St. Blasius (Plochingen)

Die Stadtkirche St. Blasius ist die Hauptkirche der evangelischen Kirchengemeinde in Plochingen, einer Gemeinde im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg, und ein wichtiges Wahrzeichen dieser Stadt. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Esslingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Auf einem Hügel über dem Neckar gelegen und im Jahre 1481 erbaut, ist sie bereits der dritte Kirchenbau an dieser Stelle.

Vorgängerbauten

Bereits zur Zeit der alemannischen Besiedlung Plochingens wurde die Fläche des heutigen Kirchbergs als Kultstätte und Bestattungsort genutzt. Damit ist die Errichtung der ersten Kirche Plochingens im Rahmen der Christianisierung typisch für diese Zeit und Gegend, in der die Missionare die neuen Sakralbauten auf den Anhöhen bauten, auf denen sich bereits religiöse Stätten befunden hatten. Dies erleichterte der Bevölkerung unter Umständen die Umstellung und stellte zugleich den Triumph des Christentums über die heidnischen Vorstellungen dar. Das erste christliche Gotteshaus in Plochingen wurde wohl um 620 von fränkischen Missionaren, vielleicht von Mönchen des Klosters Lorsch errichtet. Es handelte sich um ein dem hl. Michael geweihtes Holzgebäude innerhalb des Kirchhofs. Diese Kirche wurde zusammen mit dem danebenliegenden Herrenhof im Zusammenhang der Auseinandersetzungen zwischen König Heinrich IV. und Rudolf von Schwaben im Jahr 1078 niedergebrannt. Unter dem Ortsherr Ulrich von Stubersheim-Ravenstein entstand um 1100 eine neue, steinerne, romanische Kirche, welche dem Namenspatron des Ritters, dem hl. Ulrich von Augsburg geweiht wurde. Von diesem Bau zeugen noch heute einige Gegenstände (s.Umgebung, Einrichtung). Bei Grabungsarbeiten zum Heizungsbau unter der Sakristei wurden zudem 1933 einige Fundamente entdeckt, eines davon stammt von der Ulrichskirche. Diese fiel 1449/50 den Flammen eines Krieges zum Opfer, bevor ihr ungefähr 30 Jahre später die heutige Kirche folgte.

Baugeschichte

Die Kirche wurde im 15. Jahrhundert als Wehrkirche auf einem alten Kultplatz errichtet. Laut zweier Inschriften über Portalen der Kirche wurde das Kirchenschiff mit dem Chorraum im Jahre 1481, der Turm 1488 fertiggestellt, das heißt, die Bauarbeiten wurden vermutlich 1488 abgeschlossen, wobei der genauere Verlauf und die Dauer der Errichtung unbekannt bleibt.

1961/62 fanden größere Renovierungen statt, die das Bild der Kirche bis zur letzten Renovierung 2022–2024 prägten. Nach zweijähriger umfassender Innenrenovierung sowie Dachstuhlsanierung durch den Architekten Norbert Behringer und einer in diesem Zusammenhang sinnvollen Orgelinstandsetzung wurde die Blasiuskirche im Juni 2024 wieder eingeweiht.[1] Der Turm war zuletzt 1983, der Chor 1984 saniert worden, Letzterer jetzt aber umgestaltet.

Äußeres

Die Stadtkirche St. Blasius ist ein einschiffiger Saalbau mit einem 32 m hohen Westturm und einem östlichen Chorraum mit nördlicher Sakristei. Mehrere Portale ermöglichen den Zugang zu Kirche, der frühere Hauptzugang erfolgte durch das Westportal (dessen Türe von 1962 stammt) und die Vorhalle im Turmsockel. Über diesem Portal befindet sich eine Nische, in der bis zur Reformation ein Bildnis des hl. Michael befand. Darüber erkennt man einen zugemauerten ehemaligen Zugang zum Turm. Dieser war mit dem 1801 abgerissenen Mesnertürmlein über einen Steg verbunden. Dieses war auf der gegenüberliegenden Mauer errichtet worden und diente zeitweise dem Mesner oder Totengräber als Wohnung, der über den Steg schnell den Kirchturm und damit die Glocken erreichen konnte. An der Südseite der Kirche sind einige alte Grabsteine angebracht, zum Beispiel von früheren Pfarrern der Kirche. Der Turmhahn wurde 1932 angefertigt und aufgesetzt.

Inneres/Einrichtung

Das innere Erscheinungsbild der Kirche wurde im Laufe der Zeit vielfach verändert, insbesondere bei den Renovierungen 1960–1962 und neuerdings 2022–2024. Doch bereits davor gab es zahlreiche Veränderungen, die hier chronologisch, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aufgeführt sind.

Mit dem Bau der Kirche Ende des 15. Jahrhunderts wurde im Westen der Kirche auch die „Männer- oder Bauernempore“ errichtet, die im Laufe der folgenden Jahrhunderte mehrfach umgebaut wurde. Einzig der romanische Taufstein wurde aus dem Vorgängerbau in die neue Kirche übernommen. Um 1520 wurde von einem unbekannten Steinbildhauer der kunstvolle Renaissance-Kanzelstock als Träger für einen hölzernen Kanzelkorb gefertigt und aufgestellt. 1610 folgte der Bau der „Herrenempore“ (heutige Nordempore), die von dem Zimmermann Hans Peltin an der Südwand des Kirchenschiffs errichtet wurde. Die mittlere Säule dieser Empore wurde von ihm selbst in Flachschnitzarbeit gestaltet. Im 17. Jahrhundert wurde im Chor der Kirche eine Orgel auf einer Empore aufgestellt. Im Jahr 1701 wurde diese Orgel verkauft und durch eine neue Orgel des Orgelbauers Hartmann aus Nürtingen ersetzt. 1745 füllte der Esslinger Maler Jakob Ihle die Emporenbrüstungen im Schiff mit Darstellungen von Szenen aus der Bibel. 1775 erhielt die Sakristei einen direkten Zugang vom Friedhof her. Im Jahr 1838 wurde die Hartmann-Orgel durch eine neue Orgel der Firma Walcker aus Ludwigsburg ersetzt.

1883 wurde die Kanzel mit einem Schalldeckel und einem Schmuckaufbau ausgestattet, und 1880 erhielt auch der Chor einen direkten Zugang vom Friedhof her. Bei Renovierungsarbeiten 1923 wurde im Boden der „Bauernempore“ ein spätgotisches Kruzifix (ca. 1450–1480) gefunden, das neu bemalt und an der Nordwand des Schiffs aufgehängt wurde. 1933 erfolgten weitere Umbauten, darunter die Erneuerung der Sakristei und der Bau eines Heizungskellers. Dabei wurden mehrere Fundamente aus Vorgängerbauten entdeckt.

Im Jahr 1935 wurde ein weiterer Umbau und eine Renovierung durchgeführt, bei der die Orgelempore im Chor samt der Orgel abgebrochen wurde. Die Firma Walcker aus Ludwigsburg erstellte daraufhin eine neue Orgel, wobei große Teile der alten Orgel wiederverwendet wurden. Ein größerer Umbau fand zwischen 1960 und 1962 statt, bei dem unter anderem eine neue Decke im Kirchenschiff eingebaut wurde. Zudem wurde die „Herrenempore“ von der Süd- zur Nordwand, die Kanzel von der Nord- zur Südseite des Chorbogens verlegt und der Taufstein stattdessen links vom Altar aufgestellt. Der Kanzelaufbau wurde entfernt, wobei einzelne Teile davon beiderseits des Chorbogens an der Wand angebracht wurden. Weitere Renovierungen betrafen das spätgotische Netzgewölbe im Chor sowie die Freilegung der dortigen Deckenmalereien aus derselben Zeit. Damals wurden auch die farbigen Glasfenster des Stuttgarter Kunstglasers Saile eingebaut.

Zwischen 1983 und 1985 wurde die Firma Köberle mit dem Bau einer neuen Orgel beauftragt, bei der große Teile der beiden vorhergehenden Walcker-Orgeln übernommen wurden. Zu den acht Bildtafeln sowie warum sie an dieser Stelle platziert wurden, sagt der kleine Kirchenführer nur: Die Ölgemälde über der Orgel waren ursprünglich an der 1935 entfernten Orgelempore angebracht. Sie zeigen die vier Evangelisten, Mose, Johannes den Täufer, Paulus und Petrus.

Die umfassende Renovierung, Umgestaltung und Modernisierung der Stadtkirche St. Blasius in den Jahren bis 2024 stand neben dem Architekten unter der künstlerischen Leitung und Beratung durch Bernhard Huber einschließlich seiner Gestaltung von Altar, Ambo und Kruzifix. Der neue Altar nimmt die Formen Spitzbogen und Rundbogen auf, die sich auch im Maßwerk der gotischen Fenster finden. Da sich der Kirchengemeinderat früh entschieden hatte, auf eine Kanzel im herkömmlichen Sinn zugunsten eines ebenerdigen Ambo zu verzichten, geschieht von dort aus die Verkündigung. Die Esslinger Restauratoren Hans und Annette Cabanis frischten alle Bilder im Chorbereich und an den Emporengemälden von 1775 (Herrenempore: Altes Testament, Westempore: Jesusgeschichte) auf.

Mit der Umgestaltung des Kirchenraums wurden neue Teilräume – Chorbereich, unterer Emporenbereich, Turmraum – für eine multifunktionale Nutzung in der Kirche geschaffen. Unter der Empore im nördlichen Bereich fand ein Technikraum Platz. Der übrige Bereich unter der Empore ist als offener Raum gestaltet. Er ist alternativ nutzbar mit etwa 50 Sitzplätzen oder bestückbar mit Tischen. Auch der Renaissance-Kanzelfuß steht seither dort. Der Turmraum ist als Eltern-Kind-Raum mit einer Glastür-Front, die den kompletten Turmbogen ausfüllt, abgeteilt vom Kirchenraum. Die Kirche ist im Bodenbelag, in der Wandfarbe und im Holzwerk einschließlich der tonnengewölbten Holzdecke hell, vorwiegend weiß und hellgrau gehalten.[2]

Glasgemälde

Rudolf Yelin d. J. hat 1950 ein Fenster (mit den Bildthemen Gethsemane, Pietà, Auferstandener, Engel) geschaffen,[3] dessen Position und Verbleib seit dem Einbau der weiteren Künstlerfenster nicht mehr bekannt ist.

Adolf Valentin Saile schuf 1955 in eigener Werkstatt zunächst das mittlere Chorfenster, das unten die Werke der Barmherzigkeit nach (Mt 25,1ff ) zeigt, darüber nach (Offb 21,1ff ) die Majestas Domini mit den zwölf Toren des Himmlischen Jerusalems und 1962 die Chorfenster links (Apokalyptische Reiter und Erzengel Michael) und rechts (Untergang Babylons nach (Offb 18,1ff )) sowie das Sakristeifenster (St. Blasius).

Hans Gottfried von Stockhausen verwirklichte mit der Werkstatt Saile im Jahre 1996 das Fenster der Seligpreisungen ((Mt 5,3–12 )) am Beginn der Bergpredigt, samt Guter Hirte, nahe der Kanzel, und 1999 das andere Südfenster vom Säen und Ernten (Mt 13,11 ), dann in den fischblasenartigen Verzierungen im gotischen Maßwerk des Rundfensters auf der Emporen-Südseite Szenen aus der Geburtsgeschichte Jesu und aus (Offb 12,1–18 ) sowie das nördliche Emporenfenster St. Ulrich zum Gedenken an das Patrozinium der Vorgängerkirche.

Glocken

Alle heutigen Glocken der Kirche stammen aus dem 20. Jahrhundert. Alle älteren mussten zu Kriegszwecken abgegeben und eingeschmolzen werden, zuerst im Dreißigjährigen Krieg, später in beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts.

Das heutige Geläut besteht aus fünf Glocken:

  1. Taufglocke (h′, 350 kg, 1921)
  2. Totenglocke (a′, 470 kg, 1951)
  3. Betglocke (fis′, 791 kg, 1951)
  4. Dominika (Erlöserglocke) (e′, 1092 kg, 1962)
  5. Gloriosa (cis′, 1870 kg, 1962)

Literatur

  • Joachim Hahn/Manfred Reiner: Evangelische Kirchen in Plochingen, Herba Verlag, Plochingen 1993, Aus der Kirchengeschichte; Die St.-Blasius-Kirche (S. 4–15)
  • Manfred Reiner/Klaus Steinhilber: Miteinander durch die Jahrhunderte, Schneider Verlag Hohengehren, 2008, „Die Gemeinden der Region um Plochingen“: „Plochingen“ (S. 73–76)
  • Evangelische Kirchengemeinde Plochingen: Die „neue“ Stadtkirche - Festschrift zur Wiedereinweihung der renovierten Stadtkirche am 23. Juni 2024; Plochingen 2024
Commons: Stadtkirche St. Blasius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Evangelische Kirchengemeinde Plochingen: Die „neue“ Stadtkirche - Festschrift zur Wiedereinweihung der renovierten Stadtkirche am 23. Juni 2024; Plochingen 2024
  2. Andreas Steidel: Gottesdienstraum ganz in Weiß; in: Ev. Gemeindeblatt für Württemberg, Juni 2024, S. 32 f
  3. Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902–1991): Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten; o. O. (Stuttgart), o. J. (1991), S. 75.

Koordinaten: 48° 42′ 29,1″ N, 9° 25′ 13,2″ O