Sylvia Wagner
Sylvia Wagner (* 1964) ist eine Pharmazeutin und Autorin.
Leben
Nach ihrem Abitur studierte Sylvia Wagner Pharmazie und arbeitete anschließend in verschiedenen Apotheken. Als sie um 2013 anfing, sich mit ihrer Biografie zu befassen, stieß sie auch auf das Thema der Arzneimittel in den Erziehungseinrichtungen. Sie promovierte mit einer Dissertation über Arzneimittelversuchen an Heimkindern zwischen 1949 und 1975.[1]
Mit ihren Recherchen zum Medikamentenmissbrauch und deren Veröffentlichung zwang sie Politik, Behörden und Einrichtungen, nach Jahrzehnten der Ignoranz den Medikamentenmissbrauch in deutschen Kinderheimen aufzuarbeiten.
Bis Anfang der 1970er Jahre wurden in Deutschland Medikamententests, unter anderem Impfstoffe und Psychopharmaka, an Heimkindern durchgeführt. Es wurden Arzneimittel an Heimkindern verabreicht und getestet, um sozial erwünschtes Verhalten oder Sedierung zu erreichen. In teils systematischen Versuchen wurden neben Neuroleptika und Impfstoffen etwa Präparate gegen Bettnässen, zur Gewichtsreduktion oder Triebdämpfung eingesetzt. Die Kinder und ihre Eltern wurden darüber offenbar nicht informiert. Behörden und Pharmaindustrie waren ebenso involviert wie ehemalige NS-Ärzte, u. a. Prof. Hans Heinze, Friedrich Panse, Richard Haas und Gerhard Kujath.
Wagner recherchierte dazu unter anderem in Prüfberichten, Dokumenten aus pharmazeutischen Unternehmen und Heimbewohnerakten einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie schaffte ein authentisches Bild dieser bisher kaum untersuchten Problematik - von Opfern und Tätern, ökonomischen und gesellschaftlichen Interessen und Gegebenheiten. Damit hat sie ein verdrängtes Kapitel der deutschen Nachkriegszeit aufgearbeitet und verbesserte für Betroffene die Möglichkeit, Entschädigungen zu erhalten.
In ihrem Roman heimgesperrt: Missbrauch, Tabletten, Menschenversuche: Heimkinder im Labor der Pharmaindustrie hat sie die Problematik der ehemaligen Heimkinder mit ihren Recherchen und Ergebnissen zu den Arzneimittelversuchen verwoben und literarisch verarbeitet.[2]
Privates
Sie wurde gleich nach der Geburt ihrer nicht verheirateten Mutter weggenommen und wuchs in Säuglings- und Kinderheimen auf. Ihre Mutter wurde gleich nach der Geburt von Sylvia entmündigt und 18 Jahre in einer Psychiatrie „weggesperrt“, ohne Diagnose wegen angeblicher Schizophrenie; es wurde vermerkt, „wenn sie raus käme, wäre sie doch direkt wieder schwanger“.[3]
Schriften
- Arzneimittelversuche an Heimkindern zwischen 1949 und 1975, Dissertationsschrift, Mabuse-Verlag Wissenschaft, Band 119, 20. Juli 2020, ISBN 978-3-86321-532-3.
- heimgesperrt: Missbrauch, Tabletten, Menschenversuche: Heimkinder im Labor der Pharmaindustrie, Hrsg. CORRECTIV.Verlag Essen, 25. April 2023, ISBN 978-3-948013-21-9.
Siehe auch
Weblinks
- SWR: Nachtcafe "Das Ende des Schweigens" ab 1:30.; abgerufen am 27. Oktober 2025.
- Versuchskaninchen Heimkind - Medikamententests an Kindern in der BRD | SWR Doku; abgerufen am 27. Oktober 2025.
Einzelnachweise
- ↑ Sylvia Wagner; abgerufen am 27. Oktober 2025.
- ↑ Heimgesperrt | SW10106. Abgerufen am 16. Dezember 2025 (deutsch).
- ↑ Siehe Weblinks: SWR Nachtcafe, Min. 1:31.