Synagoge Beth Jitzchok
Die Synagoge Beth Jitzschok war eine Privatsynagoge und stand im 2. Hinterhof der Kantstraße 125 in Charlottenburg. Sie existierte von 1908 bis 1939 und ist teilweise als Baudenkmal erhalten.[1]
Geschichte
Das nach Plänen von Alfred Schrobsdorff 1897 erbaute Gartenhaus wurde anfangs als Glaswerkstatt genutzt. Eigentümer des Hauses war bis 1908 der Glasermeister Hermann Koch.[2][3] Unter dem neuen Eigentümer Hugo Peglow wurde das Gebäude zwischen 1905 und 1906 von Alfred Schrobsdorff zur Privatsynagoge Beth Jitzchok (Haus Isaak) für 280 Personen umgebaut und im Jahr 1908 eröffnet. Sie beherbergte zugleich den 1921 gegründeten privaten Synagogenverein Thorah-Chessed e.V.[4][1] Deren Mitglieder waren vor allem osteuropäische Juden des Mittelstandes. Eingerichtet wurde die Synagoge in der Tradition eines polnischen Stibl. Die heute noch vorhandene Eingangstür an der Nordseite wurde nur zu besonderen Feierlichkeiten betreten, regulär gingen die Besucher durch den inzwischen zugemauerten Eingang im Erdgeschoss des Treppenhauses.[5]
Während der Pogrome am 9. November 1938 entging die Synagoge nur knapp der Zerstörung, da sie komplett von Wohngebäuden umgeben war (u. a. wohnte in einer benachbarten Wohnung im Quergebäude ein NSDAP-Mitglied) und ein Übergreifen der Flammen wohl verhindert werden sollte.[4] Die Synagoge wurde jedoch wenig später ausgeraubt und verwüstet.[6]
Im Januar 1939 musste der Synagogenverein den Bet- und Versammlungsraum aus politischen Gründen zwangsweise aufgeben, erneut fand ein Umbau statt. Im selben Jahr ergriffen die Vorstandsmitglieder der Synagoge die Flucht. Ab 1940 wurden die Synagogenräume als Werkstätten, Büro- und Lagerräume vermietet.[6] Als Eigentümer der Immobilie wurden im Adressbuch Munk und Fischer aus Budapest genannt. Eine Erbin des ersten Eigentümers Koch wohnte noch im Haus.[7] In den letzten Kriegstagen 1945 lieferten sich hier verschanzte SS-Männer mit Soldaten der Roten Armee Feuergefechte, von denen bis heute (Stand Ende 2025) Einschusslöcher in den Mauern zu sehen sind.[4]
Von 1976 bis Anfang 2003 befand sich hier die Spielstätte Marias Gartenhaus des Kulturvereins Charlottenburg e.V., der sich am 13. Februar 2003 aufgelöst hat.[4] Danach dienten die Räume als Künstlerateliers.
Literatur
- Martin Mühlhoff, Christian Vossiek, Marta Herford GmbH (Hrsg.): Missing Synagogues. Sechsundvierzig Ansichten in Berlin [erschien zur Ausstellung Martin Mühlhoff und Christian Vossiek - missing synagogues im Rahmen der Jüdischen Kulturtage NRW 2011]. Kerber Verlag, Bielefeld, 2011.
- Max Sinasohn: Die Berliner Privatsynagogen und ihre Rabbiner, 1671–1971. Zur Erinnerung an das 300jährige Bestehen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Jerusalem 1971.
- Michael Steinbrecher: Der Synagogenverein Thorath-Chessed e.V., Die Wohnung von Karl Germer, Kantstraße 125. In: Helmut Engel (Hrsg.): Geschichtslandschaft Charlottenburg 1985/86, Teil 2, S. 213–219.
- Myra Warhaftig: Die Kultur- und Baugeschichte der Privatsynagoge Moses Wolfenstein. In: Günter Schlusche, Ines Sonder, Sarah Gretsch (Hrsg.): Myra Warhaftig - Architektin und Bauforscherin. Wissenschaftliches Symposium in Erinnerung an die Architektin und Bauforscherin Myra Wahrhaftig (1930–2008), 17.–18. Mai 2018 in Berlin. Universitätsverlag der TU Berlin, Berlin 2020, S. 131–138. (online bei Google Books)
Weblinks
- Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Bauwerke Marias Gartenhaus, Synagoge Beth Jitzschok, ohne Datum.
- Eintrag: Synagogenverein ‚Thorat-Chessed e. V.‘ In: Berliner Bezirkslexikon, Charlottenburg-Wilmersdorf / © Edition Luisenstadt, Stand: 07/10/2009.
- Sören Kittel: Gemeindemitglied Joachim Jacobs führt durch den wohl jüdischsten Bezirk der Hauptstadt. In: Jüdische Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 2025.
- Aro Kuhrt: Jüdisches Leben in der Kantstraße. In: Berlin Street. Berlin für Neugierige, 21. Juni 2018.
- Ansicht des Hauses (Straßenfront) ca. 1898–1911 (Jüdisches Museum Berlin, Online Sammlungen), heutige Ansicht (Landesdenkmalamt Berlin), Ansicht des ehemaligen Synagogengebäudes (2019, Landesdenkmalamt Berlin).
Einzelnachweise
- ↑ a b Privatsynagoge Beth Jitzchok in der Denkmaldatenbank Berlin
- ↑ Michael Steinbrecher: Der Synagogenverein Thorath-Chessed e.V., Die Wohnung von Karl Germer, Kantstraße 125. In: Helmut Engel (Hrsg.): Geschichtslandschaft Charlottenburg 1985/86, Teil 2, S. 213–219.
- ↑ Berliner Vororte > Charlottenburg > Kantstr. 125 > Eigentümer H. Koch. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil IV.
- ↑ a b c d Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Bauwerke Marias Gartenhaus, Synagoge Beth Jitzschok, ohne Datum.
- ↑ ‚Synagogenverein Thorat-Chessed e. V.’ In: Berliner Bezirkslexikon, Charlottenburg-Wilmersdorf / © Edition Luisenstadt, Stand: 07/10/2009.
- ↑ a b Myra Warhaftig: Die Kultur- und Baugeschichte der Privatsynagoge Moses Wolfenstein. In: Günter Schlusche, Ines Sonder, Sarah Gretsch (Hrsg.): Myra Warhaftig – Architektin und Bauforscherin. Wissenschaftliches Symposium in Erinnerung an die Architektin und Bauforscherin Myra Wahrhaftig (1930–2008), 17.–18. Mai 2018 in Berlin. Universitätsverlag der TU Berlin, Berlin 2020, S. 131–138, hier S. 135 f.
- ↑ Charlottenburg > Kantstr. 125. In: Berliner Adreßbuch, 1942, Teil IV, S. 1078.
Koordinaten: 52° 30′ 21,7″ N, 13° 18′ 41,6″ O