Sternwarte Halle
Koordinaten: 51° 29′ 20″ N, 11° 57′ 33″ O
Die Sternwarte Halle wurde 1788 errichtet und befindet sich auf dem Gelände des Botanischen Gartens der Stadt Halle (Saale). Die Sternwarte gilt als das älteste erhaltene von der Universität Halle errichtete Bauwerk und neben dem Universitäts-Hauptgebäude (Löwengebäude) als wichtigstes Zeugnis klassizistischer Architektur in Halle. 1923 wurde das Observatorium aufgelöst.
Geschichte
Erst im späten 18. Jahrhundert war die Universität in der Lage, eigene Neubauten für wissenschaftliche Untersuchungen zu errichten. Der Kanzler der halleschen Universität Carl Christoph von Hoffmann bestimmte den seit 1698 zur Universität gehörenden Botanischen Garten als Standort für die Sternwarte, da Geld für geeignete Grundstückskäufe nicht zur Verfügung stand. Er wollte ihn nicht bloß als botanischen, sondern auch als „ökonomischen“ Garten betrachtet wissen. Das führte allerdings zu Spannungen zwischen den Instituten, da sie weder eine Raum- noch eine Rechtsbegrenzung zueinander hatten.
Eingerichtet wurde die Sternwarte vom Physiker und Professor für Mathematik Georg Simon Klügel, der 1788 von der Universität Helmstedt im Kurfürstentum Hannover an die Universität Halle berufen worden war. Klügel kannte die 1751 in Betrieb genommene Göttinger Universitätssternwarte, so dass er wesentlicher Ideengeber für den Neubau in Halle gewesen sein dürfte.[1] Durch Vermittlung des Freiherren Karl Abraham von Zedlitz gewann man Carl Gotthard Langhans, den späteren Schöpfer des Brandenburger Tores in Berlin, als Architekten. Zedlitz war preußischer Minister für akademische Angelegenheiten und Studienfreund von Hoffmann an der halleschen Universität.
Im Erdgeschoss des neuen Sternwartengebäudes befand sich das Vestibül für den angebauten Meridiansaal. Im ersten Obergeschoss war eine größere Bibliothek untergebracht. Im obersten Geschoss befand sich der Refraktorsaal.
Schon 1805 wurde die Sternwarte als „wenig genutzt“ beschrieben und lediglich als Zierde für den Botanischen Garten bezeichnet. 1826 erfolgte eine „wesentliche und zweckmäßige Umgestaltung“ des Innern.[1] Bis in das Wintersemester 1923/24 wurde der Bau als (Lehr-)Sternwarte genutzt.[2] Die Bibliothek mit schließlich 2200 Bänden wurde 1923 in die Universitäts- und Landesbibliothek Halle überführt, wo sie heute als Sondersammlung geführt wird.[3] Nach der Umnutzung für die Universitäts-Biologie fand in dem Gebäude ein wesentlicher Teil der Arbeiten zur Kartierung der ostdeutschen Flora statt.[2] Heute dient das Gebäude als Herbarium und Lager.[4]
Die Sternwarte steht als „Observatorium“ im Ensemble des Botanischen Gartens unter Denkmalschutz.[5] 2006 wurde der Bau zuletzt umfangreich instandgesetzt, wobei ein neuer Fassadenputz aufgetragen und der westliche Balkon komplett erneuert werden musste.[2][4]
Beschreibung und Vorbilder
Die Sternwarte steht im westlichen Teil auf dem höchsten Punkt[1] des Botanischen Gartens. Der knapp zehn Meter hohe, dreigeschossige Turm auf achteckigem Grundriss weist an der obersten Etage vier auskragende Balkone auf, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Der Funktionstypus einer Sternwarten mit Außenbalkonen zur Himmelsbeobachtung greift barocke Vorbilder auf, etwa die 1748 von Johann Paul Heumann entworfene und 1751 eingeweihte, achteckige Aufstockung der ersten Göttinger Sternwarte.
Für den dreigeschossigen Sternwartenturm in Halle wird als architektonisches Vorbild zudem der späthellenistische Turm der Winde in Athen angenommen, der ebenfalls einen achteckigen Grundriss aufweist. Das antike griechische Bauwerk wurde 1762 von James Stuart und Nicholas Revett im ersten Band der Antiquities of Athens veröffentlicht und in ganz Europa rezipiert.
Sonstiges
Neben der alten Sternwarte im Botanischen Garten besitzt die Stadt Halle noch weitere Observatorien und Planetarien. Auf der Peißnitzinsel bestand von 1978 bis 2018 das Raumflug-Planetarium „Sigmund Jähn“ mit Observatorium, dessen Nachfolgebau in einem Gasometer am Holzplatz 2. Quartal 2022 eröffnet werden soll. Noch älter ist die Astronomische Station Johannes Kepler in Halle-Kanena.[1]
Literatur
- Fritz Kümmel (Hrsg.): 300 Jahre Botanischer Garten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. fliegenkopf, Halle 1998, ISBN 3-930195-36-4.
- Holger Brülls, Thomas Dietsch: Architekturführer Halle an der Saale. Dietrich Reimer, Berlin 2000, ISBN 3-496-01202-1.
- Ralf-Torsten Speler, Stephan Lehmann: Die historische Sternwarte der Universität Halle und ihre Sammlung (1788–1923). In: Die akademischen Sammlungen und Museen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Hrsg. Stephan Lehmann. Halle (Saale) 2013, ISBN 978-3-86829-597-9, S. 86–87.
Weblinks
- Universitätssternwarte, auf halle-im-bild.de
- Die Universitätssternwarte im Botanischen Garten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, auf biologie.uni-halle.de
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Universitätssternwarte, auf halle-im-bild.de, abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ a b c Die Universitätssternwarte im Botanischen Garten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Renovierung der Universitätssternwarte). In: biologie.uni-halle.de. 2006, abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt. In: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian-Handbuch). Universitaets- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ a b Sternwarte*, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg · Universitätssammlungen in Deutschland. In: universitaetssammlungen.de. Abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Kleine Anfrage und Antwort Olaf Meister (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Staatskanzlei und Ministerium für Kultur 09.03.2020 Drucksache 7/5874 (KA 7/3515) Entwicklung des Denkmalbestandes in Sachsen-Anhalt (9. März 2020), auf landtag.sachsen-anhalt.de, abgerufen am 16. November 2025; hier PDF-Seite 296.