Systematik der Fossilien der Krabben

Fossilien der Krabben können sowohl ausgestorbene als auch Arten umfassen, die heute noch existieren, also rezent sind. Derzeit sind über 3200 ausgestorbene Krabbenarten dokumentiert. Die Schwierigkeit der Systematik und der Zuordnung zu rezenten Taxa der Krabben besteht darin, dass Bestimmungsmerkmale wie die Maxillipeden oder die Morphologie der Fortpflanzungsorgane bei Fossilien entweder nicht erhalten oder nicht sichtbar sind. Man verwendet heute vor allem die Form des Carapax für die Zuordnung zu höheren Taxa. Die ältesten Funde stammen aus dem frühen oder mittleren Jura.[1] Dies deckt sich mit Schätzungen der molekularen Uhr, nach der Krabben vor etwa 180 mya im Jura entstanden. Die meisten ausgestorbenen Familien und Überfamilien entstanden jedoch erst in der späten Kreidezeit und im frühen Tertiär.[2]

Übersicht

Derzeit werden sieben ausgestorbene Überfamilien unterschieden. Zwei Familien (Marocarcinidae und Xandarocarcinidae) sind ohne gesicherte Zuordnung (incertae sedis), weitere ausgestorbene Familien treten auch in rezenten Überfamilien auf. Darüber hinaus gibt es auch Fossilfunde von rezenten Arten. Einen Überblick gibt die folgende Tabelle:[1.1]

Systematik der fossilen Krabben
† ausgestorbene Krabbentaxa, Einträge ohne † bezeichnen rezente Taxa mit Fossilfunden
Überfamilie Familie Überfamilie Familie
Cyclodorippoidea Cyclodorippidae, † Quadratoplanidae Dorippoidea Dorippidae, Ethusidae, † Goniochelidae, † Telamonocarcinidae, († Tepexicarcinidae)
Dromioidea † Diaulacidae, Dromiidae, Dynomenidae Eriphioidea  
† Glaessneropsoidea † Glaessneropsidae, † Lecythocaridae, † Nodoprosopidae, † Viaiidae Goneplacoidea  
Homolodromioidea † Bucculentidae, Homolodromiidae, † Longodromitidae, † Prosopidae, † Tanidromitidae Hexapodoidea  
† Konidromitoidea † Konidromitidae Leucosioidea  
† Palaeocorystoidea † Camarocarcinidae, † Cenomanocarcinidae, † Necrocarcinidae, † Orithopsidae, † Palaeocorystidae Majoidea † Priscinachidae
Raninoidea Lyreididae, Raninidae Palicoidea  
Homoloidea Homolidae, Latreilliidae, † Mithracitidae, Poupiniidae, † Tithonohomolidae Parthenopoidea  
† Dakoticancroidea † Dakoticancridae, † Ibericancridae Pilumnoidea  
† Etyoidea † Etyidae, † Feldmanniidae Retroplumoidea  
† Torynommoidea † Torynommatidae Portunoidea † Archaeoportunidae, † Carcineretidae, † Icriocarcinidae, † Lithophylacidae, † Longusorbiidae
incertae sedis † Xandarocarcinidae Potamoidea  
Aethroidea   Retroplumoidea  
Calappoidea Calappidae Trapezioidea  
Cancroidea † Montezumellidae Trichodactyloidea  
Carpilioidea Carpiliidae, † Paleoxanthopsidae, † Tumidocarcinidae, † Zanthopsida Xanthoidea  
Cheiragonoidea   Incertae sedis † Marocarcinidae
† Componocancroidea † Componocancridae Cryptochiroidea  
Corystoidea   Grapsoidea  
Dairoidea   Ocypodoidea  
    Pinnotheroidea  

Dromioidea

Die Zuordnung fossiler Funde bei den Dromioidea wird dadurch erschwert, dass es keine Unterschiede bei Carapax, Sternum und Schreitbeinen zwischen Dromiidae (Schwammkrabben) und Dynomenidae gibt. Die Familien unterscheiden sich nur im Unteraugenrand, der bei den Dromiidae nicht vorhanden oder nur aus einem Dorn besteht, während er bei den Dynomenidae den oberen Augenrand überschreitet und von oben sichtbar ist.[1.2]

Bei den Schwammkrabben gelten die Unterfamilien † Basinotopinae (Karasawa, Schweitzer & Feldmann, 2011) und † Goniodromitinae (Beurlen, 1932) als ausgestorben, die Dromiinae (De Haan, 1833) und Sphaerodromiinae (Guinot & Tavares, 2003) enthalten auch rezente Arten. Innerhalb der Dynomenidae gilt die Unterfamilie † Graptocarcininae (Van Bakel, Guinot, Corral & Artal, 2012) als ausgestorben, während die Paradynomeninae (Guinot, 2008) auch rezente Arten enthält.[1] Die ausgestorbenen Familien † Diaulacidae und † Xandarocarcinidae sowie die Unterfamilie † Basinotopinae wurden in der Vergangenheit ebenfalls den Dromioidea zugeordnet, ihr Status ist jedoch noch umstritten.[1.2]

Glaessneropsoidea

Die ausgestorbene Überfamilie Glaessneropsoidea basiert nur auf Carapax-Funden. Die letzten Funde stammen aus der Kreidezeit von der mesopelagialen Tiefsee in feinkörnigen Siliziklastika. Zum Taxon gehören die Gattungen † Ekalakia, † Nodoprosopon, † Viaia und † Heeia.[1.3]

Homolodromioidea

Die Homolodromioidea enthalten neben der rezenten Familie Homolodromiidae die ausgestorbenen † Bucculentidae, † Tanidromitidae, † Prosopidae und † Longodromitidae. Funde von Homolodromioidea gehören zu den ältesten bekannten Krabbenfossilien.[1.3] Innerhalb der Homolodromiidae treten sechs ausgestorbene Gattungen auf: † Antarctidromia, † Eoprosopon, † Notiodromia, † Palehomola, † Preclarocarcinus und † Vespridromites.[3] Homolodromioidea-Fossilien finden sich in oder in der Nähe von Korallenriffablagerungen. Die meisten Exemplare wurden in Europa gefunden, nur wenige in Afrika. Der Ursprung der ersten drei Pleopoden legt nahe, dass die fossilen Arten wie die rezenten vorwärts liefen.[1.3]

Konidromitoidea

Die Familie † Konidromitidae wurde von Karasawa et al. (2011) zur Überfamilie erhoben Die Konidromitoidea sind bislang nur durch Rückenpanzermaterial dokumentiert. Wie die Dromioidea weisen sie stark variierende Panzerformen auf, was Zweifel an der Validität der Überfamilie nährt. In ihr sind lediglich zwei Gattungen enthalten:[1.3]

  • Konidromites (früher † Oxythyreus) und
  • Concavolateris.

Palaeocorystoidea

Die † Palaeocorystoidea entstand im Hauterivium vor etwa 130 mya und starb im Paläogen (34–23 mya) aus. Die etwa 100 Arten dieser Überfamilie wurden weltweit gefunden, die Mehrzahl allerdings in höheren Breiten. Aus der Überfamilie gingen vermutlich die rezenten Raninoidea hervor.[1.4]

Raninoidea

Die Raninoidea enthalten auch rezente Arten. Als ursprünglichste Form wird † Marylyreidus punctatus angesehen. Ein typischer Vertreter der Ranininae ist † Lophoranina aus dem Eozän, ihr Vorläufer † Vegaranina wurde aus dem frühen Maastrichtium nachgewiesen. † Bicornisranina bocki aus dem Campanium hat ein besonderes Sternum, bei dem die ersten drei Sterniten verschmolzen sind. Etwa 12 Arten der Unterfamilie Notopodinae sind aus dem Paläogen in Venetien bekannt. In der Region wurde auch † Bonizzatoides tuberculatus aus dem mittleren Lutetium und eine neue Notopoides-Art nachgewiesen. Mittlerweile sind 31 Arten in Oberitalien nachgewiesen, von denen † Ranina ornata die älteste in Europa ist.[1.5]

Homoloidea

Innerhalb der Homoloidea variiert die Häutungslinie: bei den Homolidae ist rückenseitig eine paarige Linea homolica, bei den Latreilliidae liegt sie paarig seitlich am Hals, bei den Poupiniidae fehlt sie ganz. Bei vielen fossilen Homolidae ist die Linea homolica gut sichtbar und gelegentlich intakt, was dafür spricht, dass ein Körper und nicht eine Exuvie oder dass nur der Carapax-Abschnitt zwischen der Linie erhalten ist. Die fossilen Homoloidea stammen aus dem Jura und wurden vorwiegend in der Region des heutigen Europas nachgewiesen. Die einzige fossile Art der Poupiniidae ist † Rhinopoupinia bicornis aus der Oberkreide Antarktikas. Bei den fossilen Homoloidea werden zwei Familien mit je zwei Gattungen unterschieden: † Tithonohomolidae (oberes Jura) und † Mithracidae (Unterkreide).[1.6]

Podotremata incertae sedi

Die Überfamilie † Dakoticancroidea ist in der Kreidezeit ausgestorben. Die meisten Funde stammen aus Nordamerika, mit den † Ibericancridae gibt es auch Nachweise aus Ostspanien. Letztere haben ein schmales Sternum während die † Dakoticancridae ein breites haben. Die letzten beiden Beinpaare der Ibericancridae und das letzte der Dakoticancridae sind reduziert und zum Tragen von Objekten weiter rückenseitig entspringend. Die Dakoticancroidea haben einen Haltemechanismus für das Pleon nach dem Druckknopfprinzip. Die Gattung † Sodakus war ursprünglich den Dorippoidea zugeordnet, wird heute aber zu den Ibericancridae gerechnet. Die beiden Arten † Sodakus tatankayotankaensis und † Sodakus mexicanus werden auf das Maastrichtium datiert und stammen aus Süddakota bzw. Mexico. Weitere Arten sind † Dakoticancer overanus und † Avitelmessus grapsoides. Von letzterer sind sogar Exemplare mit Farbresten erhalten.[1.7]

Die Überfamilie † Etyoidea erschien in der frühen Kreide und starb im Eozän aus. Die Familie † Etyidae wurde für die Gattungen † Etyus und † Xanthosia, † Feldmannia und † Secretanella errichtet. 2012 wurde die Familie † Feldmanniidae mit den Gattungen † Steorrosia, † Bretonia und † Faksecarcinus aufgestellt, später wurde † Caloxanthus tombecki, † Guinotosia tertiaria und † Cantabroxanthus loredoensis den Feldmanniidae zugeordnet. Beide Familien spalteten sich am Ende der Unterkreide auf.[1.8]

Aethroidea

Die meisten rezenten Arten der Gattung Hepatella leben an der mexikanischen Pazifikküste. Die Gattung reicht vom Miozän bis zur Gegenwart. Im Miozän kam sie in der Karibik vor.[1.9]

Calappoidea

2014 wurde mit †Corallomursia eocaena in Norditalien eine neue Art aus dem Ypresium gefunden, die in eine eigenen Unterfamilie (Corallomursinae) gestellt wurde. Im gleichen Fundgebiet wurde mit †Calappilia vicetina eine außergewöhnlich gut erhaltene Art aus dem Oligozän gefunden. Der älteste Vertreter der Mondkrabben ist †Eomatuta granosa aus dem mittleren Eozän in Nordostitalien. Die Gattung Hemsut wurde für Eozän-Fossilien aus Ägypten errichtet. Fossilien der Gattung Mursia wurden in Ablagerungen aus dem Miozän in Mitteleuropa gefunden.[1.10]

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Einzelnachweise

  1. a b John W. M. Jagt et al.: Fossil Brachyura. In: Peter Castro, Peter J. F. Davie, Danièle Guinot, Frederick R. Schram, J. Carel von Vaupel Klein (Hrsg.): The Crustacea. Band 2. Koninklijke Brill NV, Leiden 2015.
    1. S. 847–866
    2. a b S. 867–869
    3. a b c d S. 869–871
    4. S. 871–873
    5. S. 874
    6. S. 874–876
    7. S. 874–877
    8. S. 877–878
    9. S. 878
    10. S. 878–879
  2. Ling Ming Tsang, Christoph D. Schubart, Shane T. Ahyong, Joelle C.Y. Lai, Eugene Y.C. Au, Tin-Yam Chan, Peter K.L. Ng, Ka Hou Chu: Evolutionary History of True Crabs (Crustacea: Decapoda: Brachyura) and the Origin of Freshwater Crabs. In: Molecular Biology and Evolution. Band 31, Nr. 5, 2014, doi:10.1093/molbev/msu068.
  3. Homolodromiidae Alcock, 1899. World Register of Marine Species. Abgerufen am 31. August 2025.