Tamiko Thiel
Tamiko Thiel (* 1957 in Oakland, Kalifornien) ist eine US-amerikanische Künstlerin deutsch-japanischer Abstammung[1], die für ihre digitale Kunst bekannt ist. Sie erschafft virtuelle Welten und Interaktive Kunstwerke und arbeitet mit Augmented Reality (AR) und Virtuelle Realität (VR). Sie hat ebenfalls Künstliche Intelligenz (Kl) eingesetzt, um partizipatorische, multi-perspektivische wie auch kritisch-reflexive Werke zu schaffen.[2] In ihren Werken untersucht sie häufig „das Zusammenspiel von Ort, Raum, Körper und kultureller Identität“. Thiel lebt in München, Deutschland.
Leben und Werk
Tamiko Thiel wurde 1957 in Oakland, Kalifornien, geboren. Sie wuchs in Seattle, Washington, auf. Sie ist die Tochter von Midori Kono Thiel, einer japanisch-amerikanischen Kalligrafin, und Philip Thiel, einem Deutschamerikaner.
Ausbildung
Thiel studierte zunächst Allgemeine Ingenieurwissenschaften mit den Schwerpunkten Produktdesign und Mensch-Maschine-Interface-Design an der Stanford University und erwarb dort im Jahr 1979 ihren Bachelor of Science (B.S.).
1983 erwarb sie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts, USA, den Master of Science (M.S.) in Maschinenbau. Dort studierte sie Computergrafik und visuelle Bildbearbeitung bei der Architecture Machine Group und im Visual Language Workshop (dem späteren MIT Media Lab) und erlangte fundierte Programmierkenntnisse. Zudem befasste sie sich mit der Mensch-Maschine-Schnittstelle im Biomechanics Lab und schrieb ihre Masterarbeit über die Echtzeitsimulation einer Ultraschall-Mobilitätshilfe für sehbehinderte Menschen.[3]
Im Sommer 1985 war sie Gaststudentin bei dem Maler Jörg Immendorff an der Akademie der Bildenden Künste München. Von Herbst 1987 bis Frühjahr 1988 nahm sie an einem Projektseminar bei dem Objektkünstler Daniel Spoerri teil. Sie absolvierte 1991 die Akademie mit einem Diplom in Angewandter Grafik und dem Schwerpunkt Installationskunst und Videokunst bei Gerhard Berger. Als Teil ihrer Abschlussarbeit entstand das 1-Kanal-Video Golden Seed, das Teil einer Mixed-Reality-Installation war.
Wirken und künstlerische Entwicklung
Schon zu ihrer Zeit am MIT entdeckte sie die Medienkunst für sich, hielt die Zeit dafür aber noch zu früh. Erst nach der Entwicklung der Connection Machine sah sie die Zeit dafür reif.[4] Thiels künstlerische Praxis umfasst eine Vielzahl von Medien, darunter VR- und AR-Installationen, digitale Drucke, Objekte, Videoarbeiten und netzbasierte Projekte. Viele ihrer Arbeiten verbinden technische Innovationen mit gesellschaftlichen, historischen und politischen Fragestellungen. Außerdem publizierte sie eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich von VR und AR.
Frühe Karriere und technische Arbeiten
Nach ihrem Studium arbeitete Thiel zunächst als Produktdesignerin, unter anderem bei Hewlett-Packard im Silicon Valley. Später wurde sie leitende Produktdesignerin für die Connection Machine CM-1/CM-2-Supercomputer bei Thinking Machines Corporation zusammen mit Danny Hillis, Carl Feynman und Brewster Kahle. Dieser Computer, dessen ästhetisches Design sie maßgeblich mitprägte, gilt als einflussreiche frühe visuelle Verknüpfung von Technologie und Formensprache in der Geschichte der Informatik und ist unter anderem in der Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York vertreten.[5]
In den 1990er Jahren begann Thiel, digitale Technologien als künstlerisches Medium zu nutzen. Ihre Arbeit Starbright World (1994–1997), eine onlinebasierte virtuelle Welt für schwer kranke Kinder, die in Zusammenarbeit mit der Starbright Foundation und Steven Spielberg realisiert wurde, gilt als frühe Vision einer Social-VR-Umgebung. Starbright World gewann unter anderem den Cyberedge: Virtual Reality product of the Year Award 1995, den Global Information Infrastructure Award: Winner of Next Generation Award 1996 und den Asahi Shimbun: Digital Entertainment Award 1996.
Virtual Reality und installative Arbeiten
Ihr VR-Projekt Beyond Manzanar (2000, gemeinsam mit Zara Houshmand) ist eine immersive virtuelle Darstellung des ehemaligen japanisch-amerikanischen Internierungslagers Manzanar und reflektiert Themen wie Exil, Identität und Geschichte. Es wurde Teil der Sammlung des San Jose Museum of Art.
Virtuelle Mauer / ReConstructing the Wall ist ein medienkünstlerisches Projekt, das mithilfe virtueller Realität einen ehemaligen Abschnitt der Berliner Mauer zwischen den Stadtteilen Kreuzberg und Mitte digital rekonstruiert. Auf der Grundlage historischer Recherchen sowie von Zeitzeug:innenberichten entstand eine interaktive 3D-Installation, in der Besuchern verschiedene Szenen aus dem Alltag an der innerdeutschen Grenze zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren erkunden können. Das Projekt versteht sich als digitaler Erinnerungsraum, der die Geschichte der Berliner Mauer nicht nur dokumentiert, sondern durch immersive Erfahrung zur Auseinandersetzung mit der Teilung der Stadt und ihren gesellschaftlichen Folgen anregt.
Augmented Reality
Als Mitbegründerin der Künstlergruppe Manifest.AR nutzte Thiel AR-Technologien, um raum- und ortsbezogene Kunst in institutionellen Kontexten zu realisieren, etwa durch Guerilla-Interventionen in Museen und auf Biennalen.[6]
Einige ihrer AR-Installationen, wie Unexpected Growth (2018, mit /p) für das Whitney Museum of American Art in New York, thematisieren Umwelt- und Zukunftsfragen durch digitale Überlagerung realer Orte.[7]
Lehre und Vermittlung
Thiel ist international als Dozentin und Gastprofessorin tätig, unter anderem an Universitäten in Europa, Asien und den USA, wo sie zu Themen wie VR, AR, neue Medien und Interfaces lehrt.[8]
Rezeption
Kunstkritiker und Fachliteratur heben Thiels Bedeutung als Pionierin der digitalen Kunst hervor, insbesondere für ihre frühen künstlerischen Anwendungen von Virtual Reality und Augmented Reality[4] sowie ihre kritischen Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen im digitalen Raum.
Ausstellungen (Auswahl)
- 2025: Entwürfe Connection Machine, Kunsthalle Wien[4]
- 2025: Atmos Sphaerae, Siggraph Art Gallery, Vancouver BC, Canada.[9]
- 2023: What You Sow/Was Man Sät, AR Biennal, NRW-Forum, Düsseldorf[10]
- 2022: Evolution of Fish Hood Museum of Art, Darthmouth College, Hanover, USA[11]
- 2021: Lend Me Your Face! Microwave Festival, Hong Kong[12]
- 2020: Suspended Spring, Telematic Gallery, San Francisco[13]
- 2019: Beyond Manzanar, Museum of Art, San Jose/Silicon Valley[14]
- 2017: Connection Machine CM-2, Musem of Modern Art, New York[15]
- 2016: Gardens of the Anthropocene, Seattle Art Museum, Seattle USA[16]
- 2013: Virtuale, Siggraph Asia Art Gallery, Hong Kong[17]
- 2012: All Hail Damien Hirst! Tate Gallery of Modern Art, London[18]
- 2011: DUMBO Arts Festival, Brooklyn, New York[19]
- 2010: We AR in MoMA, Museum of Modern Art (MoMA), New York[20]
- 2008: Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall, Museum für Kommunikation Berlin[21]
- 2006: Next Level: Die Lust am Spiel in der Netzwerkgesellschaft, Kunstverein Wolfsburg, Wolfsburg[22]
Auszeichnungen (Auswahl)
- 2024: ACM SIGGRAPH Distinguished Artist Award die Arbeit Lifetime Achievement in Digital Art[23]
- 2024: AWE’s XR Hall of Fame! (Augmented World Expo)[24]
- 2013: MacDowell fellowship, Peterborough, New Hampshire[25]
- 2013: Rockefeller Foundation Cultural Innovation Fund Award, zusammen mit acht anderen Künstlern für Mi Querido Barrio Project El Barrio is home!, eine virtuelle kultur-historische Tour durch El Barrio mit Hilfe von computergestützter erweiterter Realität durch das Caribbean Cultural Center African Diaspora Institute (CCCADI). Tamiko Thiel war die leitende Künstlerin für dieses Projekt.[26][27]
- 2009: IBM Innovation Award, verliehen an Teresa Reuter und Tamiko Thiel (T+T) für die Arbeit "Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall"[28]
- 2007: Hauptstadtkulturfonds (Berlin Capital City Cultural Fund) Award für die Arbeit "Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall"[29][30]
- 2004/2005: Center for Advanced Visual Studies (CAVS) fellow, Massachusetts Institute of Technology (MIT)[31]
- 1996: Global Information Infrastructure Awards: Winner of Next Generation Award (Vormals National Information Infrastructure Awards)
- 1996: Asahi Shimbun: Digital Entertainment Award[32]
- 1995: Cyberedge: Virtual Reality product of the Year Award[33]
Publikationen (Auswahl)
- Critical interventions into canonical spaces. Augmented reality at the 2011 Venice and Istanbul Biennials. In: Augmented Reality Art: From an Emerging Technology to a Novel Creative Medium. Springer Verlag, Third Edition 2022, ISBN 978-3-030-96863-2, S. 41–72.
- The Design of the Connection Machine. In: The Designed World: Images, Objects, Environments. Oxford 2010, ISBN 978-1-84788-585-2, S. 155–166.
- Beyond Manzanar: Creating Dramatic Structure in Ergodic Narratives. In: Technologies for Interactive Storytelling and Entertainment. Second International Conference, Tidse 2004. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-22283-9, S. 246–251.
- mit Teresa Reuter: Rhetorics of the Interactive 3D Installation „Virtuelle Mauer/ReConstructing the wall“. In: Interactive Storytelling: Third Joint Conference on Interactive Storytelling, ICIDS 2010. Springer, Berlin 2010, ISBN 978-3-642-16638-9, S. 129–140.
- Interview, Statement Art Work. In: Leonardo Electronic Almanac, Vol 19,2, ISBN 978-1-906897-23-9, S. 210–219.
- Where Stones Can Speak: Dramatic Encounter in Interactive 3D Virtual Reality. In: Third Person. Authoring and Exploring Vast Narratives. Massachusetts Institute of Technology, Cambridge 2009, ISBN 978-0-262-53379-9, S. 153–178.
- Cyber Animis and Augmented Dreams. In: Leoalmanac. ISSN 1071-4391.
- AR-Kunstwerke sind - wie die Liebe - real aber nicht greifbar. Ein Gespräch mit Pamela C. Scorzin. In: Kunstforum international, die aktuelle Zeitschrift für alle Bereiche der bildenden Kunst, Band 291, 2023, S. 106–125. ISSN 0177-3674.
Weblinks
- Website Tamiko Thiel
- Radical Software: Women, Art & Computing 1960–1991. Warum können Maschinen nicht lebendig sein? Tamiko Thiel über Technologie, Identität, japanische Kultur, den Geist von Objekten und die Seele von Maschinen. In: Musemsfernsehen, Video 28:05, 2025, siwe im Kanal Kunsthalle Wien, abgerufen am 28. November 2025.
- Tamiko Thiel über Socially Critical VR and AR Artworks, 1994-2023, über XR und die ästhetische und erfahrungsbezogene Entwicklung ihrer Kunstwerke. YouTube Video 27:14 vom 24. Oktober 2023, abgerufen am 28. November 2025.
- Gespräch mit Tamiko Thiel auf dem Vintage Computer Festival Midwest vom 6. August 2020, veröffentlicht in der Sendung „Vintage COMP! w/ jasmaz“, YouTube Audio-Video 39:11, abgerufen am 28. November 2025. Erreichbar ebenso im aNONradio: https://anonradio.net/tamiko-thiel/.
- Augmented Reality ARtworks. Tamiko Thiel in AR in ACTION, YouTube Video 14:16, Kanal AR in Action 2017, abgerufen am 28. November 2025.
- Virtuelle Mauer Berlin
Einzelnachweise
- ↑ Matthew Wilson Smith: Liquid Walls: The Digital Art of Tamiko Thiel. Hrsg.: A Journal of Performance and Art. September 2010, ISSN 1520-281X, S. PAJ 96 (2010), S. 25–34.
- ↑ Tamiko Thiel. In: www.kunstforum.de. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (deutsch).
- ↑ Real-Time Simulation of Ultra-Sonic Mobility Aid for the Blind.
- ↑ a b c Radical Software: Women, Art & Computing 1960–1991. Abgerufen am 23. Oktober 2025.
- ↑ MoMa: Thinking Machines Corporation, Danny Hillis, Tamiko Thiel, Gordon Bruce, Allen Hawthorne, Ted Bilodeau CM-2 Supercomputer. In: MoMA. MoMA, abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Manifest.AR Projects Blog. In: manifest-ar. 2011, abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Whitney Museum of American Art: Collection > Tamiko Thiel Unexpected Growth 2018. In: Whitney Museum of American Art. Whitney Museum of American Art, abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Interface Cultures: What is Interface Cultures? Prof. Dr. Tamiko Thiel. In: Youtube. Interface Cultures, Kunstuniversität Linz, 2018, abgerufen am 26. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Tamiko Thiel: Atmos Sphaerae. In: Proceedings of the Special Interest Group on Computer Graphics and Interactive Techniques Conference Art Gallery (= SIGGRAPH Art Gallery '25). Association for Computing Machinery, New York NY 2025, ISBN 979-84-0071548-8, S. 1–3, doi:10.1145/3721249.3731630.
- ↑ AR Biennale: NRW-Forum Düsseldorf (de). Abgerufen am 23. Oktober 2025.
- ↑ Evolution of Fish. 9. Mai 2022, abgerufen am 23. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Yesterday’s Fiction Microwave International New Media Art Festival 2021. Abgerufen am 23. Oktober 2025.
- ↑ The Archive to Come. Abgerufen am 17. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Beyond Manzanar virtual reality installation. Abgerufen am 23. Oktober 2025.
- ↑ Thinking Machines: Art and Design in the Computer Age, 1959–1989 | MoMA. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ "Gardens of the Anthropocene" augmented reality public art installation, Seattle Art Museum Olympic Sculpture Park commission. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Works on Display. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Furtherfield. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ dumboartsfestival.com - Virtual Pavilions - Shades of Absence: Public Voids. Archiviert vom am 9. April 2012; abgerufen am 17. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ ARt Critic Face Matrix - We AR in MoMA - Augmented Reality art in the Museum of Modern Art New York. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ digitalwaren.de: MfK Berlin : Details - Virtuelle Mauer/ ReConstructing the Wall. Archiviert vom am 3. November 2009; abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Next Level. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Announcing ACM SIGGRAPH Award Winners. In: ACM SIGGRAPH. 7. Mai 2024, abgerufen am 7. Juli 2025.
- ↑ XR Hall of Fame Tamiko Thiel. In: AWE XR. Abgerufen am 7. Juli 2025.
- ↑ Tamiko Thiel - Artist. In: MacDowell Colony. Abgerufen am 24. Oktober 2019 (englisch).
- ↑ CCCADI Mitteilung vom 9. April 2013; Review Upcoming East Harlem Augmented Reality Art Exhibit
- ↑ Bruce Sterling: Augmented Reality: "Mi Querido Barrio". In: Wired. 8. April 2013, ISSN 1059-1028 (amerikanisches Englisch, wired.com [abgerufen am 24. Oktober 2019]).
- ↑ IBM Innovation Awards presented at 2009 Boston Cyberarts Festival. In: Boston Cyberarts Festival. 2009, archiviert vom am 6. Juli 2010: „The Grand Award von $3.000 ging an "Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall" von Teresa Reuter + Tamiko Thiel, zwei in Deutschland arbeitende Künstlerinnen, die die führenden Mitarbeiterinnen des Künstlerteams sind. Das digitale Kunstwerk (virtuelle Realität) thematisiert die Auswirkungen der Berliner Mauer.“
- ↑ Hauptstadtkultrurfonds
- ↑ Tamiko Thiel Website
- ↑ Tamiko Thiel. In: School of Architecture and Planning, Massachusetts Institute of Technology. Abgerufen am 24. Oktober 2019.
- ↑ A Virtual Playground for Seriously Ill Children
- ↑ Rhizome | Starbright World. In: classic.rhizome.org. Abgerufen am 2. März 2020.