Tamara Georgijewna Morschtschakowa

Tamara Georgijewna Morschtschakowa (russisch Тамара Георгиевна Морщакова; * 28. März 1936 in Moskau) ist eine sowjetische bzw. russische Rechtswissenschaftlerin, Verfassungsrichterin und Hochschullehrerin.[1]

Leben

Morschtschakowa studierte an der Lomonossow-Universität Moskau in der Juristischen Fakultät mit Abschluss 1958 mit Auszeichnung.[1][2]

Darauf wurde Morschtschakowa Aspirantin und dann wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Staatsrecht der Akademie der Wissenschaften der UdSSR.[2] Dort verteidigte sie 1966 ihre Kandidat-Dissertation über die Strafprozessordnung der DDR mit Erfolg für die Promotion zur Kandidatin der juristischen Wissenschaften.[3]

Ab 1971 war Moschtschakowa Mitarbeiterin und schließlich wissenschaftliche Chefmitarbeiterin des Allunionsforschungsinstitut für Sowjetischen Staatsaufbau und Gesetzgebung.[2] Am Moskauer Juristischen Allunionsfernstudieninstitut verteidigte sie 1988 erfolgreich ihre Doktor-Dissertation über die theoretischen Grundlagen der Bewertung der Qualität und Organisation der Strafgerichtsbarkeit mit Berücksichtigung prozessualer, statistischer und soziologischer Aspekte für die Promotion zur Doktorin der juristischen Wissenschaften.[4] Es folgte die Ernennung zur Professorin.

Die Arbeitsschwerpunkte Morschtschakowas sind neben den in ihren Dissertationen angesprochenen Themen die Soziologie und Psychologie in der Justiz, die verfassungsgerichtliche Kontrolle und der Rechtsvergleich. Sie untersuchte gerichtliche Fehlurteile und deren Ursachen. Sie beteiligte sich an der Erarbeitung der Verfassung der Russischen Föderation und an der Konzeption der Gerichtsreform in der Russischen Föderation (RF) sowie an Gesetzprojekten bezüglich des Verfassungsgerichts der RF, der Anfechtung von die Rechte und Freiheiten der Bürger verletzenden Handlungen und Entscheidungen und des Status von Richtern.[1] Sie verfasste über130 Studien und übersetzte Gesetze der BRD.

Am 30. Oktober 1991 wurde Morschtschakowa vom Kongress der Volksdeputierten der Sowjetunion auf Vorschlag der Fraktion der Parteilosen Deputierten bereits im ersten Wahlgang mit 699 gegen 212 Stimmen zur Richterin des Verassungsgerichts gewählt.[2] Ab Februar 1995 war sie Stellvertreterin des Verfassungsgerichtsvorsitzenden.[1] Nach einer im Januar 2001 verabschiedeten Gesetzesänderung durften vor 1994 berufene Richter dieses Amt nur bis zum vollendeten 65. Lebensjahr ausüben, sodass Morschtschakowa im April 2002 aus dem Amt schied.[5] Seitdem ist sie Verfassungsrichterin im Ruhestand und Beraterin des Verfassungsgerichts der RF.[2][6]

Morschtschakowa hatte zu den liberalen Richtern des Verfassungsgerichts gehört. Im September 1993 stimmte sie mit einer Minderheit dagegen, dass der Ukas des russischen Präsidenten Boris Jelzin über die schrittweise Verfassungsreform in der RF als Grundlage für seine Amtsenthebung anerkannt wurde.[7] Im August 1995 gab sie ein Sondervotum ab im Zusammenhang mit der Entscheidung des Verfassungsgerichts zur Verfassungsmäßigkeit der Entsendung von Truppen in die Republik Tschetschenien.[8]

Jahrelang lehrte Moschtschakowa an der Russischen Justiz-Akademie des Justizministeriums der RF und an der Moskauer Staatlichen Juristischen Akademie.[2] Von 2002 bis 2022 leitete sie als ordentliche Professorin den Lehrstuhl für Justiz der Wirtschaftshochschule Moskau.[2]

Auf der ersten Chodorkowski-Lesungen-Konferenz der Russischen Alternativen am 10. Juli 2007 erklärte Morschtscgakowa in ihrer Rede die außerordentliche Bedeutung der Unabhängigkeit der Justiz.[9] Sie initiierte 2010 die Durchführung einer unabhangigen Begutachtung des zweiten JUKOS-Prozesses, was vom Präösidenten Dmitri Medwedew unterstützt wurde.[10][11] Der von ihr dem Rat für Menschenrechte beim Präsidenten der RF, dem sie seit 2004 angehörte,[12] am 21. Dezember 2011 vorgestellte Bericht der Experten kam zu dem Schluss, dass das Urteil gegen Michail Chodorkowski und Platon Lebedew wegen der massiven Verfahrensfehler revidiert werden müsse.[10] Bezüglich der Experten initiierte das Untersuchungskomitee der RF Ermittlungen wegen der Benutzung umstrittener Gelder aus dem Chodorkowski-Lebedew-Bereich.[13][14] Im weiteren Verlauf wurde auch Morschtschakowa befragt.[11]

Morschtschakowa wurde 2013 zum Mitglied der Internationalen Juristenkommission gewählt.[15] Am 21. Oktober 2019 erkläöre sie ihren Rückzug aus dem russischen Rat für Menschenrechte im Zusammenhang mit dem Rücktritt des früheren Vorsitzenden Michail Fedotow.[12]

Seit 2022 ist Morschtschakowa Professorin des Lehrstuhls für Öffentliches Recht der Juristischen Fakultät der Staatlichen Akademischen Universität der Humanities in Moskau und leitet die Studien der Aspiranten.[2]

Ehrungen, Preise

Einzelnachweise

  1. a b c d Газета "Панорама" Cцилла: МОРЩАКОВА Тамара Георгиевна (abgerufen am 25. November 2025).
  2. a b c d e f g h i j k l Staatliche Akademische Universität der Humanities: Морщакова Тамара Георгиевна (abgerufen am 24. November 2025).
  3. Морщакова Т. Г.: Уголовное судопроизводство Германской Демократической Республики : Автореферат дис. на соискание учен. степени канд. юрид. наук. АН СССР. Ин-т государства и права, Moskau 1966.
  4. Морщакова Т. Г.: Теоретические основы оценки качества и организации правосудия по уголовным делам : (Процессуал., стат. и социол. аспекты) : Автореф. дис. на соиск. учен. степ. д-ра юрид. наук : (12.00.09). Всесоюз. юрид. заоч. ин-т., Moskau 1988.
  5. Конституционный суд простился с Тамарой Морщаковой (abgerufen am 23. November 2025).
  6. Иметь можно, предъявлять нельзя - Верховный суд подтвердил запрет на публикацию особых мнений судей (abgerufen am 23. November 2025).
  7. Заключение Конституционного Суда РФ от 21.09.1993 № З-2 (abgerufen am 23. November 2025).
  8. Постановление Конституционного Суда РФ от 31.07.1995 № 10-П (abgerufen am 23. November 2025).
  9. Civitas: Ходорковские чтения (abgerufen am 24. November 2025).
  10. a b Президентский совет предложил пересмотреть второе дело Ходорковского (Memento vom 1. Juli 2013 auf WebCite) (abgerufen am 24. November 2025).
  11. a b Тамару Морщакову допросили по «делу экспертов» (Memento vom 1. Juli 2013 auf WebCite) (abgerufen am 24. November 2025).
  12. a b Бывшая судья Конституционного суда вышла из СПЧ (abgerufen am 25. November 2025).
  13. «Открытую Россию» проверят по сценарию «дела экспертов» (abgerufen am 24. November 2025).
  14. Под сению закона (abgerufen am 24. November 2025).
  15. Ten eminent jurists join the ICJ Commission (Memento vom 4. April 2013 auf WebCite) (abgerufen am 24. November 2025).
  16. Tamara Georgijewna Morschtschakowa (abgerufen am 24. November 2025).
  17. Московская Хельсинкская группа определила лауреатов премии за 2015 год (abgerufen am 25. November 2025).