Synagoge Ohel Jizchok
| Synagoge Ohel Jizchok | |
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| Baujahr: | 1899 |
| Baumeister: | Carl Koeppen |
| Lage: | 52° 32′ 20″ N, 13° 22′ 37″ O |
| Anschrift: | Liesenstraße 3 Berlin, Deutschland |
| Zweck: | orthodoxes Judentum Synagoge |
Der Religionsverein Oranienburger Vorstadt Ohel Jizchok (hebräisch אוהל יצחק ‚Zelt Isaaks‘) errichtete 1899 auf dem Hof des Grundstücks Liesenstraße 3 im heutigen Bezirk Berlin-Mitte eine Privatsynagoge. 1945 wurde diese zerstört.
Geschichte
Im Jahre 1879 wurde der orthodoxe Religionsverein Oranienburger Vorstadt Ohel Jizchok gegründet.[1] Mitbegründer des Vereins war Joseph Zucker (1853–1931), der langjähriger Vorsitzender des Vereins war. Der erste namentlich bekannte Rabbiner war Albert Katz (1858–1923), der sein Amt in den Jahren 1886–1887 innehatte und anschließend, von 1890 bis 1922, in der Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Judentums arbeitete.[2] 1894 wurde Arthur Liebermann Rabbiner der Gemeinde und blieb es bis 1904.[3] Seinen Sitz hatte der Verein in der Chausseestraße 42.[4]
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Synagogen-Verein Ohel Jizchok, Anzeige Berliner Vereinsbote, 4. 12. 1896
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Israelitischer Religionsverein Oranienburger Vorstadt Ohel Jizchok, Anzeige Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 23. 9. 1908
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Religionsverein Oranienburger Vorstadt Ohel Jizchok, Eintrag im Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege, 1911
Für die stetig wachsende Gemeinde wurde ein Synagogenneubau nötig. Einen Bauplatz fand man auf dem Hof des Grundstücks der Voigtschen Erben in der Liesenstraße 3.[5] Dort entstand ein Neubau mit ca. 520 Plätzen, der von Baumeister Carl Koeppen geplant und ausgeführt wurde. „Das bei aller Einfachheit im Bau und Einrichtung würdig und geschmackvoll eingerichtete Gotteshaus befindet sich auf dem Gartenterrain des Grundstückes Liesenstraße 3“, war in Die Neuzeit zu lesen.[6]
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Grundriss Erdgeschoss, Bauakte von 1899, Carl Koeppen
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Schnitt, Bauakte von 1899, Carl Koeppen
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Ansicht, Bauakte von 1899, Carl Koeppen
Am 27. August 1899 fand die Einweihung der neuen Synagoge statt: „Der Zugang zur Synagoge wie letztere selbst waren mit Girlanden und Topfgewächsen geschmückt. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt; vom Vorstand und dem Repräsentantenkollegium der Jüdischen Gemeinde waren die Herren Goldschmidt, Leonhard Sachs und Löwenberg erschienen. Nachdem der Kantor Davidmann unter Begleitung eines Männerchores in wirkungsvoller Weise Ma tauwu gesungen hatte, vollzog Rabbiner Dr. Liebermann in feierlicher Weise unter Segensspruch das Anzünden der ewigen Lampe. Unter abermaligem Gesang fand dann das Ausheben und der Umzug der Thorarollen statt. […] Nachdem der Chor den letzten Theil des Psalms 24 (Raget empor, ihr Thore…) gesungen, weihte Dr. Liebermann mit innigen, zu Herzen gehenden Worten das neue Gotteshaus ein und sprach das Gebet für Kaiser und Reich.“[7]
Der Verein unterhielt eine Religionsschule, die Räume in der 14. Gemeindeschule, Kesselstraße 3–4 (heute Habersaathstraße), nutzte.
Nach dem Weggang von Arthur Liebermann im Jahre 1904 wurde Ludwig A. Rosenthal (1855–1928) Rabbiner der Gemeinde. Gottesdienste fanden freitags um 20.30 Uhr und sonnabends um 10.00 Uhr statt.[8] Finanziell wurde der Verein, der sich seit etwa 1909 „Israelitischer Religionsverein Oranienburger Vorstadt Ohel Jizchok“ nannte, von der Jüdischen Gemeinde Berlin unterstützt. Für das Jahr 1916 ist eine Summe von 7.800 Mark überliefert.[9]
Nach dem Tod des Rabbiners Rosenthal im Jahr 1928 übernahm Rabbiner Nobel das Amt.[10] 1931 verstarb der Mitbegründer und langjährige Vorsitzende des Vereins, Joseph Zucker (1852–1931) nach mehr als 50-jähriger Tätigkeit für seine Gemeinde.[11]
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Liesenstraße 3, Synagoge, 1910
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Liesenstraße 3, Synagoge, 1928
Im Jüdischen Adressbuch von 1932 ist der Israelitische Religionsverein der Oranienburger Vorstadt e.V. mit der Synagoge in der Liesenstraße 3 und der Geschäftsstelle in der Reinickendorfer Straße 2 aufgeführt.
Die Nachfolge von Rabbiner Nobel trat 1936 Hans Meyer (1909–1991) an.[12][13] Der letzte genannte Rabbiner der bis November 1938 stattfindenden Gottesdienste hieß Kurt Klappholz. Der Name des letzten Kantors war James Levy.[14]
1945 wurde die Bebauung des Grundstückes und somit auch die Synagoge zerstört. 1949–1990 verlief hier die Staatsgrenze zwischen der DDR und West-Berlin. Das Synagogengrundstück lag von 1961 bis 1989 im Mauerstreifen. Das Grundstück wurde 2014 neu bebaut.
Zeitzeugen
Rolf Joseph (1920–2012) besuchte mit seiner Familie regelmäßig den Gottesdienst in der Liesenstraße 3. Während seine Eltern 1942 deportiert wurden, überlebte er zusammen mit seinem Bruder Alfred die Nazizeit in verschiedenen Verstecken. Seine Erinnerungen wurden 2007 veröffentlicht.[15]
Literatur
- Cartsen Schmidt: Synagoge Feuerland. Der zerstörte Tempel von Berlin-Mitte. Hentrich & Hentrich, Berlin 2025, ISBN 978-3-95565-734-5.
Einzelnachweise
- ↑ Denkschrift des Verbandes der Synagogen Vereine von Berlin, 1906.
- ↑ Israelitisches Familienblatt, 10.1.1924, Nr. 2, S. 3.
- ↑ Michael Brocke, Julius Carlebach, Katrin Nele Jansen, Jörg H. Fehrs, Valentina Wiedner: Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945, 2009, S. 1994/59.
- ↑ Berliner Adressbuch 1897
- ↑ Berliner Adressbuch, 1900.
- ↑ Die Neuzeit, Wochenschrift, 15. September 1899, S. 372.
- ↑ Gemeindebote, 1. September 1899.
- ↑ Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 23.9.1908, S. 31.
- ↑ Israelitisches Familienblatt, 31. August 1916, Nr. 35, S. 3.
- ↑ Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 24. August 1928, S. 24.
- ↑ JüdischeRundschau, 27. Januar 1931, Nr. 7, S. 48.
- ↑ JüdischeRundschau, 18. Juni 1937, Nr. 48, S. 20.
- ↑ Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Breslauer in Israel, 1986, Nr. 51, S. 29.
- ↑ JüdischeRundschau, 8. April 1938, Nr. 28, S. 14.
- ↑ Joseph-Gruppe, Graues Kloster (Hrsg.): Ich muss weitermachen, die Geschichte des Herrn Joseph, Berlin 2007.