Sprengstofffabrik Fasan

Die Sprengstofffabrik Fasan war ein bedeutender Rüstungsbetrieb der Dynamit AG in Bobingen im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben. Sie wurde Ende der 1930er Jahre zur großindustriellen Herstellung des Sprengstoffs Hexogen errichtet. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war die Fabrik Schätzungen zufolge für bis zu 80 % der deutschen Produktion dieses hochwirksamen Sprengstoffs verantwortlich.[1]

Anlage und Produktion

Die Errichtung begann im Dezember 1938 unter der Leitung der Münchener Baufirma Muy und Pitroff. Die Anlage entstand in einem weitläufigen Waldgebiet südwestlich von Bobingen am rechten Ufer der Wertach. Bereits 1939 wurde das Areal westlich des Flusses erweitert. Der Bauaufwand war mit zeitweise 3.000 Arbeitern beträchtlich; die Kosten wurden nach Kriegsende auf über 21 Millionen DM geschätzt. Zur Sicherung gegen Eindringlinge sowie zur Verhinderung von Fluchtversuchen war das gesamte, viele Hektar umfassende Gelände eingezäunt und mit Stacheldraht gesichert.[1]

Die Fabrik bestand aus zwei Werken:[1]

Werk I (östlich der Wertach)
Hier befanden sich mehrere bunkerartige Gebäude zur Produktion von Essigsäure und anderen chemischen Vorprodukten.
Werk II (westlich der Wertach)
Das produzierte Hexogen wurde per Werkbahn über die Brücke nach Werk II transportiert und dort gelagert. Hierfür existierte ein speziell errichteter großer Bunker.

In Bobingen wurde das sogenannte KA-Verfahren (siehe auch Gewinnung und Darstellung von Hexogen) angewendet, das damals als eines der modernsten Verfahren zur Hexogen-Herstellung galt. Hexogen war wesentlich effektiver als Dynamit. Die Produktion stieg von anfänglich 31 Tonnen pro Jahr auf bis zu 300 Tonnen pro Monat im Jahr 1944 an.

Die Fabrik erhielt einen Gleisanschluss an den Bahnhof Bobingen. Innerhalb des Werkes wickelte eine Dampfspeicherlokomotive den Güterverkehr ab.[2] Eine bis heute erhaltene Eisenbahnbrücke über die Wertach verband die beiden Werksteile.[1]

Zwangsarbeit

Um den enormen Arbeitskräftebedarf zu decken, wurden ab Mai 1942 neben den ca. 400 regulär Angestellten verstärkt Zwangsarbeiter eingesetzt. Für sie wurden am linken Wertachufer sowie im Wald bei Straßberg Barackensiedlungen errichtet, deren Grundmauern teilweise bis heute sichtbar sind.[1]

Sicherheit und Luftangriffe

Die Produktionsstätten wurden weitläufig über das Fabrikgelände verstreut. Zum einen sollte so verhindert werden, dass bei Unfällen Explosionen große Teile der Produktion zerstörten. Zum anderen war die Anlage dadurch für die feindliche Luftaufklärung schwerer auszumachen.

Tatsächlich ereigneten sich aber nur zwei größere Unfälle. Im Dezember 1942 lösten Schweißarbeiten eine Explosion aus, bei der zwei Arbeiter ums Leben kamen. Eine zweite Explosion im Februar 1943 kostete ebenfalls zwei Arbeitern das Leben und legte die Produktion für drei Monate lahm.

Erstmals fielen in der Nacht vom 3. zum 4. Juni 1943 Bomben auf Bobingen. Ziel war vermutlich aber nicht die Sprengstofffabrik, sondern der benachbarte Militärflugplatz Lechfeld. Erst ein zweiter Fliegerangriff am 16. März 1944 richtete in dem Werk und dem benachbarten Ort Wehringen schwerere Schäden an.

Kriegsende und Verbleib

Am 28. April 1945 nahmen Einheiten der US-Armee das Werk ein. Später wurden Teile der Bunkeranlagen von den Amerikanern gesprengt und unbrauchbar gemacht.[1] Der großer Lagerbunker im Werk II blieb allerdings erhalten und diente bis Ende der 1950er Jahre als Café und Tanzlokal (sog. Bunkercafé).[1] Danach wurde der Bereich sich selbst überlassen und verwilderte zunehmend.

Die Überreste der Produktions- und Lagergebäude sowie die Eisenbahnbrücke sind im Wald noch vorhanden. Während das ehemalige Werksgelände westlich der Wertach teilweise zugänglich ist, bleibt der Werksbereich östlich der Wertach für die Öffentlichkeit gesperrt. Im Boden werden Altlasten aus der Sprengstoffproduktion vermutet, weshalb eine kontinuierliche Überwachung des Grundwassers erfolgt. Es existiert ein Archiv, das jedoch nicht öffentlich zugänglich ist.[1]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Sprengstoff für Hitlers Krieg: Der Lost Place „Fasan“ in Bobingen. In: Augsburger Allgemeine, erschienen am 4. Dezember 2025, S. 37.
  2. Peter Rasch: Die Nebenbahnen zwischen Ammersee, Lech und Wertach. EOS Verlag, St. Ottilien 2011, ISBN 978-3-8306-7455-9, S. 291–296.

Koordinaten: 48° 15′ 51,32″ N, 10° 48′ 3,05″ O