St. Martin (Wevelinghoven)
Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Martinus ist ein denkmalgeschütztes Gebäude in der Unterstraße in Stadt Wevelinghoven, einem Stadtteil von Grevenbroich im Rhein-Kreis Neuss (Nordrhein-Westfalen).
Geschichte und Architektur
Der spätklassizistische Backsteinsaal mit dreiseitigem Chorschluss im Westen wurde von 1833 bis 1834 nach einem Vorentwurf von Anton Walger und Bauplänen des Baukondukteurs Westphalen errichtet. Der auf quadratischem Grundriss vorgesetzte Südostturm mit Helmdach in Form einer Schieferpyramide ist vorgesetzt.[1] Der nüchterne, klare Saalgrundriss, die schlichten klassizistischen Proportionen und der Backstein-Rohbau mit umlaufendem Kranzgesims, innenliegender flacher Holzdecke und Rundbogenfenstern sind typisch für rheinische Spätklassik[2] der 1830er-Jahre, wie sie im preußischen Kontext verbreitet war; Parallelen zu Formen der Schinkelschule (reduzierte Gliederung, betonte Tektonik) sind stilkritisch naheliegend, auch wenn für St. Martinus konkret kein direkter Schinkel-Entwurfsbezug belegt ist. Eine umfassende Innenrenovierung erfolgte 1928/29. Dabei wurden unter anderem Chor, Wände, Decke und die Ausstattung neu gefasst, die seit den 1860er-Jahren vorhandenen Chorfenster durch Rabitzkästen verdeckt sowie zwei großformatige Wandmalereien des Kölner Künstlers Eduard Horst eingefügt. Zusammen mit den bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert bestehenden Chorschranken und Altären veränderte sich das Erscheinungsbild der Kirche erheblich, was in der Gemeinde auch kritische Reaktionen hervorrief.[3] Der Rückbau erfolgte erst in den 1970er-Jahren. Bei Renovierungsarbeiten von 1970 bis 1974 wurden auch die zwei später angebaute Sakristeien wieder abgerissen und die Chorfenster wieder geöffnet. Der vermutlich im Zuge des später aufkommenden romantisierenden Historismus um 1900 eingebaute neugotische Chorbogen im Innenraum wurde beseitigt, die kassettierte Holzdecke wurde wieder bis in den Chorraum verlängert. Die jüngeren Ornamentfenster wurden 1977 nach Plänen von Paul Weigmann angefertigt. Die älteren Chor- und Bogenfenster stammen aus der Feder des Malers und Politikers Friedrich Baudri aus den 1860er-Jahren.
Ausstattung
Von der bis 1841 angeschafften Ausstattung sind noch die Orgel, die Orgelbühne und das dortige Gestühl erhalten. Das Gestühl im Kirchenschiff stammt aus den 1970er-Jahren. Die Kirchenfenster datieren in das spätere 19. Jahrhundert (Chor) sowie das 20. Jahrhundert (Schiff). Die Ausmalung der Kassettendecke wurde 1995 nach Vorbildentwürfen aus dem 19. Jahrhundert erstellt.
Orgel
Laut organindex.de ist die Orgel in St. Martinus eine von nur noch 13 erhaltenen Orgeln aus den Jahren 1820 bis 1839 in Nordrhein-Westfalen.[4] Das Orgelwerk und das Gehäuse wurden von 1836 bis ca. 1850 von Engelbert Maaß gebaut, welcher am 13. November 1850 verstarb. Im Original erhalten ist das Orgelgehäuse Maaß'ens. Sein Gehilfe Frangenheim übernahm zwar die Ausführungen, konnte jedoch keine gute Arbeit abliefern. Vollendet wurde das Werk von Wilhelm Korfmacher in 1852. In 1883 konnte das Instrument durch den Erbauer der Orgel im Kölner Dom von 1863 Franz Wilhelm Sonreck als Unternehmensnachfolger Maaß'ens repariert werden. 1915 erfolgte der Einbau einer Windmaschine. Im Rahmen späterer Reparaturarbeiten führte die Firma Romanus Seifert in 1952 eine Erweiterung durch und disponierte insbesondere das Unterwerk im neobarocken Sinne um. Diese Werkstatt zeichnete auch für die letzte große Renovierung der Orgel von 1975 bis 1977 verantwortlich.[5]
Fenster
Laut der Forschungsstelle Glasmalerei[6] sind die Fenster „[...] in traditioneller Glasmaltechnik mit Antikglas gefertigt, durch Bleiruten gefasst und mit Schwarzlotmalerei detailliert ausgearbeitet. [...]“ Im ersten Turmgeschoss gliedern 5 rundbogige Fassadenfenster die Fronten über den Portalen. Sie gewährleisten den Lichteinfall in den Turmraum sowie auf die Orgelbühne. Sie stammen aus den Jahren 1866/67 und wurden vom deutschen Maler Friedrich Baudri entworfen. Der polygonale Chorabschluss wird von fünf gleichmäßig verteilten Rundbogenfenstern durchbrochen, die dem Altarraum eine gleichmäßige Belichtung von drei Seiten geben. Die 3 mittleren Fenster stammen aus den Jahren 1864/65 und zeigen in der Mitte Jesus am Kreuz sowie zu dessen Linken und Rechten die Mutter Maria und St. Johannes. Sie wurden ebenso von Friedrich Baudri entworfen. Die beiden äußeren Chorfenster sowie die auf beiden Längsseiten den Backsteinbau öffnenden vier hohe Rundbogenfenster lassen viel Licht in den schlichten Kirchensaal. Sie wurden 1977 vom Künstler Paul Weigmann entworfen.[7] und von der Glasmacherei Oidtmann aus Linnich ausgeführt.
Literatur
- Georg Dehio, bearbeitet von Claudia Euskirchen, Olaf Gisbertz, Ulrich Schäfer: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen I Rheinland. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2005, ISBN 3-422-03093-X
- Heinz Dohmen: Kirchenbauten des Erftraumes im 19. Jahrhundert in den Kreisen Bergheim, Grevenbroich und Mönchengladbach. Aachen 1973, S. 121ff.
- Franz-Josef Vogt: Die Orgeln der Stadt Grevenbroich. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich. Band 5, Geschichtsverein für Grevenbroich und Umgebung e.V., Grevenbroich 1983, S. 107–108.
Weblinks
- Foto der Kirche (abgerufen am 14. April 2012)
Einzelnachweise
- ↑ Heinz Dohmen, in: Kirchenbauten des Erftraumes im 19. Jahrhundert in den Kreisen Bergheim, Grevenbroich und Mönchengladbach. Aachen 1973, S. 121ff.
- ↑ Willy Weyres: Katholische Kirchen im alten Erzbistum Köln und im rheinischen Teil des Bistums Münster. In: Eduard Trier & Willy Weyres: Kunst des 19. Jahrhunderts im Rheinland. Band 1: Architektur I. Kultusbauten. Schwann Verlag, Düsseldorf 1980, S. 75–194.
- ↑ Hilmar Krüll: 1924–1999 – 75 Jahre Bürger-Schützen-Verein 1924 Wevelinghoven e.V. – Der Verein und die Stadt Wevelinghoven im Wandel der Zeit. Grevenbroich 1999, S. 55–56.
- ↑ Verteilungskarte der erhaltenen Orgeln in Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien von 1820–1839.
- ↑ Franz-Josef Vogt: Die Orgeln der Stadt Grevenbroich. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich. Band 5, Geschichtsverein für Grevenbroich und Umgebung e.V., Grevenbroich 1983, S. 107–108.
- ↑ Forschungsstelle Glasmalerei
- ↑ Bestandsaufnahme des Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts e.V.
Koordinaten: 51° 6′ 34,7″ N, 6° 37′ 27,3″ O