TSV Schild Frankfurt
| TSV Schild Frankfurt | |
|---|---|
| Name | Turn- und Sportverein Schild Frankfurt |
| Gründung | 1929 in Frankfurt am Main |
| Auflösung | 1938 |
| Vereinssitz | Frankfurt am Main |
| Vorsitzender | Leo Löwenstein |
| Dachverband | Sportbund Schild |
Der TSV Schild Frankfurt war ein jüdischer Sportverein, der 1929 als Sportabteilung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF) in Frankfurt am Main gegründet wurde und ein vielfältiges Sportangebot von Fußball über Schwimmsport bis zu Wintersport bereitstellte. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 erlebte der Verein einen massiven Mitgliederzuwachs, da jüdische Sportler aus allgemeinen Vereinen ausgeschlossen wurden, und entwickelte sich mit etwa 1.300 Mitgliedern bis 1937 zum größten Verein des Sportbunds Schild. Der Verein wurde nach dem Novemberpogrom 1938 wie alle jüdischen Organisationen aufgelöst und verboten. Seine letzte dokumentierte Veranstaltung stellte die Herbstsportschau im Oktober 1938 dar.
Gründung und Organisation
Der TSV Schild Frankfurt entstand im organisatorischen Kontext des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF), der im Februar 1919 von Hauptmann Leo Löwenstein gegründet worden war. Der RjF machte es sich zur Aufgabe, über den Einsatz jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg zu informieren und der antisemitischen Propaganda entgegenzutreten, wonach deutsche Juden sich vor dem Kriegsdienst gedrückt hätten. Im Ersten Weltkrieg hatten etwa 85.000 jüdische Soldaten für das Deutsche Kaiserreich gekämpft, von denen etwa 12.000 fielen.[1][2][3]
Ab 1923 rief die Bundesleitung des RjF alle Ortsgruppen dazu auf, Sportabteilungen ins Leben zu rufen, um die jüdische Jugend für körperliche Ertüchtigung zu begeistern. Im Jahr 1925 erfolgte die offizielle Eintragung eines „Turn- und Sportvereins Schild“ als Sportabteilung des Reichsbundes ins Vereinsregister. Der TSV Schild Frankfurt wurde 1929 mit zunächst 90 Mitgliedern gegründet.[4][5][1]
Am 29. Mai 1933, kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, wurde der lose Verbund der Sportabteilungen durch die Gründung des Sportbundes Schild auf eine solide organisatorische Basis gestellt. Der Bundesvorsitzende des RjF, Leo Löwenstein, wurde gleichzeitig Führer des Sportbundes. Ab Oktober 1936 lautete die offizielle Bezeichnung „Sportbund Schild des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“.[4]
Sportliche Ausrichtung und Abteilungen
Der TSV Schild Frankfurt bot ein breites Spektrum verschiedener Sportarten an. Zu den betriebenen Disziplinen gehörten Fußball, Handball, Leichtathletik, Boxen, Gymnastik, Schwimmsport, Wassersport, Rudern, Fechten und Tischtennis. Eine besondere Stellung nahm die Wintersportabteilung ein, die im Winter 1935/36 auf der Tennisanlage in der Tiroler Straße die erste jüdische Schlittschuhbahn Deutschlands einrichtete. Vorbildlich, aber auch für einen jüdischen Sportverein während der Zeit des Nationalsozialismus außergewöhnlich, war der Aufbau eines Sanitätsbereichs und einer sportmedizinischen Abteilung. Diese organisatorische Struktur war für einen jüdischen Sportverein während der Zeit des Nationalsozialismus außergewöhnlich und trug wesentlich zum Ruf des Vereins bei.[1]
Im Schwimmsport erzielte der Verein beachtliche Erfolge. Bei den Schwimm-Meisterschaften des Sportbundes Schild, die am 2. und 3. März 1935 vom TSV Schild Frankfurt ausgerichtet wurden, traten Sportler aus verschiedenen Schild-Vereinen gegeneinander an. Im Jahr 1937 gewann Rolf Zernick vom TSV Schild Frankfurt die Reichsmeisterschaft über 100 Meter Freistil in 1:10,0 Minuten sowie über 500 Meter Freistil in 6:05,6 Minuten. Die Fußballabteilung des TSV Schild Frankfurt gewann in den Jahren 1935 und 1936 die Reichsmeisterschaft des Sportbundes Schild.[4][6]
Sport- und Trainingsstätten
Im Mai 1934 pachtete der TSV Schild Frankfurt den ehemaligen Arbeitersportplatz „Am Buchrainweiher“. Der Platz befand sich auf Offenbacher westlich der Sprendlinger Landstraße und war kein städtisches Eigentum, sondern gehörte zum Gelände der Firma Fredenhagen. Eigentümer war der jüdische Unternehmer Joseph Kupczyk, der 1919 nach Frankfurt gekommen war. Nach seiner Einbürgerung 1922 übernahm er die alleinige Leitung der Firma Fredenhagen, die sich auf die Herstellung von Förderanlagen für die Automobilindustrie spezialisiert hatte.[7][8][1]
Die Pachtung dieses Platzes schuf die Voraussetzung für den weiteren Ausbau des Vereins. Trotz der Randlage entwickelte sich der TSV Schild zum größten Verein im Schild-Verband. Der Platz „Am Buchrainweiher“ wurde zum zentralen Ort des Vereinslebens und bot Raum für Training und Wettkämpfe.[1]
Nach dem Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus öffentlichen Bädern wurde ihr 1936 das Strandbad Niederrad als einzige Badeanstalt in Frankfurt zur Verfügung gestellt. Der TSV Schild nutzte diese Gelegenheit und errichtete dort das erste jüdische Bootshaus. Das Strandbad entwickelte sich zu einem wichtigen Zufluchtsort, wo der Sportbetrieb bis zur erzwungenen Schließung im November 1938 kontinuierlich ausgebaut wurde.[9][1]
Der Verein nutzte verschiedene private Räumlichkeiten für sein Trainingsangebot. Die Boxschule Jackson in der Vilbeler Landstraße diente als Trainingsort für Fußball, Handball, Gymnastik und Boxen. Tischtennisveranstaltungen fanden im Ping-Pong-Kasino in der Zeil 49 und im Kasino Moselstraße statt, während Schachmeisterschaften im Café Falk ausgetragen wurden. Das Keglersporthaus in der Berger Straße 121 war Austragungsort für Kegelwettbewerbe, und der Gymnastiksaal in der Stiftstraße wurde für Fechttraining genutzt.[1]
Situation während der NS-Zeit
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 veränderte die Situation jüdischer Sportler im Deutschen Reich grundlegend. Auf Anordnung der Sportverbände, meist jedoch in vorauseilendem Gehorsam, schlossen die nun als „arisch“ bezeichneten Vereine ihre jüdischen Mitglieder aus. In den Vereinsfestschriften wurden deren Namen getilgt. Jüdische Vereine wie der TSV Schild Frankfurt erlebten daraufhin gewaltige Mitgliederzuwächse.[1]
Frankfurt hatte 1933 mit 28.000 jüdischen Einwohnern und einem Anteil von 4,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung die zweitgrößte jüdische Gemeinde im Deutschen Reich. Bis 1933 waren 96 Prozent der jüdischen Sportler in paritätischen Vereinen und nur 4 Prozent in jüdischen Turn- und Sportvereinen organisiert gewesen. Nach dem Ausschluss aus den allgemeinen Vereinen blieb den jüdischen Sportlern nur die Mitgliedschaft in jüdischen Organisationen.[1]
Die Sportbehörde der Stadt Frankfurt lavierte zwischen verschiedenen Positionen und hatte sich zum Ziel gesetzt, als erste Stadt judenfrei zu werden. Jüdische Vereine mussten für die Nutzung städtischer Plätze den vierfachen Satz der üblichen Anerkennungsgebühr zahlen und waren mit Naziorganisationen in den Stadtteilen konfrontiert, die bei der Stadt auf ihre Vertreibung drängten.[1]
Im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin mussten die nationalsozialistischen Machthaber gegenüber dem Ausland Toleranz demonstrieren. Oberbürgermeister Friedrich Krebs wies auf den ausdrücklichen Willen des Führers hin, auch den Juden die Möglichkeit zu geben, sich für die Olympischen Spiele vorzubereiten, und auf außenpolitisch unangenehmste Folgerungen, die ein Verbot nach sich ziehen würde. Diese temporäre Rücksichtnahme auf das internationale Ansehen ermöglichte es jüdischen Vereinen, bis 1936 regionale, nationale und internationale Begegnungen der jüdischen Sportverbände Makkabi und Schild auszutragen. Im Hippodrom, der Frankfurter Loge und im Saalbau fanden große Sportschauen und Veranstaltungen statt.[1]
Die jüdischen Vereine entwickelten sich zu Zufluchtstätten für die gesamte jüdische Bevölkerung. Angesichts der kontinuierlich verschärften Ausschlüsse, Verbote und Anfeindungen schrumpften die Aufenthalts- und Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum zunehmend. Die Vereine boten hingegen geschützte Freiräume, ermöglichten solidarische Gemeinschaftserlebnisse und eröffneten Gelegenheiten für soziale Kontakte. Sie gewährten damit eine gewisse Ablenkung von der aussichtslosen Lebenssituation der jüdischen Bevölkerung.[1]
Mitgliederentwicklung
Der TSV Schild Frankfurt verzeichnete zwischen seiner Gründung und dem Ende der 1930er Jahre ein enormes Wachstum. Während der Verein 1929 mit 90 Mitgliedern startete, wuchs die Mitgliederzahl bis 1937 auf etwa 1.300 Mitglieder an. Diese Entwicklung spiegelte den allgemeinen Trend der jüdischen Sportvereine wider, die nach dem Ausschluss jüdischer Sportler aus den paritätischen Vereinen einen massiven Zustrom erlebten.[5][1]
Der Sportbund Schild insgesamt wuchs von 7.000 Mitgliedern in 90 Vereinen im Jahr 1933 auf 21.000 Mitglieder in 216 Vereinen im Jahr 1936. Die größten Vereine waren die Jüdische Sportgemeinschaft 1933 Berlin mit 1.800 Mitgliedern, der TSV Schild Frankfurt mit 1.400 Mitgliedern und die Sportgruppe Breslau mit 1.000 Mitgliedern.[5][4]
Die aus den paritätischen Vereinen ausgeschlossenen neuen Mitglieder brachten wertvolle Erfahrungen in die Organisation des jüdischen Sports ein. Viele von ihnen verfügten über praktisches Wissen in der Vereinsverwaltung und Trainertätigkeit oder hatten bereits als Schiedsrichter gearbeitet.[1]
Ende des Vereins
Die letzte bekannte Vereinsveranstaltung war die Herbstsportschau des TSV Schild am Buchrainweiher im Oktober 1938. Mit mehr als 1.000 Zuschauern stellte das Sportfest einen eindrucksvollen Ausdruck der Solidarität und Einheit aller jüdischen Sportler Frankfurts dar.[1]
Nach dem Novemberpogrom am 9. November 1938 wurden allen jüdischen Vereinen die Plätze entzogen und Ende 1938 im Deutschen Reich ganz verboten. Der Sportbetrieb an der Sondershausenstraße, wo der JTSV Bar Kochba trainierte, endete am 6. November 1938 mit einem Fußballturnier für Schüler.[10][11][1]
Joseph Kupczyk, der Besitzer des Geländes mit dem Sportplatz „Am Buchrainweiher“, wurde am 10. November 1938 vor den Augen seiner Frau und Kinder verhaftet und am 11. November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Am 10. Dezember 1938 wurde er nach der Zahlung von Geldern und der Übergabe seines BMW an die Lagerführung entlassen. 1938 war er von der NSDAP massiv unter Druck gesetzt worden und wurde gezwungen, seine Firma weit unter Wert an einen arischen Unternehmer zu verkaufen. Am 3. Juli 1939 gelang ihm die Emigration nach Buenos Aires.[7]
Historische Bedeutung
Der TSV Schild Frankfurt war Teil der jüdischen Sportbewegung in Deutschland, die sich in zwei große Strömungen gliederte. Neben dem zionistisch ausgerichteten Makkabi-Verband existierte der Sportbund Schild, der sich deutsch-national und antizionistisch verstand. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) betonte die Soldatenehre und bekannte sich zur deutschen Nation. Ideologisch stand er dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) nahe, der den Zionismus ablehnte.[3][12][13]
Während die Makkabi-Bewegung bereits seit 1898 existierte, als in Berlin der erste Jüdische Turnverein Bar Kochba gegründet wurde, entwickelte sich die Sportorganisation des RjF erst ab Mitte der 1920er Jahre systematisch. Erst mit dem Ausschluss jüdischer Mitglieder aus den allgemeinen Turn- und Sportvereinen ab 1933 stiegen die Mitgliederzahlen beider Verbände deutlich an.[12][14][15] Die jüdischen Sportverbände Makkabi und Schild erreichten ihre höchsten Mitgliederstände in den Jahren 1935 und 1936, als beiden Verbänden jeweils über 20.000 Mitglieder angehörten. Der Sport zählte damit mit knapp 50.000 Aktiven in dieser Zeit zu den aktivsten und größten Bereichen des jüdischen Lebens in Deutschland.[16]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p Jüdische Sportvereine in Frankfurt 1933 bis 1938. In: HLZ: Mitgliederzeitschrift der GEW Hessen. Jg. 70, Nr. 4. Essen 2017 (gew-hessen.de).
- ↑ Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ a b Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF). Bundesarchiv des Bundes Neudeutschland, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ a b c d Stephan Müller: Sportbund „Schild‟ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. 20. Januar 2022, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ a b c Hans Joachim Teichler: Zwischen Erfolg und Verfolgung: Jüdische Sportlerinnen und Sportler in Deutschland. Zentrum deutsche Sportgeschichte, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Davidstern und Lederball: Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball. Die Werkstatt, Göttingen 2003, ISBN 3-89533-407-3.
- ↑ a b Stolperstein für Josef Kupczyk. Stadt Offenbach am Main, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Wiebke Rannenberg: Ungewissheit, Zukunftsängste, Geldsorgen. Frankfurter Rundschau, 27. Januar 2019, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Sonja Thelen: Grünes Frankfurt: Ein Führer zu mehr als 70 Parks und Anlagen im Stadtgebiet. B3, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-938783-19-1, S. 33.
- ↑ Lorenz Peiffer, Henry Wahlig: Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland: eine Spurensuche. Die Werkstatt, Göttingen 2015, ISBN 978-3-7307-0221-5.
- ↑ Chana Schütz et al.: Kicker, Kämpfer & Legenden: Juden im deutschen Fußball. Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ a b Lasse Müller, Jan Haut: Jüdischer Sport und Antisemitismus: Geschichte und Gegenwart. APuZ: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, 29. Oktober 2021, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Lorenz Peiffer: Juden im Sport im Rheinland. LVR Portal Rheinische Geschichte, 26. November 2020, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Ivonne Meybohm: Gründung des jüdischen Sportvereins Bar Kochba, 1910. Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, 8. Februar 2018, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Was ist Makkabi? Makkabi Deutschland, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Der zentrale virtuelle Gedenkort des deutschen Fußballs. Deutsches Fußballmuseum, abgerufen am 17. November 2025.