Summa Perusina

Die sogenannte Summa Perusina, präziser bezeichnet als Adnotationes Codicum domini Justiniani, ist eine Kommentierung der ersten acht Bücher des spätantiken Codex Iustinianus (CJ). Erhalten geblieben ist die Zusammenstellung in einer einzigen selbstständigen Handschrift (Codex unicus) aus dem 10. Jahrhundert, die in der Kapitularbibliothek in Perugia aufbewahrt wird (Biblioteca Capitolare, 32).[1]

Ursprünglich wurde der Text als Glossenapparat am jeweiligen Rand von Codexhandschriften eingepflegt.[2] Die letztlich überlieferte Handschrift wurde erst später verfasst. Diese bricht inmitten eines Wortes mit dem Zeilenende (Si te absen) zu CJ 8, 53, 8 ab, was Rückschlüsse darauf zulässt, dass mehr an Text summiert gewesen sein muss. Federico Patetta, Herausgeber der bis heute maßgeblichen Edition, nahm an, dass nur die ersten neun Bücher des Codex Iustinianus behandelt worden seien, denn die letzten drei Bücher seien in der Zeit vor dem 12. Jahrhundert gleichsam in Vergessenheit geraten seien.[3] Demgegenüber hat sich Detlef Liebs dafür ausgesprochen, dass alle zwölf Bücher des Codex aufgegriffen worden seien, denn es könne zur Zeit der Entstehung der Summa (im 7. Jahrhundert) von einer Abspaltung der letzten drei Bücher nicht ausgegangen werden. Seine Entstehung datierte Liebs auf das 7. Jahrhundert, „eher in seiner ersten Hälfte“, und zwar in Rom. Patteta stellte fest, dass der Grundtext auf einer bereits unvollständigen CJ-Ausgabe beruhte, die im Zeitraum vom 8. bis zum 10. Jahrhundert in Italien den originären CJ verdrängen sollte.[4] Liebs ging zudem davon aus, dass die Handschrift dem Rechtsunterricht gewidmet war.[1]

An Patetta anschließend,[5] hob Liebs hervor, dass der Autor – er nennt ihn Perusin – ein möglicherweise minderbezahlter Verwaltungsjurist der päpstlichen Kurie, durchaus in der Lage gewesen sei, schwierige Sachverhalte korrekt zu erfassen und auch weiterzuentwickeln, gleichwohl aber seiner juristischen und sprachlichen Befähigung deutliche Grenzen gezogen gewesen seien und auch bezüglich seiner Motivation eklatante Mängel nachweisbar wären, was er auf Überforderung zurückführt. Neben Flüchtigkeitsfehlern strotze der Text von „Verballhornungen und Verfälschungen, diese zugunsten der Kirche“.[6] Ob die Motivation dazu persönlicher Natur war oder dem Zeitgeist entsprach, lässt sich nicht nachweisen. Die zahllosen Emendationsvorschläge des Rechts- und Wirtschaftshistorikers Enrico Besta[7] seien jedenfalls nicht zielführend gewesen.[8]

Paläografische Untersuchungen der Handschrift haben Ende der 2000er-Jahre durch eine Faksimileausgabe eine Aufwertung erfahren.[9] Wolfgang Kaiser fasst die gewonnenen Erkenntnisse Ciarallis und Longos zusammen,[10] die jeweils von zwei Schreibern der Handschrift ausgehen, wobei der zweite Schreiber auf den letzten zwei Seiten überhaupt erst in Erscheinung trete. Der erste der beiden Schreiber sei der Schriftarten Carolina und Beneventana mächtig gewesen. Der zweite Schreiber sei dem griechischen Schriftsystem gefolgt. Longo favorisiert Rom,[11] Ciaralli Kampanien[12] als Entstehungsort der Handschrift.

In Rom blieb die Summe bis ins 11. Jahrhundert präsent, denn in Gerichtsurteilen Ottos III. und Heinrichs II. sind einzelne Stellen der Summa Perusina erwähnt. Andere Stellen wurden einer Handschrift der Epitome Iuliani angehängt, wieder andere der kurzen lectio legum (einst lex legum). Nachdem sie über Jahrhunderte vergessen war, entdeckte Barthold Georg Niebuhr die Summa 1817 wieder.[13]

Ausgaben

  • Gustav Ernst Heimbach: Anekdota zur byzantinischen Gesetzgebung / Teil 2. Iustiniani codicis summam Perusinam anonymique scriptoris collectionem viginti quinque capitulorum item Ioannis Scholastici Patriarchae Constantinopolitani collectionem octoginta septem capitulorum, et Syntomon diairesin tōn nearōn tu Iustinianu, novellarumque constitutionum indicem Reginae, denique anonymique scriptoris De peculiis tractatum. 1969, Neudruck der Ausgabe Leipzig 1840. S. I–XXVII und 1–144. (Digitalisat)
  • Federico Patetta: Adnotationes Codicum Domini Justiniani (Summa Perusina) [= Bullettino dell'Istituto di diritto romano 12 (1899)] (Rom; 1900; repr. Florenz, 2008 zum Faksimile)
  • C. Radding und A. Ciaralli: Das Corpus Iuris Civilis im Mittelalter: Manuskripte und Überlieferung vom sechsten Jahrhundert bis zur juristischen Wiedergeburt (Leiden, 2007). S. 42 f. und 69 f.

Literatur

  • Antonio Ciaralli, Vittorio Longo: Due contributi a un riesame della Summa Perusina (Perugia, Bibl. Cap. ms 32), Scrittura e Civiltà 25 (2001). S. 1–62.
  • Wolfgang Kaiser: Adnotationes codicum domini Iustiniani (Summa Perusina). Riproduzione facsimilare del manoscritto, hrsgg. von der Accademia Romanistica Costantiniana und der Facoltà di Giurisprudenza di Perugia, nota introduttiva di Giuliano Crifò e Maria Campolunghi. Verbunden mit: Adnotationes codicum domini Justiniani (Summa Perusina); kritische Ausgabe von Federico Patetta: Riproduzione anastatica dell'edizione comparsa nel Bullettino dell'Istituto di Diritto Romano, anno XII, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte (Romanistische Abteilung), Band 127, Heft 1, 2010, S. 626–629.
  • Wolfgang Kaiser: Die Epitome Iuliani. (Frankfurt, 2004) S. 335–346.

Anmerkungen

  1. a b Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260–640 n. Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen, Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-06157-8. S. 276–282 (276 f.).
  2. Max Conrat (Cohn): Geschichte der Quellen und Literatur des römischen Rechts im frühen Mittelalter, Leipzig 1891. Digitalisat. Rezension von Ernst Landsberg. In: Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft. Band 34 = N.F. Band 15, 1892, S. 184.
  3. Federico Patetta: Adnotationes codicum Domini iustiniani (Summa Perusina), in: Bullettino dell’ Istituto di Diritto Romano „Vittorio Scialoja“, jetzt Mailand Band 12 (1900) S. XI f.
  4. Federico Patetta: Adnotationes codicum Domini iustiniani (Summa Perusina), in: Bullettino dell’ Istituto di Diritto Romano „Vittorio Scialoja“, jetzt Mailand Band 12 (1900) S. XXXV f.
  5. Federico Patetta: Adnotationes codicum Domini iustiniani (Summa Perusina), in: Bullettino dell’ Istituto di Diritto Romano „Vittorio Scialoja“, jetzt Mailand Band 12 (1900) S. XXVIII ff.
  6. Federico Patetta: Adnotationes codicum Domini iustiniani (Summa Perusina), in: Bullettino dell’ Istituto di Diritto Romano „Vittorio Scialoja“, jetzt Mailand Band 12 (1900) S. XXXI f.; Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260–640 n. Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen, Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-06157-8. S. 276–282 (277 f.).
  7. Enrico Besta, in: Atti del primo Congresso Internazionale di Studi Longobardi S. 85.
  8. Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260–640 n. Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen, Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-06157-8. S. 276–282 (279 f.).
  9. Gewürdigt bei Wolfgang Kaiser: Adnotationes codicum domini Iustiniani (Summa Perusina). In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte (Romanistische Abteilung), Band 127, Heft 1, 2010, S. 626–629.
  10. Antonio Ciaralli, Vittorio Longo: Due contributi a un riesame della Summa Perusina (Perugia, Bibl. Cap. ms 32), Scrittura e Civiltà 25 (2001). S. 9–17 und 18–20 (Ciaralli); S. 38–42 (Longo).
  11. Antonio Ciaralli, Vittorio Longo: Due contributi a un riesame della Summa Perusina (Perugia, Bibl. Cap. ms 32), Scrittura e Civiltà 25 (2001). S. 60.
  12. Antonio Ciaralli, Vittorio Longo: Due contributi a un riesame della Summa Perusina (Perugia, Bibl. Cap. ms 32), Scrittura e Civiltà 25 (2001). S. 27.
  13. Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260–640 n. Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen, Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-06157-8. S. 276–282 (282).