Symphonia harmoniae caelestium revelationum

Symphonia harmoniae caelestium revelationum oder kurz Symphoniae ist eine Sammlung lateinischer liturgischer Gesänge der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Die in freier, nicht metrisch gebundener Dichtung verfassten Texte greifen Formen wie Antiphon, Responsorium, Sequenz und Hymnus auf und sind in den Hauptzeugen mit Neumen notiert. Entstanden ist das Werk im 12. Jahrhundert im rheinfränkischen Raum und gehört in das Umfeld der Klöster Disibodenberg und Rupertsberg.

Entstehung und Überlieferung

Die Symphoniae entstanden über einen längeren Zeitraum in der zweiten Lebenshälfte Hildegards und spiegeln Spiritualität und Selbstverständnis eines benediktinischen Frauenkonvents wider.[1]

Die Gesänge sind vor allem in zwei großen Hildegard-Korpora mit musikalischer Notation überliefert. Der sogenannte Villarenser Kodex (Dendermonde, Sint-Pieters- und Paulusabtei, Ms. 9) enthält auf den Blättern 153r–170v 57 Stücke;[2] der Rupertsberger Riesenkodex überliefert auf den Blättern 466r–478v 75 Gesänge Hildegards sowie unmittelbar anschließend das liturgische Spiel Ordo virtutum.[3] Weitere Stücke sind ohne Notation in der Schlussvision von Scivias und in einer Sammlung innerhalb des Briefteils des Riesenkodex überliefert.[3][4]

Michael Embach und Martina Wallner führen in ihrem Conspectus zwölf Handschriften mit Symphonia-Stücken an. Die Überlieferung dokumentiert sowohl den Zusammenhang mit den großen Visionsschriften als auch eigenständige Nutzung einzelner Gesänge.[5]

Inhalt und Form

Die Texte sind in freiem, nicht metrisch gebundenem Stil verfasst und werden in den Quellen als Antiphonen, Responsorien, Sequenzen und Hymnen charakterisiert; sie lehnen sich damit an bekannte liturgische Formen an, ohne deren metrische oder rhythmische Schemata zu übernehmen.[3] Inhaltlich entfalten sie zentrale Motive von Hildegards Theologie, etwa die Bildwelt von Licht und Feuer, das Motiv der viriditas, die Personifikation der Kirche als kosmischer Leib sowie eine ausgeprägte Marien- und Heiligenfrömmigkeit.[6]

Die Sammlung ist thematisch gegliedert und umfasst Zyklen von Gesängen auf die Dreifaltigkeit, auf Maria, auf Engel und himmlische Hierarchien, auf Patronatsheilige, Jungfrauen, Witwen und Unschuldige, auf die heilige Ursula und ihre Gefährtinnen sowie auf die Ecclesia. Marianne R. Pfau hat diese Zyklen in einer mehrbändigen Edition herausgearbeitet, die die Gesänge nach ihren thematischen Schwerpunkten ordnet. Neuere Handschriftenstudien gehen von einem Korpus von etwa siebzig bis achtzig Gesängen aus, da Varianten und Doppelüberlieferungen unterschiedlich gerechnet werden.[7]

Musikalische Gestalt und liturgische Verwendung

Die Symphonia-Gesänge sind einstimmig notierte liturgische Stücke mit oft ungewöhnlich weitem Tonumfang, großen Intervallsprüngen und umfangreichen Melismen, die sie deutlich von einem Großteil des üblichen gregorianischen Repertoires unterscheiden.[8] Sie sind für die Aufführung im Offizium und in der Messe konzipiert, etwa für Marienfeste, Patronatsfeste und Heiligenfeiern, und bilden eine klingende Ergänzung zu Hildegards Visionsschriften und Briefen.[1]

Forschung

Seit den 1960er Jahren hat sich die Forschung zu den Symphoniae zu einem eigenständigen Feld innerhalb der Hildegard-Studien entwickelt. Peter Dronke analysierte Komposition und Struktur der Sammlung und betonte deren bewusste Redaktion.[6] Barbara Stühlmeyer legte eine umfassende Untersuchung zu musikalischer Gestalt, Theologie und kulturhistorischem Kontext vor.[8]

Neuere Arbeiten fragen vor allem nach liturgischer Performanz, der Stellung einzelner Responsorien und Antiphonen sowie der Bildsprache einzelner Stücke.[9][7][1] Überblicksdarstellungen wie der Forschungsführer von Tova Leigh-Choate, William T. Flynn und Margot E. Fassler stellen die Symphonia in den Zusammenhang von Hildegards gesamtem musikalischem Œuvre.[1] Eine neuere Detailstudie diskutiert den Gesang auf den Apostel Matthias als mögliche Widmungsgabe an die Benediktinerabtei St. Matthias in Trier.[10]

Ausgaben

  • Barbara Stühlmeyer: Lieder. Symphoniae (Hildegard von Bingen: Werke, 4). Beuron 2012, 2. Auflage 2018 (zweisprachige Ausgabe).
  • Barbara Newman: Symphonia armonie celestium revelationum. In: Hildegardis Bingensis opera minora (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 226). Turnhout 2007, S. 373–477.
  • Marianne Richert Pfau: Hildegard of Bingen: Symphonia armonie celestium revelationum. Teile 1–8. Bryn Mawr (Penn.) 1997.
  • Ferdinand W. E. Roth: Die Lieder und die unbekannte Sprache der heiligen Hildegardis. Wiesbaden 1880 (Separatabdruck aus den Geschichtsquellen aus Nassau).

Literatur

  • Walter Berschin, Heinrich Schipperges: Hildegard von Bingen: Symphonia. Gedichte und Gesänge. Gerlingen 1995.
  • Peter Dronke: The Composition of Hildegard of Bingen’s Symphonia. In: Sacris erudiri 19 (1969/70), S. 381–391.
  • Michael Embach, Martina Wallner: Conspectus der Handschriften Hildegards von Bingen. Münster 2013, S. 335.
  • Michael Embach: Beobachtungen zum redaktionellen Konzept der Symphonia Hildegards von Bingen. In: Kurtrierisches Jahrbuch 63 (2023), S. 75–101.
  • Kristin Hoefener: Hildegards von Bingens Antiphonenzyklus „Studium divinitatis“. Welche Anhaltspunkte gibt es für eine liturgische Performanz? In: Kurtrierisches Jahrbuch 61 (2021), S. 89–119.
  • Tova Leigh-Choate, William T. Flynn, Margot E. Fassler: Hearing the Heavenly Symphony: An Overview of Hildegard’s Musical Oeuvre with Case Studies. In: Beverly M. Kienzle, Debra L. Stoudt, George Ferzoco (Hrsg.): A Companion to Hildegard of Bingen (Brill’s Companions to the Christian Tradition, 45). Leiden – Boston 2014, S. 163–192.
  • Laurence Moulinier: Hildegarde de Bingen: Chants et Lettres (choix). In: Danielle Régnier-Bohler (Hrsg.): Voix de femmes au Moyen Âge. Savoir, mystique, poésie, amour, sorcellerie. XIIe–XVe siècle. Paris 2006, S. 77–124, hier S. 91–111.
  • Barbara Stühlmeyer: Die Gesänge der Hildegard von Bingen. Eine musikologische, theologische und kulturhistorische Untersuchung (Studien und Materialien zur Musikwissenschaft, 30). Hildesheim u. a. 2003.

Aufnahmen (Auswahl)

  • Gothic Voices, Emma Kirkby (Sopran), Ltg. Christopher Page: A Feather on the Breath of God. Sequences and Hymns by Abbess Hildegard of Bingen. Hyperion, London 1982.
  • Sequentia, Ltg. Barbara Thornton: Hildegard von Bingen: Symphoniae. Geistliche Gesänge. Deutsche Harmonia Mundi, 1982/83.
  • Anonymous 4: 11,000 Virgins. Chants for the Feast of St Ursula. harmonia mundi, 1997.

Einzelnachweise

  1. a b c d Tova Leigh-Choate, William T. Flynn, Margot E. Fassler: Hearing the Heavenly Symphony: An Overview of Hildegard’s Musical Oeuvre with Case Studies. In: Beverly M. Kienzle, Debra L. Stoudt, George Ferzoco (Hrsg.): A Companion to Hildegard of Bingen (Brill’s Companions to the Christian Tradition, 45). Leiden – Boston 2014, S. 163–192.
  2. Barbara Stühlmeyer: Lieder. Symphoniae (Hildegard von Bingen: Werke, 4). Beuron 2012, Einleitung S. 5–19, hier S. 15.
  3. a b c Symphonia harmoniae caelestium revelationum. In: Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters (Werk 2818), Bearbeitungsstand 10. Oktober 2025.
  4. Barbara Newman: Symphonia armonie celestium revelationum. In: Hildegardis Bingensis opera minora (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 226). Turnhout 2007, S. 337–362 und 373–477.
  5. Michael Embach, Martina Wallner: Conspectus der Handschriften Hildegards von Bingen. Münster 2013, S. 335.
  6. a b Peter Dronke: The Composition of Hildegard of Bingen’s Symphonia. In: Sacris erudiri 19 (1969/70), S. 381–391.
  7. a b Michael Embach: Beobachtungen zum redaktionellen Konzept der Symphonia Hildegards von Bingen. In: Kurtrierisches Jahrbuch 63 (2023), S. 75–101.
  8. a b Barbara Stühlmeyer: Die Gesänge der Hildegard von Bingen. Eine musikologische, theologische und kulturhistorische Untersuchung (Studien und Materialien zur Musikwissenschaft, 30). Hildesheim u. a. 2003.
  9. Kristin Hoefener: Hildegards von Bingens Antiphonenzyklus „Studium divinitatis“. Welche Anhaltspunkte gibt es für eine liturgische Performanz? In: Kurtrierisches Jahrbuch 61 (2021), S. 89–119.
  10. Michael Embach: Der Gesang Hildegards von Bingen auf den Apostel Matthias – eine Widmungsgabe an die Abtei Trier-St. Matthias? In: Kurtrierisches Jahrbuch 62 (2022), S. 47–78.