Sozialrepublikanismus

Der Sozialrepublikanismus (oder auch: sozialer Republikanismus) ist eine politische Strömung links von der Sozialdemokratie, die auf die Schaffung einer sozialen Republik abzielt und Elemente des Sozialismus mit der Idee der Bürgerlichkeit verbindet.

Bürgerlichkeit bezieht sich dabei auf eine Auffassung von politischer Freiheit, die in der republikanischen Tradition des neoathenischen Bürgerhumanismus steht. Sie meint die kollektive Teilhabe an der Gestaltung der Gemeinschaft und unterscheidet sich somit vom liberalen Bürgerbegriff, der das einzelne Individuum in den Vordergrund stellt.

Geschichte

Als sozialrepublikanisch galten in Deutschland seit der Revolution von 1848/49 Bewegungen, die den Kampf für die Republik über das Politische hinaustreiben wollten, etwa mit Blick auf den Pariser Juniaufstand.[1] In den USA bezeichneten sich sozialistisch orientierte Forty-Eighters als „soziale Republikaner“.[2] Auch die Pariser Kommune wurde verschiedentlich in diesem Sinne eingeordnet.[3] Wilhelm Liebknecht und August Bebel nannten sich „Sozialrepublikaner“, als sie am 21. Juli 1870 im Norddeutschen Reichstag eine Erklärung gegen die Finanzierung des Deutsch-Französischen Kriegs abgaben.[4]

Meyers Großes Konversations-Lexikon definierte 1909 die Soziale Republik als „Freistaat mit Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise und jeglichen Klassenunterschiedes“.[5] Seitdem führten sozialrepublikanische Ideen in Deutschland eher ein Nischendasein. Von 1932 bis 1933 existierte kurzzeitig die Sozial-Republikanische Partei Deutschlands, eine Absplitterung der SPD und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.

Gegenwart

Geläufiger ist der Begriff heute vor allem in Frankreich, wo es eine Reihe linker bzw. linksradikaler Organisationen gibt, die sich positiv auf den Begriff des Bürgers beziehen, so etwa Attac oder die Parti de Gauche (PG).

Neuere Interpretationen des Sozialrepublikanismus finden sich hierzulande etwa beim sozialdemokratischen Publizisten Nils Heisterhagen. Er versteht darunter eine konsequente Fortführung des Sozialliberalismus, der im Gegensatz zu Letzterem aber nicht „vom Einzelnen aus für den Einzelnen“, sondern „für alle durch alle“ denke.[6]

Der Sozialwissenschaftler Holger Marcks und der Historiker Felix Zimmermann wiederum verstehen darunter den Ansatz einer „Demokratisierung der sozialen Sphären“. Demnach sei das Prinzip des Kollektivrechts, das im Bereich der Arbeit durch Gewerkschaften erstritten wurde und zu konstitutionellen Elementen in der Wirtschaft geführt hat (z. B. Betriebsverfassungsgesetz) auf die Bereiche des Wohnens, des Verbrauchs und der Vorsorge zu übertragen. Auch hier lägen Klassenwidersprüche vor, die „gewerkschaftliche Sozialorganisationen“ (z. B. Mietergewerkschaften, Verbrauchergewerkschaften), kollektive Vereinbarungen und Mitbestimmung rechtfertigten. Denkbar seien auch repräsentative Strukturen in den jeweiligen Sphären, mit denen die politische Demokratie um „soziale Demokratien“ (Wirtschaftsdemokratie, Liegenschaftsdemokratie usw.) ergänzt würde. Die daraus resultierende Ordnung bezeichnen Marcks und Zimmermann als „Republik der sozialen Demokratien“.[7]

Anmerkungen

  1. Rolf Weber: Die Revolution in Sachsen 1848/49. Akademie-Verlag, Berlin 1970, S. 131.
  2. Ansgar Reiß: Radikalismus und Exil. Gustav Struve und die Demokratie in Deutschland und Amerika (= Transatlantische historische Studien, Band 15). Steiner, Stuttgart 2004, S. 236.
  3. Leó Frankel: Die Proklamation der sozialrepublikanischen Kommune in Paris. In: Der Volksstaat. Leipzig Nr. 31 vom 15. April 1871.
  4. Der Hochverraths-Prozess wider Liebknecht, Bebel, Hepner vor dem Schwurgericht zu Leipzig vom 11. bis 26. März 1872. Verlag der Expedition des ‚Vorwärts‘ Berliner Volksblatt, Berliner Volksblatt, S. 6.
  5. Artikel „Sociale Republik“, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 638.
  6. Nils Heisterhagen: Existenzieller Republikanismus. Ein Plädoyer für Freiheit. Transcript, Bielefeld 2017, S. 87.
  7. Holger Marcks, Felix Zimmermann: Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama. 3 Bände. Alibri, Aschaffenburg 2025 (Online-Version auf soziale-republik.org).