westhang eines Trockentals namens Wādī al-ʽAwiğ.

Geografie

Koordinaten: 36° 37′ 0″ N, 40° 38′ 0″ O

Tell Abu Ḥğaira
Tell Abū Ḥğaira[1]

Im Jahre 1984 hatte die syrische Direction Générale des Antiquités et des Musées (DGAM) einen internationalen Aufruf zur Beteiligung an Rettungsgrabungen in künftigen Stauseegebieten am Ḫābūr, dem größten Nebenfluss des Euphrat erlassen.[2] Geplant waren zwei Stauseen nördlich und ein Stausee südlich von Ḥasaka.

Abū Ḥğaira befand sich im Einzugsgebiet des östlichen der beiden nördlichen Stauseen, das im Jahr 1990 geflutet werden sollte. In den frühen 1990er-Jahren bildete der Hügel – abhängig vom Wasserstand – eine unterschiedlich große Insel im neu entstandenen See. Satellitenbilder aus den 2000er-Jahren zeigen, dass der See inzwischen ausgetrocknet ist; die durch Wassererosion gezeichneten Reste des Siedlungshügels sind weiterhin sichtbar.

Kulturhistorisch zählt das Gebiet zu Obermesopotamien, während es agrargeografisch heute zur syrisch-irakischen Wüstenregion gehört, die durch ein arides bis semiarides kontinentales Wüstenklima geprägt ist.

Geschichte

In der 2. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. (sogenannte Früh-Ğazira-II/IIIa-Zeit) befand sich am Tell Abū Hǧaira eine dörfliche Siedlung, deren antiker Name nicht überliefert ist. Die Früh-Ğazira-II/IIIa-Zeit in Nordmesopotamien entspricht in etwa der Frühdynastisch II/III-Zeit in Südmesopotamien.[3] Nach den Ergebnissen der deutsch-syrischen Ausgrabungen sind die intensivsten Siedlungsaktivitäten für die Früh-Ğazira-IIIa-Zeit zu verzeichnen.[4] Die ca. 3,5 Hektar große Ortschaft mit geschätzten 400 Einwohnern wurde etwa um 2350 verlassen.[5] Zugesetzte Türen und, von Vorratsgefäßen abgesehen, das spärliche Fundmaterial in den Räumen, sprachen für ein planmäßiges Verlassen des Ortes mit der Option der Rückkehr. In der Ğazīra, der Wüstensteppenregion zwischen Euphrat und Tigris, konnte man diese Praxis in den 1980er Jahren noch beobachten. Weshalb die befestigte Siedlung aufgegeben wurde, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Denkbar wären klimatische Veränderungen, die keinen Regenfeldbau mehr zuließen.[6]

Das frühbronzezeitliche Dorf war Teil eines Siedlungssystems, das sich entlang des Wādī al-ʽAwiğ erstreckte. Zentrum dieses Systems war Nabada (das heutige Tell Beydar), ein lokales Verwaltungszentrum im Einflussbereich des Königreichs von Nagar (Tell Brāk).[7]

Forschungsgeschichte

Das Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) der Akademie der Wissenschaften der DDR und das Vorderasiatische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin (VAM) waren dem Aufruf der DGAM gefolgt. Gemeinsam mit syrischen Kollegen beteiligte man sich an den Rettungsgrabungen, den Auftakt bildete die Vermessungskampagne 1987. Im Anschluss daran fanden zwischen 1988 und 1990 jeweils drei achtwöchige Grabungskampagnen statt. Die Leitung der deutschen Mission lag in den Jahren 1988 und 1989 bei Joachim Voos (ZIAGA). Nach dessen tragischem Unfalltod im Oktober 1989 übernahm Ralf-B. Wartke (VAM) die Grabungsleitung bis zum Abschluss der Kampagne. Für die Arbeiten im Jahr 1990 zeichnete Lutz Martin (ZIAGA) verantwortlich. Als syrischer Co-Direktor begleitete Antoine Suleiman (DGAM) sämtliche Grabungskampagnen.

Finanziert wurde das Vorhaben jeweils zur Hälfte aus Mitteln des Ministerratsfonds zur Intensivierung der archäologisch-kulturhistorischen Forschung vom Wissenschaftlichen Rat für Archäologie und Alte Geschichte an der AdW der DDR und der DGAM.[8] Obwohl die Mission als gemeinsames Unternehmen konzipiert war, agierten die deutsche und die syrische Seite bei den Grabungsarbeiten jeweils in eigener Verantwortung. Auch die wissenschaftliche Auswertung erfolgte getrennt: Während die syrische Expedition ihre Gesamtergebnisse in vier Bänden der Reihe Documents d’Archéologie Syrienne publizierte, liegen von deutscher Seite bislang lediglich Einzelbeiträge vor.

Die 2. Kampagne der Abū Ḥğaira-Grabung 1989 ist von Barbara und Winfried Junge, zwei bekannten DDR-Dokumentarfilmern der DEFA, mit der Kamera begleitet worden. Der Film mit dem Titel „Nicht jeder findet sein Troja – Archäologen“ kam im Zusammenhang mit der Privatisierung des Progress-Filmverleihs 1990 nicht mehr zur Aufführung und wurde im Archiv der DEFA-Stiftung archiviert. Am 4. Oktober 1990, einen Tag nach der deutschen Wiedervereinigung, endete die erste und zugleich einzige archäologische Mission der DDR in Syrien. Die der deutschen Seite zugesprochenen Fundstücke kamen 1999 in das Vorderasiatische Museum in Berlin. Die Kollektion wurde ein Jahr später in einer Studienausstellung gezeigt, die den programmatischen Titel „Vor der Flut gerettet …“ trug.[9]

Befunde und Funde

Die Häuser waren aus luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet. An einigen Wänden fanden sich Putzreste und Hinweise auf einen Kalkanstrich. Die Dächer bestanden aus Rundhölzern, einem Ast- und Schilf(?)geflecht und einer darüber liegenden Lehmschicht als Abdichtung. Die Raumgrößen betrugen in den untersuchten Arealen zwischen 6 bis 9 m2, die der größten Räume ca. 12 m2. Indizien für öffentlich genutzte Räume oder Kultbauten gab es in den von der deutschen Expedition untersuchten Bereichen nicht.[10] Gleichwohl legte die syrische Mission ein Gebäude frei, dass sie aufgrund eines darin befindlichen Podestes und Resten weißgekalkter Wände, als Tempel deutete.[11]

Zu den bemerkenswertesten Funden zählen 26 Kindergräber aus den Siedlungsschichten des 3. Jahrtausends v. Chr. Säuglinge und Kleinkinder wurden in Lehmziegelkisten oder Tongefäßen innerhalb der Siedlung und in Hausanlagen bestattet. Dies deutet auf eine enge Bindung der Hinterblieben mit den Verstorbenen hin. In den Lehmziegelkistengräbern fand sich neben Gefäßbeigaben auch Schmuck.[12] In den untersuchten Grabungsarealen ist lediglich eine Erwachsenenbestattung nachgewiesen worden, deshalb kann man vermuten, dass der Friedhof für Erwachsene außerhalb der Siedlung lag.

Unter den frühbronzezeitlichen Artefakten sind mehrere Rollsiegel und eine Siegelabrollung auf einem Tonverschluss besonders hervorzuheben.[13] Auch ein Planwagenmodell aus Terrakotta[14] und eine fein gearbeitete Dolchklinge[15] aus Bronze sind als weitere bemerkenswerte Funde zu nennen.

Literatur

  • Lutz Martin: Rettungsgrabungen im Gebiet des nördlichen Ḫābūrstausees. In: M. Lebeau (Hrsg.), About Subartu (= Subartu IV.1). Brepols, Turnhout 1998, 171–177.
  • Lutz Martin: Auf großer Fahrt. Die Terrakottawagenmodelle vom Tell Abu Hğaira I. In: J. Marzahn, F. Pedde (Hrsg.), Hauptsache Museum. Der Alte Orient im Fokus. Festschrift für Ralf-B. Wartke (= marru 6). Münster 2018, 71–89.
  • Lutz Martin:, Nahe bei den Eltern – Säuglingsbestattungen in der frühbronzezeitlichen Siedlung von Tell Abu Hǧaira I in Nordost-Syrien. In: A. Ahrens, D. Rokitta-Krumnow, F. Bloch, C. Bührig (Hrsg.), Drawing the Threads Together. Studies on Archaeology in Honour of Karin Bartl (= marru 10). Münster 2020, 361–378.
  • Lutz Martin, C. Tietze, Ausgrabungen auf dem Tell Abu Hǧaira. In: Altorientalische Forschungen 19.2 (1992), 247–258.
  • Lutz Martin, Ralf-B. Wartke: Tall Abu Hǧaira, 1987–1990. In: H. Kühne (Hrsg.), Archäologische Forschungen in Syrien (5), (Archiv für Orientforschung, 40/41), Wien 1993/1994, 200–215.
  • Antoine Suleiman, Tell Abu Hǧaira (fouille syrienne). In: M. al-Maqdissi, Chronique des activités archéologiques en Syrie (II), In: Syria Revue d’art orientale et d’archéologie 72 (1995), 183–190.
  • Antoine Suleiman, Philippe Quenet, Trois campagnes de fouilles syriennes à Tell Abu Hujeira I (1988–1990). Première partie. Le chantier B: architecture et stratigraphie. Documents d’Archéologie Syrienne 3, Damaskus 2003.
  • Antoine Suleiman, Philippe Quenet, Trois campagnes de fouilles syriennes à Tell Abu Hujeira I (1988–1990). Deuxième partie. Les sondages 2 et 3 - stratigraphie. Troisième partie: Les tombes. Documents d’Archéologie Syrienne 5, Damaskus 2004.
  • Antoine Suleiman, Philippe Quenet, Trois campagnes de fouilles syriennes à Tell Abu Hujeira I (1988–1990). Quatrieme partie. Poterie et periodisation. Documents d’Archéologie Syrienne 8, Damaskus 2006.
  • Antoine Suleiman, Philippe Quenet, Yoshihiro Nishiaki: Trois campagnes de fouilles syriennes à Tell Abu Hujeira I (1988–1990). Cinquième et septième parties. Inventaire analytique des etude objets, outiles de silex et annexes (= Documents d’Archéologie Syrienne 17). Damaskus 2012.

Einzelnachweise

  1. S. Anastasio, M. Lebeau, M. Sauvage, Abū Ḥijārah. In: Atlas of Preclassical Upper Mesopotamia. (= Subartu XIII). Brepols, Turnhout 2004, 36.
  2. Afif Bahnassi: Appel international pour la sauvegarde des antiquités du Moyen Khabour. Direction Générale des Antiquités et des Musées, Damaskus 1984.
  3. vgl. EA (Early Anatolian) – EL (Early Levantine) – EM (Early Mesopotamian) Cultural Horizon Table
  4. L. Martin, Die Glyptik vom Tell Abu Hǧaira I und ihr Beitrag zur Datierung der frühbronzezeitlichen Siedlung (im Druck).
  5. L. Martin, C. Tietze, Ausgrabungen auf dem Tell Abu Hğaira. In: Altorientalische Forschungen 19 (1992), 254–255.
  6. L. Martin, C. Tietze, Ausgrabungen auf dem Tell Abu Hğaira. In: Altorientalische Forschungen 19 (1992), 254–255, S. 257.
  7. L. Martin, Rettungsgrabungen im Gebiet des nördlichen Ḫābūrstausees. In: M. Lebeau (Hrsg.): About Subartu (= Subartu IV, 1). Brepols, Turnhout 1998, 175–176.
  8. A. Reinecke, Außereuropäische Archäologie am ZIAGA und in der DDR. In: N. Benecke, P. von Rummel (Hrsg.), Das Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) und das Deutsche Archäologische Institut (DAI). Erinnerungen und Berichte aus der Vor- und Nachwendezeit (1975–2010), Das Deutsche Archäologische Institut, Geschichte und Dokumente 12, 2022, 116–119, 144.
  9. Lutz Martin: Vor der Flut gerettet. In: EOS. Nachrichten für Freunde der Antike auf der Museumsinsel. 11, Mai 2000, 16–22.
  10. L. Martin, C. Tietze, Ausgrabungen auf dem Tell Abu Hğaira. In: Altorientalische Forschungen 19 (1992), 254–255.
  11. A. Sulaiman, P. Quenet, Trois campagnes de fouilles syriennes à Tell Abu Hujeira I (1988–1990), Documentes d’archéologie syrienne III (2003), 21.
  12. L. Martin, Nahe bei den Eltern - Säuglingsbestattungen in der frühbronzezeitlichen Siedlung von Tell Abu Hǧaira I in Nordost-Syrien. In: A. Ahrens, D. Rokitta-Krumnow, F. Bloch, C. Bührig (Hrsg.), Drawing the Threads Together. Studies on Archaeology in Honour of Karin Bartl (= marru 10). Münster 2020, 361–378.
  13. L. Martin, C. Tietze, Ausgrabungen auf dem Tell Abu Hğaira. In: Altorientalische Forschungen 19 (1992), 254–255., Die Glyptik vom Tell Abu Hǧaira I und ihr Beitrag zur Datierung der frühbronzezeitlichen Siedlung (im Druck).
  14. L. Martin, C. Tietze, Ausgrabungen auf dem Tell Abu Hğaira. In: Altorientalische Forschungen 19 (1992), 254–255., Auf großer Fahrt – Die Terrakottawagenmodelle vom Tell Abu Hğaira I, In: J. Marzahn, F. Pedde (Hrsg.), Hauptsache Museum. Der Alte Orient im Fokus, Festschrift für Ralf-B. Wartke (= marru 6). Münster 2018, 71–89.
  15. L. Martin, R.-B. Wartke, Tall Abu Ḥğaira 1987–1990. In: Archäologische Forschungen in Syrien (5) zusammengestellt von H. Kühne (Archiv für Orientforschung XL/XLI), Wien 1993/1994, 214.