St.-Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche

Die evangelisch-lutherische St.-Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche (ehem.: von Behr’sche Gutskapelle) im Walsroder Ortsteil Stellichte (Lüneburger Heide) ist eine Renaissancekirche mit einer vollständig erhaltenen, reichen und einheitlichen Ausstattung. Sie gilt neben der Celler Schlosskapelle als eine der kostbarsten und besterhaltenen Renaissancekirchen in Norddeutschland.

Namensgebung

Wie schon der Vorgängerbau ist die Kirche drei Heiligen gewidmet: dem heiligen Georg, dem Drachentöter, dem heiligen Christophorus, einem der Vierzehn Nothelfer und Schutzheiligen der Reisenden, und dem heiligen Jodokus, einem Klostergründer, Einsiedler und Pilger, der im 7. Jahrhundert im heutigen Nordfrankreich lebte.

Geschichte

Das Gut Stellichte gehört seit 1479 der Familie von Behr. Dietrich von Behr der Jüngere (1575–1632), Geheimer Rat des Lüneburger Herzogs Christian der Ältere und Großvogt von Celle, ließ die Gutskapelle 1608–1614 als Grablege für seine 1607 früh verstorbene Ehefrau Elise Magdalene, geb. von Bothmer auf der vorhandenen Kapelle errichten. Als Vorbild diente ihm die Ende des 15. Jahrhunderts erbaute Celler Schlosskapelle. Carl Wolff schreibt 1902:

„1574 bestimmte Dietrich Behr in seinem Testament, daß die von ihm gebaute Kirche zu Stellichte von seinen Söhnen und Nachkommen „in baulichen wesen“ unterhalten werden solle. Ferner fügt er zu den bereits von seinem Bruder Heinrich zur Ehre Gottes gegebenen 1000 Thalern noch weitere 1000 Thaler, welche zinsbar angelegt werden sollen. Von den mindestens 100 Thaler betragen sollenden Zinsen soll ein gelehrter Mann, der zu Stellichte ein Pastor sein könne, besoldet und unterhalten werden. Derselbe solle in der Woche dreimal in der Kapelle predigen, und was einem Pastor gebühre, thun. 1610 ließ Dietrich Behr die kleine Kapelle abbrechen und statt ihrer eine größere erbauen, wie dies zwei rechts und links von der Orgel hängende Inschrifttafeln darthun.“[1]

Die Kapelle wurde 1702 zur Pfarrkirche erhoben. 1901 wurde die Kirche aufwändig renoviert. Sie gehört seit 1975 zur Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Ausstattung

Größere Mauerteile wurden vom Vorgängerbau übernommen. Die Kirche besteht aus einem mit Strebepfeilern gegliederten nachgotischen Backsteinsaal, wobei dem Bau aus dem Jahre 1479 im Osten ein dreiseitiger Chor und im Süden ein reichverziertes Sandsteintor mit freistehenden ionisierenden Säulen und Statuen der Apostel Petrus (links) und Paulus (rechts) in den Nischen hinzugefügt wurde. Auf den Schrägen des gesprengten Dreiecksgiebels sind weibliche Figuren und das Wappen des Erbauers. Der gedrungene Westturm mit der Jahreszahl 1608 auf quadratischem Grundriss wurde vollständig neu errichtet. Den Abschluss des Glockenturms mit der Glocke von 1621 bildet ein Geviert mit Wasserspeiern und mehrfach geschwungener Turmspitze. 1710 wurden beiderseits des Turmes niedrige Gruftbauten angefügt. Das westliche Rundbogenportal im Turm ist mit Zierquadern eingefasst und mit einem geflügelten Engelskopf im Scheitel versehen. Der Bau weist zweibahnige Rundbogenfenster auf.

Das Kircheninnere verfügt über eine prachtvolle hölzerne Kassettendecke mit geometrischen Mustern und darin eingebetteten geflügelten Engelsköpfen und Rosetten. Der über dem früheren Beisetzungsraum erhöhte Chor ist durch eine Holzschranke mit durchbrochenen Brüstungen von 1610 vom Gemeinderaum abgetrennt. Der mittige Zugang ist von einem großen hölzernen Kielbogen mit Triumphkreuzgruppe bekrönt. Eine Ädikula rahmt das aus Gemälden bestehende Altarretabel ebenfalls von 1610. In der Predella befindet sich eine Abendmahlsdarstellung, in der Mitte eine Kreuzigung, in den Seitenwangen Darstellungen von Geburt (links) und Taufe Jesu (rechts) sowie einem Jüngsten Gericht im Altaraufsatz. Daneben halten Wappenträger Wappen der Familien Behr und Bodmer. Der Fußboden im Chor besteht aus gelb und grün glasierten Fliesen, Der Boden im Kirchenschiff besteht aus roten Platten mit eingerieften Rosetten. Zum einheitlichen Eindruck tragen auch das geschnitzte und bemalte Holzgestühl und die reichgeschmückte und architektonisch gegliederte Holzkanzel mit filigran aufgebautem Schalldeckel an der Nordwand bei, die nur vom Altarraum zugänglich ist. Eine Besonderheit ist die auf der Brüstung der Kanzel angebrachte Kanzeluhr, eine viergläsrige Sanduhr.[2]

Orgel

Die ursprünglich von dem Niederländer Andreas de Mare 1599 für das Kloster Thedinga in Ostfriesland erbaute Orgel wurde von dessen Sohn Marten de Mare ausgebaut, als das Kloster im Jahr 1609 aufgelöst wurde. Während das Pfeifenwerk möglicherweise für die Orgel der Großen Kirche in Leer verwendet wurde, baute de Mare das prächtige Renaissancegehäuse 1610 über das Westportal des Kirchturms in die Stellichter Kleinkirche ein. Es ist eines der ältesten bemalten Orgelprospekte im norddeutschen Raum. Im Jahr 1910 wurde im Zuge der Renovierung das Innenwerk der Orgel modernisiert, 1985 wieder von Jürgen Ahrend in der Bauweise der Renaissance rekonstruiert. Seitdem verfügt die Orgel über 12 Register auf zwei Manualen und angehängtem Pedal. Das Werk weist folgende Disposition auf:[3]

I Hauptwerk CDE–c3
Quintadena 8′
Gedackt 8′
Principal 4′
Gemshorn 4′
Octave 2′
Nasat 112
Sesquialtera II
Mixtur IV
II Brustwerk CDEFGA–c3
Regal 8′
Rohrflöte 4′
Hohlquinte 3′
Spitzflöte 2′
Pedal CDE–d1
angehängt

Literatur

Commons: St. Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche (Stellichte) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. Carl Wolff (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover. III. Regierungsbezirk Lüneburg, 1. Kreise Burgdorf und Fallingbostel. Selbstverlag der Provinzialverwaltung, T. Schulzes Buchhandlung, Hannover 1902, S. 155.
  2. Rosl Schäfer: Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche Stellichte. Walsrode 2008. S. 15.
  3. Die Renaissance-Orgel der Stellichter Kirche (Memento vom 30. Oktober 2016 im Internet Archive), stadtkirche-walsrode.de.

Koordinaten: 52° 56′ 23,8″ N, 9° 31′ 56,6″ O