Tashi Wangdi

Tashi Wangdi (tibetisch བཀྲ་ཤིས་དབང་འདུས་ Wylie bkra shis dbang 'dus, geb. 15. April 1947 in Ralung[1]; gest. 1. Mai 2025 in Ottawa,[2] Kanada[3]) war vom 16. April 2005 bis 2008 der Repräsentant des Dalai Lama, Tenzin Gyatso, in Amerika.[4] Ab 1966 diente er der Tibetischen Exilregierung. Er hatte den Posten eines „Kalon“ (Kabinettsminister) in praktisch jedem wichtigen Ministerium inne, darunter dem Ministerium für Religion und Kultur, dem Innenministerium, dem Bildungsministerium, dem Ministerium für Information und internationale Beziehungen, dem Sicherheitsministerium und dem Gesundheitsministerium. Dann diente er in Frankreich und Europa von Januar 2009[5] bis 17. Dezember 2010[6], als er zurücktrat, um bei den Wahlen des tibetischen Premierministers 2011 anzutreten.

Leben

Tashi Wangdi wurde 1947 in Ralung geboren.[7] Sein Vater war einige Jahre als Verwalter des Klosters tätig, bevor er in sein Heimatdorf Sangnag Chöling im südlichen Tibet zurückkehrte, wo Tashi eine traditionelle Ausbildung erhielt. Nach dem tibetischen Aufstand von 1959 ging er mit seinen Eltern und vier Geschwistern ins Exil nach Indien. Seine Sekundarschulbildung setzte er an der Schule für tibetische Flüchtlingskinder (Central School for Tibetans) in Masuri und später an der Wynberg Allen School in derselben Stadt fort. 1966 begann er für die tibetische Exilregierung als Übersetzer vom Englischen ins Tibetische im tibetischen Innen- und Bildungsministerium zu arbeiten. 1968 erhielt er ein Stipendium und setzte sein Studium in Großbritannien fort, wo er an der University of Durham einen Abschluss in Politikwissenschaft und Soziologie erwarb. 1974 kehrte er nach Indien zurück und arbeitete für die tibetische Exilregierung im Innenministerium.[1]

Tashi Wangdi war von 1974 bis 1977 stellvertretender Sekretär und Generalsekretär des Tibetan Youth Congress (བོད་ཀྱི་གཞོན་ནུའི་ལྷན་ཚོགས།, bod kyi gzhon nu’i lhan tshogs)[8]

Bis 1975 arbeitete er in McLeod Ganj (Dharamsala). Anschließend war er von 1976 bis 1987 im Büro des Dalai Lama in Neu-Delhi angestellt, wo er zunächst Sekretär und ab 1977 Repräsentant des Büros war.

1985 wurde er Minister und bekleidete im Exil mehrere Ministerämter, darunter das Ministerium für Information und Internationale Beziehungen, das Bildungsministerium, das Ministerium für Religion und Kultur, das Sicherheitsministerium und das Gesundheitsministerium. Im Wesentlichen war er bis 1996 Außenminister, mit einer Unterbrechung von 1990 bis 1991. Von 1996 bis 2001 war er Minister für Religion und Kultur. Anschließend kehrte er nach Neu-Delhi zurück, um für den Dalai Lama zu arbeiten.

In der Zwischenzeit wurde er 1988 zusammen mit Lodi Gyari Rinpoche[9] zum Leiter der offiziellen Delegation ernannt, die mit der Regierung der Volksrepublik China verhandeln sollte, doch dazu kam es nicht. 2004 war er Mitglied der Arbeitsgruppe, die den Dialog mit China führte.[10]

Als Minister nahm Tashi Wangdi am 20. Januar 2003 in Anwesenheit des Präsidenten der Republik China, Chen Shui-bian an der Einweihungszeremonie der Taiwan-Tibet-Austauschstiftung (Taiwan-Tibet Exchange Foundation - 台灣西藏交流基金會 - Táiwān xīzàng jiāoliú jījīn huì) in Taiwan teil.[11] Die taiwanesische Regierung hatte beschlossen, die Ministerkommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten aufzulösen, deren Aufgaben an die Taiwan-Tibet Exchange Foundation übertragen wurden, die als halboffizieller Kommunikationskanal zwischen Taipeh und der tibetischen Exilregierung in Dharamsala, Indien, dienen soll.[12]

Im Jahr 2005 war er Tibets Vertreter in New York (Office of Tibet, Washington) für die Länder Amerikas und im Jahr 2009 wurde er nach Brüssel versetzt, wo er der Vertreter des Dalai Lama in Paris für die Beziehungen zu Westeuropa, dem Maghreb und den Institutionen der Europäischen Union war.

Im Jahr 2011 war er einer der sechs Kandidaten, die bei den Vorwahlen zum tibetischen Premierminister gewählt wurden. Diese Wahlen gewann Lobsang Sangay.

Familie

Tashi Wangdi lernte 1974 Sonam Deki Sadutshang kennen, die er im April 1976 heiratete. Mit ihr hatte er eine Tochter, Kelsang Yangzom, und später einen Sohn, Tsering Dhonden.[7]

Rezeption

Er tritt im Dokumentarfilm Tibet - A Case to Answer (Vanya Kewley, Dispatches, 1988) in Erscheinung. Tashi Wangdi hat seine Autobiografie veröffentlicht, die Vijay Kranti als monumentale Ergänzung zu den tibetischen Autobiografien betrachtet. Wie der Dalai Lama im Vorwort zu diesem Buch schreibt: „Dieses Buch beleuchtet die jüngere Geschichte Tibets aus der Perspektive eines Mannes, der aktiv an seiner Entwicklung beteiligt war.“[13]

Publikation

  • My Life - Born in Free Tibet, Served in Exile, Vorwort v. Tenzin Gyatso, Library of Tibetan Works and Archives 2024. ISBN 8197030472 ISBN 9788197030475

Einzelnachweise

  1. a b Bureau du Tibet: Monsieur Tashi Wangdi. tibet-info.net 19. Januar 2009.
  2. Dawa Tsering: Obituary: Department of Information and International Relations Mourns The Demise of its Former Kalon Tashi Wangdi - Central Tibetan Administration. 2. Mai 2025, abgerufen am 2. Mai 2025 (englisch).
  3. Tsering Dhundup: Former minister and representative Tashi Wangdi passes away at 78. phayul.com 1. Mai 2025.
  4. Kasur Tashi Wangdi appointed Representative to Americas. Tibet.com 31. Mär 2005.
  5. Tenam: New and Outgoing Representatives meet with Tibetans in France, Phayul.com 18. Januar 2009.
  6. Bureau du Tibet à Paris et Bruxelles. tibet-info.net.
  7. a b Tashi Wangdi: My Life – Born in Free Tibet, Served in Exile. Library of Tibetan Works and Archives 2024. google books ISBN 978-81-970304-7-5
  8. Centrex 1974–77. In: https://www.tibetanyouthcongress.org. Abgerufen am 2. Mai 2025 (englisch).
  9. Lodi Gyaltsen Gyari: The Dalai Lama’s Special Envoy: Memoirs of a Lifetime in Pursuit of a Reunited Tibet. Columbia University Press 2022. google books ISBN 978-0-231-55650-7
  10. TASHI WANGDI tibetanwhoswho.wordpress.com
  11. Tibetan foundation marks new era in nation’s diplomacy. taipeitimes.com.
  12. New Tibetan organization to be opened. taipeitimes.com.
  13. „Ce livre met en lumière l’histoire contemporaine du Tibet à travers les yeux d’un individu qui a activement participé à son développement.“ Vijay Kranti: A Document for the Posterity. In: Tibetan Review. 7. Oktober 2024, abgerufen am 2. Mai 2025 (englisch).