Staatsbesuch von Haile Selassie in Deutschland 1954

Der äthiopische Kaiser Haile Selassie besuchte die Bundesrepublik Deutschland vom 8. bis 11. November 1954[1], wobei er im Anschluss an den offiziellen Besuch noch weitere Orte in Deutschland bereiste. Sein Besuch war der erste Staatsbesuch eines ausländischen Regierungschefs in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Hintergrund

Die deutsch-äthiopischen Beziehungen hatten zum Zeitpunkt des Staatsbesuches bereits eine lange Geschichte. So gab es nach dem Freundschaftsvertrag vom 7. März 1905 zwischen den Kaisern Wilhelm II. und Menelik II. einen regen kulturellen und wissenschaftlichen Austausch.[2]

Nachdem die freundlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern während des Zweiten Weltkriegs abbrachen, nicht zuletzt, weil Äthiopien im Jahr 1935 im Abessinienkrieg von Benito Mussolini überfallen wurde und Selassie aus dem Land fliehen musste, stellte der Staatsbesuch 1954 eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Äthiopien dar.

Obwohl der Besuch für die junge Bundesrepublik ein Novum war, war sie für den Kaiser Selassie nur eine Station auf einer größeren Auslandsreise. So besuchte er in diesem Jahr ebenfalls Kanada, die Schweiz, England, Frankreich, Jugoslawien, die Niederlande, Schweden und Dänemark.[3]

Selassie hatte vor, Äthiopien zu modernisieren und zum fortschrittlichsten Land Afrikas zu machen. Er wollte dabei auf ausländische Kredite verzichten und erhoffte sich stattdessen durch die Reisen zu westlichen Partnern eine Vertiefung des wirtschaftlichen Austauschs sowie auch einen Austausch von Wissen und Fachkräften. Selassie hatte dabei gute Aussichten, da Äthiopien über eine Vielzahl von wichtigen Exportgütern verfügt, unter anderem Kaffee, Elfenbein, Gold, Platin und Uran.[4]

Stationen

Der Staatsbesuch führte in einem engen Programm durch verschiedene Städte in Deutschland.

8. November

Der Besuch begann mit einem Empfang Selassies am Bonner Bahnhof per Staatsakt, bei dem die gesamte Politelite der Republik vertreten war. So wurde Selassie unter anderem von Bundespräsident Theodor Heuss, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Bundestagspräsident Carlo Schmid, Bundesratspräsident Peter Altmeier und Vizekanzler Franz Blücher begrüßt.[5]

9. November

Nach einem Frühstück im Palais Schaumburg[6] begab sich die äthiopische Delegation zur Bonner Universität.[7] Hier wurde ihm von der Landwirtschaftlichen Fakultät ein Ehrendoktortitel verliehen.[8]

Im Laufe des Tages gab Selassie ebenfalls in Bonn auf dem Petersberg bei einem festlichen Empfang eine Pressekonferenz.[9]

Am Abend folgte eine Festvorstellung von Figaros Hochzeit im Godesberger Stadttheater, bei der die Staatsgäste in der Ehrenloge Platz nahmen. Dem Negus negest wurden außerdem bei einem anschließenden Staatsempfang in der Redoute namentlich die Gäste vorgestellt, unter anderem einige deutsche Großindustrielle, zu denen er Verbindungen knüpfen wollte.[10]

10. November

An diesem Tag befand sich Selassie in Köln. Er besuchte den Kölner Dom[11] und die ALWEG-Teststrecke in Köln-Fühlingen,[12] eine damals moderne, stehende Einschienenschnellbahn.

11. November

Selassie besuchte das Hüttenwerk Rheinhausen, trug sich dort in das Gästebuch ein und erhielt eine Führung durch das Werk inklusive Hochöfen.[13] Im Anschluss wurde ihm die Pensionärssiedlung Altenhof gezeigt, ein Sozialprojekt der Firma Krupp, in dem ehemalige Arbeiter mietfrei leben durften.[14]

Danach lud Alfried Krupp von Bohlen und Halbach den Kaiser zu einem Empfang in der Villa Hügel in Essen.[15]

Im Schloss Benrath bei Düsseldorf luden der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Karl Arnold und dessen Frau zu einem Abendessen. Auf dem Menü standen: Austern-Cocktail, Doppelte Kraftbrühe, Ostender Steinbuttschnitte, Kalbsmedaillon, Frische Ananas-Eiscreme, Käseleckereien, sowie verschiedene Weine aus der Rheinregion.[16]

12. November

Am 12. November besuchte der Kaiser Warendorf. Dort beobachtete er in einem Pferdegestüt eine Hengstparade sowie einen Dressurakt von Dressurreiter Reiner Klimke. Im Anschluss besichtigte die äthiopische Delegation moderne Landmaschinen und Agrartechnik in der DEULA Warendorf.[17]

Gegen Mittag brach Selassie auf in Richtung Hamburg, wo er am Abend im Bahnhof Hamburg Dammtor von Vertretern der Stadt begrüßt wurde, unter anderem vom Präsidenten der Hamburger Bürgerschaft Adolph Schönfelder und dem Erstem Bürgermeister der Hansestadt Kurt Sieveking.[18]

13. November

Am Morgen trug sich Selassie in das Goldene Buch der Hansestadt im Rathaus Hamburg ein und besuchte im Anschluss den Hamburger Hafen, wo er unter anderem Schiffshebekräne besichtigte.[19]

Selassie besuchte auch auf eigenen Wunsch das Bethesda-Krankenhaus in Hamburg-Bergedorf, das nur ein Jahr vorher eröffnet worden war, da er ein ähnlich modernes Krankenhaus in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba bauen lassen wollte.[20] Dort wurde er vom Chefarzt Dr. Ode, Oberin Frau Lohse und dem Architekten des Gebäudes Hans-Helmut Sieglitz durch die Räumlichkeiten geführt. Er sagte im Anschluss, er wäre am liebsten vier Stunden dort geblieben.[21]

Gastgeschenke

Das Gastgeschenk Selassies war eine Tischdekoration in Form einer Triumphsäule aus Elfenbein, Gold und Silber. Auf der Säule sitzt ein Löwe aus Gold. Die Tischzier befindet sich heute im Besitz des Deutschen Historischen Museums.[22] Außerdem übergab er, wie auch auf den anderen Stationen seiner Reise, den Vertretern der Bundesrepublik in Bonn zwei in Gold und Silber eingefasste Elefantenzähne, Speere und einen Schild.[23]

Bundestagspräsident Carlo Schmid verlieh er den Orden Meneliks des Zweiten.[24]

Es sind auch noch eine Reihe von nichtoffiziellen Gastgeschenken der Deutschlandreise bekannt. So leistete Haile Selassie dem Bund deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegshinterbliebener eine Spende in Höhe von 20.000 Mark. Mithilfe dieser Spende wurde im folgenden Jahr ein Heim für Kriegswaisen des Zweiten Weltkriegs im Höhenluftkurort Friedenweiler im Hochschwarzwald eröffnet.[25]

Einem zeitgenössischen Medienbericht zufolge sah Selassie aus seinem Hotelzimmer im Breidenbacher Hof in Düsseldorf heraus eine Dame, die einem blinden Straßenhund Zuckerstücke gab. Er soll sie daraufhin auf sein Hotelzimmer rufen lassen haben und übergab ihr ein Geldgeschenk und eine äthiopische Münze.[26]

Auch auf anderen Stationen seiner Deutschlandreise soll er immer wieder Passanten mit Goldmünzen beschenkt haben.[27][28]

Einzelnachweise

  1. Hoheit lassen bitten. In: Spiegel. 16. November 1954, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  2. Deutsch-Äthiopischer Freundschafts- und Handelsvertrag. 7. März 1905, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  3. Michael van Orsouw: Der schwarze Kaiser inmitten von Weissen. In: zeitlupe. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  4. Michael van Orsouw: Der schwarze Kaiser inmitten von Weissen. In: zeitlupe. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  5. Hoheit lassen bitten. In: Spiegel. 16. November 1954, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  6. Hoheit lassen bitten. In: Spiegel. 16. November 1954, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  7. Äthiopischer Kaiser Haile Selassi I. in Bonn. Bundesarchiv, B 145 Bild-F186044-0009.
  8. Großer Staatsempfang für Kaiser von Äthiopien. In: General-Anzeiger. 17. November 2014, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  9. Ludger Schadomsky: Kaiser Haile Selassie zu Besuch in Bonn. Deutsche Welle, 10. November 2014, abgerufen am 2. Dezember 2015.
  10. Hoheit lassen bitten. In: Spiegel. 16. November 1954, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  11. Äthiopischer Kaiser Haile Selassi I. in Köln. Bundesarchiv, B 145 Bild-F014511-0008.
  12. Kaiser Haile Selassie besucht die ALWEG-Bahn 1954. In: Walter Dick Archiv Köln. Werkladen, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  13. Der Negus in Deutschland. Blick in die Welt. In: Route Industriekultur. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  14. Tilman Allert: Reihe des Historischen Archivs Krupp „Essay und Archiv“ geht in die vierte Runde. Tilman Allert blickt auf das Krupp’sche protokollarische Zeremoniell und schreibt über den Besuch von Kaiser Haile Selassie im Jahr 1954. In: Krupp Stiftung. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  15. Tilman Allert: Reihe des Historischen Archivs Krupp „Essay und Archiv“ geht in die vierte Runde. Tilman Allert blickt auf das Krupp’sche protokollarische Zeremoniell und schreibt über den Besuch von Kaiser Haile Selassie im Jahr 1954. In: Krupp Stiftung. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  16. [Menu - Diplomatic]; Haile Selassie, Emperor of Ethiopia. In: Rabelais. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  17. Markus Bussmann: 70 Jahre kaiserlicher Besuch. In: Stadt Warendorf. 12. November 2024, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  18. Der Kaiser von Äthiopien Haile Selassie auf Staatsbesuch in Hamburg. In: NDR Retro. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  19. Der Kaiser von Äthiopien Haile Selassie auf Staatsbesuch in Hamburg. In: NDR Retro. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  20. Ulf-Peter Busse: Als Bergedorfs Kliniken sogar einen Kaiser begeisterten. In: Bergedorfer Zeitung. 17. November 2012, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  21. Peter von Essen: Ein Kaiser besucht Bergedorf. In: Bergedorfer Zeitung. 21. August 2010, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  22. Von Tieren und Wandtellern. Was Staatsbesuche mit Bob Marley und dem Saarland zu tun haben. Deutsches Historisches Museum - Blog, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  23. Großer Staatsempfang für Kaiser von Äthiopien. In: General-Anzeiger. 17. November 2014, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  24. Hoheit lassen bitten. In: Spiegel. 16. November 1954, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  25. Dr. Aychegrew Hadera Hailu: A History of Ethio-West German Relations: 1954-1974. Universität Erfurt, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  26. Der Kaiser von Äthiopien Haile Selassie auf Staatsbesuch in Hamburg. In: NDR Retro. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
  27. Von Tieren und Wandtellern. Was Staatsbesuche mit Bob Marley und dem Saarland zu tun haben. Deutsches Historisches Museum - Blog, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  28. Ludger Schadomsky: Kaiser Haile Selassie zu Besuch in Bonn. Deutsche Welle, 10. November 2014, abgerufen am 2. Dezember 2015.