St.-Johannes-Kirche (Reichenbach/O.L.)
Die St.-Johannes-Kirche ist eine Kirche in der Stadt Reichenbach/O.L. im Landkreis Görlitz in Sachsen. Sie gehört zur evangelischen Kirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach/OL, die Teil des Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) ist. Die Kirche ist nach dem Evangelisten Johannes benannt.
Die ursprünglich gotische Kirche bildet mit ihrem 46 Meter hohen Kirchturm das markanteste Gebäude der Stadt Reichenbach und mitsamt Kirchplatz ihren Mittelpunkt.
Geschichte
Die St.-Johannes-Kirche stammt in ihrer ältesten Form aus dem frühen 13. Jahrhundert und wurde mit der Stadtgründung Reichenbachs als Erzpriesterstuhl des Bistums Meißen als Stadtkirche eingerichtet. Teile der Grundmauern und einige Putze sind bis heute als Zeugen aus dieser Zeit erhalten. Der ursprüngliche Kirchenbereich war eine Wehranlage mit Wehrmauer und einer zumindest teilbefestigten Kirche inmitten einer ansonsten nicht geschützten Stadt. Der Kirchturm war zum Burgfried (starker Wehrturm) ausgebaut, in dem die Bevölkerung bei Gefahr Zuflucht suchen konnte.[1]
Die Stadt Reichenbach/O.L. liegt an der Via Regia, einer alten Handels- und Verkehrsader und heutige Kulturstraße Europas. Auf ihr zogen Heere immer wieder durch die Stadt und brachten neben Plünderungen, Brandschatzungen und Rekrutierungen auch Kriegshandlungen mit sich. In diesen Momenten war die Kirche eine wichtige letzte Sicherheit. So ist überliefert, dass im Dezember 1430 die Hussiten von Böhmen heraufzogen und Reichenbach überfielen. Die Bevölkerung nahm mit ihrer Habe Zuflucht hinter der Kirchhofmauer und, als diese überrannt wurde, im Turm der Kirche. Nur das Gerücht einer anrückenden Entsatzarmee des Landvogts aus Löbau vertrieb die Feinde. Zurück blieben eine gebrandschatzte Stadt und deren traumatisierte Bevölkerung.
Am 11. September 1670 erlebt Reichenbach seinen „schwarzen Tag“. Die Stadt samt St.-Johannes-Kirche brannte nieder. Die spätgotische, zweischiffige Kirche wurde innerhalb von vier Jahren durch Georg Ernst v. Gersdorff und seiner Frau Sofia Tugendreich, geb. v. Sander, wieder aufgebaut. Dabei wurden aus dem Vorgängerbau unter anderem Teile der Sakristeitüren in der neuen Kirche wiederverwendet.[2] Im Stil des Barock bzw. Frühbarock wurde sie einheitlich eingerichtet, hat aber altersbedingt romanische Reste aus dem 12. Jahrhundert.[3] Im Jahr 1685 erhielt sie ihren Taufstein, eine Kanzel und einen Altar, sowie eine künstlerisch einheitliche Fassung. Diese ist größtenteils bis heute in sehr gutem Zustand erhalten.[2]
Ab 1888 wurde die Kirche umfassend saniert, im Zuge dessen wurde die Empore zweigeschossig umgebaut. 1986 begann eine umfassende Außensanierung, dann ab 1992 die Innensanierung der Kirche, die 2024 abgeschlossen wurde.[4]
Architektur
Die Kirche ist ein verputzter Bau aus Bruchsteinmauerwerk mit angeputzter Eckquaderung. Das Kirchenschiff unter einem Satteldach hat hohe flachbogige Fenster. Im Osten befindet sich der eingezogene, flach abgeschlossene Altarraum, der mit Strebepfeilern an den Gebäudeecken gegliedert ist. Südlich des Altarraums ist die Sakristei angebaut. Der Turm ist auf die Westwand aufgesetzt und schließt mit einer Schweifhaube ab, 1756 wurde der Turm nachträglich erhöht.[5]
Ausmalung und Ausstattung
Ihre Bedeutung erhält sie durch die stileinheitliche Innenausstattung aus dem Frühbarock mit biblischen Bilderreihen und emblematischen und aus der Frömmigkeitsliteratur des 17. Jahrhunderts stammenden Darstellungen samt ihrer großflächigen Wandmalereien im Chorraum.
Die Ausstattung weist viele Bezüge zur Stadtgeschichte auf und ist gut erhalten. Das älteste Ausstattungsstück ist der von 1682 stammende Taufstein, der noch heute zu sehen ist. Der Altar ist als Hochaltar in der klassischen Vierteilung aufgebaut. In der Predella findet sich die Darstellung des letzten Abendmahls (Gründonnerstag), im Hauptbild die Kreuzigung (Karfreitag), darüber ein Relief der Grablegung Christi (Karsamstag) und als Bekrönung eine Skulptur des auferstandenen Christus (Ostern). Weitere Gegenstände in der Kirche: Beichtstuhl, Ratsherrengestühl, Patronatsloge, Grabplatten vier Epitaphe, die in den Jahren 1713–1743 angebracht wurden.
In der Patronatsloge der Familie von Gersdorff befindet sich unter anderem ein Kachelofen, der Ende des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. Er ist 280 cm hoch und hat eine Seitenlänge von 74 cm. Er dürfte sich ursprünglich an einer anderen Stelle befunden haben, da er im Jahr 2025 weder über eine Feuerungsöffnung, noch um einen Rauchabzug verfügt. Dafür spricht auch, dass der Ofen auf später angebrachten Eichenfüßen ruht. Sie tragen einen anthrazitfarbenen Sockel aus Gusseisen, der an drei Seiten ein Relieff mit der Darstellung des barmherzigen Samariters zeigt. Oberhalb des Sockels befindet sich der in hellgrün und braun gehaltene Hauptteil. Die vier Seiten sind mit je vier großen Fliesen verziert, die ein gerahmtes und koloriertes Reliefbild mit einer Höhe von 60 cm und einer Breite von rund 40 cm tragen. Zwei Platten tragen ein identisches Motiv und zeigen an der Nord- und Westseite Jakobs Kampf am Jabbok, während an der Südseite Der Herr bei Abraham und Sara in Mamre und auf der Südseite Die Emmausjünger zu sehen sind. Auch dies spricht für einen ursprünglich anderen Standort. Die Fliesen wurden nach Druckgraphiken modelliert, die zu einer vierteiligen Serie Die vier Tageszeiten gehörten und vom deutschen Kupferstecher Elias Nessenthaler (1664–1714) hergestellt wurden. Experten vermuten, dass es sich um die „einzigen Kopien in deutschen Kirchen nach Graphien in Schabkunst von Elias Nessenthaler“[4] handelt.
Die Orgel ist ein Werk von Friedrich Ladegast aus dem Jahr 1865 mit 17 Registern auf zwei Manualen und Pedal.[6]
Literatur
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Sachsen. Band 1: Regierungsbezirk Dresden. Bearbeitet von Barbara Bechter, Wiebke Fastenrath und anderen. Deutscher Kunstverlag, München 1996, ISBN 3-422-03043-3, S. 745f.
- Traugott Richter: Chronik von Reichenbach, Selbstverlag, Reichenbach O./L. 1867
- Arthur Kirchner: Chronik von Reichenbach. Görlitz 1931
- H. Fichtner: Die kirchlichen Verhältnisse von Reichenbach vor etwas 100 Jahren. o.A. 1934
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Christoph Wiesener: Die St. Johanneskirche in Reichenbach O./L. Nr. 11. Reichenbach O.L. 2013.
- ↑ a b Inge Gotzmann: St. Johanneskirche Reichenbach O/L. In: dies.: Dorfkirchen in Deutschland. Bund Heimat und Umwelt in Deutschland, Bonn 2007, ISBN 978-3-925374-78-4, S. 68–69, hier S. 68.
- ↑ von Gersdoff < (zuletzt Aufgerufen: 12. Januar 2021)
- ↑ a b Rudolf Bönisch: Die Tageszeiten auf Relieffliesen: Der barocke Kachelofen in der Loge der Johanniskirche Reichenbach/Oberlausitz, veröffentlicht in Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Offene Kirchen 2025: Kirchen – 80 Jahre nach Kriegsende, S. 60–63.
- ↑ Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Sachsen. Band 1: Regierungsbezirk Dresden. Deutscher Kunstverlag, München 1996, ISBN 3-422-03043-3, S. 745.
- ↑ Orgeldatabase | Gedetailleerde beschrijving. Abgerufen am 1. September 2023.
Koordinaten: 51° 8′ 29,7″ N, 14° 48′ 12,5″ O