Stadtkirche (Bad Cannstatt)

Die evangelische Stadtkirche St. Cosmas und Damian steht in Bad Cannstatt, einem Stadtbezirk der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Geschichte

Die Cannstatter Stadtkirche ist die einzige der vier großen gotischen Kirchen in Stuttgart, welche die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges fast unbeschädigt überstand und in ihrer Bausubstanz erhalten blieb. Sie hat für Bad Cannstatt besondere geschichtliche Bedeutung, weil ihr Standort schon seit der Zeit Karls des Großen eine Kirche trug. Die heutige spätgotische Hallenkirche wurde in den 1460/70er Jahren nach einem Entwurf von Aberlin Jörg anstelle eines Vorgängerbaus aus dem 13. Jahrhundert errichtet (die Jahreszahl 1471 ist über dem mittleren Chorfenster angebracht und darüber das Sternwappen des Erbauers) und 1612–13 nach Plänen von Heinrich Schickhardt umgebaut.[1][2]

Architektur

Die Stadtkirche besteht aus einem gewölbten, dreischiffigen Langhaus, einem eingezogenen, dreiseitig geschlossenen Chor im Osten und einem Chorflankenturm an der Nordwand des Chors. Der Turm enthält in zwei nachträglich aufgestockten Geschossen den Glockenstuhl mit fünf Kirchenglocken und die Turmuhr. Heinrich Schickhardt und sein Werkmeister Melchior Gockheler aus Schorndorf erbauten diese Renaissance-Turmerhöhung des ursprünglich niederen romanischen Turms in den Jahren 1612 bis 1613. Neben seiner Schönheit ist der Turm auch eine technische Meisterleistung. Der Steinturm hat im Innern einen zweiten Turm aus schweren Hölzern, der die Schwingungen der Glocken auf die Fundamente hinableitet und so den äußeren Turm entlastet.[3][4] Der Bau eines entsprechenden Turms an der Südwand wurde nicht verwirklicht.

1791 mussten die Langhaus- und Seitenschiffgewölbe wegen Einsturzgefahr heruntergeschlagen und durch eine dreiteilige Flachdecke ersetzt werden. Das Gewölbe-Steinmaterial wurde zur Fußbodenerhöhung gegen das häufige Neckarhochwasser verwendet. Im Chorscheitel erfolgte der Einbau einer Dreiseiten-Chorempore mit Treppenanlage sowie im Langhaus der Einbau einer pfeilerbündigen Nord- und West-/Orgel-/Chorempore. Die Kanzel wurde östlich am vordersten Südarkadenbogen aufgestellt, gegenüber der heutigen Turmeck-Position.[5] Oberbaurat Christian Friedrich von Leins leitete 1859 die Kirchenrenovierung einschließlich des rekonstruierenden Einbaus von Holzrippen-Scheingewölben im dreiteiligen Langhaus und einer Fensterrosette in der Westfassade. Oberbaurat Heinrich Dolmetsch war 1905 beauftragt mit einer neuerlichen Renovierung, dem Emporenumbau im Langhaus und dem Entfernen der Empore im Chor. Die Kanzel kam jetzt an die Südwest-Turmecke. - Im Zweiten Weltkrieg blieb die Stadtkirche weitgehend unzerstört, mit Ausnahme der Chorfenster. Architekt Paul Heim jun.[6] renovierte 1960–1963 die Kirche und entfernte die neugotischen Emporen und Kanzel, ließ eine neue Kanzel setzen und die Längsemporen verkürzen und zurücksetzen; die Architekten G. und M. Aichele aus Stuttgart renovierten 1995 erneut, Firma KREUZ + KREUZ/Stuttgart war dabei für Lichtplanung und Leuchtenentwurf zuständig.

Ausstattung

Gegenüber der heutigen Kanzelposition, auf der Südseite des Hauptschiffs, befindet sich ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs von Bildhauer Ernst Yelin mit einem Gedenkbuch in vergittertem Gelass. Das Bronzeportal an der Westfront wurde 1962 von Ulrich Henn gestaltet.[7] Wolf-Dieter Kohler schuf zunächst 1959 die Farbverglasung der Westrosette in der Aussparung des Orgelprospektes. Sie zeigt in 16 Kreissegmenten Engel mit verschiedenen Musikinstrumenten. 1963 folgte seine neue Verglasung der drei zentralen Chorfenster mit der Gesamtschau der Verheißungen des Alten Testamentes und ihrer Erfüllung durch Jesus Christus.

Die Orgel wurde 1963 als Opus 4274 von E. F. Walcker & Cie. errichtet und 1999 von Klaus Kopetzki erweitert. Seitdem verfügt sie über 45 Register auf drei Manualen und Pedal.[8]

Personen

Organist und Kantor an der Stadtkirche ist Jörg-Hannes Hahn.[9] Dekan Eckart Schultz-Berg und der geschäftsführende Pfarrer Alexander Stölzle sind die beiden Geistlichen der Stadtkirche (Stand: 2025).[10]

Literatur

  • Erwin Rall: Die Kirchenbauten der Schwaben und Südfranken im 16. und 17. Jahrhundert; maschinenschriftliche Dissertation Technische Hochschule Stuttgart 1922
  • Evangelische Stadtkirche Bad Cannstatt; hg. Ev. Pfarramt der Stadtkirche (III), Stuttgart-Bad Cannstatt o. J. [1989]
  • Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 24.
  • Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters; Stuttgart 2008
  • Bernhard Neidiger: Prädikaturstiftungen in Süddeutschland (1369-1530). Laien - Weltklerus - Bettelorden; Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Band 106. Hrsg. von Roland Müller; Hohenheim-Verlag Stuttgart/Leipzig 2011 (ab 3/2017: Verlag Regionalkultur)
Commons: Stadtkirche – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Julius Baum: Die Kirchen des Baumeisters Heinrich Schickhardt; Dissertation Tübingen 1905, S. 69 f
  2. Sönke Lorenz, Wilfried Setzler (Hg.): Heinrich Schickhardt – Baumeister der Renaissance. Leben und Werk des Architekten, Ingenieurs und Städteplaners; Katalog zur Ausstellung „Ein schwäbischer Leonardo? Heinrich Schickhardt (1558-1635). Baumeister, Ingenieur, Kartograph“ des Stadtarchivs Herrenberg und des Stadtarchivs Stuttgart; Leinfelden-Echterdingen 1999, S. 304
  3. Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Neckarkreis – Inventar; Stuttgart 1889, S. 139 ff, 143 f, 146
  4. Ingrid Helber: Ein „Campanile“ in Bad Cannstatt. Heinrich Schickhardt war ein fleißiger Kirchenbauer; in: Ev. Gemeindeblatt für Württemberg, Nr. 40/2001, Seite 8 f
  5. Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche – Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Ubstadt 2025, S. 237, 268 – ISBN 978-3-95505-592-9
  6. siehe [1]
  7. Evangelische Kirchen und christliche Kunst in Württemberg 1957-1966 – Ein Querschnitt; Hg. Verein für christliche Kunst in der ev. Kirche Württembergs – Adolf Gommel; Stuttgart 1966, Abb. 14 f, 70
  8. Information zur Orgel auf Organ index, abgerufen am 2. April 2024.
  9. Kantorat. Abgerufen am 4. Juni 2025.
  10. Pfarrämter. Abgerufen am 4. Juni 2025.

Koordinaten: 48° 48′ 19,6″ N, 9° 12′ 51,1″ O