Stefan Dürr

Stefan Dürr (* 1964 in Eberbach) ist ein russischer Agrarunternehmer mit deutschen Wurzeln.[1] Als Besitzer und Geschäftsführer der deutschen Holding Ekosem-Agrar gehört er zu den größten Agrarunternehmern in Russland.[2]

Ekoniva, die russische Tochtergesellschaft der Ekosem-Agrar produziert Milch, Getreide, Saatgut und Fleisch und ist nach eigenen Angaben in 35 Regionen Russlands aktiv. Er hat mehr als 15.000 Mitarbeiter. Dürr ist Vorsitzender des russischen Verbandes der Milchproduzenten, Sojusmoloko.[3][4]

Leben

Geboren und aufgewachsen in Eberbach am Neckar, absolvierte Dürr eine landwirtschaftliche Berufsausbildung auf dem großväterlichen 14 Hektar großen Ackerbaubetrieb mit Gastwirtschaft. Danach studierte Dürr Geoökologie an der Universität Bayreuth und schloss mit einem Diplom ab. Im Rahmen eines deutsch-sowjetischen Praktikantenaustausches des Deutschen Bauernverbandes 1989 war er einer der beiden ersten Praktikanten nach dem Ende des Kalten Krieges.[5]

Stefan Dürr ist mit einer Russin verheiratet und Vater von vier Kindern.[6] Er lebt und arbeitet seit den 1990er Jahren ständig in Russland.[7]

Ekoniva und Ekosem

Mit den Erfahrungen aus dem Praktikum organisierte er im Auftrag der deutschen Botschaft in Moskau und bezahlt vom deutschen Landwirtschaftsministerium Reisen für deutsche Jungbauern nach Russland und für Vertreter der russischen Agrarverwaltung Ausflüge zu ostdeutschen Landwirtschaftsunternehmen. Sein Studium ruhte in dieser Zeit. Das großväterliche Hof war 1988 unter den Familienmitgliedern geteilt und Hof und Gastwirtschaft verkauft worden. 1998 stieg Dürr in den Handel mit Landmaschinen ein. 2003 erwarb er den ersten landwirtschaftlichen Betrieb in Russland und gründete infolge das Großagrarunternehmen "Ekoniva".

Mit Stand 1. September 2019 bewirtschaftete sein russisches Unternehmen Ekoniva mit 13.000 Angestellten 589.850 Hektar Land in der Oblast Woronesch im südwestlichen Russland, rund 500 bis 600 km südlich von Moskau. Der Viehbestand umfasste rund 170.000 Rinder, darunter rund 82.000 Milchkühe, die täglich 2133 Tonnen Milch produzieren.

Gleichzeitig baute Dürr Ekoniva zum Marktführer im Landmaschinenhandel in Rsusland aus.[8][6] Dürr beriet die Regierung der Russischen Föderation im Rahmen der Bodenreform[6] – Privatisierung landwirtschaftlicher Flächen – und plädierte dafür, eine ungeordnete Privatisierung mit Oligarchen wie in der Industrie zu verhindern. Auf vielen in Russland verkauften Milchprodukten ist Dürrs Porträt abgebildet.[1]

2019 erklärte Dürr gegenüber dem russischen Fachmagazin "Dairy Global", dass er mit seiner Firma den russischen Milchmarkt komplett beherrschen wolle. "Unsere größten Konkurrenten sind Danone und PepsiCo. Aber ich denke, wir werden sie auch noch schlagen", kündigte er an.[1]

Etwas mehr als ein Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine schaltete Putin Mitte 2023 einen der beiden führenden Konkurrenten Dürrs auf dem russischen Milchmarkt, den multinationalen Lebensmittelkonzern Danone (neben Pepsi Cola), per Präsidentendekret aus und verdrängte Danone aus Russland, sodass Dürr seinem bereits 2019 angekündigten Ziel einer absoluten Marktbeherrschung, durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine einen großen Schritt näher kam.[1]

Verhältnis zur russischen Regierung

Der ehemalige russischen Landwirtschaftsminister und dann Gouverneur der Oblast Woronesch, in dem Dürr seine Geschäfte macht, Alexej Gordejew schlug 2013 vor, Dürr die russische Staatsbürgerschaft zu verleihen.[7] Präsident Putin persönlich verlieh daraufhin Dürr diese.[9] Dürr trat zur russisch-orthodoxen Kirche über[6]. Dürr erhält staatlichen Subventionen für den Aufbau der russischen Landwirtschaft.[4]

Dürr hatte demrussischen Präsidenten Wladimir Putin in der Krise nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 geraten, Sanktionen gegen die EU zu erlassen. Die Schuld an der Krim-Krise sah Dürr beim Westen.[9]

Dürr wurde am 12. Oktober 2021 ins Kuratorium des Deutsch-Russischen Forums DRF gewählt.[10] Das DRF distanzierte sich aus Sicht vieler Beobachter nur halbherzig von russischem Regierungshandeln nach der Annextion der Krim und dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022. Das DRF wird teilweise als „Vorfeldorganisationen Russlands“ gesehen.[11]

Im März 2022 ging das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unter Landwirtshcfatsminister Cem Özdemir auf Distanz zu Ekosem-Agrar, dem das Ministerium bis dahin bis zu 800.000 Euro jährlich für die Kontaktpflege zu russischen Fachpolitikern gezahlt hatte. Das Projekt „Deutsch-Russischer Agrarpolitischer Dialog“ werde „bis auf weiteres“ ausgesetzt, erklärte das Ministerium.[9][12][13]

Anfang 2025 erhielt er den russischen Orden der Freundschaft. Der jetzige Gouverneur von Woronesch, Alexander Gussew erklärte: "Stefan Dürr ist sehr stolz auf diese Auszeichnung, während einige Investoren mit ausländischen Wurzeln, die von den Behörden unfreundlicher Staaten unter Druck gesetzt werden, vor den staatlichen Auszeichnungen Russlands zurückschrecken", teilte Gussew in seinem Nachrichtenkanal bei Telegram mit.[1][3]

Auszeichnungen

Dokumnetation

  • Ein Bauer für Putin – Stefan Dürr. 2017. Deutsche Welle
Commons: Stefan Dürr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Putin zeichnet deutschen Landwirt aus. In: T-Online. 16. Januar 2025, abgerufen am 16. Januar 2025.
  2. karriere.de: Agrarwirtschaft – Vom Student zum Unternehmer vom 14. März 2010, aufgerufen am 13. Mai 2017.
  3. a b Deutscher Milchproduzent Stefan Dürr erhält russischen Freundschaftsorden. In: Der Spiegel. 16. Januar 2025, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 15. Dezember 2025]).
  4. a b Dailymotion. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (deutsch).
  5. Der Spiegel: Unternehmer – Ackern bis zum Horizont vom 9. Januar 2012, aufgerufen am 13. Mai 2017.
  6. a b c d Christina Hebel: Russland: Wladimir Putins deutscher Melkmeister Stefan Dürr kämpft um sein Lebenswerk (S+). In: Der Spiegel. Abgerufen am 12. September 2021.
  7. a b EkoNiva gehört laut Forbes zu den größten privaten Unternehmen in Russland. www.ekosem-agrar.de, 4. Oktober 2021, abgerufen am 16. Januar 2025.
  8. welt.de: Deutscher Putin-Versteher ist Russlands Milchbaron vom 5. Mai 2015, aufgerufen am 13. Mai 2017.
  9. a b c Jost Maurin: Agrar-Dialog mit Russland ausgesetzt: Ministerium stoppt Putin-Freund. In: Die Tageszeitung: taz. 9. März 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 15. Dezember 2025]).
  10. Neues Kuratorium gewählt. In: deutsch-russisches-forum.de. Abgerufen am 5. Mai 2022.
  11. Belén Ríos Falcón: Die Gazprom-Lobby. In: correctiv.org. 20. September 2022, abgerufen am 15. Dezember 2025 (deutsch).
  12. Martina Hungerkamp: Ekosem-Agrar: Bundesagrarministerium distanziert sich von Stefan Dürr. In: agrarheute.de. 11. März 2022, abgerufen am 7. Mai 2022.
  13. Daniel Bräuer: Ekosem verliert den Auftrag für Moskau-Dialog. In: Rhein-Neckar-Zeitung (rnz.de). 14. März 2022, abgerufen am 7. Mai 2022.
  14. Ekosem-Agrar GmbH: Deutscher Agrarpionier in Russland wird mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Abgerufen am 15. Januar 2025.
  15. Dr. Friedrich Joseph Haass-Preis für Stefan Dürr (russland.capital)