Sozialindex für Hamburger Schulen

Der Sozialindex für Hamburger Schulen (kurz: Hamburger Sozialindex) beschreibt die sozio-kulturelle und ökonomische Zusammensetzung der Schülerschaft an allen allgemeinbildenden Hamburger Schulen auf einer Skala von 1 bis 6: Stufe 1 steht dabei für Schulen mit einem besonders hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern, die unter sozio-ökonomisch herausfordernden Bedingungen aufwachsen, Stufe 6 für Schulen mit einer vergleichsweise privilegierteren Schülerschaft.

Je nach Sozialindexstufe erhalten Hamburger Schulen unterschiedlich viele finanzielle und personelle Mittel. Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen aus weniger privilegierten Lebenslagen erhalten zusätzliche Ressourcen, damit die Schülerinnen und Schüler dort gezielt gefördert und unterstützt werden können. Ziel ist es, Bildungsbenachteiligungen gezielt entgegenzuwirken und allen Kindern – unabhängig von ihrem sozialen Umfeld – gute Lern- und Entwicklungschancen zu ermöglichen. Der Sozialindex ermöglicht außerdem faire Vergleiche bei Schulleistungstests wie KERMIT (Kompetenzen ermitteln), indem Schulen mit ähnlichen sozialen Rahmenbedingungen miteinander verglichen werden.

Als theoretische Grundlage für den Hamburger Sozialindex dient Pierre Bourdieus Kapitaltheorie, die die Reproduktion sozialer Ungleichheit erklärt. Bourdieu unterscheidet dabei verschiedene Formen von Kapital, die maßgeblich beeinflussen, welche Chancen Menschen in der Gesellschaft und insbesondere im Bildungssystem haben: Das ökonomische Kapital umfasst die finanziellen Möglichkeiten eines Menschen, während das kulturelle Kapital sich auf Bildung, kulturelle Güter wie Bücher oder Musikinstrumente sowie auf Bildungsabschlüsse bezieht. Das soziale Kapital beschreibt die Netzwerke und Beziehungen, die Menschen durch ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Gemeinschaften nutzen können und die ihren Bildungserfolg unterstützen. Ergänzend zu diesen drei Kapitalarten werden bei der Berechnung des Sozialindex in Hamburg zwei weitere Merkmale berücksichtigt. Zum einen spielen Migrationsmerkmale eine Rolle, da nationale und internationale Schulleistungsvergleichsstudien wiederkehrend zeigen, dass auch bei ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund Leistungsunterschiede zwischen Lernenden mit und ohne Migrationshintergrund bestehen. Zum anderen werden sonderpädagogische Förderbedarfe im Bereich Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung einbezogen, da ein Zusammenhang zwischen der sozioökonomischen Lage der Familie und diesen Förderbedarfen nachgewiesen werden konnte.

Durch die Berücksichtigung dieser verschiedenen Faktoren soll der Sozialindex die sozialen Rahmenbedingungen an Hamburger Schulen möglichst umfassend und differenziert abbilden. Der Sozialindex trifft keine Aussage über die Qualität der pädagogischen Arbeit an einer Schule, sondern beschreibt ausschließlich die sozialen Rahmenbedingungen, unter denen Bildung stattfindet.

Vom „LAU- und KESS-Index“ zum „Sozialindex“

Bereits seit den 1990er Jahren werden in Hamburg Zusammenhänge zwischen den sozialen Voraussetzungen von Lernenden und ihren schulischen Leistungen systematisch und flächendeckend zu untersucht. Auf Basis der Längsschnittstudie „Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung“ (LAU, 1996–2005) wurde 1996 erstmals ein vierstufiger „Belastungsindex“ für alle Grundschulen erstellt („LAU-Index“). In den folgenden Jahren wurde dieser Ansatz auf die Sekundarstufe I ausgeweitet. Im Rahmen der Panelstudie „Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern“ (KESS, 2003–2012) wurde ebenfalls ein schulbezogener Belastungsindex (bekannt als „KESS-Index“ bzw. „KESS-Faktor“) entwickelt, der in sechs Gruppen unterteilt war und als Vorläufer des heutigen Sozialindex betrachtet werden kann.

Seit dem Schuljahr 2013/14 erfolgt die Berechnung des Hamburger Sozialindex für Grundschulen und weiterführende Schulen durch das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung auf einer unabhängigen Datengrundlage und steht nicht mehr im Zusammenhang mit der KESS-Studie.

Aktualisierung 2021

Seit 2021 wird der Sozialindex für Hamburger Schulen ausschließlich auf Basis amtlicher Daten berechnet. Bei der Berechnung 2021 wurden acht Indikatoren berücksichtigt.

  • Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT)
  • Anteil der Schülerinnen und Schüler, die zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch sprechen
  • Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf im Bereich Lernen, Sprache oder emotionale und soziale Entwicklung (LSE)
  • Anteil der Bevölkerung mit Abitur
  • Wahlbeteiligung
  • Anteil der Empfänger*innen von Hilfen zur Erziehung
  • Anteil hilfebedürftiger Kinder (SGB II-Empfänger*innen unter 15 Jahren)
  • Anteil der SGB II-Empfänger*innen (Arbeitslosigkeit)

Die ersten drei Indikatoren sind schulgenaue Merkmale, die in der Schuljahresstatistik erhoben werden bzw. vom Amt für Verwaltung zur Verfügung gestellt werden. Die übrigen fünf Indikatoren beziehen sich auf die Wohngebiete der Schülerinnen und Schüler (statistische Gebiete) und stammen vom Statistischen Landesamt sowie der Hamburger Sozialbehörde.[1]

Bei der Berechnung des Sozialindex zählt nicht der Standort der Schule, sondern die sozialen Merkmale der Schülerschaft und deren Wohnorte. Deshalb kann es sein, dass benachbarte Schulen oder Schulen im gleichen Stadtteil sehr unterschiedliche Sozialindices aufweisen – insbesondere dann, wenn die Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Einzugsgebieten kommen.

Für jede Schule wurden die Indikatorwerte zunächst auf Schulebene aggregiert und anschließend mittels konfirmatorischer Faktorenanalyse zu einem Gesamtwert (Faktorscore) verrechnet, der das soziale Belastungsniveau der Schule abbildet. Die Indikatoren gehen dabei nicht gleichgewichtet ein, sondern entsprechend ihrer empirisch bestimmten Faktorladungen. Die resultierenden Faktorscores wurden anschließend den sechs Stufen des Hamburger Sozialindex zugeordnet. Weitere methodische Details finden sich in Schulte et al. (2023).[2]

Gegenüber dem letzten Erhebungsstand von 2013 ergab sich 2021 für 137 der insgesamt 311 allgemeinen staatlichen Schulen eine Veränderung:[3]

  • Grundschulen: Bei 44 von 191 staatlichen Grundschulen verbesserte sich der Sozialindex, bei 39 Grundschulen sank er
  • Stadtteilschulen: Bei 12 von 58 staatlichen Stadtteilschulen verbesserte sich der Sozialindex, bei ebenfalls 12 Stadtteilschulen sank er um ein Stufe
  • Gymnasien: Bei 6 von 62 staatlichen Gymnasien stieg der Sozialindex, bei 22 Gymnasien sank er, in einem Fall sogar um zwei Stufen.

Aktualisierung 2013

Für die Berechnung des Sozialindex 2013 wurden Schülerinnen und Schüler und deren Eltern stichprobenhaft schriftlich befragt. Befragt wurden zufällig ausgewählte intakte Klassen der Jahrgänge 3 bis 9. Die Stichprobengröße richtete sich nach der Schulgröße. Zudem gingen regionale Strukturdaten in die Berechnung ein, zum Beispiel die Arbeitslosenquote und die Wahlbeteiligung im Einzugsgebiet der Schule. Genauere Informationen zum methodischen Vorgehen 2013 finden sich in Schule et al. (2014).[4]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Brandt, Hanne: Der Hamburger Sozialindex: Ein Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit in einer vielfältigen Stadt. 2025, abgerufen am 26. November 2025.
  2. Klaudia Schulte, Markus Lücken, Maike Warmt, Johannes Hartig: Die Neuauflage des Sozialindex für Hamburger Schulen auf amtlicher Basis. Gründe, Verfahren und Zusammenhänge. In: DDS – Die Deutsche Schule. Band 2023, Nr. 4, Dezember 2023, ISSN 0012-0731, S. 384–397, doi:10.31244/dds.2023.04.08 (waxmann.com [abgerufen am 26. November 2025]).
  3. Behörde für Schule und Berufsbildung: Bildungsbehörde passt Sozialindex an aktuelle Lage an, 15. April 2021. (Pressemitteilung)
  4. B. Groot-Wilken, K. Isaac, J.-P. Schräpler (Hrsg.): Schulqualität - Bilanz und Perspektiven (= Grundlagen der Qualität von Schule. Nr. 1). Waxmann, Münster New York 2016, ISBN 978-3-8309-3486-8 (Sozialindices für Schulen: Hintergründe, Methoden und Anwendung).