St-Martin (Lignières-de-Touraine)

Église Saint-Martin, Lignières-de-Touraine
Basisdaten
Konfession römisch-katholisch
Ort Lignières-de-Touraine, Frankreich
Diözese Erzdiözese Tours
Patrozinium hl. Martin von Tours
Baugeschichte
Baubeginn 12. Jahrhundert
Baubeschreibung
Baustil Romanik
Ausstattungsstil Romanik
Funktion und Titel

Pfarrkirche

Koordinaten 47° 17′ 51″ N, 0° 24′ 58″ O
Vorlage:Infobox Kirchengebäude/Wartung/Verwaltungseinheit-Bezeichnung fehlt

Die Kirche Saint-Martin ist die Pfarrkirche der Gemeinde Lignières-de-Touraine im französischen Département Indre-et-Loire. Die im 12. Jahrhundert erbaute Kirche wurde im 13. und im 16. Jahrhundert zweimal umgestaltet und vergrößert. Ihr Chorraum und ihre Apsis sind vollständig mit romanischen Fresken bedeckt, die 2008/09 freigelegt wurden[1] und überwiegend biblische Szenen wiedergeben. Die Kirche wurde am 1. Juli 2014 als Monument historique eingestuft.[2]

Genaue Lage

Die Kirche wurde im Zentrum von Lignières-de-Touraine errichtet, und zwar an der Kreuzung der Straße von Rigny-Ussé nach Villandry mit der Straße von Langeais nach Azay-le-Rideau.

Geschichte

Die Kirche ist zu großen Teilen im 12. Jahrhundert erbaut (braune Farbe) und bereits zur Zeit der Erbauung mit Fresken ausgemalt worden, die den Chor und die Apsis schmücken. Dies geschah gemäß detaillierter Untersuchungen zweifellos im zweiten oder dritten Viertel des 12. Jahrhunderts.[3] Im 13. Jahrhundert wurde an der Südseite der Kirche der Glockenturm angebaut (rote Farbe). Im 16. Jahrhundert wurde die Kirche im Süden um ein Seitenschiff vergrößert und die Fassade an diese neue Form des Baukörpers angeglichen (orange Farbe).[4][5]

Zwar erfuhr bis zum 19. Jahrhundert das Kirchengebäude keine weiteren Veränderungen mehr, jedoch waren die Malereien das Objekt zweier bedeutender Eingriffe. 1749 wurden Chor und Apsis neu verputzt, wobei die romanischen Malereien im Bereich des Chorraums durch einen Sternenhimmel und diejenigen in der Apsis durch eine Gruppe von Engeln überdeckt wurden.[6][7] Von diesen wurde bei der Freilegung 2008/09 ein Engelkopf erhalten, um den Zustand des 18. Jahrhunderts zu dokumentieren.[8] Durch die Verschlechterung des Zustands dieser Übermalung kamen 1857/58 die romanischen Malereien teilweise wieder zum Vorschein, worüber der Maler und Historiker Louis de Bodin, Graf von Galembert berichtete.[9] In den Jahren 1874–1877 brachte der Pfarrer und Architekt Pierre-Paul Brisacier, der Kunstkurse besucht hatte, die Malereien teilweise ans Tageslicht und überdeckte sie im zeitgenössischen Stil.[10] Dafür benutzte er die Technik der Marouflage für von ihm bemalte Leinwände. Pfarrer Brisacier bemalte auch die Wände mit Linien eines vermeintlichen Mauerwerks. Man hielt dies dann lange Zeit für den ursprünglichen Zustand der Malereien und stellte diese am 12. März 1907 unter Schutz.[11] In einem nächsten Schritt wurden zwischen 1877 und 1901 die Fenster mit Buntgläsern aus dem Atelier Fournier et Clement in Tours ausgestattet.

Bei einem Gewitter in den 1930er Jahren wurde der Glockenturm stark beschädigt und musste teilweise neu aufgebaut werden.[12] 1975 wurde ein Vordach, das an der romanischen Westfassade angebracht worden war, abgetragen.

2008-2009 wurden erneut umfassende Arbeiten an den Malereien vorgenommen.[1] Bei dieser Gelegenheit, wurden alle im 18. Jahrhundert übertünchten Malereien wieder freigelegt[2] und in einer Art und Weise restauriert, die viel besser der ursprünglichen Malweise der Originale entspricht als die vorhergehenden Interpretationen von Brisacier.[7] Ein Teil der von Pfarrer Brisacier für die Apsis angefertigten und abgenommenen Marouflages wurden am Westende des Seitenschiffs aufgehängt.[13]

Beschreibung

Architektur

Die Kirche besteht aus einem Hauptschiff, das an der Südseite von einem Seitenschiff flankiert wird, welches die Basis des Glockenturms mit einschließt. An das Hauptschiff schließt sich ein Chorraum an, der in einer halbrunden Apsis endet.

Die Westfassade besteht aus zwei nebeneinander liegenden und aufeinander ausgerichteten Giebeln. Der nördliche Giebel gehört zum Kirchenschiff des 12. Jahrhunderts. Er besitzt ein Spitzbogenportal und darüber ein rundbogiges Zwillingsfenster. Der südliche Giebel des im 16. Jahrhundert ergänzten Seitenschiffs besitzt ein von Pilastern eingefasstes, rechteckiges Renaissanceportal und eine Fensterrose.[14]

Das Kirchenschiff besteht aus einem einzigen Joch und ist von einer hölzernen Flachdecke bedeckt. Es wird von der Nordseite her durch vier kleine Rundbogenfenster erleuchtet.[15] Das südliche Seitenschiff ist durch eine Arkadenreihe mit dem Hauptschiff und dem Chor verbunden und wird mittig vom Fundament des Glockenturms unterbrochen, doch ein Durchgang durch dieses Fundament gewährleistet die Kontinuität des Bauplans. Das Seitenschiff empfängt Tageslicht durch zwei spitzbogige Maßwerkfenster westlich des Turmfundaments und zwei kleinere Spitzbogenfenster östlich davon.[4]

Der Chor, der schmaler ist als das Hauptschiff und aus einem Joch besteht, besitzt ein spitzbogiges Tonnengewölbe und endet mit einer halbrunden Apsis, die von einer Halbkuppel überwölbt ist.[15] Chor und Apsis werden von kleinen Rundbogenfenstern erleuchtet.[16]

Ausschmückung

Malereien

Die im 12. Jahrhundert entstandenen, im 19. Jahrhundert übermalten und 2008/09 in den Ursprungszustand restaurierten Malereien erstrecken sich über vier architektonische Komponenten: den Gurtbogen, der den Chorraum vom Kirchenschiff abtrennt, das Spitztonnengewölbe des Chorraums, die Halbkuppel der Apsis und die Laibungen der beiden Rundbogenfenster der Apsis.

Die Unterseite des Gurtbogens zeigt ein Kalendarium, auf dem meist prägnante Tätigkeiten der Landwirtschaft in den jeweiligen Monaten abgebildet sind. Während die Abbildungen für Januar und Dezember bei den Renovierungsarbeiten von 1876 zerstört wurden,[4] blieben folgende Darstellungen erhalten:

  • Februar: Ein auf einem Stuhl sitzender Mann wärmt sich an einem Feuer
  • März: Der Rückschnitt der Weinreben
  • April: Neuanpflanzung
  • Mai: Ein Ritter mit Standarte steht neben einem grasenden Pferd
  • Juni: Ein Bauer mit Strohhut mäht den Weizen mit der Sense
  • Juli: Kornernte mit einer Sichel
  • August: Dreschen des Getreides
  • September: Ein Winzer zerstampft in einem Bottich die Trauben
  • Oktober: Eine Bäuerin sammelt Äpfel in ihre Schürze
  • November: Wildschweinjagd mit dem Bogen[17]

Die Malereien am Gewölbe des Chorraums zeigen auf beiden Seiten zwei übereinander angeordnete Register, jedoch hat sich das untere Register auf der Südseite nicht erhalten. Im oberen Register der Südseite sieht man von links nach rechts die drei Versuchungen Christi (Mt 4, 3-10): Jesus lehnt es nacheinander ab, Steine in Brot zu verwandeln, sich von der Zinne des Jerusalemer Tempels zu stürzen oder vom Satan die Herrschaft über die ganze Welt übertragen zu bekommen.[18]

Das obere Register der Nordseite erzählt von Ost nach West das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lk 16, 19-25): Zu Beginn bettelt Lazarus vor der Tür des Reichen, der inmitten seiner Höflinge schwelgt. Er stützt sich auf eine Krücke und hält eine Art Klapper in der Hand, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Der biblischen Tradition entsprechend leckt ein Hund seine Wunden. In der nächsten Szene stirbt Lazarus arm und allein, wird aber von Engeln empfangen, die seine Seele tragen. Der Reiche stirbt in einem Himmelbett, umgeben von seinen Höflingen und seiner Frau. Ein Teufel ergreift seine Seele, während sich ein anderer hinter dem Bettvorhang versteckt. Schließlich trägt Abraham am Ende die Seele des Lazarus auf seinem Schoß, während der Reiche inmitten der Flammen brennt.[19] Das untere nördliche Register zeigt, ebenfalls von Ost nach West, den Sündenfall: Zuerst erschafft Gott Eva (Gen 2, 21-22), dann weist er auf den Baum der Erkenntnis hin (Gen 2, 17). Anschließend erfolgt der Sündenfall, die Zurechtweisung durch Gott und die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies durch den Erzengel Michael (Gen 3, 1-24).[18]

Im Gewölbe der Apsis thront Christus in einer Mandorla umgeben von Seraphim und den vier Lebewesen der Apokalypse.[17]

Die Laibungen des zentralen Apsisfensters schließlich zeigen links Abel, der zur Hand Gottes über ihm aufblickt, und rechts Kain, der seine Feldfrüchte emporhebt.[20]

Fenster

Die Glasfenster wurden zwischen 1875 und 1901 von der Glasmacherwerkstatt Fournier et Clément aus Tours gefertigt. Sie zeigen die Erziehung der Jungfrau Maria durch die hl. Anna und darunter das Porträt von Pfarrer Jean-Paul Brisacier sowie die heilige Familie in Nazareth und darunter das Porträt des Arztes Dr. Saturnin Thomas (beide von 1875 [Julien Fournier & Armand Clément]), den hl. Petrus und den hl. Martin (1898 [Julien Fournier]), nochmals den hl. Petrus, den hl. Augustinus, die hl. Cäcilia, eine Begegnung der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind mit Elisabet und Johannes dem Täufer sowie die hl. Solange, den hl. Paulus und zwei Szenen aus dem Leben der Johanna von Orléans (1900 [Julien & Lux Fournier]), den gekreuzigten Christus (Armand Clément, undatiert) und die Jungfrau Maria und den hl. Josef (anonym und undatiert).[17]

Einzelnachweise

  1. a b Geneviève Reille-Taillefert: La médiatisation comme médiation de la restauration ? In: Conservation, Exposition, Restauration d'Objets d'Art - Revue electronique. DOAJ Foundation, Mai 2010, abgerufen am 22. November 2025 (französisch).
  2. a b Eglise Saint-Martin. In: pop.culture.gouv.fr. Ministère de la Culture, 1. Juli 2014, abgerufen am 22. November 2025 (französisch).
  3. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit: étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band I. Art et Histoire de l'Art, Université de Tours, Tours 2021, S. 262 (französisch, hal.science).
  4. a b c Robert Ranjard: La Touraine archéologique: guide du touriste en Indre-et-Loire. 3., Nachdruck Auflage. Imprimerie de la Manutention, Mayenne 1986, ISBN 2-85554-017-8, S. 413 (französisch).
  5. Patrick Léon, Alain Montoya: Lignières de Touraine - Église Saint-Martin. In: belleseglises.com. L'association Belles Églises, abgerufen am 22. November 2025 (französisch).
  6. Eglise Saint-Martin à Lignières-de-Touraine. In: monumentum.fr. 2. November 2025, abgerufen am 24. November 2025 (französisch).
  7. a b Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit: étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 381 (französisch, hal.science).
  8. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit: étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 399 (französisch, hal.science).
  9. Louis Marie Charles de Bodin, comte de Galembert: Excursion à Lignières, Villandry et Vallères. In: Mémoire de la Société Archéologique de Touraine. Band XX. Guilland-Verger / Dumoulin, Tours / Paris 1858, S. 38–42 (französisch, bnf.fr).
  10. Pierre Garrigou Grandchamp: Lignières-de-Touraine. Restauration d’un important ensemble de peintures murales romanes. In: Bulletin Monumental. Band CLXVII, Nr. 2. Éditions Picard, 2009, S. 168–169 (persee.fr).
  11. Eglise Saint-Martin. In: pop.culture.gouv.fr. Ministère de la Culture, 2012, abgerufen am 26. November 2025 (französisch).
  12. LIGNIERES DE TOURAINE - Eglise Saint Martin. In: photos-eglises.fr. Abgerufen am 26. November 2025 (französisch).
  13. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit : étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 383 (französisch, hal.science).
  14. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit : étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 379 (französisch, hal.science).
  15. a b Jean-Mary Couderc (Hrsg.): Dictionnaire des communes de Touraine. Chambray-lès-Tours 1987, ISBN 2-85443-136-7, S. 467 (französisch).
  16. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit: étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 379 (französisch, hal.science).
  17. a b c Lignières-de-Touraine. In: tourainissime.blogspot.com. 22. Januar 2009, abgerufen am 3. Dezember 2025 (französisch).
  18. a b Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit: étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 384 (französisch, hal.science).
  19. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit : étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 386 und 407 (französisch, hal.science).
  20. Amaëlle Marzais: De la main à l’esprit : étude sur les techniques et les styles des peintures murales dans l’ancien diocèse de Tours - (XIe-XVe siècles), Doktorarbeit. Band III. Université de Tours, Tours 2021, S. 399 (französisch, hal.science).