Sophien-Gymnasium und Realgymnasium
| ehem. Sophiengymnasium, seit 2000/2001 neue Nutzungen: Jugendzentrum Weinmeisterhaus und Waldorfschule Berlin-Mitte | |
|---|---|
| Ehem. Direktoratsgebäude des Sophien-Gymnasiums, entworfen von Adolf Gerstenberg | |
| Schulform | eh. Gymnasium, 2001 umfunktioniert zur Waldorfschule |
| Schulnummer | 01P04 |
| Gründung | 1865 |
| Adresse | Weinmeisterstraße 16 |
| Ort | Berlin-Mitte |
| Land | Berlin |
| Staat | Deutschland |
| Koordinaten | 52° 31′ 32″ N, 13° 24′ 18″ O |
| Schüler | über 400 in 13 Klassenstufen |
Das Sophien-Gymnasium und Realgymnasium in Berlin war ein städtisches Gymnasium in der Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte, das 1926 aus den Anstalten Sophien-Gymnasium und Sophien-Realgymnasium entstand. Diese beiden Vorgänger waren 1865 und 1868 gegründet worden. In Teilen des Gymnasiums ist seit 2001 die freie Waldorfschule untergebracht, eine der ersten noch vor der deutschen Wiedervereinigung gegründete derartige Schule.[1]
Lage und Namensgebung
Das langrechteckige Schulgelände nimmt eine Fläche von etwa 100 m mal 130 m zwischen der Weinmeisterstraße (südwestlich) und der Steinstraße (nordöstlich) ein. Darauf stehen sechs verschiedene Bauwerke, die bis auf das Direktorat alle nach 1950 errichtet worden sind. Der Hauptzugang zum eh. Gymnasium befindet sich in der Steinstraße. Westlich neben dieser Schule steht in der Steinstraße die Kunstschule freiraum. − Seinen Namen trug das Gymnasium nach der nahegelegenen Sophienkirche, die ihre Bezeichnung von Sophie Luise von Mecklenburg-Schwerin herleitet.
Geschichte
19. Jahrhundert bis Ende des Zweiten Weltkriegs
Am 24. April 1865 ist das Sophien-Gymnasium in der Großen Hamburger Straße 2 gegründet worden. Dies resultierte aus dem raschen Bevölkerungsanstieg vor der Stadt Alt-Berlin im Bereich zwischen Hamburger und Schönhauser Tor der Stadtmauer. Bereits zwei Jahre später, 1867 erfolgte der Umzug in das neue gründerzeitliche Schulgebäude in der Weinmeisterstraße 15. Das Realgymnasium hatte seinen Ursprung in der Städtischen höheren Bürgerschule[2] in der Steinstraße, Hausnummer 31/34, die Ostern 1868 gegründet worden war und deren erster Leiter Heinrich Bertram war. Beide Schulgebäude,[3][4] sowie das gemeinsame Direktoratsgebäude,[5] waren von 1865 bis 1867 nach Plänen von Adolf Gerstenberg unter der Leitung des Stadtbauinspektors Arnold Hanel errichtet worden.[6] Ostern 1871 wurde aus der Bürgerschule eine Realschule erster Ordnung, indem sie um eine Prima erweitert wurde. Von diesem Zeitpunkt an führte dieser Teil der Schule den Namen Sophien-Realschule wie das angrenzende Gymnasium. Seit 1882 hieß sie Sophien-Realgymnasium. Das Schulensemble wurde 1875 durch einen Neubau für eine Mädchenschule, die Städtische Sophien-(Töchter)Schule auf dem Grundstück Weinmeisterstraße 16/17 ergänzt. 1904 folgte der Bau einer Turnhalle für alle drei Schulen auf dem benachbarten Grundstück Steinstraße 29/30 nach Entwurf von Ludwig Hoffmann. 1924 zog das Sophien-Gymnasium in die Mandelstraße 2 und wurde dort ab 1926 zum Sophien-Gymnasium und Realgymnasium entwickelt.[7] Ab 1931 wurde der gymnasiale Teil abgebaut. Nach der Auflösung 1935 wurde die Heinrich-Schliemann-Schule neue Nutzerin des Gebäudekomplexes. Das Sophien-Realgymnasium blieb in der Steinstraße und wurde dort ab 1928 zum Sophien-Reformrealgymnasium.[8] Ab 1931 wurde es mit der Friedrich Werderschen Oberrealschule vereint, die 1928 in das Gebäude Weinmeisterstraße 15 gezogen war. Im Zweiten Weltkrieg wurden, bis auf das Direktoratsgebäude, alle Gebäude weitgehend zerstört.
1945 bis 1990
In das wieder hergerichtete Rekorenhaus zog nach Kriegsende kurzzeitig eine Zweigstelle des ältesten Berliner Gymnasiums, des Grauen Klosters. Ab 1950 war hier die Berliner Oberschule für Berufstätige untergebracht. Von 1958 bis zum Ende der DDR befand sich in dem Gebäude das Kreispionierhaus Bruno Kühn.[9]
Auf dem von Kriegsruinen befreiten Schulgelände des Sophiengymnasiums – Weinmeisterstraße 16 – wurde 1950 bis 1953 die Grundschule Weinmeisterstraße erbaut, die später den Namen Polytechnische Oberschule Franz Mett erhielt.[10]
Seit Oktober 1990
Erhalten ist von den historischen Schulgebäuden nur das Direktorats- bzw. Rektoratsgebäude, welches der Senat von Berlin nach dem Mauerfall ab den 2000er Jahren unter Denkmalschutz stellen ließ.[11] Es konnte auch gründlich saniert und modernisiert werden.
Nach dem Auszug des Pionierhauses wurde das Gebäude 1990 zum Schülerfreizeitzentrum Mitte. Zwischen 1991 und 1998 erfolgten umfangreiche Sanierungsmaßnahmen; das Freizeitzentrum nutzte eine Zwischenstation in der Auguststraße. Im Jahr 2000 erfolgte die Rückkehr und die Einrichtung trägt seitdem die Bezeichnung Jugendkulturzentrum Mitte Weinmeisterhaus. Wegen erheblicher Finanzierungsprobleme sollte das Haus um 2010 geschlossen werden. Gemeinsam fand sich jedoch eine Lösung: ein freier Träger (WeTeK Berlin gGmbH) übernahm das Freizeitzentrum und führt es im Auftrag des Bezirksamts Pankow. – 2023/2024 wurde auf der westlichen Seite ein Gebäudeteil angebaut, der den barrierefreien Zugang ermöglicht und eine zusätzliche Nutzfläche von etwa 300 m² bietet. Die Neueröffnung konnte am 22. Mai 2024 gefeiert werden.[12]
In die Bauten aus den 1950er Jahren zog nach der Wende und den notwendigen Sanierungen eine im Jahr 1990 gegründete freie Waldorfschule.
Architektur
Das Direktoratsgebäude (siehe Bild in der Infobox) ist ein dreigeschossiger Ziegel-Verblendbau mit einem senkrecht dazu stehenden Hofflügel im spätklassizistischen Stil. Als Fassadenschmuck gibt es einen ornamentalen Fries über dem Erdgeschoss sowie segmentbogenförmige Fensterverdachungen der oberen Stockwerke aus Terrakotta. Unterhalb des Gesimses sind auf einem breiten Sgraffitiband Figuren der griechischen Mythologie dargestellt. Diese Darstellungen schuf der Bildhauer Max Lohde im Jahr 1867, also zusammen mit dem Bau des Hauses. 1886 wurden die Figuren auf Tontafeln übertragen. In der Tordurchfahrt finden sich Tonreliefs mit Allegorien zu den Künsten und den Wissenschaften, die Kopien von einer Darstellung an der Bauakademie sind. Die Originale stammten von Karl Friedrich Schinkel, die Kopien entstanden im Atelier der Rauch-Schüler Friedrich Wilhelm Holbein und Julius Troschel.[11]
Sophiengymnasium
Bekannte Lehrer
- Adolf Brecher (1836–1901), Historiker
- Rudolf Dahms (1839–1917), klassischer Philologe
- Konrad Schottmüller (1841–1893), Historiker
- Oskar Seyffert (1841–1906), Altphilologe
- Rudolf Eucken (1846–1926), Philosoph und Nobelpreisträger
- Ferdinand Georg Frobenius (1849–1917), Mathematiker
- Hugo Magnus (1851–1924), Altphilologe
- Rudolf Schneider (1852–1911), Militärhistoriker
- Max Wallies (1856–1925), Altphilologe
- Bruno Keil (1859–1916), klassischer Philologe
- Georg Ellinger (1859–1939), Germanist, neulateinischer Philologe
- Wolfgang Passow (1863–1901), klassischer Philologe
- Ernst Samter (1868–1926), klassischer Philologe
- Alfred Homeyer (1888–1962), deutscher Politiker (FDP)
- Walter Schönbrunn (1889–1960), Literaturdidaktiker
Bekannte Schüler
- Heinrich Kayser (1853–1940), Physiker
- Fedor Krause (1857–1937), Neurochirurg
- Hugo Preuß (1860–1925), Staatsrechtslehrer
- Hans Koch (1861–1945), Altphilologe, Gymnasiallehrer in Ostpreußen und Berlin
- Carl Fraenkel (1861–1915), Medizinforscher über Infektionskrankheiten und Bakteriologe
- Richard Dehmel (1863–1920), Dichter und Schriftsteller
- Jacques Joseph (1865–1934), plastischer Chirurg
- Arthur Eloesser (1870–1938), Literaturwissenschaftler und Journalist
- Max Weyl (1873–1942), Rabbiner, Opfer des Holocaust
- Edmund Neuendorff (1875–1961), deutscher Pädagoge und NS-Sportführer
- Wilhelm Lewy (1876–1949), Rabbiner und Zionist, Mitbegründer des ersten jüdischen Turn- und Sportvereins Deutschlands
- Willy Boehm (1877–1938), Marine-Generaloberarzt, Mitglied des Preußischen Landtags
- Max Marcuse (1877–1963), Dermatologe und Sexualwissenschaftler
- Willy Katz (1878–1947), Arzt
- Fritz Böhm (1880–1943), Volkskundler
- Paul Schmidt-Branden (1885–1955), Bankmanager
- Arthur Kronfeld (1886–1941), Psychiater
- Richard May (1886–1970), Journalist und Schriftsteller
- Fritz Kahn (1888–1968), Arzt und Autor populärwissenschaftlicher Bücher
- Abraham Michalski (1889–1961), Rabbiner
- Siegbert Neufeld (1891–1971), Rabbiner und Historiker
- Ernst Lubitsch (1892–1947), deutsch-US-amerikanischer Filmregisseur und Schauspieler
- Lothar Mendes (1894–1974), Filmregisseur und Drehbuchautor
- Georg Manasse (1893–1980), Unternehmer, Sozialdemokrat und Pazifist
- Conrad Veidt (1893–1943), Schauspieler
- Leo Kanner (1894–1981), austro-amerikanischer Kinder- und Jugendpsychiater
- Joseph Bornstein (1899–1952), Journalist
- Hans Feld (1902–1992), Filmkritiker
Sophien-Realgymnasium
Bekannte Lehrer
- Albert Wangerin (Mathematiker) (1844–1933), Mathematiker
- Anton Oberbeck (1846–1900), Physiker
- Paul Schafheitlin (1861–1924), Mathematiker
Bekannte Schülerinnen und Schüler
- Franz von Blon (1861–1945), Komponist, Dirigent und Violinist
- Jacques Perl (1861–1933), Chemiker und Unternehmer
- Eduard Zache (1862–1929), Geologe und Pädagoge
- Otto Baschin (1865–1933), Geograph und Meteorologe
- Martin Richter (1869–1930), Verwaltungsjurist
- Carl Junack (1870–1943), deutscher Forstmann, Erfinder und Publizist
- Paul Weinrowsky (1874–1945), deutscher Physikdidaktiker
- Sophie Jourdan (1875–nach 1944), Medizinerin
- Willy Boehm (1877–1938), Mediziner, Marine-Generalarzt und Politiker
- Hedwig Jung-Danielewicz (1880–1942), Ärztin
- Willy Kurth (1881–1963), Kunsthistoriker
- Walter Draeger (1888–1976), Komponist
- Julius Jaenisch (1890–nach 1937), Nachrichtensprecher
- Kurt Landsberg (1892–1964), Pädagoge und Politiker
- Erich Peter (1901–1987), Dirigent
- Wolfgang Rösser (1914–2007), NDPD-Funktionär und Abgeordneter der Volkskammer
Literatur
- Jahresberichte 1866–1870; 1871–1915, Digitalisate der Universitätsbibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
- Das Sophien-Gymnasium. In: Ludwig Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen, Historisch-Statistische Darstellung. Band II (1864–1869). Berlin 1869, S. 124 f.; Textarchiv – Internet Archive
- Frieda Gossmann: Denkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Sopienschule in Berlin. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1926.
Weblinks
- A Rep. 020-07. Landesarchiv Berlin, Beständeübersicht.
- Weinmeisterhaus; Weinmeisterstraße 15. (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2021. Suche in Webarchiven) Städtebaulicher Denkmalschutz – Spandauer Vorstadt, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung der Stadt Berlin.
- Eintrag zu Sophien-Gymnasium und Realgymnasium (Obj.-Dok.-Nr. 09080169) in der Berliner Landesdenkmalliste mit weiteren Informationen
- Weinmeisterhaus ist ein offenes Haus für Kinder, Jugendliche, Kunst & Kultur in Berlin-Mitte. weinmeisterhaus-bleibt.de
- Terrakottaplatten der Bauakademie in der Toreinfahrt des ehemaligen Direktoratsgebäudes. anderes-berlin.de
Einzelnachweise
- ↑ Waldorfschule Berlin-Mitte, Historie, abgerufen am 7. Dezember 2025.
- ↑ Jahresbericht über die Städtische höhere Bürgerschule. Berlin 1869 (books.google.de).
- ↑ Sophien Gymnasium, Berlin. In: Architekturmuseum TU Berlin. Abgerufen am 20. Dezember 2019.
- ↑ Sophien Realschule, Berlin. In: Architekturmuseum TU Berlin. Abgerufen am 20. Dezember 2019.
- ↑ Direktorialgebäude der Schulanstalten Sophien Gymnasium und Realschule, Berlin. In: Architekturmuseum TU Berlin. Abgerufen am 20. Dezember 2019.
- ↑ Gerstenberg: Die vereinigten Schulanstalten des Sophien-Gymnasiums und der Realschule in der Weinmeister- und Stein-Strasse zu Berlin. In: Zeitschrift für Bauwesen. Nr. 11, 1870, Sp. 463–466 (zlb.de).
- ↑ Höhere und mittlere Lehranstalten, Volks- und Hilfsschulen. In: Berliner Adreßbuch, 1928, Teil III, S. 137 (Sophien-Gymnasium mit Realgymn. i. E.).
- ↑ Höhere und mittlere Lehranstalten, Volks- und Hilfsschulen. In: Berliner Adreßbuch, 1929, Teil III, S. 138 (Sophien-Realgymnasium (Reform-Rg. i. E.)).
- ↑ Weinmeisterstr. 15 > Kreispionierhaus Bruno Kühn. In: Berliner Adreßbuch, 1984, T, S. 233.
- ↑ Weinmeisterstr. 16 > POS Franz Mett. In: Berliner Adreßbuch, 1984, T, S. 487.
- ↑ a b Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Berlin. Deutscher Kunstverlag, 2006, ISBN 3-422-03111-1, S. 117 f.
- ↑ Geschichte des Weinmeisterhauses, abgerufen am 7. Dezember 2025.