St. Sebastian (Berlin)
St. Sebastian (auch kurz Sebastiankirche genannt) am Gartenplatz in Berlin-Gesundbrunnen ist eine römisch-katholische Kirche in Berlin. Sie wurde 1890–1893 im neogotischen Stil erbaut und bot ursprünglich 1000 Sitz- und 3000 Stehplätze. In ihrem heutigen Zustand hat sie etwa 600 Sitzplätze und wird gemeinsam von der Gemeinde St. Sebastian und der kroatischsprachigen Gemeinde Berlins genutzt. Der Sakralbau steht unter Denkmalschutz.[1] Zum 1. Januar 2019 wurde die Pfarrei als pastoraler Raum im Erzbistum Berlin mit den fünf vormaligen Pfarreien St. Aloysius, St. Joseph, St. Paulus, St. Petrus und St. Laurentius mit der Filialkirche St. Ansgar zur neuerrichteten Pfarrei St. Elisabeth zusammengeführt. Damit ist St. Elisabeth die erste Pfarrei neuen Typs im Erzbistum Berlin, die den Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ durchlaufen hat.
Geschichte
Seit 1773 stand den in Berlin lebenden Katholiken die Sankt-Hedwigs-Kathedrale zur Verfügung. Ihre Zahl wuchs während der Industrialisierung des Berliner Raums im 19. Jahrhundert durch Zuwanderer aus den Ostprovinzen Preußens so stark an, dass am 1. Januar 1861 die Gemeinde St. Sebastian gegründet werden konnte. Sie ging zurück auf die seit Ende des 18. Jahrhunderts bestehende katholische Gemeinde des Invalidenhauses und war nach der zeitgleichen Eingemeindung Weddings und Gesundbrunnens die zweite katholische Gemeinde Berlins. Die Gottesdienste wurden weiterhin in der von Friedrich II. 1748 gestifteten St.-Sebastians-Kapelle des Invalidenhauses gehalten, da für den Bau einer eigenen Kirche erst noch die nötigen Mittel beschafft werden mussten.[2] Der Bau eines eigenen Gotteshauses wurde für die Gemeinde dringend, nachdem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auch katholische Arbeiterfamilien aus der Rheinprovinz zugezogen waren.[3]
Das Gelände des späteren Gartenplatzes diente noch bis 1837 als Hinrichtungsstätte (Galgenplatz), die letzte öffentliche Hinrichtung war die von Charlotte Sophie Henriette Meyer am 2. März 1837 (durch Rädern). Noch im selben Jahr wurde ihr Fall in einem Gedichtband veröffentlicht, und einer Berliner Legende nach spukt sie seither als Geist rund um die Sebastianskirche.[4] Mit dem Bau der neogotischen Kirche nach dem Vorbild der Elisabethkirche in Marburg wurde 1890 begonnen, der Entwurf stammte von dem Berliner Architekten Max Hasak. Die Konsekration erfolgte am 26. Juni 1893 durch Fürstbischof Georg von Kopp.
Der Kirchenmusiker Carl Thiel wirkte von der Anfangszeit der Gemeinde bis 1910 als Organist und Chorleiter.
Durch die stetige Zunahme der Bevölkerung am Industriestandort Gesundbrunnen hatte die Gemeinde nach der Wende zum 20. Jahrhundert 50.000 Mitglieder, sodass schon in den ersten Jahren mehrere Tochtergemeinden ausgepfarrt wurden.
Am 16. November 1943 wurde der wenige Tage zuvor auf dem Transport ins Konzentrationslager verstorbene Dompropst Bernhard Lichtenberg von St. Sebastian aus zu Grabe getragen. 185 Geistliche und Tausende Gläubige begleiteten den Trauerzug zum Alten Domfriedhof von St. Hedwig an der Liesenstraße.
Ein Luftangriff der Alliierten auf Berlin zerstörte am 22. November 1943 die Kirche durch Brandbomben. Die Feuerwehren des benachbarten Stettiner Bahnhofs und der AEG wurden von den Behörden am Löschen gehindert, sodass die Kirche in drei Tagen ausbrannte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden die Gottesdienste zunächst im Freien statt, erst 1946 wurde mit dem Wiederaufbau des Kirchengebäudes begonnen, der 1950 vollendet war.[3] Bis 1963 war die Sebastiankirche Ersatz für die in Ost-Berlin noch nicht wieder aufgebaute Hedwigskathedrale. So wurden die Berliner Bischöfe Wilhelm Weskamm (1951) und Julius Döpfner (1957) in der Sebastiankirche inthronisiert, Konrad Kardinal von Preysing (1950) und Wilhelm Weskamm (1956) von ihr aus zu Grabe getragen. Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 zerschnitt die Gemeinde und drängte die Kirche in eine geografische Randlage. Der Abriss der Mietskasernen und Neubau moderner Hochhäuser im Viertel führte in den 1970er Jahren zu vielen Weg- aber auch Zuzügen.
Nach dem Mauerfall fand 1990–1993 anlässlich des hundertjährigen Kirchenjubiläums eine Renovierung statt.
Architektur
Äußeres
Das Gotteshaus ist eine südwestlich ausgerichtete Saalkirche mit einem kreuzförmigen Grundriss[3], ihre Fassade wurde mit Sandstein verkleidet. Das Hauptschiff ist 21–23 Meter hoch, in den beiden Seitenschiffen befinden sich je drei Seitenkapellen. Das Sternkreuzgewölbe hat eine Spannweite von 16,5 Meter.
Der 87 Meter hohe quadratische Kirchturm ist mit einem gemauerten Spitzhelm abgeschlossen. Am Turm fällt die Darstellung eines Krebses auf, mit dem an die stattliche Spende eines Gemeindemitglieds mit dem Namen Krebs zum Bau des Kirchengebäudes erinnert wurde. Der bereitgestellte Betrag reichte für den Bau des Dachs und ein Stück des Turms.[5]
Als Fassadenschmuck dient eine Rosette am Querhausgiebel und über dem Hauptportal ein Relief des heiligen Sebastian aus der Werkstatt des Bildhauers Nikolaus Geiger.[6]
Den Hauptzugang in das Kircheninnere bildet ein repräsentatives Gewändeportal. Im Tympanon finden sich Darstellungen von Christus und von betenden Engeln, ebenfalls von Geiger gefertigt.[3]
Inneres
Ein Rippengewölbe aus Backstein stützt und gliedert das Kircheninnere. Nach innen gezogene Strebebögen trennen drei Langhauskapellen ab, über denen schlichte Lanzettfenster Licht in die Kirche fallen lassen.[3]
Beiderseits des Chors befinden sich symmetrische Anbauten, die Sakristei und ein Nebenraum.[3]
Die farbigen Verglasungen der Chorfenster fertigte die Glasmalereiwerkstatt Oidtmann & Co. in Linnich. Der Holzbildhauer Gustav Kuntzsch (Wernigerode) schuf die Altäre und das Prospekt für die von den Gebrüdern Dinse in Berlin gebaute Orgel.[7][8][9]
Ausstattung
Bemerkenswert sind die drei Schnitzfiguren am rechten Seitenaltar. Sie sind im spätgotischen Stil ausgeführt, bilden die ältesten Ausstattungsstücke und werden einer westfälischen Schnitzschule zugeordnet.[3] Als Pendant ist der Sebastiansaltar am linken Seitenaltar anzusehen, er entstand in den 1930er Jahren als Nachschöpfung eines früheren Altars.[3]
1929 wurde der Hochaltar errichtet und die Kirche ausgemalt. Im Zusammenhang mit der Liturgiereform wurde das Kircheninnere 1973/1974 nach Plänen von Hubert Vogel vereinfacht: In die Vierung kam eine Altarinsel, an die Stelle des Hochaltars trat der Tabernakel. Tabernakel, Ambo und Gestühl sind Werke des Kunstschmieds Bergmeister aus Ebersberg. Eine erste Renovierung wurde vorgenommen.[3]
In der Taufkapelle werden vier Evangelisten-Medaillons aufbewahrt, die um das Jahr 1900 von Nikolaus Geiger für die Kanzel angefertigt worden waren.[3]
Literatur
- Franz Gottwald (Hrsg.): Heimatbuch vom Wedding. Kribe-Verlag, Berlin 1924, S. 198 f.
- Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Sakralbauten. (= Berlin und seine Bauten, Band VI.) Ernst & Sohn, Berlin 1997, ISBN 3-433-01016-1, S. 122 f., S. 371, Abb. 290–292.
- Nikolaus Thoemes: Festschrift zur Einweihung der St. Sebastianskirche zu Berlin am 26. Juni 1893. Berlin 1893. (urn:nbn:de:kobv:109-1-15436436)
Weblinks
- 360°-Panorama der Kirche
- Pfarrgemeinde St. Sebastian. ( vom 11. Februar 2013 im Webarchiv archive.today) erzbistumberlin.de
- Kroatische Mission in St. Sebastian. ( vom 11. Februar 2013 im Webarchiv archive.today) erzbistumberlin.de
- Internetauftritt der kath. Kirchengemeinde St. Sebastian Berlin; abgerufen am 8. März 2018.
Einzelnachweise
- ↑ Baudenkmal Sebastiankirche am Gartenplatz
- ↑ Laurenz Demps: Das Königliche Invalidenhaus zu Berlin. Geschichte und Entwicklung seines Geländes. Sandstein, Dresden 2010, ISBN 978-3-940319-43-2, S. 155. (zu den Zivilgemeinden des Invalidenhauses)
- ↑ a b c d e f g h i j Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Berlin. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 2006, ISBN 3-422-03111-1, S. 149 f.
- ↑ Matthias Blazek: Die Hinrichtung von Henriette Meyer 1837. Das Licht in der Sebastiankirche zu Berlin. In: Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2011. Gebr. Mann, Berlin 2012, ISBN 978-3-7861-2652-2, S. 37–45.
- ↑ Die Sebastiankirche. In: Der Stralauer Fischzug. Sagen, Geschichten und Bräuche aus dem alten Berlin. Verlag Neues Leben, Berlin 1987, ISBN 3-355-00326-3, S. 176 f.
- ↑ Kathrin Chod, Herbert Schwenk, Hainer Weisspflug: St. Sebastian. In: Hans-Jürgen Mende, Kurt Wernicke (Hrsg.): Berliner Bezirkslexikon, Mitte. Luisenstädtischer Bildungsverein. Haude und Spener / Edition Luisenstadt, Berlin 2003, ISBN 3-89542-111-1 (luise-berlin.de – Stand 7. Oktober 2009).
- ↑ Information zur Orgel. die-orgelseite.de
- ↑ Die Katholische St. Sebastiankirche in Berlin. In: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, 8. Jahrgang 1895, S. 70, Tafeln 85, 86, 105, 106, 117 und 118.
- ↑ Katholische Pfarrgemeinde St. Sebastian (Hrsg.): Aus unserer Geschichte. In: Der Gemeindebrief St. Sebastian, Ausgabe April 2018, S. 10 f. (st-sebastian-berlin.de abgerufen am 2. Juni 2018)
Koordinaten: 52° 32′ 16,5″ N, 13° 23′ 0,9″ O