Synagoge Jever
Die Synagoge in Jever bestand bis zur Pogromnacht 1938 in der Wasserpfortstraße in der Stadt Jever.
Geschichte
Eine jüdische Gemeinde ist in Jever seit dem späten 17. Jahrhundert nachweisbar. Bereits 1698 bestand ein erster Betsaal. Die Etablierung der frühen jüdischen Einrichtungen erregten teils erheblichen Widerstand der lokalen Regierungsgewalten. 1779 wurde eine erste Synagoge in einer umgebauten Scheune geweiht, 1780 gab es die erste Gemeindeordnung.[1][2]
Mit dem Anwachsen der Gemeinde im 18. und 19. Jahrhundert entstand der Bedarf nach einem dauerhaften, eigenständigen Synagogenbau. Für den Bau der Synagoge an der Wasserpfortstraße (heute Große Wasserpfortstraße 19) wurde 1800 ein unbebautes Grundstück erworben. 1802 konnte die Synagoge geweiht werden. Der Bau erforderte erhebliche finanzielle Anstrengungen von der Gemeinde, der sie noch bis in die 1830er Jahre belastete.[3] Eine Schule war der Synagoge zunächst nicht angeschlossen.[4]
1880 wurde die alte Synagoge abgerissen und eine neue, größere Synagoge errichtet. Ihr war dann auch eine Schule angeschlossen. Die neue Synagoge und ihre Eröffnung spiegelte Wohlstand und Ansehen der jüdischen Gemeinde innerhalb Jevers wider. Die Verschuldung der Gemeinde für den Neubau der Synagoge und des Schulgebäudes (inkl. einer Erweiterung um 1910) wäre erst im Jahre 1938 abgetragen gewesen.[5]
Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung bestand in Jever eine aktive jüdische Gemeinde. In der Zeit des Nationalsozialismus kam es zunehmend zu Entrechtung, wirtschaftlicher Ausgrenzung und Repression.
Baubeschreibung
Die Synagoge in Jever war ein zweigeschossiger Backsteinbau von nahezu quadratischem Grundriss, der sich deutlich als Sakralbau vom umgebenden Stadtbild abhob. Der Baukörper folgte einem streng symmetrischen Aufbau und war auf den großen Betsaal im Obergeschoss ausgerichtet.[6]
Die Fassaden waren vollständig aus Ziegelmauerwerk errichtet und reich gegliedert. Charakteristisch war die regelmäßige Abfolge hoher, schlanker Rundbogenfenster, die sowohl im Erd- als auch im Obergeschoss angeordnet waren. Im Obergeschoss waren diese Fenster besonders hoch ausgeführt und dienten der Belichtung des Betsaals. Sie waren in flache Rundbogenblenden eingestellt und durch leicht zurückspringende Mauerflächen optisch zusammengefasst.
Ein umlaufendes Zierband aus gestaffelten Ziegeln trennte die Geschosse voneinander. Unterhalb der Traufe befand sich ein ausgeprägter Rundbogenfries, der als dekoratives Abschlussmotiv die Fassaden umlief und dem Bau eine klare horizontale Gliederung verlieh. Der Haupteingang lag in einer abgeschrägten Gebäudeecke und war durch ein rundbogiges Portal hervorgehoben. Die Ecklösung unterstrich die städtebauliche Präsenz des Gebäudes und erlaubte eine gleichwertige Ansprache mehrerer Straßenfronten.
Über dem Bau erhob sich ein flaches, umlaufend geführtes Dach, aus dessen Zentrum eine polygonale, verglaste Kuppel aufragte. Diese Kuppel war nicht nur ein weiterer Blickfang, sondern diente der zusätzlichen Belichtung des Innenraums. Die Kuppel verstärkte den sakralen Charakter der Synagoge und machte sie bereits aus der Ferne erkennbar.
Der Innenraum der Synagoge war als weiter, hoher Saalraum gestaltet, der durch seine Größe und die Lichtführung bestach. Den Raum überspannte eine Kuppel, die den Betsaal vertikal betonte und zusammen mit den zahlreichen großformatigen Rundbogenfenstern für eine helle, lichtdurchflutete Atmosphäre sorgte. Das einfallende Tageslicht wurde durch farbige Fenster zusätzlich gebrochen und verstärkt.
Der Zugang erfolgte über den Haupteingang in einen längs durch den Bau führenden Gang. Von diesem Gang aus führten Treppen zu den Frauenemporen, während der Hauptraum für die männlichen Gemeindemitglieder bestimmt war. Die Emporen verliefen an den Seitenwänden des Saales, jedoch nicht an der Ostwand, und wurden von schlanken steinernen Säulen getragen. Sie bestanden aus Holzkonstruktionen und lagen in etwa vier Metern Höhe.
An der östlichen Stirnseite des Saales befand sich der Toraschrein, der architektonisch besonders hervorgehoben war. Er war von großen Säulen eingefasst und durch einen dekorativen Rundbogen überhöht. Unmittelbar vor dem Toraschrein stand ein kleiner Aufbau und ein Pult, in der Mitte des Raumes die eigentliche Bima. Die Sitzbänke für die Männer, die die Bima umgaben und zur Ostwand ausgerichtet waren, waren aus Holz gefertigt.[7]
Aufgrund ihres Erscheinungsbildes, geprägt durch die maurische Glaskuppel, galt die Synagoge in Jever als stilvollste Synagoge im Oldenburger Herrschaftsgebiet.[8][9]
Zerstörung
Während der Novemberpogrome 1938 wurde die Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von NSDAP-Funktionären systematisch verwüstet und anschließend in Brand gesetzt. Das Gebäude brannte vollständig aus und wurde 1939 abgetragen. Im Laufe des Pogroms sperrte die SA unter dem hämischen Jubel der übrigen Stadtbevölkerung nahezu sämtliche Juden Jevers in das Gerichtsgefängnis der Stadt ein, ungeachtet des Alters und Gesundheitszustands. Neben Misshandlungen der Juden wurden auch ihre Wohnungen und Geschäfte bis zum Abend des 10. Novembers geplündert und demoliert. Die jüdischen Einwohner Jevers wurden in den Folgejahren zur Emigration gezwungen oder deportiert.[10]
Erinnerung und Gedenken
1949 wurden angeklagte Brandstifter wegen angeblichen Befehlsnotstandes freigesprochen. Das Urteil wurde vom Obersten Gerichtshof der britischen Besatzungszone aufgehoben und im Dezember 1950 wurden neun der siebzehn Angeklagten wegen Brandstiftung und Ausschreitungen zu Freiheitsstrafen verurteilt.[11]
Das Grundstück der ehemaligen Synagoge an der Großen Wasserpfortstraße ist heute Teil des Gedenk- und Erinnerungsortes „GröschlerHaus“. Informationstafeln und Installationen erinnern an die jüdische Gemeinde Jevers, ihre Synagoge und an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.[12] Eine erste Gedenktafel wurde 1978 am Ort der ehemaligen Synagoge angebracht.[13]
Siehe auch
Weblinks
- Jever unter alemannia-judaica.de
- Groelscherhaus.eu Forschungen
- Groelscherhaus.eu Erinnerungsort in Jever
- Beitrag zur Rekonstruktion der Synagoge in Jever
- Jever auf Pogrome 1938
- Jever auf juedische-gemeinden.de
Einzelnachweise
- ↑ Hartmut Peters: Der Pogrom vom 10./11. November 1938 in Jever und die Geschichte der jeverschen Synagogen 1698 bis 1988. In: Enno Meyer (Hrsg.): Die Synagogen des Oldenburger Landes. Band 29. Holzberg, Oldenburg 1988, ISBN 3-87358-311-9, S. 46–51.
- ↑ Herbert Obenaus, David Bankier, Daniel Fraenkel: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-753-5, S. 910.
- ↑ Peters, Geschichte der jeverschen Synagogen 52
- ↑ Peters, Geschichte der jeverschen Synagogen 54–60
- ↑ Peters, Geschichte der jeverschen Synagogen 58–68
- ↑ Für die Beschreibung der Synagoge im Neubau von 1880 siehe die erhaltenen Fotos und die Rekonstruktion des Innenraums, bspw. auf auf den Seiten des GroelscherHauses
- ↑ Siehe für die Beschreibung des Innenraums auch Peters, Geschichte der jeverschen Synagogen 68
- ↑ Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen 917
- ↑ Peters, Geschichte der jeverschen Synagogen 66
- ↑ Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen 922–924
- ↑ Die Täter kamen erst spät vor Gericht. In: Friesenblog. Abgerufen am 15. Dezember 2025.
- ↑ Synagogengrundstück Wasserpfortstraße – GröschlerHaus Jever. Abgerufen am 12. Dezember 2025.
- ↑ Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen 927
Koordinaten: 53° 34′ 23″ N, 7° 53′ 51,1″ O