Stroop-Bericht

Der Stroop-Bericht ist ein offizieller Abschlussbericht, den der kommandierende SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop für den Reichsführer SS Heinrich Himmler erstellte und der die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto und dessen Liquidierung im Frühjahr 1943 dokumentiert. Er trägt den Titel Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!, wurde in vier Exemplaren erstellt und enthält unter anderem die Fernschreiben mit Tagesmeldungen Stroops sowie über 50 während der Kämpfe aufgenommene Fotografien. Neben dem Katzmann-Bericht ist er eine der wichtigsten Quellen, die die Vernichtung polnischer Juden während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Polen dokumentieren. Er diente als Beweismittel vor dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, wurde seit den 1950er Jahren in mehreren Editionen veröffentlicht und durch polnische Initiative 2017 in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen.[1]

Entstehung

Der Bericht wurde von Stroops Vorgesetztem, dem Höheren SS- und Polizeiführer Friedrich-Wilhelm Krüger in Krakau in Auftrag gegeben und war als „Erinnerungsalbum“ für Heinrich Himmler gedacht. Laut Stroop soll Krüger bei seinem Besuch in Warschau am 2. Juli 1943 die Anweisung gegeben haben, auch Fotos vom Einsatz anfertigen zu lassen. In seiner Tagesmeldung vom 13. Mai 1943 kündigte Stroop an, für die am 18. Mai einberufene Konferenz der SS- und Polizeiführer einen Gesamtbericht „mit Bildanhang“ vorzulegen. Die von verschiedenen Fotografen in der Dienststelle des SS- und Polizeiführers vorliegenden Aufnahmen wurden daraufhin durchgesehen und geeignete Motive ausgewählt. Der Bericht wurde grafisch aufwendig gestaltet und die Fotografien im Bildabschnitt in Sütterlinschrift handschriftlich kommentiert. Stroop ließ die für Himmler, Krüger und ihn selbst bestimmte Exemplare in schwarzes Leder binden. Der Bericht umfasst 126 maschinengeschriebene Seiten und ist dadurch wesentlich umfangreicher und aufwendiger gestaltet als vergleichbare Berichte. Ein weiteres nicht gebundenes Exemplar verwendete Stroop vermutlich als Arbeitsversion für seinen Rechenschaftsbericht. Dieses Exemplar in seiner Warschauer Dienststelle wurde später an mehreren Stellen verändert und ergänzt und verblieb bei seinem Stabschefs Max Jesuiter.[1]

Verbleib der verbliebenen Exemplare in der Nachkriegszeit

Die gebundenen Berichte von Krüger und Stroop wurden vermutlich gegen Kriegsende beseitigt, erhalten geblieben sind das Exemplar Himmlers und die Arbeitsversion von Jesuiter in Warschau. Beide wurden vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg unter der Dokumentnummer 1061-PS und als „Beweisstück 275“ gegen die angeklagten NS-Führer verwendet. Beide Exemplare waren auch 1947 im Prozess gegen Oswald Pohl Beweismittel.

Nach dem Krieg ging Himmlers Exemplar zunächst an das Seventh Army Intelligence Center (SAIC) und das Exemplar Jesuiters zur Military Intelligence Research Section (MIRS) in London. Am 10. Juni 1948 wurde das Himmler-Exemplar zusammen mit dem Katzmann-Bericht an Bernard Acht, Leiter der polnischen Militärmission in Nürnberg, übergeben und beim Prozess gegen Stroop im Juli 1951 verwendet. Heute wird es im Warschauer Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej (IPN)) aufbewahrt. Die Arbeitsversion Jesuiters wurde dem Nationalarchiv der Vereinigten Staaten (NARA) in Washington D.C. übergeben.[2]

Die im Bundesarchiv Koblenz vorhandene Kopie des Berichts hatte sich kurz nach dem Krieg in den Händen des Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force (Oberstes Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte SHAEF) befunden und wurde dem Bundesarchiv 2005 aus der „German Collection“ des British Foreign Office Research Department übergeben.

Inhalt

Der Bericht ist ein Dokument mit 124 Seiten in Maschineschrift, gebunden in schwarzem Kieselleder, mit 53 Fotografien und folgenden Abschnitten:

  • Deckblatt
  • Liste von acht zwischen dem 20. April und 30. Mai 1943 getöteten SS-Mitglieder und Polizisten
  • Liste der zwischen dem 19. April und 15. Mai 1943 verwundeten SS-Mitglieder und Polizisten
  • Statistik der Einsatzkräfte (Waffen-SS, Ordnungspolizei, Sicherheitspolizei, Wehrmacht und Fremdvölkische Wachmannschaften) mit Beschreibung des Einsatzes
  • „Tägliche Meldungen“: Sammlung von 31 Tagesmeldungen, den der Stabschef Max Jesuiter an den SS-Polizeiführer Ost Wilhelm Krüger sendete. Die Meldungen decken den Zeitraum vom 20. April bis zum 16. Mai 1943 sowie einen Bericht vom 24. Mai 1943 ab, alle sind von Jesuiter unterzeichnet.
  • „Bildbericht“: Serie von 53 Fotografien mit handschriftlichen Bildunterschriften in deutscher Sütterlin-Schrift

Der NARA-Bericht enthält einen vierten Abschnitt mit Statistiken über Opfer, die Art der sichergestellten Waffen und die Menge an Geld und Wertsachen, die den jüdischen Bewohnern gestohlen wurden. Darin beziffert Stroop die Gesamtzahl der im Ghetto festgenommenen Menschen mit 56.056, von denen angeblich 7.000 vor Ort ermordet und 6.929 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden. Weitere 5. bis 6.000 seien bei den Bränden und Sprengungen umgekommen, zudem seien 631 Verstecke „vernichtet“ worden.[1]

Die Exemplare weisen leichte Abweichungen hinsichtlich der textlichen und grafischen Gestaltung auch in den darin enthaltenen Fotografien auf.

„Tägliche Meldungen“

In den Tagesmeldungen, welche im Sprachstil des Nationalsozialismus mit Euphemismen und Tarnbegriffen gehalten sind, wird neben den jüdischen Aufständischen wiederholt die Beteiligung der polnischen Widerstandsbewegung erwähnt, sowohl bei Angriffen auf die Polizeiabsperrung, die um das Ghetto herum stationiert ist, als auch bei den Kämpfen darin. Diese sowie die gesamte Ghettobevölkerung werden als „polnische Banditen“ bezeichnet. Am 27. April beschreibt Stroop beispielsweise die deutschen Kämpfe gegen eine große Gruppe jüdischer Aufständischer:

[Die 120-köpfige Gruppe war] stark mit Waffen, Gewehren und leichten Maschinengewehren bewaffnet war“, die Widerstand leistete. In der darauf folgenden Schlacht wurden „24 Banditen getötet und 52 verhaftet[] Die Kämpfe erstreckten sich bis zum nächsten Tag. „(...) wir haben 17 Polen verhaftet, zwischen ihnen zwei polnische Polizisten, die von der Existenz dieser Bande hätten wissen müssen. In der Operation bekamen wir 3 Gewehre, 12 Geschütze, teilweise von einem größeren Kaliber, 100 polnische Granaten, 27 deutsche Helme, eine recht große Anzahl von deutschen Uniformen und Mänteln, Maschinengewehrmunition, 300 Munitionsmagazine, etc. Der Kommandant des Angriffskommandos hatte eine schwierige Aufgabe zu erfüllen, weil viele Banditen deutsche Uniformen trugen. Trotzdem ging er energisch damit um. Unter den Banditen, die gefasst oder getötet wurden, gab es einige polnische Terroristen, die wir mit Sicherheit identifizierten. Heute haben wir erfolgreich einen der Gründer und Führer der jüdisch-polnischen Militärorganisation entdeckt und liquidiert“[3]

„Bildbericht“

Die „Bildberichte“ stimmen nur auf den ersten sechs Seiten vollständig überein, im Folgenden weichen sie hinsichtlich der Bildauswahl und Kommentierung voneinander ab. Bei Himmlers gebundener Version haben 38 der 53 Fotos Bildunterschriften, das in Stroops Dienststelle verbliebene Arbeitsversion eine mehr. Das IPN-Exemplar des Berichts enthält 53 Fotos auf 49 Seiten, während das NARA-Exemplar die gleiche Anzahl von Fotografien auf 52 Seiten aufweist. 37 Fotografien in beiden Exemplaren haben identische Motive, wenn auch nicht immer mit der gleichen Größe oder Reihenfolge und gelegentlich mit unterschiedlichen Bildunterschriften. 16 Aufnahmen sind nur jeweils einmal enthalten, wenn auch oft sehr ähnlich, da sie die gleichen Ereignisse darstellen. Insgesamt gibt es in beiden Versionen des Berichts 69 unterschiedliche Fotografien.

Stroop selbst wählte die ihm geeignet erscheinenden Fotos aus, bevorzugt Abbildungen, auf denen er selbst im Kreis seiner Männer, festgenommene Menschengruppen im Ghetto und Brände und Zerstörungen sichtbar waren..Die ausgewählten Fotos wurden dabei im Bericht nicht chronologische angeordnet.

Die Identität der Fotografen ist unbekannt. Der SS-Offizier Franz Konrad, Leiter der „Werterfassung“ im Ghetto, räumte während seines Prozesses ein, einige der Fotos aufgenommen zu haben. Franz Wild, Fotograf der Dienststelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD, nahm mit ziemlicher Sicherheit die meisten Stroop-Fotos auf. Bei seiner Vernehmung räumte er ein, „dass von dem Bildmaterial eine ganze Menge von mir stammt“. Zusätzlich zu den in den Berichten enthaltenen Fotografien gab es etwa 45 zusätzliche weitere, die nicht enthalten waren. Laut Yad Vashem wurden diese in Stroops Besitz gefunden, als er nach dem Krieg von den Amerikanern gefangen genommen wurde. Einige dieser Fotografien waren motivisch eng mit den im Bericht verwendeten Fotos verwandt, da sie die gleichen Ereignisse darstellten.

Die Aufnahmen sind eine einzigartige Dokumentation der letzten Phase der Liquidation des Warschauer Ghettos. Dem Fotografen wurde der Zugang zu Stroops innerem Kreis ermöglicht, um die Kräfte zu begleiten, die an der Liquidation des Ghettos beteiligt waren, und um sich den Kampfgebieten zu nähern. Abgesehen von einem Dutzend offener Fotos des polnischen Feuerwehrmanns Leszek Grzywaczewski sind dies die einzigen Fotografien des Ghettoaufstands, die im Ghetto aufgenommen wurden. Einige von ihnen wurden zu Ikonen wie etwa das Foto des Jungen aus dem Warschauer Ghetto, das zu den bekanntesten fotografischen Darstellungen des Holocausts zählt.

Ausgewählte Fotografien

Die angegebenen Original-Bildunterschriften wurden in Sütterlin handschriftlich verfasst, enthalten nur wenige Fakten über den Inhalt der Fotos, stimmen in einigen Fällen nicht mit den Bildern überein und zeigen die rassistische und zynische Denkweise der Verfasser. Viele der abgebildeten Orte, Personen und Ereignisse wurden erst nach der Veröffentlichung des Berichts identifiziert. Die Auswahl ist nicht vollständig.

Filmische Rezeption

Der Regisseur Roman Polański stellt in seinem Film Der Pianist (2002), einer Filmbiographie über den polnisch-jüdischen Pianisten und Holocaustüberlebenden Władysław Szpilman, der eine Zeitlang im Warschauer Ghetto lebte und den dortigen Aufstand im Versteck miterlebte, zahlreiche Aufnahmen aus dem Stroop-Bericht detailgenau nach.

Literatur

  • Jürgen Stroop: Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr : Stroop-Bericht / mit Vorwort aus den Jahren 1960 und 1976 von Andrzej Wirth. Luchterhand, Darmstadt, Neuwied 1976, ISBN 978-3-472-61171-4.
  • Dokument 1061-PS in IMT: Der Nürnberger Prozess. Band 26, Dokumentband 2.
    • Nachdruck: IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher..., fotomechanischer Nachdruck München 1989, Bd. 26 (Dokumente Bd. 2), München 1989, ISBN 3-7735-2521-4, S. 629–694
    • Dokument VEJ 9/243 In: Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 9: Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, München 2013, ISBN 978-3-486-71530-9, S. 648–656 (ohne Liste der verwundeten und toten Einsatzkräfte, ohne Fernschreiben und Fotos)
    • als Einzeldruck, Vorwort Andrzej Wirth: Hermann Luchterhand, 1960, 1976, ISBN 3-472-61171-5.* Christoph Hamann: Der Junge aus dem Warschauer Ghetto. Der Stroop-Bericht und die globalisierte Ikonografie des Holocaust. In: Gerhard Paul: Das Jahrhundert der Bilder. Bildatlas. Band 1. 1900 bis 1949. V&R, Göttingen 2009, S. 614–623.
  • Michael Sauer: Das Bild des kleinen Jungen aus dem Stroop-Bericht. Eine Foto-Ikone im Geschichtsschulbuch. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. Jahrgang 71, 2020, Heft 7/8, S. 373–384.
  • Martin Cüppers (Hrsg.): Ghetto Warschau: Aufstand und Vernichtung im Stroop-Bericht : Neuedition mit Zusatzdokumenten. Metropol, Berlin 2025, ISBN 978-3-86331-786-7.
Commons: Stroop Report – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Commons: Stroop Collection – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Stroop Bericht. In: Internet Archive. Abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  • PDF-Faksimile des Stroop-Berichts

Einzelnachweise

  1. a b c Aufstand im Warschauer Ghetto. In: Gedenk- und Bildungsstätte der Wannsee-Konferenz. Abgerufen am 20. November 2025.
  2. Zdjęcia z powstania w getcie. 18. April 2013, abgerufen am 20. November 2025 (polnisch).
  3. Jürgen Stroop: STROOP Bericht. 1945 (archive.org [abgerufen am 20. November 2025]).