Tütelsches Kreuz

Das Tütelsche Kreuz ist ein Epitaphkreuz auf dem ehemaligen Kapitelsfriedhof an der Ostseite der Stiftskirche St. Saturnina des ehemaligen Stift Heerse in Neuenheerse. Es steht unter Denkmalschutz.

Beschreibung

Das barocke Kreuz ist ein Ephitaphkreuz von 1732 für die Gebrüder Tütel aus Attendorn. Es befindet sich an der Ostseite der Stiftskirche St. Saturnina an der Ostwand der St. Lambertikapelle. In diesem Bereich befindet sich der frühere Kapitelsfriedhof, der ausschließlich Mitgliedern des adeligen Damenstiftes als Begräbnisstätte vorbehalten war. Johannes Tütel war von 1718 bis zu seinem Tod am 26. März 1737 Kanonikus und zweiter Pastor (pastor secundus) im Stift Heerse, sein Bruder Leonard Tütel war von 1725 bis 1726 Pfarrer in Ossendorf und starb 1726.[1] Johannes Tütel ließ 1732 das Kreuzepitaph für sich und seinen Bruder an dieser Stelle im Stiftbezirk errichten.[2]

In der Sockelzone des Kreuzes steht die Inschrift:

O Jesu durch deinen Todt

verleihe mir daß ich in deiner

Gnad lebe und sterbe verleihe

auch den armen Seelen im

Fegfeuer das ewige Leben Amen.

IESUS

DAS EWIGE

LICHT ER-

LEUCHTE SIE

MEMENTO FRATRUM

A[dmodum] R[everendissimum] D[ominum] JOAN LEOARDI TÜTEL PASTOR

IN OSENDORF QUI OBIIT ANO 1726 DIE 4 MAR

JOAN GODEFRIDI TÜTEL QUI OBIIT 1732 19 JVLII

A.R.D. JOANNIS TÜTEL HUIUS ECCLIAE CANONICI ET

PASTORIS, EPITAPHII HUIUS ERECTORIS ET FUNDA-

TORIS, QUI OBIIT 26 MARTII 1732 AETATIS AO 50 MO

(Denk an deinen Bruder

der sehr geehrte Herr Johannes Leonard Tütel, Pastor

in Ossendorf, der starb im Jahr 1726 am 4. März,

Johannes Gottfried Tütel, er starb 1732 am 19 Juli,

der sehr geehrte Herr Joannes Tütel, dieser Kirche Kanoniker und

Pastor errichtete und stiftete dieses Epitaph.

Der gestorben ist am 26. März 1737 im Alter von 50 Jahren.)

Das Tütelsche Kreuz in Annette von Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“

Das Tütelsche Kreuz und seine bis heute historisch erhaltene Umgebung ist der einzige Ort, der sich in der Novelle Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff eindeutig lokalisieren lässt:

„So liefen wir bis Heerse; da war es noch dunkel, und wir versteckten uns hinter das große Kreuz am Kirchhofe, bis es etwas heller würde, weil wir uns vor den Steinbrüchen am Zellerfelde fürchteten, und wie wir eine Weile gesessen hatten, hörten wir mit einem Male über uns schnauben und stampfen und sahen lange Feuerstrahlen in der Luft gerade über dem Heerser Kirchturm. Wir sprangen auf und liefen, was wir konnten, in Gottes Namen gerade aus, und wie es dämmerte, waren wir wirklich auf dem rechten Wege nach P.“

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche[3]

Lediglich zwei Besuche der Droste in Neuenheerse sind belegbar: Für den 19. September 1805 („…ein Ausflug nach Neuenheerse…“), da ist Annette von Droste-Hülshoff gerade 8 Jahre alt, und ein längerer Aufenthalt für „Ende September-Mitte Dezember 1819 (…)“, da ist sie 22 Jahre alt.[4] Es ist davon auszugehen, dass Annette von Droste-Hülshoff bei ihren zahlreichen Besuchen der Verwandtschaft im Gebiet des früheren Hochstifts Paderborn öfters in Neuenheerse weilte.

Die Dichterin hatte mehrere familiäre Beziehungen in das adelige Damenstift Neuenheerse: Im Haus der Asseburger Familienpräbende lebte die Großtante der Dichterin, Felicitas von Westphalen zu Heidelbeck.[5] Sie stellt damit die nächste Angehörige der Dichterin in Neuenheerse dar. Während die Droste über die zweite Ehe ihres Großvaters mütterlicherseits 14 Stieftanten und Stiefonkel hatte, bestanden nur äußerst rare direkte blutsverwandschaftliche Bande über die Linie der Mutter und Großmutter der Droste. Die leibliche Großmutter der Dichterin, Marianne von Westphalen zu Heidelbeck (1754–1772) war früh verstorben und hatte nur ein einziges Kind geboren: Die Mutter der Droste, Therese von Droste-Hülshoff, geb. von Haxthausen.[6] Marianne von Westphalen zu Heidelbeck hatte drei Schwestern: Eine davon war die Großtante der Dichterin Maria Felicitas von Westphalen zu Heidelbeck, Stiftsdame zu Neuenheerse. Sie weilte nachweislich spätestens seit 1810 in der Asseburger Kurie.[7]

Felicitas von Westphalen war im Jahr 1800 als letzte katholische Stiftsdame im Stift aufgenommen worden und war zusammen mit der Stiftsdame Theresia von Hornstein die letzte Stiftsdame die in Neuenheerse lebte. Felicitas von Westphalen starb 1832, Theresia von Hornstein 1833 in der Asseburger Kurie. Beide sind auf dem Kapitelsfriedhof in unmittelbarer Nähe des Tütelschen Kreuzes bestattet worden.[8] Die Dichterin besuchte die Großtante Felicitas bei einem ausgiebigen Aufenthalt von Ende September bis Mitte Dezember 1819 in dem Haus der Asseburger Familienpräbende in Neuenheerse und berichtet in einem Brief an ihre Mutter ausführlich davon.[9]

„(…) Ich bin, wie du schon wohl weißt, mit der Schlosshauer nach Neuenheerse gewesen, die Tante Felitz war anfangs sehr spitz, aber zuletzt so freundlich, daß sie nicht wußte, was sie mir zu Gefallen thun sollte, sie LOGIERTE mich zu meiner großen Angst in einem nagelneuen Zimmer, womit sie selbst noch so verwöhnt war, daß sie ihre reinen Schuh jedesmahl abputzte, wenn sie herein ging, sie sagte des Abends, wie sie mich herein führte, Laken, Kissen, Handtücher, alles wäre das Beste was sie in ihrem Vermögen hätte, du kannst denken, wie mir dabey zu Muthe war, sie läßt dich aufs zärtlichste grüßen, und will diesen Winter noch nach Bökendorf kommen, und im Frühjahr soll ich auf vierzehn Tage zu ihr kommen, wofür mich Gott behüte, denn ich kann es gar nicht aushalten, daß sie das Essen mit ihrem eigenen Löffel vorlegt, und wenn sie mir Wein oder auch Wasser einschenkt, die BOUTEILLE zuvor vor den Mund setzt, um zu sehn ob es auch gut ist, wenn das nicht wäre, dann sollte alles noch wohl gehn…(…).“[10]

In den Jahren zwischen 1800 und 1816 hielt sich auch Maria Theresia Louise von Westphalen zu Heidelbeck (geb. von Bennigsen), im Haus der Asseburger Kurie auf die bei ihrer Tochter Felicitas von Westphalen lebte oder hier über einen längeren Zeitraum in Pflege gewesen ist. Sie war die Urgroßmutter der Droste. Maria Theresia Luise von Westphalen ist laut der Eintragungen der Kirchenbücher am 6. März 1816 im Alter von 80 Jahren in Neuenheerse gestorben.[11] Sie wurde im nahe gelegenen Löwen in der Familiengruft der Familie von Spiegel zu Borlinghausen in der dortigen Pfarrkirche beigesetzt. Maria Theresia Luise als Urgroßmutter der Droste (und Großmutter der Mutter der Droste, Therese von Droste Hülshoff) ist demnach bei ihrer engsten Angehörigen in Neuenheerse – Tochter Felicitas – im Haus der Asseburger Kurie im Jahr 1816 gestorben.[12]

Weitere Verwandte der Droste in Neuenheerse waren Dorothea von Haxthausen zu Abbenburg und Sophia Theresia von Haxthausen zu Abbenburg. Beide waren Stiftsdamen des adeligen Damenstiftes Heerse und besetzten nacheinander die Familienpräbende derer von Haxthausen. Dorothea resignierte bereits 1792 ihre Präbende, Sophia Theresia lebte von ihrer Aufschwörung 1792 bis zur Säkularisation des Stiftes im Jahr 1810 im Stiftshaus der Haxthausen-Kurie und ist 1862 in Abbenburg bzw. Bökerhof gestorben.[13] Das Gebäude der Kurie von Haxthausen ist bis auf einen barocken Wappenstein an der Fassade des heutigen Baus nicht erhalten.

Annette von Droste-Hülshoff ließ sich in Neuenheerse bei ihren Aufenthalten bei ihrer Verwandtschaft zu Ideen anregen, die später in ihr berühmtestes Werk Die Judenbuche eingeflossen sind. Das Tütelsche Kreuz und der Kirchturm hat der Dichterin damals, wie heute in unmittelbarer Blickachse von der Asseburger Kurie aus vor Augen gestanden. Bis auf unwesentliche Veränderungen ist das historische Ensemble dieses Droste-Ortes bis heute erhalten geblieben und hat damit in ihr briefliches und literarisches Werk Die Judenbuche Eingang gefunden.

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Literatur

  • Anton Gemmeke: Geschichte des adeligen Damenstifts zu Neuenheerse. Bonifacius-Druckerei, Paderborn 1931 (Digitalisat)
  • Anton Gemmeke: Die katholischen Pfarreien in Lippe. 1904.
  • Arne T. Bellmann: Adelsresidenz-Schule-Post-Sozialbau. Die Kurie der Asseburger Familienpräbende des ehemaligen kaiserlichen freiweltlichen hochadeligen Damenstiftes zu Neuenheerse. In: Die Warte, Nr. 199, Paderborn 2023, S. 6–12.

Einzelnachweise

  1. Gemmeke, A.: Geschichte des adeligen Damenstiftes zu Neuenheerse. 1931, S. 688.
  2. Dübbert: Ossendorfer Kirchengeschichte. Nr. 15, S. 16.
  3. Die Judenbuche, Kapitel 8 gutenberg.spiegel
  4. Walter Gödden: Tag für Tag im Leben der Annette von Droste-Hülshoff. Daten – Texte – Dokumente. Schöningh, Paderborn, 2., durchgesehene Aufl. 1996, ISBN 3-506-73197-1, S. 64.
  5. Arne T. Bellmann: Adelsresidenz-Schule-Post-Sozialbau. Die Kurie der Asseburger Familienpräbende des ehemaligen kaiserlichen freiweltlichen hochadeligen Damenstiftes zu Neuenheerse. In: Die Warte. Band 199. Paderborn 2023, S. 6–12.
  6. Gemmeke, A.: Geschichte der katholischen Pfarreien in Lippe. 1905, S. 50 ff.
  7. Gemmeke, A.: Geschichte des adeligen Damenstiftes zu Neuenheerse. 1931, S. 682 f., 689.
  8. Anton Gemmeke: Geschichte des adeligen Damenstiftes zu Neuenheerse. Bonifacius-Druckerei, Paderborn 1931, S. 682–683 und 689.
  9. Annette von Droste-Hülshoff: Annette von Droste-Hülshoff. Sämtliche Briefe. Hrsg.: W. Woeseler. Band VIII, Nr. I. München 1996, S. 37–38.
  10. Annette von Droste-Hülshoff: Annette von Droste-Hülshoff. Sämtliche Briefe. Hrsg.: W. Woeseler. Band VIII, Nr. I. München 1996, S. 37–38.
  11. Gemmeke, A.: Geschichte der katholischen Pfarreien in Lippe. 1905, S. 57 ff.
  12. Gemmeke, A.: Die katholischen Pfarreien in Lippe. 1905, S. 69 ff.
  13. Josef Hilker: Neuenheerse. Bilder und Blätter aus reicher Vergangenheit. Heimatbuch anlässlich der 1100-Jahrfeier 1968. Werth, Warburg 1968, S. 177.

Koordinaten: 51° 40′ 34,2″ N, 8° 59′ 58,6″ O