St. Martin (Hauerz)
Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Martin steht in Hauerz, einem Ortsteil von Bad Wurzach im Landkreis Ravensburg in Baden-Württemberg. Die Pfarrei gehört zum Dekanat Allgäu-Oberschwaben in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Geschichte
Eine Kirche in Hauerz wird 1272 erstmals genannt, 1275 erscheint sie in einer Zehntabgabeliste des Klosters Ochsenhausen, die zur Schuldentilgung des siebten Kreuzzugs diente.[1]
Der älteste heute noch bestehende Bauteil der Martinskirche ist der monumentale Turm, der 1349/50 errichtet wurde und dessen Jahreszahl 1349 sich in der Turmuhr erhalten hat. Der Turm erreicht eine Höhe von 42,5 Metern und besitzt quadratische Außenmaße von 8 × 8 Metern. Während der Turmsanierung von 1969 wurde die mittelalterliche Eckquaderbemalung entdeckt und nach historischem Befund rekonstruiert.
Im Jahr 1567 wurde an den bestehenden Turm eine neue steinerne Kirche im gotischen Stil angebaut, die eine ältere Holzkirche ersetzte.
Die neue Kirche erwies sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte als zu klein, insbesondere nachdem weitere Höfe und Familien aus Rupprechts nach Hauerz eingepfarrt worden waren, sodass aufgrund des steigenden Platzbedarfs um 1900 ein kompletter Abriss und Neubau des Kirchenschiffs notwendig wurde. Der Bauschutt der alten Kirche wurde teilweise als Aufschüttung für die neue Kirche verwendet, was im 21. Jahrhundert zu Rissen führte und umfangreiche Nachgründungen erforderlich machte.[2] Der heutige Kirchenbau wurde zwischen 1908 und 1911 nach den Plänen des Architekten Ulrich Pohlhammer im neuromanischen Stil an den mittelalterlichen Turm angebaut. Die Weihe des neuen Gotteshauses erfolgte am 23. Mai 1911 durch Bischof Paul Wilhelm von Keppler.[1.1]
Das Gebäude weist eine Gesamtlänge von 40 Metern und eine Breite von 21 Metern aus und gliedert sich in eine große Vierung mit Kuppel unter der Hauptdecke, zwei Seitenräume oder Querflügel, die heute als Taufkapelle und Marienkapelle dienen, einen großzügigen Chor mit halbrunder Apsis sowie zwei kleine Nebenkapellen im westlichen Teil.
1965–1969 fand eine umfassende Innen- und Außenrenovierung mit Neufassung der Turmquaderbemalung statt, 1988 waren erneut Renovierungsmaßnahmen notwendig. 2009–2011 wurde eine grundlegende Innenrenovation vorgenommen und 2020–2023 fand eine umfangreiche Kirchturmsanierung statt.
Ausstattung
Chorfenster
Der nach Nordosten ausgerichtete Chorraum wird von einer halbrunden Apsis abgeschlossen, die fünf große rundbogige Glasfenster enthält. Die Chorfenster entstanden 1965 im Zuge der Renovierung und wurden von Wilhelm Geyer entworfen und von der Firma Deininger ausgeführt. Die Fenster zeigen ein umfangreiches Bildprogramm zu Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi, ergänzt durch alttestamentliche Szenen, die durch blauen Glasrahmen gekennzeichnet sind.[3]
Das zentrale Fenster zeigt Christus in Orantenhaltung, umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten. Darunter sind Szenen aus dem Leben Mose zu sehen.
Altar
Der Zelebrationsaltar wurde 1966 von Josef Henger gefertigt. Vom selben Künstler stammen auch Ambo, Kredenzen und weitere steinerne Ausstattungsstücke.
Skulpturen
Im Chorraum hängen oder stehen mehrere bedeutende Bildwerke:[1]
- ein barockes Kruzifix aus der Vorgängerkirche eines unbekannten Künstlers,
- eine Statue des hl. Martin von Tours des Holzschnitzers Adolf Insam im neogotischen Stil,
- eine Statue des hl. Josef, ebenfalls von Adolf Insam,
- am Chorbogen eine Mondsichelmadonna vom Ende 15. / Anfang 16. Jahrhundert, vermutlich der Ulmer Schule zuzurechnen.
Im rückwärtigen Teil des Schiffs stehen zwei ältere Holzskulpturen:
- ein hl. Antonius von Padua,
- eine barocke Sebastianfigur mit acht Pfeilen, die aus der Vorgängerkirche übernommen wurde.
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Barockes Kruzifix
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Martin
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Josef
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Mondsichelmadonna
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Sebastian
Gemälde
Die Vierungskuppel mit ihrem Durchmesser von 9 Metern zeigt ein monumentales Weltgerichtsgemälde, das Gebhard Fugel im Jahr 1921 malte. Christus erscheint als Weltenrichter auf einem Wolkenthron, flankiert von Aposteln, Maria und Johannes dem Täufer. Darstellungen der Auferstehung der Toten, Engel mit Posaunen und apokalyptischen Symbolen ergänzen die Szene. In den vier Pendentifs finden sich thematisch zugeordnete Symboldarstellungen (Adam und Eva, Muttergottes, Gekreuzigter, große Kirche).[1.2]
An den östlichen Schiffswänden befinden sich zwei Altargemälde des 18. Jahrhunderts: Eine Darstellung der Heiligen Familie (Nachbildung des 19. Jahrhunderts, da das Original gestohlen wurde), ergänzt durch ein kleines Bild von Joachim und Anna; und ein umfangreich erzählendes Sebastian-Gemälde, das Szenen seines Martyriums, seine Pflege durch Irene sowie seine spätere Hinrichtung zeigt. Darüber hängt ein Bild des hl. Antonius von Padua.
An der Südwand des Schiffs hängt das ehemalige Hochaltarbild von 1722, das die Rosenkranzverehrung mit einer ungewöhnlichen Bildsprache zeigt: Anstelle eines Rosenkranzes senden Maria und das Jesuskind Blitze gegen osmanische Krieger, als Anspielung auf den Sieg bei Lepanto (1571). Das Bild wurde 1875 oben beschnitten.[1.3]
Kreuzweg
Die 14 Kreuzwegstationen stammen aus dem Jahr 1868 und wurden von Moriz Jacob gemalt. Sie sind im Nazarenerstil gehalten und stammen noch aus der Vorgängerkirche.[1.4]
Seiten- und Nischenkapellen
In der Taufkapelle befindet sich der Taufstein, der 2011 von Hubert Kaltenmark aus römischem Travertin gefertigt wurde und von einer Messinghaube mit Bergkristallen bedeckt wird.
Die Marienkapelle gegenüber der Taufkapelle enthält eine Pietà jüngeren Datums (vermutlich 19. Jahrhundert) und wird einem Bildhauer Bareth zugeschrieben. Im Westen befinden sich zwei Nischenkapellen mit einer Immaculata-Figur, und einem Stillbild Mariens, sowie einem Weihnachtsbild aus der Vorgängerkirche und einem Geißelheiland.
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Pietá
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Weihnachtsdarstellung
Orgel
Die Orgel wurde 1916 von Reiser Orgelbau als Opus 46 erbaut. Sie besitzt 24 klingende Register auf zwei Manualen und Pedal.[4] Der Prospekt ist nach einem Musterentwurf von Aug. Laukhuff errichtet worden.[5] 1998 wurde sie von Hermann Weber restauriert.
Glockengeläut
Im Holzglockenstuhl von 1767 hängen drei historische Glocken:
| Jahr | Name | Ton | Gewicht | Durchmesser | Glockengießer |
|---|---|---|---|---|---|
| 1719 | Christusglocke | es' | 1280 kg | Christoph Schmelz, Biberach | |
| 1572 | Herrgottsglocke | as' | 623 kg | 99,5 cm | Joachim und Felix Volmer, Biberach |
| 1684 | Segensglocke | b' | 354 kg | 84,5 cm | Johann Baptista Ernst, Memmingen |
Alle drei Glocken überstanden die Einzugsaktionen des Zweiten Weltkriegs und kehrten 1947 von einem Sammelplatz in Lünen wieder nach Hauerz zurück.[6]
Weblinks
- Kirchenführer von 2023
- Aufnahme des Glockengeläuts der Kirche auf YouTube
Einzelnachweise
- ↑ a b Günter Brutscher: Pfarrkirche St. Martin Hauerz. (PDF) Kirchenführer. Seelsorgeeinheit Bad Wurzach, Dekanat Allgäu-Oberschwaben, abgerufen am 11. Dezember 2025.
- ↑ Gerhard Reischmann: Pfarrkirche Hauerz wird saniert. In: dieBildschirmzeitung. 29. April 2024, abgerufen am 11. Dezember 2025.
- ↑ Wilhelm Geyers Glasfenster in Hauerz. 31. Dezember 2020, abgerufen am 11. Dezember 2025 (deutsch).
- ↑ Hauerz, Deutschland (Baden-Württemberg) - Katholische Pfarrkirche Sankt Martinus. Abgerufen am 11. Dezember 2025.
- ↑ Roland Eberlein: Eine kleine Geschichte der Orgel. II. Die Entwicklung der äußeren Gestaltung der Orgel. Abgerufen am 11. Dezember 2025.
- ↑ Gerhard Reischmann: Blick in den Kirchturm von St. Martin in Hauerz. In: dieBildschirmzeitung. 28. Oktober 2023, abgerufen am 11. Dezember 2025.
Koordinaten: 47° 57′ 2,1″ N, 9° 59′ 1,8″ O