Sumpfspinnenfresser

Sumpfspinnenfresser

Sumpfspinnenfresser (Ero cambridgei), Weibchen

Systematik
Unterordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Teilordnung: Entelegynae
Überfamilie: Mimetoidea
Familie: Spinnenfresser (Mimetidae)
Gattung: Buckelspinnenfresser (Ero)
Art: Sumpfspinnenfresser
Wissenschaftlicher Name
Ero cambridgei
Kulczyński, 1911

Der Sumpfspinnenfresser (Ero cambridgei) ist eine Spinne aus der Familie der Spinnenfresser (Mimetidae). Er ist paläarktisch verbreitet; sein Trivialname rührt von seinem Vorkommen in Sümpfen, obgleich die hygrophile Spinne auch andere Lebensräume mit ausreichender Feuchtigkeit bewohnt. Der Sumpfspinnenfresser ernährt sich wie alle Spinnenfresser als stenophage Art ausschließlich von anderen Spinnen. Anderweitig ist seine Biologie wenig erforscht.

Merkmale

Das Weibchen des Sumpfspinnenfressers erreicht laut Sven Almquist (2005) eine Körperlänge von 3,1 bis 3,8 und durchschnittlich 3,4 ± 0,2 Millimetern, während die des Männchens sich auf 2,6 bis 2,9 Millimeter belaufen kann. Damit handelt es sich wie bei Spinnenfressern (Mimetidae) üblich um eine eher kleinere Spinnenart. Der Körperbau gleicht vom Grundprinzip her dem anderer Buckelspinnenfresser (Ero), so hat auch der Sumpfspinnenfresser paarig angelegte Höcker auf dem Opisthosoma (Hinterleib), wobei diese Art ein Paar davon aufweist.[1]

Sexualdimorphismus

Der Sumpfspinnenfresser hat wie viele Spinnen einen deutlichen Geschlechterunterschied. Dieser macht sich neben den Dimensionen auch in der Farbgebung beider Geschlechter bemerkbar.[2]

Weibchen

Der Carapax (Rückenschild des Prosomas bzw. Vorderkörpers) des Weibchens hat nach Almquist eine Länge von 1,46 bis 1,66, durchschnittlich 1,56 ± 0,08 Millimetern und eine Breite von 1,17 bis 1,4, im Durchschnitt 1,23 ± 0,07 Millimetern. Er ist oviform (eiförmig) und hat eine gelbweiße Grundfarbe und median (mittig) ein dunkelbraunes Band, das im Medialbereich wiederum verbreitert und gegabelt ist. Das Band ist beidseitig von einer breiten Schwarzfärbung umrandet. Die Augenregion ist meist schwarz und die Cheliceren (Kieferklauen) annähernd schwarz gefärbt. Retrolateral (hinten seitlich) befinden sich an den Cheliceren jeweils Stridulationsorgane, während sie promarginal (vorne seitlich) je vier scharfe Zähne aufweisen, die allesamt von borstenartigen Setae (chitinisierten Haaren) umgeben sind. Das annähernd schwarze und mit gelblichweißen Punkten gezeichnete Sternum (Brustschild des Prosomas) kann hinsichtlich seiner Form und Gestalt sehr variieren. Die Beine des Weibchens weisen ebenfalls eine gelbweiße Grundfärbung auf und sind zusätzlich mit schwarzen Ringeln versehen. Die gleich gefärbten Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) besitzen je eine Klaue.[2]

Das Opisthosoma (Hinterleib) ist dorsal (oben) mit kurvigen, borstenartigen Setae versehen. Anterior (vorne) und posterior (hinten) erscheint es deutlich blasser, während die beiden Höcker im Medialbereich schwarz und gelb gefärbt sind und in ihrer Nähe die Farbgebung rötlich ausfällt. Das gattungstypische Herzmal ist hier schwarz gefärbt und von schwarzen und weißen Punkten umgeben. Ventral (unten) fällt die Färbung des Opisthosomas schwarz und rötlich aus.[2]

Männchen

Beim Männchen ist der Carapax laut Almquist 1,35 bis 1,43 Millimeter lang und 1,11 bis 1,17 Millimeter breit. Er ist blass gelblichbraun gefärbt, wobei der marginale (am Rand gelegene) Bereich mit einer breiten Schwarzfärbung versehen ist. Der Clypeus (Abschnitt zwischen den anterioren Augen und dem Vorderrand des Carapax) ist nahe den Augen gelblich und im Bereich der Cheliceren schwärzlich gefärbt. Sowohl der Kopfbereich als auch der Clypeus weisen mehrere borstenartige Setae auf. Die Cheliceren und das Sternum weisen eine schwarze Grundfarbe auf, während beim letzteren Abschnitt der Medialbereich gelblich erscheint. Die Coxae (Hüftglieder) sind blass gelblich gefärbt. Die Tibien (Schienen) des ersten und zweiten Beinpaares besitzen lateral mehrere und die Metatarsen (Fersenglieder) selbiger Beinpaare prolateral lange kurvige Stacheln. Das Opisthosoma des Männchens gleicht dem des Weibchens.[3]

Genitalmorphologische Merkmale

Die Tibien der Pedipalpen haben basal (an der Basis) je eine kantige Furche und die Femora (Schenkel) haben je eine Rille zur Stridulation (Lauterzeugung) sowie mehrere Aushöhlungen. Das Cymbium (erstes und vorderstes Sklerit bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) und das Paracymbium (weiteres an das Cymbium anheftende Sklerit) haben basal zwei Fortsätze, wobei der distale (von der Körpermitte entfernt liegende) davon wasserhahnförmig und der basale kurvig ist. Die mediane Apophyse (Fortsatz) endet am mittleren Ende stark gespitzt und der Embolus (drittes und letztes Sklerit Bulbus) entspringt der retrolateralen Fläche des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus) ud verläuft an dessen prolateraler Seite. Sein kurzes und spitzes Ende ist leicht gekrümmt. Der leicht spitze Konduktor (den Embolus führender und stützender Fortsatz) ist geringfügig sklerotisiert (verhärtet).[2]

Die Platte der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) befindet sich nahe der Epigastralfurche (ventrale Querspalte am Opisthosoma) und die Geschlechtsöffnungen sind nah beieinander positioniert. Die schmalen Kopulationskanäle münden auf der Dorsalfläche in die ovalen und stark sklerotisierten Spermatheken (Samentaschen).[2]

Differenzierung vom Zweihöcker-Spinnenfresser

Zweihöcker-Spinnenfresser (Ero cambridgei)
Weibchen Männchen

Während der Sumpfspinnenfresser von zwei der vier auch in Mitteleuropa vorkommenden Buckelspinnenfressern (Ero), dem Vierhöcker- (E. aphaba) und dem Großen Spinnenfresser (E. tuberculata) alleine durch das Vorhandensein von vier Höckern auf dem Opisthosoma leicht unterschieden werden kann, so hat die vierte dieser Arten, der Zweihöcker-Spinnenfresser (E. furcata), seinem Trivialnamen entsprechend ebenfalls zwei Höcker dort.[1] Da beide Arten auch habituriell (vom Erscheinungsbild her) ähnlich sind, ist eine sichere Unterscheidung dieser nur anhand der genitalmorphologischen Merkmale gegeben. Beim Zweihöcker-Spinnenfresser sind die medianen Apophysen der Bulbi gerundet endend und die Kopulationsgänge der Epigyne gewunden.[4]

Verbreitung und Lebensräume

Das Verbreitungsgebiet des Sumpfspinnenfressers umfasst die Kanarischen Inseln, Europa, die Türkei, Israel, Russland (von Europa bis zum Föderationskreis Ferner Osten), Korea und Japan. In Europa selber ist der Sumpfspinnenfresser flächendeckend vorkommend, jedoch fehlt er auf der Iberischen Halbinsel, in Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, dem Kosovo, Serbien, Rumänien, der Republik Moldau, der Ukraine und der Oblast Kaliningrad sowie auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land, der Inselgruppe Spitzbergen, den Balearischen Inseln, Korsika, Sizilien und Zypern. Außerdem kommt die Spinne in Kaukasien nicht vor.[5] In Großbritannien ist die Art vor allem im südlichen Teil der Insel häufig, wird nach Norden hin aber seltener. Allgemein ist der Sumpfspinnenfresser in Europa deutlich weniger verbreitet als der Zweihöcker-Spinnenfresser (E. furcata), mit dem er geographisch überlappend vorkommen kann.[6]

Wie es sein Trivialname bereits vermuten lässt, bevorzugt der Sumpfspinnenfresser feuchte Habitate und neben Sümpfen auch Hochmoore und Feuchtwiesen.[7] Außerdem bewohnt er Marschlandschaften.[2] Ferner ist die hygrophile Art in Wäldern, Graslandschaften, Brachen und Küstendünen anzutreffen.[7] Die Spinne kommt in Höhen von bis zu 1.940 Metern über dem Meeresspiegel vor.[5]

Gefährdung

Die Bestandssituation des Sumpfspinnenfresser wird je nach Land unterschiedlich gewertet. In der Roten Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands von 2016 wird die Art als „ungefährdet“ gewertet. Sie kommt in Deutschland mäßig häufig vor und ihre Bestände sind sowohl kurz- als auch langfristig gleichbleibend. In der vorherigen Version dieser Roten Liste wurde die Spinne noch in der Kategorie 3 („gefährdet“) eingestuft, sodass eine Verbesserung der Einstufung seit dieser Version zu vermerken ist.[8]

In der Roten Liste Großbritanniens (2017) wird der Sumpfspinnenfresser nach IUCN-Maßstab in der Kategorie LC („Least Concern“: nicht gefährdet) erfasst.[6] Gleiches gilt für die Rote Liste der Spinnentiere (Arachnida) Norwegens (2015), während er in der Roten Liste der Spinnen Tschechiens (2015) in der Kategorie ES („Ecologically Substainable“: ökologisch anpassbar) gelistet wird. In der Roten Liste der Pflanzen und Tiere der Slowakei (2001) wird die Art jedoch in der Kategorie EN („Endangered“: gefährdet) gewertet.[9]

Lebensweise

Der wie alle Spinnenfresser (Mimetidae) nachtaktive Sumpfspinnenfresser hält sich auf Bäumen, Sträuchern, niedriger Vegetation und Laub auf.[6][7] Er ist nach Eigenart der Familie auf das Erbeuten anderer Spinnen spezialisiert und demnach stenophag (auf bestimmte Nahrung angewiesen). Dabei kommt die Art bevorzugt in der Nähe anderer Spinnen und somit ihrer Beute vor.[10] Die bevorzugte Beute bilden dabei netzbauende Spinnen. Der Sumpfspinnenfresser zupft dabei an den Fäden des Fangnetzes und täuscht somit ein dort hineingeratenes Beutetier vor. Ist die Beutespinne in die Nähe des Sumpfspinnenfressers gelangt, beißt dieser rasch der anderen Spinne ins Bein und injiziert dabei sein Gift. Dieses paralysiert die erbeutete Spinne augenblicklich und der Sumpfspinnenfresser saugt seine Beute durch das eingebissene Loch am Bein aus.[6]

Die Phänologie (Aktivitätszeit) ausgewachsener Individuen beider Geschlechter beläuft sich bei dem Sumpfspinnenfresser auf das ganze Jahr.[5] Auch er legt wie andere Spinnenfresser einen auf einem Stiel befindlichen Eikokon, der kugel- oder birnenförmig sein kann und insgesamt dem des Zweihöcker-Spinnenfressers (Ero furcata) ähnelt.[11]

Systematik

Die Systematik des Sumpfspinnenfressers hat kaum Veränderungen durchlaufen. Er wurde 1911 von Władysław Kulczyński erstbeschrieben und erfuhr keine Transferierungen oder Umbenennungen.[12] Mit dem Artnamen cambridgei soll der englische Arachnologe Frederick Octavius Pickard-Cambridge geehrt werden.

Bei einer 2021 von Rainer Breitling getätigten abstammungstechnischen Untersuchung der auf den Britischen Inseln vorkommenden Spinnenarten einschließlich des Sumpfspinnenfressers war es möglich, das verwandtschaftliche Verhältnis von diesem und den drei anderen dort und darüber hinaus auch in Mitteleuropa vorkommenden Buckelspinnenfressern (Ero) zu ermitteln. Die Analyse der vier Arten ist auf Basis einer vorherigen von 2004 entstanden, bei der die körperbezogenen und genitalmorphologischen Merkmale der vier Buckelspinnenfresser zur Untersuchung angewandt wurden und die mit den phylogenetischen Analysen aus 2021 weitestgehend übereinstimmen. Jedoch verblieb der Status des Großen Spinnenfressers in den Analysen aus 2004 noch ungewiss.[13] Folgendes Kladogramm verdeutlicht die äußere Systematik der vier Arten zueinander:[14]

  Auf den Britischen Inseln vorkommende Buckelspinnenfresser (Ero

 Vierhöcker-Spinnenfresser (E. aphana)


   

 Großer Spinnenfresser (E. tuberculata)


   

 Zweihöcker-Spinnenfresser (E. furcata)


   

 Sumpfspinnenfresser





Literatur

  • Sven Almquist: Swedish Araneae, part 1 – families Atypidae to Hahniidae (Linyphiidae excluded). In: Scandinavian Entomology (Hrsg.): Insect Systematics & Evolution, Supplement. Band 62, Nr. 1. Interpress, 2005, S. 37–38 (284 S.).
  • Lawrence Bee, Geoff Oxford, Helen Smith: Britain's Spiders: A Field Guide – Fully Revised and Updated Second Edition (= WILDGuides of Britain & Europe). Princeton University Press, 2020, ISBN 978-0-691-21180-0, S. 170 (496 S.).
  • Rainer Breitling: A completely resolved phylogenetic tree of British spiders. In: Zoology. University of Manchester, Manchester 14. März 2021, S. 1–29, doi:10.1101/2021.03.12.434792 (biorxiv.org [PDF]).
  • Bernhard Le Peru: The spiders of Europe, a synthesis of data: Volume 1 Atypidae to Theridiidae. In: Société linnéenne de Lyon (Hrsg.): Mémoires de la Société Linnéenne de Lyon. Band 1, Nr. 2, 2011, ISBN 978-2-9531930-3-9, ISSN 0366-1326, S. 311–312 (522 S.).
  • Michael John Roberts: The Spiders of Great Britain and Ireland (= The Spiders of Great Britain and Ireland. Band 2). Brill Archive, 1985, S. 148 (256 S.).
  • Michael John Roberts: Spiders of Britain & Northern Europe. Hrsg.: Bath Press (= Collins Field Guide). HarperCollins, 1995, ISBN 0-00-219981-5, S. 58 (383 S.).
Commons: Sumpfspinnenfresser (Ero cambridgei) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Michael John Roberts: The Spiders of Great Britain and Ireland (= The Spiders of Great Britain and Ireland. Band 2). Brill Archive, 1985, S. 170.
  2. a b c d e f Sven Almquist: Swedish Araneae, part 1 – families Atypidae to Hahniidae (Linyphiidae excluded). In: Scandinavian Entomology (Hrsg.): Insect Systematics & Evolution, Supplement. Band 62, Nr. 1. Interpress, 2005, S. 38.
  3. Sven Almquist: Swedish Araneae, part 1 – families Atypidae to Hahniidae (Linyphiidae excluded). In: Scandinavian Entomology (Hrsg.): Insect Systematics & Evolution, Supplement. Band 62, Nr. 1. Interpress, 2005, S. 37–38.
  4. Sven Almquist: Swedish Araneae, part 1 – families Atypidae to Hahniidae (Linyphiidae excluded). In: Scandinavian Entomology (Hrsg.): Insect Systematics & Evolution, Supplement. Band 62, Nr. 1. Interpress, 2005, S. 37.
  5. a b c Wolfgang Nentwig, Robert Bosmans, Daniel Gloor, Ambros Hänggi, Christian Kropf: Ero cambridgei Kulczyński, 1911. In: araneae – Spiders of Europe. Naturhistorisches Museum Bern, abgerufen am 2. November 2025.
  6. a b c d Summary for Ero cambridgei (Araneae). (PHP) In: Spider Recording Scheme. British Arachnological Society, abgerufen am 2. November 2025 (englisch).
  7. a b c Bernhard Le Peru: The spiders of Europe, a synthesis of data: Volume 1 Atypidae to Theridiidae. In: Société linnéenne de Lyon (Hrsg.): Mémoires de la Société Linnéenne de Lyon. Band 1, Nr. 2, 2011, ISBN 978-2-9531930-3-9, ISSN 0366-1326, S. 312.
  8. Detailseite. (HTPPS) Rote-Liste-Zentrum, abgerufen am 2. November 2025.
  9. Ero cambridgei. In: Spinnen Forum Wiki. Arachnologische Gesellschaft, abgerufen am 2. November 2025.
  10. Lawrence Bee, Geoff Oxford, Helen Smith: Britain's Spiders: A Field Guide – Fully Revised and Updated Second Edition (= WILDGuides of Britain & Europe). Princeton University Press, 2020, ISBN 978-0-691-20474-1, S. 148.
  11. Michael John Roberts: Spiders of Britain & Northern Europe. Hrsg.: Bath Press (= Collins Field Guide). HarperCollins, 1995, ISBN 0-00-219981-5, S. 58.
  12. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern: World Spider Catalog – Ero cambridgei. Abgerufen am 2. November 2025.
  13. Rainer Breitling: A completely resolved phylogenetic tree of British spiders. In: Zoology. University of Manchester, Manchester 14. März 2021, S. 13–14, doi:10.1101/2021.03.12.434792 (biorxiv.org [PDF; abgerufen am 28. Januar 2022]).
  14. Rainer Breitling: A completely resolved phylogenetic tree of British spiders. In: Zoology. Manchester University Press, Manchester 2. November 2025, S. Legende, doi:10.1101/2021.03.12.434792 (biorxiv.org [PDF; abgerufen am 2. November 2025]).