St. Johannis (Niederzwönitz)
| St. Johannis | ||
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Blick auf das Kirchengebäude von Südosten, im Vordergrund ein Teil des Friedhofs | ||
| Daten | ||
| Ort | Niederzwönitz, Niederzwönitzer Str. 104 | |
| Bauherrin | Kirchengemeinde von Niederzwönitz | |
| Baustil | Spätbarock | |
| Baujahr | 1793 | |
| Bauzeit | 1789–1793 | |
| Koordinaten | 50° 38′ 35″ N, 12° 49′ 17,6″ O | |
Die evangelische Kirche St. Johannis (auch Evangelisch-Lutherische Kirche im Zwönitztal) ist eine spätbarocke Saalkirche im Ortsteil Niederzwönitz von Zwönitz im Erzgebirgskreis in Sachsen. Sie gehört zur Kirchengemeinde Zwönitz im Kirchenbezirk Annaberg der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Das Gotteshaus ist dem heiligen Johannis geweiht und steht als sächsisches Kulturdenkmal unter Denkmalschutz.
Lage
„Die Hauptkirche St. Johannis steht auf einer Anhöhe gegen Süden, inmitten des Gottesackers, der mit einer Mauer umgeben, die gegen Osten und Süden mit steinernen Platten belegt, aber gegen Westen mit Schindeln gedeckt ist. Ein Thor, vor welchem Stufen sich finden, führet zur Kirche.“ – so heißt es in einem historischen Dokument.[1] Das Kirchengebäude ist nicht streng geostet, seine Hauptachse verläuft von Südwest nach Nordost.
Geschichte
Erstes Gotteshaus im Ort
Bereits die erste Kirche im Ort war dem heiligen Johannes gewidmet. Sie muss vor dem Jahr 1648 entstanden sein, denn in einem Verzeichnis der verfilmten Kirchenbücher beginnen die Eintragungen für die St. Johanniskirche Niederzwönitz (Familien Repertorium) in dem genannten Jahr.[2]
Neubau im 18. Jahrhundert
Die heutige stattliche Saalkirche wurde an Stelle des aus dem Mittelalter stammenden und am 21. April 1779 abgebrannten Vorgängerbauwerks in den Jahren bis 1793 erbaut. Nach der Beseitigung der Brandreste erfolgte die feierliche Grundsteinlegung im Jahr 1789. Der Turm, dessen Fuß bis in Höhe des Kirchenschiffes schon mitgebaut worden war, konnte erst in den Jahren 1820/1821 aufgesetzt werden.[1]
Restaurierungen fanden in den Jahren 1869, 1928 (innen) und Anfang der 1980er Jahre statt.
Wegen der stetig weniger werdenden rein kirchlichen Nutzung möchte die Johannisgemeinde im 21. Jahrhundert weitere Nutzungsmöglichkeiten des Gotteshauses schaffen und hat einen Ideenwettbewerb („Stehgreifentwurfsverfahren“) dafür ausgeschrieben. Die Architekten Schubert + Horst aus Dresden orientieren sich mit ihrem Entwurf an den Wünschen des Kirchenvorstands und schlagen einen „gläsernen Gemeinderaum“ in der Kirche vor, dazu die Nutzung der Nebenräume als Pilger- und Übernachtungsstätte sowie die Abhaltung der überregionalen Jugendgottesdienste hier. Als großer Vorteil wird eine deutlich höhere Akzeptanz des Ortsteils Niederzwönitz in der Montanregion Erzgebirge und vor allem bei den Touristen erwartet.[3] Die Verwaltungen sehen diese Idee als Vorbild für weitere Kirchen in Sachsen.
Das Denkmalamt veranlasste im Jahr 2021 eine Bestandsaufnahme des Kirchengebäudes bezüglich seines baulichen Zustandes. Die Zimmerei Fricke aus Thalheim führte die Arbeiten mit einem 3D-Scanner aus und konzentrierte sich vor allem auf die Holzkonstruktionen und die tragenden Elemente. Im Ergebnis entstand ein Sanierungskonzept, dessen Umsetzung (wohl) noch nicht beginnen konnte.[4]
Im Rahmen des Projekts Kulturkirchen 2025 wurde ein Pilgerpfad ausgewiesen (Purple Path), an dem die drei Kirchen Affalter, Niederzwönitz und Dittersdorf besucht werden.[5]
Architektur
Außen
Der leicht eingestellte Westturm ist über quadratischem Grundriss erbaut und mit einem oktogonalen Glockengeschoss versehen, das mit geschweifter Haube und kräftiger Laterne abgeschlossen ist. Die Laterne bietet einen offenen Umgang.
Das Putzbauwerk ist im Osten dreiseitig geschlossen und wird durch drei gestreckte Rundbogenfenster erhellt. An der Nord- und der Südseite des Langhauses sind Treppenhäuser mit den Zugängen zu den Emporen sowie eine Sakristei im Nordosten angebaut.
Das Kirchenportal befindet sich im Turmunterbau.
Alle Fenster des Kirchenraums sind hochrechteckige Sprossenfenster mit oberem Bogen und unbunten Scheiben.[6] An Sakristei und an den Turm-Treppenhäusern gibt es dagegen kleine rechteckige Fenster bzw. kleine Rundfenster.
Ein sehr großes und steiles Walmdach, mit Schiefer gedeckt, schließt das Kirchengebäude ab.
Innen
Das Innere wird durch eine flache Putzdecke abgeschlossen. An der Nord- und Südseite sind zweigeschossige Emporen angeordnet[3], im Westen befindet sich die Orgelempore mit wohlgestaltetem Orgelprospekt. An den unteren Emporen sind im östlichen Teil je zwei bemalte Brüstungsfelder mit den Darstellungen des zwölfjährigen Jesus im Tempel, der Hochzeit zu Kana, Christus als Kinderfreund und den Emmausjüngern angeordnet, die vom Ende des 18. Jahrhunderts stammen.
Ausstattung
Altarraum
Der klassizistische Kanzelaltar aus Crottendorfer Marmor stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Kanzelkorb ist achteckig und steht auf einer mit vergoldeten Girlanden geschmückten Halbkugel.
Die Taufe aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist über einem kannelierten Steinsockel mit einer sehr flachen Holzkuppa und einem Holzdeckel mit klassizistischer Ornamentik versehen.
An der südlichen Chorwand hängt ein hölzernes Kruzifix aus dem 16. Jahrhundert, das wohl aus der früheren Kirche überkommen ist.
Über der ehemaligen Sakristei ist das Gesprenge eines Flügelaltars aus der Werkstatt Peter Breuers aus den Jahren 1518–1520 angebracht, das mit einer Kreuzigungsgruppe und zwei stehenden und zwei knienden Engeln gestaltet ist. Der Jahreszahl nach stammt dies auch aus der Vorgängerkirche.
Sonstiges einschließlich Dekoration
Die kompakten Kirchenbänke sind weiß gestrichen, auf den Banktüren sind Gemälde zu sehen, die biblische Szenen aus dem späten 18. Jahrhundert zeigen.[6] Insgesamt bieten die Bänke und Sitzgelegenheiten auf den Emporen wohl Platz für mehrere hundert Besucher.
Ein klassizistischer Ofen aus Gusseisen stammt aus dem Jahr 1795 und ist mit einem Kachelaufsatz versehen, der von einer Schmuckvase bekrönt und mit Girlanden, Medaillons und Frauenfiguren geschmückt ist.[6] Zu Heizzwecken wird er jedoch seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr benutzt.
Ein Glasgemälde im Chorraum hinter dem Altar zeigt die Auferstehung und stammt aus der Zeit um 1900.
Orgel
Die aktuelle Orgel ist ein Werk von Alfred Schmeisser aus dem Jahr 1928.[7] Sie ersetzte das beim Neubau der Kirche eingebaute Instrument aus dem Baujahr 1797 vom Orgelbauer Johann Caspar Holland. - Die Schmeisser Orgel wurde jedoch in das alte Gehäuse eingebaut. Im Jahr 1953 erfuhr sie eine Dispositionsänderung.
Ein Brand am 27. September 1987 am Gebläsemotor konnte rechtzeitig gelöscht werden, so dass kein größerer Schaden am Instrument oder gar im Kirchenraum entstand. Eine Kirchengemeinde aus Hannover spendete einen neuen Motor.[6]
Die Orgel verfügt heute über 31 Register auf zwei Manualen und Pedal.
Die ursprüngliche Disposition lautete:[7]:
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- Koppeln: Manualcoppel (Schiebecoppel), I/P
- Nebenregister: Tremulant, Calcantenklingel
- Spielhilfen: 3 Sperrventile
Geläut
Die ursprünglichen Bronzeglocken aus der Bauzeit des Sakralgebäudes mussten in den beiden Weltkriegen als Metallspende des deutschen Volkes zu Kriegszwecken abgeliefert werden.[8][9][10]
Das aktuelle Geläut besteht aus vier neuen Bronzeglocken, die in einem neuen eigenen Glockenstuhl aus Eiche an geraden Eichenjochen aufgehängt wurden.[11] Mit diesem Umbau konnte die enorme bauliche Belastung des Turmes mit den schweren Eisengusskörpern in der Glockenstube aufgehoben werden. Dort hingen die 1949, nach dem Zweiten Weltkrieg, gegossenen vier tonal aufeinander abgestimmten Eisenhartgussglocken. Sie wurden in der Gießerei Schilling aus Apolda hergestellt.[9] – Der Guss der vier eisernen Ersatzglocken war überwiegend über Spenden von Privatleuten aus der Gemeinde finanziert worden. Diese Klangkörper wurden in den folgenden Jahrzehnten brüchig und rostig und kamen letztmalig Ostern 2022 zum Einsatz.[9] Nach ihrem Ausbau wurden sie als museale Stücke auf einer Wiese vor der Kirche auf Dauer abgestellt.[10]
Darüber hinaus gab es eine kleine historische Bronzeglocke, genannt „Die Ruferin“, aus der Erbauungszeit des Gotteshauses, die einzeln in der Laterne des Turms aufgehängt war. Sie ist schon 1908 gegen eine Eisenglocke des Bochumer Vereins gewechselt worden. Verschiedene Angaben im Internet lassen die Frage offen, ob die „Ruferin“ bis in die 2020er Jahre auch schon erneuert worden ist. Die kleinste der vier neuen Glocken, die so genannte 11er-Glocke, ersetzt diese Glocke in der Turmlaterne.
Die folgende Tabelle zeigt die technischen Daten des 2022 vom der Glockengießerei Grassmayr (Innsbruck) neu gegossenen Bronzegeläuts, für welches die Gemeinde aus verschiedenen Quellen (Kirche, Stadt, Privatpersonen) eine Summe von 300.000 Euro aufgebracht hat.[11] Die Glockenweihe fand im September 2022 auf dem Platz vor der Kirche statt, im zeitigen Frühjahr 2023 wurden sie eingehoben. Vor dem ersten Läuten zu Ostern 2023 durften sie zur Probe von einem jungen Gemeindemitglied angeschlagen werden.[8]
| Glocke | Durchmesser | Masse | Schlagton | Inschrift auf dem Glockenkörper, ggf. weitere Infos |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 1271 mm | 1285 kg | es' | „Dass Jesus siegt bleibt ewig ausgemacht“ Auf dem Wolm sind u. a. die Jahreszahlen 1827, 1882, 1917, 1921, 1942, 1949 herausgearbeitet; es ist aber unklar, worauf sie Bezug nehmen; auf der Flanke befindet sich ein Relief mit dem Lamm Gottes. |
| 2 | 1010 mm | 626 kg | g' | „Betet zum Herrn“, gleiche Jahreszahlen; Relief Mutters Hände nach Albrecht Dürer |
| 3 | 891 mm | 440 kg | b' | Auf dem Wolm gibt es die Inschrift „St. Johanniskirche Niederzwönitz“. |
| 4 | 685 mm | 202 kg | es" | „Lobet den Herrn“ auf der Flanke sowie auf dem Wolm wie Glocke 3 |
In der Umgebung
Unmittelbar um das Gotteshaus herum liegt der Johannisfriedhof, der aktiv genutzt wird. Nordöstlich und südöstlich begrenzt ihn die abknickende Zwönitzer Gasse. Nordwestlich verläuft die Niederzwönitzer Straße als Teil der Staatsstraße 257. Nordwestlich von der Johanniskirche befindet sich das Pfarrensemble, bestehend aus drei Bauteilen ähnlich einem Dreiseithof. Alle entstanden zu verschiedenen Zeiten.
Unweit des Pfarrensembles steht ein Kriegerdenkmal, das nach dem Krieg 1870/71 für zwei getötete Kämpfer errichtet wurde – eine Sandsteinsäule mit dem Reichsadler obenauf, unter dessen ausgebreiteten Flügeln eine Trauernde Schutz sucht. – Die Gefallenen im Ersten („Die Toten mahnen“) und die im Zweiten Weltkrieg („In Gedenken an das Leid des Krieges“) Umgekommenen aus Niederzwönitz werden auf je einer Messing-Namenstafel nahe der Stele ebenfalls geehrt (siehe Bild).
Seelsorge
Die Gemeinde bietet und unterstützt unter anderem folgende Interessengruppen:
- Kreativkreis für Kinder im Schulalter,
- Gesprächskreis für am Glaubens- und Lebensgespräch interessierte Menschen mittleren Alters,
- Bibelkreis – an der Bibel(geschichte) interessierte Menschen treffen sich zu Gesprächen, Gesang oder gemeinsamen Gebeten,
- taps („talk and pray“) für Frauen, insbesondere Mütter,
- Teenagerstunden (ca. 13–19 Jahre),
- Hauskreise.
Pfarrer: (aktuell, 2025) Michael Tetzner, Jochen Pangert
Literatur
- Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II. Die Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1998, ISBN 3-422-03048-4, S. 1111.
Weblinks
- Website der Kirchengemeinde. Abgerufen im Jahr 2024.
- Kirche als Mehrzweckraum? In: Freie Presse. 19. März 2025, abgerufen am 2. Oktober 2025 (Nur Überschrift und Textanfang sind ohne Anmeldung verfügbar).
- Neue Glocken für die St. Johannis-Kirche Niederzwönitz. Erstes Läuten Ostersonntag, den 9. April 2023, 6.00 Uhr und 16.00 Uhr. Zwönitzer Anzeiger, 17. Januar 2023, abgerufen am 2. Oktober 2025 (detaillierte Schilderung der Vorbereitungen für den Aufzug der neuen Glocken und des Ablaufs des ersten Läutens).
- Neues Geläut der St. Johanniskirche. youtube.com, abgerufen am 2. Oktober 2025 (Bilder der Kirche mit Teilgeläut, Gesamtdauer 15 Minuten, Kurzinfos zu den Glocken).
Einzelnachweise
- ↑ a b Niederzwönitz. In: de.wikisource.org. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
- ↑ Verfilmte Kirchenbücher des ehemaligen Kirchenbezirkes Stollberg. Abgerufen am 1. Oktober 2025 (St. Johannis Niederzwönitz Seiten 22/23).
- ↑ a b Umgestaltung und funktionale Neuordnung des Innenraumes der St. Johanniskirche. Schubert + Horst Architekten, abgerufen am 1. Oktober 2025 (Innenfoto und kurze Erläuterungen).
- ↑ Bestandsaufnahme mithilfe modernster 3D-Technik für die Kirche Niederzwönitz. Abgerufen am 2. Oktober 2025.
- ↑ Pilgern auf dem Purple Path. Abgerufen am 2. Oktober 2025.
- ↑ a b c d St. Johannis Niederzwönitz. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
- ↑ a b Informationen zur Orgel auf orgbase.nl. Abgerufen am 9. Januar 2021.
- ↑ a b c Georg Ulrich Dostmann: Neue Glocken in Niederzwönitzer Kirche. In: blick.de. 23. April 2023, abgerufen am 28. September 2025.
- ↑ a b c d Neue Glocken für die St. Johannis-Kirche Niederzwönitz. In: Zwönitzer Anzeiger. 16. März 2022, abgerufen am 28. September 2025.
- ↑ a b Thomas Mehlhorn: Niederzwönitzer sortieren ihre alten Glocken aus – für die Nachfolger gab es ein Fest. In: Freie Presse. 8. September 2022, abgerufen am 28. September 2025 (Hier sind alle vier alten Eisenglocken nach ihrem Ausbau aus dem Turm zu sehen, sie trugen auf der Schulter Bibelzitate und auf der Flanke einige Gießerzeichen.).
- ↑ a b Rainer Thümmel: Glocken in Sachsen. Hrsg.: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig. ISBN 978-3-374-02871-9, S. 375 ff.
, ordentlich bequellt